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Berichte von Wanda Teresa Lurie


Wanda Felicja LURIE
Nach: Verbrechen des NS-Besatzers an den Zivilisten während des Warschauer Aufstands im Jahre 1944 (in Unterlagen), herausgegeben von MON, Warszawa 1962
Aktennummer 249/z/1, k. 202                      
Am 10. Dezember 1945 verhörte p.o. SO H. Wereńko, dOKBZN (Mitglied der Bezirkskommission zur Untersuchung der NS-Verbrechen) in Warschau die Zeugin: Wanda Felicja Lurie, geb. Podwysocka, geboren am 23. Mai 1911, Anschrift:  Podkowa Leśna, Dębowa Strasse 2.

Seit dem Jahr 1937 wohnte ich mit meiner Familie in Warschau in der Wawelberg 18, Wohnungsnummer 3. (...)

Am 5. August hielt ich mich in dem Keller dieses Hauses auf, zusammen mit meinen drei Kindern im Alter 11, 6 und 3,5. Ich selbst war im letzten Monat schwanger. An diesem Tag zwischen 11 und 12 Uhr kamen deutsche Gendarmen und Ukrainer in den Hof und forderten die Menschen auf, das Haus sofort zu verlassen. Als die Einwohner von der Hofseite herausgegangen waren, warfen die Gendarmen Zündgranaten in den Keller. Es herrschte Chaos und Hektik. Da mein Mann aus der Stadt nicht zurückgekommen war, zögerte ich in der Hoffnung, dass sie mich dort bleiben lassen würden. Ich musste jedoch das Haus verlassen. Zusammen mit den Kindern und der Familie Gul ging ich in die Działdowska Straße heraus. Die Häuser dort brannten bereits.

Am Anfang versuchte ich in die Richtung der Górczewska Straße zu gehen, aber auf der Działdowska Straße standen viele Ukrainer und Gendarmen und sie ließen mich nicht dahin, sondern in die Wolska Straße gehen. Der Weg dahin war sehr schwer. Auf den Straßen lagen viele Kabel, Drahte, Barrikadenteile, Gummi und Leichen.

 

An den beiden Seiten der Straßen brannten Häuser. In den Straßen Wolska und Sierniewicka waren schon alle Häuser niedergebrannt. An der Ecke von Działdowska und Wolska Straße sah ich einige Männerleichen - zivil angekleidet.

In der Wolska Straße schloss ich mich einer Gruppe der Menschen aus unserem Haus an. Insgesamt waren wir ca. 500 Personen neben der Fabrik gesammelt. Aus den Gesprächen der anderen verstand ich, dass in der Fabrik Einwohner der Straßen: Działdowska, Płocka, Sokołowska, Staszic, Wolska und Wawelberg waren.

Wir standen vor der Fabrik "Ursus", die sich an der Wolska Straße 55 befand. Diese Fabrik war die Warschauer Abteilung der staatlichen Fabrik mit Sitz in der Ortschaft Ursus bei Warschau. Wir warteten ungefähr eine Stunde. Auf dem Hof waren Schüsse, anflehende Schreie und Stöhnen zu hören. Die Deutschen waren dabei, durch den Tor von der Wolska Straße ca. hundert Personen, in den Fabrikhof herein zu lassen, oder eher zu zwängen. Ein Junge, ca. 12 Jahre alt, sah durch den angelehnten Tor seine toten Eltern und seinen toten Bruder. Er ist fast verrückt geworden - fing an zu schreien und nach seiner Mutter und seinem Vater zu rufen. Die Deutschen und Ukrainer schlugen ihn und schoben weg, als er versuchte, in den Fabrikhof einzudringen.

Wir waren es uns sicher, dass dort im Hof Menschen umgebracht wurden. Wir wussten bloß nicht, ob alle hingerichtet wurden. Ich stand hinten und versuchte noch die ganze Zeit nach hinten zu gehen, in der Hoffnung, dass sie doch eine hochschwangere Frau nicht erschießen würden. Ich wurde mit der letzten Gruppe zusammen hereingebracht. In dem Innenhof sah ich ungefähr ein Meter hohe Leichenhalden. Die Leichen lagen an einigen Stellen an der rechten und linken Seite des ersten Hoffs. Unter den Leichen erkannte ich meine Nachbarn und Bekannte. In der Mitte gab es einen schmalen Durchgang in den zweiten Hof und dort wurden wir hereingebracht. Die Ukrainer und Gendarmen zwangen uns, die Reihen - jeweils vier Personen - zu formen. Die Männer mussten ihre Hände hoch halten. In der geführten Gruppe gab es ungefähr 20 Personen, darunter viele Kinder im Alter 10 bis 12, oft ohne Eltern. Ein junger Mann trug die ganze Zeit auf dem Rücken seine gelähmte alte Schwiegermutter; nebenan ging ihre Tochter mit zwei Kindern: 4 und 7 Jahre alt. Die Leichen lagen links und rechts, unterschiedlich platziert.

