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Bericht von Maria Kapuścińska


Maria Ineza Kapuścińska                                                                 Warschau, den 30 Mai 1976
geb. am 11. Februar 1931 in Warschau
Wohnort im August 1944: Marszałkowska Straße 22/11  

     Ich war 13 Jahre alt, als Warschauer Aufstand ausbrach. Der Aufstand hat uns dh. meine Eltern, Oma und mich in der Wohnung in der Marszałkowska Str. 22 /11 überrascht. (das Haus lag im sog. deutschem Wohnviertel). Am 2. August wurden wir von den Deutschen aus unserer Wohnung ins Hinterhaus ausquarttiert, und dann weiter in die Keller von Häusern in der Marszalkowska Str. 20 und 18, wo es schon viele Menschen gab, die der Aufstand auf der Strasse oder an der Strassenbahnhaltestelle überrscht hat.  Es gab dort auch einige Menschen  aus den Häusern in der Marszalkowska Str. mit ungeraden Hausnummern (Ecke Oleandrów), die, nach dem Vertreiben der Aufständischen, samt  Einwohnern angebrannt wurden. Nur einigen von denen ist es gelungen, unsere Seite der Strasse zu erreichen. Sie waren vom Schrecken fast wahnsinnig.
     Nach 12 grauenhaften Tagen, die mit Angst ums Leben überfüllt waren (man hat uns mit dem Revolver gedroht, das Haus angezündet, Granate in den Keller, wo viele Menschen gab, geworfen usw.) wurden wir innerhalb von ein paar Minuten vertrieben. Man hat eine grosse Gruppe, die einige hundert Menschen zählte, unter Geleit, mit den schiessbereiten Gewehren geführt. Uns wurde angekundigt, dass wenn jemand sich nach Osten (?) umdrehen wird, wird man ihn erschiessen. Man hat uns Marszałkowska Str., Puławska Str. und weiter, glaube ich Rakowiecka Str. geführt. Wie der Weg weiter führte, kann ich mich nicht mehr daran errinern.
     Schließlich, unter schrecklicher Hitze, haben wir ein Gelände mit einer Baracke erreicht, das mit Staheldraht umgezäunt war. Wie sich es später erwiesen hat, war das ein Übergangslager in Okęcie. Die in der Baracke gedrangten Menschen lagen nebeneinander auf dem Fussboden. Es fehlte an Wasser, es war sehr schmutzig. Zum Essen haben wir Brot und schwarzen Malzkaffee bekommen und am Mittag - eine Suppe. 
     Ich kann mich erinnern, daß sich hinter dem Staheldraht ein kleines Gebäude und Hof befanden, auf dem die deutschen Kindern gespielt haben - höchstwahrscheinlich waren das die Kinder von dem Lagerpersonal. Wir haben dort 24 Stunden oder etwas länger in Ungewissheit verbracht und wir wussten nicht, was mit uns weiter passiert. Dann hat man uns angekündigt, dass man Arzt- oder Sanitätskontrolle durchführen wird. An dieser Kontrolle hat ein polnischer Arzt teilgenommen. Es hat sich erwiesen, dass er meinen Vater, noch aus der Vorkriegszeit oder Geheimschulen kannte. Weil die Deutschen Angst vor der Epidemie hatten, es ist uns gelungen, unter dem Vorwand, dass wir an Ruhr erkrankt sind, das Lager mit den anderen zu verlassen.
     Nach der Befreiung, hat es sich erwiesen, daß wir nirgendwo eine Übernachtung bekommen können, weil es verordnet wurde, dass keiner, unter Todesstrafegefahr, die Menschen mit warschauer Adresse zu sich nehmen darf. Und die Polizeistunde war schon so nah! Einige Menschen, die mit uns das Lager verlassen haben, haben einen Unterschlupf in einem zerstörten Haus gefunden. Wir waren ganz verwirrt. Als wir schon nicht mehr wußten, was wir tun sollten, hat uns ein Mann angehalten und sagte, dass er uns verstecken kann. Das war ein Schuhmacher, ein Besitzer von einer kleinen Werkstatt, die von dem Rest des Raumes, wo er uns untergebracht hat,  nur mit einem Vorhang getrennt war. Ich habe in Erinnerung, daß er uns einen Strohsack gegeben hat, der für mich ein weiches Bett war.Wir saßen hinter diesem Vorhang ein oder zwei Tage lang und nur meine Mutter ist immer sehr früh gemeinsam mit Schuhmachers Ehefrau ausgegangen, um Milch zu holen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es uns gelungen ist, eine Scheinanmeldung mit rückwartigem Datum zu bekommen, was uns vor der Verweisung ans Lager schützte und dank dessen wir uns fast frei bewegen konnten. Jetzt konnten wir unseren Versteck verlassen. Weil meiner Mutter gelungen ist, etwas von unseren Juvelen zu retten (sie waren in Strumpfgürtel zugenäht und im Haarknoten versteckt), konnten wir, mindestens etwas unseren Gastgebern zurückzahlen. 
