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Bericht von Wacława Połomska


Wacława Połomska                                                                                    E 300 
geb.Krzyczkowska                                                                                                                                                                       

Auf den heimatlosen Wegen

     Die Stimmung der Hausbewohner und die Atmosphäre waren am 1. August 1944  in der Zagłoba Straße 17/19 in Warschau anders als sonst. Am Nachmittag erschienen auf unserem Hof fremde Männer. Aus den Gesprächen der Erwachsenen ging hervor, daß es sich ein Kommando sammelt, das das benachbarte "Artilleriebataillon" angreifen soll. Dort stationierte eine Einheit der deutschen Armee.
     In so einer Situation beschloß meine Mutter, daß es besser wird, wenn ich und meine Schwester nicht zu Hause bleiben.
     Sie schickte uns zu unserer Freundin nach Ulrychów, die nicht weit von der Staßenbahnschleife wohnte. Dort rechnete man auch mit irgendwelchen Erreignissen, weil die Mutter von der Freundin uns in den Keller gehen ließ. Aber wir blieben dort nicht lange. Ich und meine Schwester beschloßen zu unseren Eltern in die Zagloba Straße zurückzukehren.
     Unterwegs nach Hause bemerkte ich, daß aus den Gärten, die sich  hinter unserem Haus befanden, die Menschen schnell in ihre Wohnungen zurückgingen. Auf unserem Hof gab es schon einige zehn Männer. Es war dort auch Frau Olszewska, die militarische Hose und Schaftstiefel anhatte. Bald hörte ich Schüße, die aus verschiedenen Seiten ertönten. Die Mutter verbot mir und meiner Schwester, nirgendshin zu gehen. Wir mussten in der Wohnung bleiben.
     Durch das Fenste von der Hofseite bemerkte ich, daß die fremden Männer aus dem Hof  verschwanden und in der Umgebung von der Zagłoba Starße nichts los war. Es herrschte  Ruhe und Stille. Nach einer Weile kamen die deutschen Soldaten von der Westseite, von den Gärten, zu unserem Haus. Sie hatten die Helme mit Netzen, kurze Hosen und Tarnjacken mit hochgekrempelten Ärmeln an. Die Soldaten trieben alle Männer aus dem Haus heraus und prüften ihre Dokumente auf dem Hof. Bald entließen sie die Männer und gingen fort.
     Gegen Abend brachten die unbekannten Menschen, aus dem Gärtengebiet einige getötete Zigeuner zu unserem Hof und legten sie an die Mauer. Dann fing wieder eine starke Schießerei an, die aus verschiedenen Seiten zu hören war. Aus unserem Fenster sah ich eine weiß-rote Fahne, die auf der Schule in der Zagłoba Straße wehte. Die Bewohner haben das mit Zufriedenheit begrüsst und freuten sich, daß die Schule von den Aufständischen erobert wurde. Es kam uns auch zu Ohren, daß die Deutschen in der Nähe ein paar Menschen getötet und die Aufständischen aus einigen Straßen verdrängt haben.
     Die Nacht verlief ruhig in unserer Straße. In der Nähe gab es weder die Deutschen noch die Aufständischen.
     Am zweiten August, früh am Morgen, lagen immer noch auf unserem Hof die Zigeunerleichen. Es regnete stark.. Gegen Mittag erschienen die Deutschen wieder auf unserem Hof und befahlen allen Bewohnern das Haus sofort zu verlassen und sich auf der anderen Seite der Zagłoba Straße, an der Artilleriebataillons Mauer zu sammeln. Die Hausbewohner verließen das Haus in der Kleidung, die sie gerade anhatten. Mutter, ich und meine Schwester hatten nur die Sommerkleider an und Vater - Hose und Hemd. Bald nahmen die Deutschen unser Haus unter Feuer und es begann zu brennen. Eine andere Truppe stellte von der Hofseite die Maschinengewehre auf. Ich sah, wie sie Patronengurte anlegten und die Gewehrläufe auf die Menschenmenge an der Mauer lenkten. Es gab Getümmel und Weinen. Frau Zygmunciakowa jammerte laut, weil im Gebäde ihre 90-jährige Mutter - Frau Lipińska, geblieben ist. Alle warteten erschrocken auf den Moment, wenn die Schüße fallen werden und wir tot werden. Plötzlich kam aus der Gruppe, die an der Mauer stand, ein Mann mit dem Staubmantel und den Schaftstiefeln, an die deutschen