Unsere Gruppe wurde zum Durchgang zischen den Gebäuden geführt. Die Leichen lagen schon dort. Als die erste Viererreihe an diesen Platz ankam, schossen die Deutschen und Ukrainer den Menschen in den Nacken. Die Menschen fielen um, die nächste Reihe kam an, um genauso getötet zu werden. Die gelähmte ältere Frau wurde an dem Rücken ihres Schwiegersohnes getötet, er wurde auch umgebracht. Die Menschen schrien, flehten um Gnade oder beteten. Ich war in der letzten Reihe. Ich flehte die rund um uns stehenden Ukrainer an, sie sollten meine Kinder und mich retten, dann fragte einer von ihnen, ob ich mich  einlösen  konnte. Ich gab ihm drei große Goldringe. Er nahm sie an und wollte uns herausführen, aber ein Deutscher, der die Gruppe führte, bemerkte das und erlaubte es nicht. Er befahl mir, mich der Gruppe anzuschließen, die zum Erschießen vorgesehen war. Ich flehte ihn im mein Leben und das meiner Kinder, ich sprach über Ehre des Offiziers. Er schubste mich so stark weg, dass ich umfiel. Er schlug und schubste meinen älteren Sohn und schrie ihn an. "Schneller, schneller, du polnischer Verbrecher!".

Inzwischen wurde eine neue Gruppe von Polen hereingeführt. Ich ging also zusammen mit meinen drei Kindern in der letzten Reihe zur Hinrichtungsstelle. Ich hielt mit der rechten Hand meine kleineren Kinder an der Hand, und mit der linken hielt ich den älteren Sohn an die Hand. Meine Kinder gingen und beteten. Als mein älterer Sohn die Getöteten sah, schrie er, dass sie uns auch umbringen werden. An einem Moment schoss ein Ukrainer, der hinter uns stand, meinem ältesten Sohn in den Nacken, die nächsten Schüsse trafen meine jüngeren Kinder und mich. Ich fiel an die rechte Seite. Der Schuss war nicht tödlich. Die Kugel traf meinen Nacken von der linken Seite, ging durch den unteren Teil des Schädels und ging durch die linke Wange heraus. Ich bekam Schwangerschaftsblutung. Ich spuckte die Kugel zusammen mit ein paar Zähnen aus. Ich war jedoch bei Bewusstsein; ich lag unter Leichen und sah fast alles, was sich um mich abspielte. Ich beobachtete weitere Hinrichtungen. Es wurde eine neue Männergruppe hereingeführt: ihre Leichen fielen auch auf mich. Ich lag unter vier Leichen. Dann wurden Frauen mit Kindern hereingeführt - und so: eine Gruppe nach der anderen wurden die Menschen bis zum späten Abend erschossen.

Es war schon dunkel, als die Hinrichtungen aufhörten. In den Pausen gingen die Henker über den Leichen, traten sie, drehten sie um, erschossen die, die noch lebten, raubten Kostbarkeiten...Die Leichen fassten sie durch spezielle Stofftücher an. Mir nahmen sie von der Hand eine Uhr ab, ohne zu bemerken, dass ich noch lebte. Während dieser furchtbaren Handlungen tranken sie Wodka, sangen lustige Lieder und lachten. Neben mir lag ein großer, beleibter Mann, der lange röchelte. Sie feuerten fünf Mal auf ihn, bevor er starb. Während dessen verletzten diese Schüsse mein Bein. Ich lag dort eine sehr lange Zeit, in einer Blutlache, unter den Leichen. Ich dachte nur an den Tod und daran, wie lange ich noch so leiden musste. In der Nacht schob ich die toten Körper weg, die auf mich lagen.

