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Bericht von Helena Balcer


Undatiert, zwischen dem 8. und 13. August.
Aus Warschau gingen wir am Montag, d.h. am 7. August 1944 heraus. Ab diesem Moment fing unsere Tragödie an. Wir gingen durch das Meer der Flammen und Leichenmengen: getötet und verbrannt. Nachdem wir aus den Kellern herausgegangen waren, wurden wir von Männern getrennt. Zum letzten Mal sah ich Lionejek [den Ehemann] am 7. August um 10 Uhr am Morgen. Ich weiß nicht, wohin ihn das böse Schicksal verschlug, und er weiß auch nichts über mich und über das Kind. Wir wurden in die św. Stanisław Kirche und von dort aus nach Pruszków getrieben. Auf meine Anregung schlossen wir uns anderen Menschen an und es gelang uns glücklicherweise in Ursus anzukommen.  Die erste Nacht verbrachten wir in einer Schule (...). Später zogen wir zu einer Bekannten, Frau Kozłowska um.
Ich hatte 350 Zloty von der ganzen Habe; ich habe die Schuhreparatur für mich und Bodzio bezahlt, für den Rest kaufte ich Brot, Milch und Gurken. Ich habe noch eine Armbanduhr von Lolo und auch meine, ein Kreuz von Bodzio, einen Ring und zwei Eheringe mit.

Sonntag, der 13. August
(...) Ich will die Uhr verkaufen, aber kann keinen Käufer finden, obwohl mir der Inspektor des hiesigen RGO [Zentraler Hilferat] dabei hilft. Es wurde uns heute gesagt, dass wir nur drei Tage lang das Essen bekommen werden, das heißt vom Sonntag bis Dienstag, und ich habe nur 30 Zloty. Das bringt mich in Verzweiflung. Ich habe keine Information über meinen Mann und meine Familie.

Der 14. August
Wir spüren immer deutlicher, dass uns viele Sachen fehlen. Vom Zuhause gingen wir so weg, wie wir gerade gestanden haben. Loluś hatte ein weißes Trikothemd, kurze Unterhose, einen hellen Anzug und dazu noch eine graue Arbeitskleidung mit, Gamasche an den Füßen. Ich hatte ein altes dunkelblaues Kleid, einen hellen Mantel und einen dunkelblauen Pullover; dazu dunkelblaue Schuhe und - zum Schrecken - geflickte Strümpfe an. Bodzio hatte ein weißes ziemlich miserables weißes Hemdchen, Satinunterhose, eine rote Bluse, dunkelblaue kurze Hose und dazu noch eine lange Hose, Schuhe ohne Strümpfe, einen grauen Mantel und eine Baskenmütze mit. Der Arme griff nach seinem Korb mit Zwieback und wollte ihn nehmen, und noch ein Säckchen wollte er mitnehmen, aber ich habe ihm es nicht erlaubt.
Bodzio ist heute krank. Er hat 37,5 Grad Fieber. Frau Kozłowska gab ihm ein Abführmittel, vielleicht geht das Fieber weg, mal gucken. Ich gehe dreimal täglich Suppe holen, das nimmt mir fast den ganzen Tag in Anspruch.

Der 15. August
Gott sei dank ist das Fieber gesunken. Bodzio ist jetzt gesund; ich war schon verzweifelt. (...) Ich kann nichts verkaufen, ich weiß nicht, wie wir weiterleben sollen. Die Suppe sollten wir nur bis heute kriegen, aber ich habe den Inspektor gebeten, er sagte, sie hätten ganz geringe Vorräte, aber was soll man tun? Wir dürfen weiterhin die Suppe holen. Vielleicht verlängert sich unsere Existenz um ein paar Tage.

Der 16. August
Irgendwie kriegen wir die Suppe noch. Am Tage ist nichts Besonderes passiert, wir wurden noch einmal registriert, einige Personen sind wieder weitergegangen (...).

Der 22. August
Die Sache mit meiner Armbanduhr sieht nicht so gut aus. Ich sollte heute das Geld bekommen, aber bis jetzt habe ich es nicht. Ich habe mich heute zum Schützengräben Graben eingeschrieben. Ich muss Bodzio zu Hause lassen, ich mache mir große Sorgen um ihn. (...)

Der 24. August
Ich habe heute das Geld für die Uhr bekommen: 1900 Zloty. Ich bezahlte meine Schulden aus: an Frau Szwedzińska - noch in Warschau geliehen - 262 Zloty, und die 100 Zloty, die ich in Ursus geliehen hatte. Insgesamt 362 Zloty. Ich war gestern in den Schützengräben, es ging schon. Ich weiß weiterhin nichts über Lolek und über meine Familie. Ich war heute richtig sauer mit Bogdan; ich habe ausgegeben: 2 kg Mehl - 100 Zloty, ein Brot - 45 Zloty, Tomaten, Birnen, Äpfel - 27 Zloty; insgesamt 172 Zloty. (...)

Der 26. September
Ich verkaufte heute meinen Lieblingsring - halb geschenkt, 800 Zloty. Angeblich kostet ein Gramm Gold 350 Zloty. Ich habe 950 Zloty insgesamt. Ich muss wirklich sparen, ansonsten wird es schlecht mit uns. Am meisten mache ich mir Sorgen um die Schuhe für Bodzio, es ist kalt und nass, nicht, dass er sich noch erkälten würde. Sowieso beklagt er sich ständig, vor allem abends, über Kopfschmerzen. (...)
Wir sind alleine geblieben. Ich habe Sehnsucht und es ist mir schlecht zumute. Ich bin fast in Verzweiflung: es wird kälter und ich habe nichts zum Anziehen für den Winter. Wenn uns eine Kugel nicht umbringt, werden das die Kälte, Mangel an Kleidung, Brennholz und Geld tun. (...)
Bodzio zog sich selbst einen Glassplitter aus dem Bein, der da noch im Warschau saß, ca. zweieinhalb Monate lang. Die Warschauer Ereignisse sind also noch nicht vorbei.

Der 13. Oktober
Ich verkaufte das kleine Kreuz von Bodzio. Ich bekam dafür 2000 Zloty. Ich kaufte 1,5 Meter Stoff für einen Rock und eine Hose für Bodzio, ein Kaninchenfell für einen Kragen, ich bezahlte 40 Zloty, dazu Faden, Haftel, Stecknadel, ich bezahlte 105 Zloty; Wamme 105 Zloty, Seife 45 Zloty, ein Kilogramm Zucker 100 Zloty. Bei uns gibt RGO nur noch einmal täglich die Suppe aus, und sie ist auch sehr dünn. Mit Warschau ist es schon zu Ende. Ich war vor einer Woche in die Schützengräben eingeteilt, der erste tag ging so, am zweiten tag gab es Menschen Unfälle, ich kriegte Angst und lief von dort weg, obwohl manche Leute, die ihre Schaufel als Passierscheine nutzten, nach Warschau gingen und plünderten, was alles dort war.

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