Soldaten heran. Ich bemerkte, daß sie ein lebhaftes Gespräch geführt haben, was ich aus dem Verhalten der Soldaten und des Mannes ablesen konnte. Das dauerte eine Weile. Plötzlich ließen uns, der Mann und einer von den deutschen Soldaten, in die Richtung Górczewska Straße gehen. Die Menschen liefen sofort weg. Sie liefen Zagłoba Straße entlang in die Richtung Górczewska Straße. Die Eltern nahmen uns bei den Händen und begannen mit den anderen zu fliehen. Am Ende der Zagłoba Straße liefen wir in Górczewska Straße hinein und dort waren Panzer zu sehen. Unterwegs zu einer Fabrik, wo wir uns für eine Weile aufhielten, gingen wir an den verbrannten Häusern vorbei und durch die Gärten in der Górczewska Straße. Von der Ostseite, aus der Richtung der Überführung in der Górczewska Straße war starke Schießerei zu hören.
     Von dem Fabrikgelände gingen meine Eltern zu den Freunden, die in dem Stadtviertel Koło, in der Nahe von der Książe Janusz Straße und der Seifenfabrik wohnten. Dort, im Haus von der Familie Marciniak, verbrachten wir ca. zwei Wochen. Die Zuflucht fanden dort auch Frau Kłosiewicz, Frau Jankowska und Frau Olszewska mit den Töchtern Mira und Romana. 
     Während des Aufenthaltes bei Familie Marciniak gingen wir ein paar mal mit meiner Mutter zu unserem Haus in der Zagłoba Straße, das wir immer über Żmigrodzka Straße erreicht haben. Unsere Wohnung war nicht verbrannt, also konnten wir etwas Kleidung und Lebensmittel holen. In einer der Wohnungen trafen wir Frau Lipińska. Wir gaben ihr etwas zum Essen und ließ sie zurück, weil sie nicht mitkommen wollte. Nach dem Krieg erfuhr ich, daß Frau Lipińska den Krieg überlabt hat. Als die Deutschen das Haus in der Zagłoba Straße zu zerstören begannen, versteckte sich Frau Lipińska in einem Haus, das sich in den Gärten befand.
     Die Stimmung von den Bewohnern in Koło war unterschiedlich und hing von den Nachrichten ab. Man freute sich, wenn man die Nachrichten über die Erfolge der Aufständischen hörte und trauerte, wenn die Deutschen immer neue Gebiete von Warschau eroberten und zerstörten und die Warschauer töteten. Die Deutschen waren auch brutal den Koło Bewohner gegenüber, obwohl man dort nicht gekämpft hat. In der Deotyma Straße, nicht weit von der Kirche wurde Janka Wiśniewska ermordet, eine von meinen Freundinen aus dem Haus in der Zagłoba Straße.
     Am 15. August fuhr ein deutscher Wagen durch die Straße und durch die Lautsprecher wurden alle Menschen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich in der Nähe von der Straßenbahnschleife in der Obozowa Straße zu sammeln. Meine Eltern nahmen nur die nötigsten Sachen mit und wir gingen gemeinsam mit den anderen Koło Bewohnern zu Obozowa Straße. Von dort schickten uns die Deutschen in die Richtung Boernerowo. Neben der Strassenbahnausweichstelle gingen die Menschen zu den naheligenden Häusern. Meine Eltern hielten sich bei der Familie Rak auf. Nach ein paar Tagen vertrieben uns die Deutschen aus den Häusern und versammelten auf einer Wiese. Die deutschen Soldaten kreisten die Menschen ein und begannen die Männer aus der Menge zu holen. Sie nahmen auch meinen Vater mit. Aus den Männern bildeten sie eine Kolonne und führten unter Geleit in die Richtung Pruszków. Die, auf der Wiese sich selbst überlassene Koło Bewohner, vor allem Frauen mit Kindern, gingen wieder zu den naheligenden Häusern. Meine Mutter kam mit mir und meiner Schwester zur Familie Rak zurück. Dort hielten sich schon viele Menschen auf und die Famile Rak sah keine Möglichkeit, dass wir in ihrer Wohnung bleiben. Die Nacht war schon nah und wir hatten keine Unterkunft. Es war gefährlich, weil man in dieser Gegend auf die Soldaten von Wlasow (Własowcy), die wir Mongolen nannten, aufstossen konnte. Wir haben uns in einem Gewächshaus versteckt und dort die Nacht verbracht.