     Später haben wir ca. zwei Wochen in einem Dachgeschoß gewohnt. Mein Vater ist tatsächlich an Ruhr erkrankt und lag in einem provisorischen Krankenkaus von PCK (Rotem Kreutz) oder RGO (Haupthilfsrat).
     Wir wollten nach Brwinów, zu dem Neffen des Vatters kommen. Das war unser Ziel. Mit dem gemieteten Fuhrwerk ist es uns gelungen, die deutschen Kontrollpunkte zu passieren und dann mit der S-Bahn (EKD) (Das war für mich sehr merkwürdig, daß sie fährt, als ob es nichts passierte) bis nach Podkowa Leśna. Von dort sind wir nach Brwinów zu Fuss gegangen. Und so haben wir eine Zuflucht bei dem Vetter gefunden, Diplom-Apotheker, der damals in örtlicher Apotheke gearbeitet hat. Das war aber einer von den schwierigsten Lebensabschnitten während der Besatzungszeit. 
     Als wir von dem gehassten Feind unterdrückt und schickaniert wurden, war das zwar schrecklich aber irgendwie verständlich - wir wussten, was wir erwarten konnen. Aber wenn eigene Landsleute, in vielen Fällen, uns, Vertriebene aus Warschau mit Abneigung, sogar mit Hass und Verachtung bahandelt haben, das hat geschmerzt. Ich habe in Erinnerung, daß ich im September begonnen habe, die Geheimschule zu besuchen, die von örtlicher Schule organisiert war. Ich habe gute Noten bekommen, was bei den anderen Schülerinnen Wiederwille und Neid weckte, dass ein Landstreicher aus Warschau besser von denen war. Leider haben sich auch ähnlich einige von den Lehrerinen verhalten. Nur eine von den Schülerinnen - Alina -  war freundlich zu mir. 
     Situation in unserem Haus war zu dieser Zeit schwierig. Das Haus von dem Vetter war mit den Flüchtlingen überfüllt, seine Mutter lag im Sterben ( nach der Gehirnblutung). In so einer Situation musste meine Mutter den ganzen Haushalt führen und die Kranke pflegen. Als Beispiel, wie die einheimische Bevölkerung die Warschauer behandelt hat, kann folgende Situation dienen: als meine Mutter beim Metzker protestiert hat, dass sie anstatt Fleisch nur Knochen kriegt, wurde ihr erwiedert: "Won zurück nach Warschau, Pferdefleisch fressen" (höchstwahrscheinlich hat die Verkäuferin nach dem Aussehen die warschauer Herkunft der Kundin entdeckt). 
     Den Rest von der Mutter geretteten Juvelen haben wir für unseren Unterhalt spottbillig verkauft. Die einheimischen Einkäufer wussten es, dass wir keine Wahl haben und haben das ohne Skrupel ausgenutzt. Das hat nicht nur meine Familie betroffen, sondern das war eine verbreitete Erscheinung. Es gab bestimmt auch noch andere Menschen,  die aber waren selten zu treffen. 
     Eine zusatzliche Quelle der Demutigung war unsere Kleidung - wir haben Warschau im Sommer so verlassen, wie wir standen. Also ich habe einen fremden Übergangsmantel getragen, meine Schuhe waren zu gross. Ich habe also Lumpen getragen. Meinem Vater hat die Mutter eine Jacke aus dem Wollvorhang gemacht. Und der Winter war im diesem Jahr sehr frostig. Wie schwierig das Leben damals war, kann man sich heute schwer vorstellen. Es gab ständige Razzien und Durchsuchungen (wir haben so eine erlebt, und der Vetter hatte ein Radio, das in der Schreibtischschublade montiert war.). Es fehlte an Verpflegung und an Brennholz. Man wurde zu den Straßenarbeiten bei Schutzgraben gezwunen.
     Aus diesem Grunde wurde ich den 17. Januar 1945 lebenslang in Erinnerung behalten. Morgen hat man Kanonade gehört, und danach von der Starßenseite kam ein merkwurdiges Gerausch. Jemand hat gerufen, dass das nicht mehr die Deutschen sind, sondern die "Bolschewiken" (damals hat man so gesagt). Wir sind aus dem Haus gerannt, es gab einen grossen Frost, in Eile habe ich die Handschuhe vergessen und habe sehr an den Händen gefroren. 
     Die risiegen Panzer glitten mit Geklirr über die Straße, sie waren mit Gestalten in dicken, plumpen, wattierten Jacken und verwehten Mützen wortwörtlich beklebt. 
     Das war die B e f r e i u n g, Ende von dem Alptraum, Hoffnung auf Wiederkehr nach Warschau! Die Soldaten haben zu uns gewunken und etwas gerufen - Menschen, die an der Strasse standen, haben denen Zigaretten und das, was sie gerade hatten, angeboten. Freude war riesig!