Am nächsten Tag hörten die Hinrichtungen auf. Die Deutschen kamen nur noch ein paar Mal mit Hunden, liefen über die Leichen hin und her, guckten, ob jemand noch lebte. Ich hörte einzelne Schüsse. Wahrscheinlich erschossen sie die Überlebten. Ich lag so drei Tage lang, das heißt bis Montag (die Hinrichtung fand am Samstag statt). Am dritten Tag spürte ich, dass das Kind, das ich erwartete, noch lebte. Das verschafte mir neue Energie, ich fing an, an die Rettung zu denken. Ich überlegte und überprüfte die Möglichkeiten, von dort heraus zu kommen. Ich versuchte mehrmals aufzustehen, aber es wurde mir schwindlig und ich musste mich übergeben. Endlich kroch ich auf allen vier über die Leiche bis zur Mauer. Überall - auf dem ganzen Hof lagen Leichen. Die Leichenstapel waren zumindest so groß wie ich. Ich hatte einen Eindruck, dass dort über 6000 Leichen sein konnten.

Von dieser Stelle aus, wo ich lag, kroch ich weiter unter die Mauer und von dort aus, versuchte ich einen Ausgang zu finden. Der Durchgang über den ersten Hof, durch den wir geführt worden waren, war jetzt mit den Leichen blockiert. Hinter dem Tor konnte ich Stimmen der Deutschen hören, ich musste also nach einem anderen Weg suchen. Ich kroch in den dritten Hof, kletterte auf die Leiter und ging durch eine Lüftungsklappe in die Halle hinein. Aus Angst vor den Deutschen blieb ich dort die ganze Nacht lang. In der Nacht konnte ich die ganze Zeit das Heulen der Panzer von der Płocka Straße hören, Flugzeuge warfen Bomben ab. Ich dachte, dass die Fabrik mit all den Leichen auch gleich verbrennen wird. Am Morgen wurde es still. Ich kletterte auf das Fenster und sah auf dem Hof einen lebendigen Menschen. Das war eine Einwohnerin unseres Hauses - Zofia Staworzyńska. Wir blieben dann zusammen.

Zu uns kroch auch ein Mann, ca. 60 Jahre alt, mit einem ausgeschlagenem Auge. Nach einem langen Suchen und vielen Versuchen, herauszukommen, entdeckten wir einen Ausgang in die Skierniewicka Straße. Zusammen mit Frau Staworzyńska gingen wir dort heraus. Der Mann blieb, als er die Stimmen der Ukrainer hörte. Wir sind in die Skierniewicka Straße herausgegangen, weil wir in die Vorstadt Czyste gehen wollten, wo sich ein Krankenhaus befand. Die Ukrainer standen in der Wolska Straße und am Anfang haben sie nicht bemerkt, woher wir kamen. Sie hielten uns an, obwohl wir sie anflehten, uns als Verletzte ins Krankenhaus gehen zu lassen. Sie trieben uns in die Richtung Wola und sammelten noch mehr Personen unterwegs.

Nicht weit weg von der St. Stanislaus Kirche trennte man junge und alte Menschen voneinander. Die jungen Frauen und Männer wurden in ein zerstörtes Haus geführt, nach einer Weile konnte man von dort Schüsse hören. Ich nehme an, es war eine Hinrichtung. Die anderen, darunter ich, wurden in die St. Adalbert Kirche in die Wolska Straße geführt. Unterwegs sah ich Leichen Und Körperteile auf der Straße liegen. Bewachte Gruppen von Polen räumten diese Leichen auf. Vor der Kirche standen deutsche Offiziere, sie nahmen uns mit Schubsen, Tritten und Schlägen auf. Die Kirche war schon voll mit Menschen aus verschiedenen Stadtteilen Warschaus. Ich lag einige Tage lang vor dem Hauptaltar. Keine Hilfe wurde mir geleistet. Nur die Mitleidenden gaben mit ein bisschen Wasser. Nach zwei Tagen wurde ich mit einem Pferdewagen mit anderen schwer Kranken und Verletzten in ein Übergangslager in Pruszków transportiert, und von dort aus in die Krankenhäuser in Komorowo und Leśna Podkowa.

Heutzutage fühle ich mich nicht gesund, aber ich muss arbeiten, um das Kind groß zu ziehen, dass nach diesen schrecklichen Erlebnissen geboren wurde. 

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