     Am nächsten Tag sammelten die Deutschen alle Flüchtlinge wieder und geführten unter Geleit über Jelonki und Groty in die Richtung Pruszków. Ich kann mich daran erinnern, daß wir während dieser Wanderung die Nacht im Heu in der Nähe von Groty verbracht haben. Als wir nach Pruszow kamen, waren wir von dem Weg erschöpft, weil wir die ganze Zeit unsere Habe mitschleppten. Dort haben uns die Deutschen in den Fabrikhallen untergebracht. Meine jüngere Schwester ist dort schwer erkrankt und meiner Mutter ist nur mit viel Mühe gelungen, sie zu heilen.
     In Pruszkow begann ich mit meiner Mutter nach dem Vater zu suchen, weil es in der Nähe die Hallen gab, wo die Männer untergebracht waren. Trotz allen Bemühungen gelang es uns leider nicht, ihn zu finden. In Pruszkow verbrachten wir ein paar Tage. Am Ende der Woche packten uns die Deutschen in die Güterwaggons ein und schickten zum Lager in Stutthof.
     Aus der Zeit des Zugtransportes habe ich in der Erinnerung folgende Szene behalten: auf einem von den Bahnhöfen ist ein Junge aus dem Waggon ausgestiegen, um Wasser zu schöpfen. Die Deutschen schlugen ihn bis zum Blut. Ich sah diesen Jungen und einige deutsche Kinder, die neben dem Banhof standen und schön angezogen und gut ernährt waren. Dieses Bild ist für immer in meiner Erinnerung geblieben.
     In Stutthof wurden wir in den Barcken untergebracht, wo  auf dem Fußboden bißchen Sägespäne zerstreut war. Wir schliefen darauf. In der Nähe von den Baracken lagen ganze Haufen von Schuhen und Haaren. Ich dachte damals, daß auch von uns nur das bleiben wird. 
     Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange wir im Lager in Stutthof waren. Auf jeden Fall wurden im September einige von den Menschen, unter anderem auch wir, in Waggons gesteckt (zuerst war das Schmalspurbahn und erst später normale Bahn) und zu dem Arbeitslager bei Grudziądz gebracht. Das Ort, wo sich das Lager befand, hieß auf Deutsch: Alt Vorwerk.
     Das Lager befand sich auf einer feuchten Wiese. Es gab dort runde Baracken, die mit dem Sperrholz ausgepolstert waren. Sie hatten auch Trennwände so wie in einem Pferdestall. Hinter jeder Trennwand gab es Platz für vier Peronen. In jeder Baracke konnte man 40 Personen unterbringen. Meine Mutter, ich und meine Schwester wurden in die Baracke Nummer 18 eingewiesen.
     Am jeden Morgen haben die Deutschen im Lager Appelle durchgeführt bei denen die Arbeit zugeteilt wurde. Die Erwachsenen wurden zum Aushub der Schutzgraben geschickt und die älteren Kinder wurden von den deutschen Bauern zu Feldarbeiten genommen. Ich arbeitete oft bei Kartoffelnsammeln und Rübenernte.  
     Die Lebensbedingungen im Lager, angesichts des anrückenden Winters, waren sehr schwer. Wir schliefen auf dem Boden, auf dem etwas Stroh lag. Erst später gelingt es uns, aus den Bretterstücken, ein Bett zu machen. Im Lager gab es Typhusseuche, es fehlte an Seife, die Ernährung war seher schlecht. 
     Aus der gemeinsamen Küche bekamen wir kalorienarme Mittagsessen. Aus diesem Grunde ging ich oft, gemeinsam mit meiner Schwester, ans Feld, um Kartoffeln aus den Kartoffelnmieten auszugraben. Wir hatten Angst vor den Deutschen, aber Hunger war viel stärker. (...)
     Im Lager in Alt Vorwerk waren mit uns auch Frau Kłosiewicz, Frau Jankowska, Frau Mossakowska mit ihrem Sohn Kazimierz, meine Feundin Czesia Paradowska und noch andere Menschen aus den Lagern in Pruszków und Stutthof. 
     Am 20. Januar 1945 evakuierten die Deutschen die Einwohner von dem Lager in Alt Vorwerk. Wir wurden in die Richtung Weichsel getrieben, die wir auf dem Eis passierten und dann wurden wir ins Lager in Grupia eingewiesen. Dort wurden die Kriegsgefangene aus Italien und anderen Ländern festgehalten. Wir wurden in den Baracken mit Etagenpritschen untergebracht.
     Um die Monatswende (Januar / Februar) gab es Tage, an den die Deutschen die Situation nicht mehr unter Kontrolle hatten. Man konnte die Entspannung spühren, die Lagerinsassen waren sich selbst gelassen. Wir hörten schon die anrückende Front. Zu dieser Zeit eroberten die Kriegsgefangenen die Lebensmittellager und die Menschen versorgten sich mit Konserven und Zucker.