     Und dann kam Gerücht, daß die Soldaten in unsere Wohnungen einquatiert werden. Es war noch Krieg und das war Armee, also in so einem Fall, weiss man nie, wie es wird.  Tatsächlich sind zu uns ein paar Soldaten von der Obrigkeit ("starszinoj") gekommen. Sie haben sofort gesagt, daß sie das Zimmer nicht besetzen werden und daß sie Platz in der Küche nehmen, daß sie eigene Verpflegung haben und daß sie selbst kochen werden. Das war ein echtes Wunder!
     Mit den Soldaten hat vor allem meine Mutter gesprochen, die Russisch sehr gut konnte, weil sie Jahre 1914-1918 in Kiev und Charkow verbracht hat. Diese Zeit hat sie als sehr gute Zeit in Erinnerug behalten. Sie hat über fast ungewohnliche Freundlichkeit der Menschen den Menschen aus Polen gegenüber erzählt. Aus diesem Grunde hat der gegenwärtige Empfang von ihren eigenen Landsleuten so geschmerzt. Mit russischer Sprache war ich seit Kindheit vertraut, ich kannte viele Märchen von Krylov auswendig und mit grossem Vergnügen habe ich immer die alten russischen Romanze gehört, die meine Mutter gesungen hat. 
     Die Soldaten haben uns freundlich behandelt, sie fragten nach Kriegserlebnissen, hatten Verständniss und Mitleid und sagten: "Bił was giermaniec suk...s... nu my jewo tiepier" - "Zuerst haben euch die Germanen geschlagen,... jetzt schlagen wir się". Und obwohl manche Ausdrücke sehr deftig waren, war für uns das Versprechen, dass sie die faschistische Bestie in Berlin zugrunde richten, wie die schönste Musik.
     Sie schliefen nebeneinander auf dem Fussboden in der Küche, sie waren mit eigenen Manteln bedeckt. Am nächsten Tag, als ich durch das Fenster schaute, habe ich gesehen, als sie sich auf dem Hof gewaschen haben: einer von den Soldaten hat das Wasser gepumpt und der andere, dessen Oberkorper frei war, hat im eiskalten Wasser, beim grossen Frost geplatscht! Das hat mir imponiert mehr als Kriegssiege! Mir - einer Rotznase.
     Nach einem oder zwei Tagen sind sie weiter nach "na zapad" - Westen gegangen.
     Gleich nach der Befreiung sind die Eltern nach Warschau zurückgekehrt. Und stellten fest, daß unsere Wohnung total verbrand war. 
     Auf dem Eis konnte man auf das andere Weichsel Ufer gehen. Dort hat sich mein Vater bei den Führungsorganen der wiedergeborenen Warschauer Universität gemeldet. Er sollte Phisikunterricht an den Fakultäten: medizinische Fakultät, pharmazeutische Fakultät und tierarzliche Fakultät organisieren. Die Einrichtung befand sich damals in dem Gebäude der Fakultät  für Tiermedizin, in der Grochowska Straße und die Universitätsführungsorgane in der Boremlowska Straße.
     Nach eineiger Zeit wurde uns ein Zimmer im vierten Stock, ohne Wasser und Küche zugeteilt, aber das war schon sehr viel. Übrigens, über uns hat in einem zugeteilten Zimmer Professor Grzywo-Dąbrowski, ein bekannter Gerichtsmediziner, gemeinsam mit seiner Ehefrau gewohnt. Das war das Haus in Grzybowska Straße 246. Letztendlich sind wir dort im Frühling 1945 eingezogen. 
     Im Schuljahr 1945-46 begann ich das XII.  Skłodowska-Curie  Lyzeum in der Obrońców Straße zu besuchen. Am Anfang hat mein Vater auch in Lodz gearbeitet, wo er Vorlesungen gehalten hat, und im Polnischen Rundfunk, das sich damals in Praga Stadtviertel befand. Er kontrollierte dort die Nachtsendungen in Fremdsprachen, die man für Ausland gesendet hat. Dank dessen hatten wir neben dem zusätzlichen Geld auch Dienstradiogerät, was damals selten war.
     Unsere materielle Situation war am Anfang sehr schwer - wir hatten wortwörtlich nichts! Ich kann mich gut an meine Freude erinnern, als Mutter mir auf dem Flohmarkt einen gebrauchten Rock im Fischgratenmuster gekauft hat. Die Kleidung- und Lebensmittelzuteilungen von UNRRA haben uns auch geholfen.
     Dennoch waren die materiellen Probleme nicht so schrecklich, weil der Krieg zu Ende war und wir waren am Leben und frei! Es hat die Zeit der Arbeit und des Wiederaufbaus begonnen. Heutzutage scheint so eine Formulierung ziemlich pathetisch - damals klang sie ganz gewöhnlich. (...)

 

 

 

 

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