     Am 2. Februar wurde das Lager in Grupia unter Artilleriefreuer genommen. Es kam zu einem Unglück. Ein von den Geschoßen stürzte in unsere Baracke hinein und verletzte fünf Peronen schwer. Unter anderem wurde dem Sohn von Frau Jabłonka der Fuß abgerissen. Wir versteckten uns in den Bunkern, wo wir ein paar Tage verbrachten. In der Nähe brummte die Front. Dann kamen die Deutschen wieder und um 10. Februar trieben sie uns weiter in die Richtung Świecie. Am Abend blieb die Menschenkolonne in einem Dorf neben dem Wald stehen. In der Nacht, in unmittelbarer Nähe von diesem Dorf fing die fürchterliche Schießerei an. Das Glas fiel aus den Fenstern heraus. Das Haus, in dem wir uns aufgehalten haben,betrat ein junger russischer Soldat, fast ein Kind und gleich danach ein älterer Soldat. Obwohl noch überall die Schüße zu hören waren, habe ich gespürt, dass die Feiheit und Ende der deutschen Herschaft gekommen sind. Die russischen Soldaten fragten, ob es im Haus deutsche Soldaten gibt. Sie interessieten sich auch für den Mann, der mit uns war. Das war ein italienischer Kriegsgefangene - Ben Rocco, der sich in die Menschenmasse eingemischt hat und mit uns weiter gegangen ist. Die russischen Soldaten wollten ihn mitnehmen, aber es gelingt uns, denen zu erklären, daß er kein Deutscher, sondern ein italienischer Kriegsgefangene ist. Man ließ ihn dann also in Ruhe. 
     Frühmorgen ließen uns die Russen das Dorf verlassen und in die Richtung Bydgoszcz gehen. Im Wald, neben dem Dorf, lagen viele Leichen von den deutschen Soldaten. Wir gingen an den Leichen vorbei und zogen mit den anderen in Richtung Świecie weiter.
     Kurz vor Bydgoszcz hielten wir uns in einem Dorf auf, um zu übernachten. Der Wirt, der früher bei den Deutschen als Knecht gearbeiet hat und jetzt diesen Bauernhof sich eingeeignet hat, empfing uns sehr freundlich. Er schlachtete ein Schwein und wir konnten uns endlich satt essen. Die gute Stimmung wurde durch einen Unfall gestört. Ein junger Mann, der Bruder von dem Wirt spielte mit einem Granatenzünder und verurachte eine Explosion, die ihm die Finger abgerissen hat. Ich bin damals zur Straße gerannt und hielt polnische Soldaten auf, die bald den Jungen zum Krankenhaus in Bydgoszcz gebracht haben. 
     Nach Bydgoszcz kamen wir schon ohne Probleme. Ich hatte nur Fußschmerzen, weil ich den ganzen Weg vom Grupia nach Bydgoszcz in Holzschuhen lief. In Bydgoszcz, auf einer Brücke, prüfte eine Militärpatrouille allen Passanten die Dokumente. Ben Rocco ging die ganze Zeit mit uns, aber kurz vor der Patrouille hat er uns verlassen. Ich weiß es nicht, warum er sich nicht entschieden hat, zu der Patrouille zu kommen. Seit dieser Zeit habe ich ihn nie wieder gesehen. 
     Aus Bydgoszcz kamen wir mit einem Güterwaggon nach Grodzisk und wir blieben bei den Vettern in Milanówek. Dort erfuhren wir, daß das Haus von meinem Onkel Władysław Muck in der Kawcza Straße unzerstört blieb. Also wir gingen zu ihm.. Zuerst gingen wir zu Fuß von Warszawa Zachodnia (Warschau West) durch schrecklich zertrümmertes Warschau und weiter über die Brücke, in der Karowa Straße nach Osten. Ende Februar oder Anfang März erreichteten wir Kawcza Straße in Grochów.
     Nach vielen Monaten der Wanderschaft und nach den schrecklichen Erlebnissen kehrten wir nach Warschau zurück. Es gab zwar unser Haus nicht mehr, aber Warschau, meine Heimatstadt war frei.

                                                                      *

     Zur Zeit der Erreignissen, die ich beschrieben habe, war ich 15 Jahre alt. Den Krieg haben wir alle überlebt. Mein Vater, der zu dem Lager in Österreich verschleppt wurde, kehrte nach Warschau im Sommer 1945 zurück. Den Krieg überlebte auch meine Verwandschaft, die zum Lager in Berlin gebracht wurde. Das war für uns ein großes Glück, daß wir, trotzt dem tragischen Schicksal der warschauer Bevölkerung, den Krieg überlebt haben und heutzutage - meine Eltern und Schwester - in Warschau leben und wohnen.

 

 

        

 

 

 

        

 

        

        

 

 

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