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Bericht von Stanisław Korytowski


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  Bericht von Stanisław Korytowski

HISTORISCHES MUSEUM DER HAUPTSTADT WARSCHAU

Das Schicksal eines Vertriebenen aus Warschau

Stanisław Korytowski, 14 Jahre alt. In der Besatzungszeit war er ein Pfadfinder von Szare Szeregi, Deckname: „Pantera". Während des Aufstandes wohnte er in Warschau. Nach dem Warschauer Aufstand war er Zwangsarbeiter in Berlin.

     Der Aufstand in Warschau nähert sich seinem tragischen Ende. Ab dem 1. Oktober um 5 Uhr morgens herrscht Waffenstillstand und ab dem 2. Oktober wird nicht mehr gekämpft. Alle sind aufgefordert, die Stadt zu verlassen.
     Am 3. Oktober gegen Mittag kommen in den Hof des Hauses in der Chopinstraße Gendarmen, die befehlen, das Haus innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. Das Gebäude soll gleich gesprengt werden. So sagt der Gendarm. In diesem Fall glauben wir den Deutschen. Ich gehe mit anderen Zivilisten heraus. Mit meiner Mutter und meiner Schwester gehen wir mit anderen Vertriebenen durch Trümmer und Barrikadenreste entlang den Straßen: Koszykowa und Śniadeckich. Auf einem Platz vor der Technischen Hochschule bekommen wir Brot vom RGO [Zentraler Hilferat]. Die Deutschen machen Fotos, kann sein, dass sie uns zählen. Dann gehen wir entlang den Straßen: Nowowiejska und Filtrowa, und noch weiter bis zum Bahnhof Warszawa Zachodnia.
     Wir werden von SS-Männern und Gendarmen geführt. Auf Kommando machen wir kurze Pausen und dann gehen weiter. Die, die zögern oder versuchen, das Spalier zu verlassen, werden mit Gewehrkolben geschlagen. Auf dem Bahnhof werden wir in die Züge nach Pruszków hineingedrängt.
     Der Durchgangslager  in Pruszków befindet sich in einem Lokschuppen. Die Hallen sind nummeriert. Aus einer Feldküche wird Suppe ausgegeben; in die Menschenmenge  werden auch Brotstücke geworfen. Wir haben kein Geschirr, also wir borgen uns einen Becher und einen kleinen Kochtopf.
     In den Lagerhallen gibt es überhaupt keinen Platz. Mit Mühe finden wir einen freien Platz - allerdings direkt am Eingang (es gibt keine Tür). Bei der Dämmerung werden Kerzen angezündet. Die Halle sieht wie ein Friedhof zu Aller Heiligen aus. In der Nacht ist sehr kalt. In der Halle gibt es keine Heizung. Es ist nicht möglich, richtig zu schlafen, nur ein Halbschlaf von Zeit zu Zeit - das ist alles. Wir sind sehr müde und hungrig.
     Am Morgen gehen wir Kaffee und Brot holen. In dem ganzen Lager gibt es zahlreiche Patrouillen. Der Lagerkommandant (?) geht mit einem Schäferhund und hetzt ihn auf die, sie am Zaun sitzen. Die Patrouillen ziehen aus den Hallen Männer heraus und durchsuchen sie. Irgendwelche Zivilisten suchen nach AK-Mitgliedern [Polnische Untergrundarmee]. Niemand antwortet. Keine Ahnung, wer sie sind und warum sie fragen.
     Ich treffe viele Bekannte aus dem Aufstand. Finger auf dem Mund: „nichts sagen".
     Auf den Mauern hängen unzählige Zettel von Familien, die nacheinander suchen. Auch die Fragen: „Wer hat gesehen?", „Wer weiß?" sind ständig präsent.
     Wir suchten auch nach Mitgliedern unserer Familie, die in Wola, Żoliborz i Mokotów wohnten. Leider waren alle umgekommen, aber das erfuhren wir erst nach dem Krieg. Trotz Verbote, Wächter und Kontrollen wird am Zaun Tauschhandel getrieben. Für Dollars oder Gold kann man Wurst, Speck oder Brot bekommen.
     Aber es wird nicht nur verkauft. Einwohner von Pruszków helfen den vertriebenen Warschauern auch umsonst. Sie werfen gekochte Kartoffeln über den Zaun. Sie haben Mitleid mit uns und wollen helfen, obwohl sie selbst nicht viel haben und von den Besatzern verfolgt werden. In einem Zugwagen (ein Büro) wird man registriert, ärztlich untersucht (sic!) und vor allem zur Zwangsarbeit in Deutschland oder zum Schützengrabenerrichten qualifiziert.
     Ich bin 14, und vor zwei Wochen auf Ruhr erkrankt. Ich habe einen Verband auf der Stirn (eine leichte Splitterverletzung). Die Wunde ist zwar schon verheilt, aber ich nehme den Verband nicht ab. Ich bin zwar groß für mein Alter, aber dafür sehr dünn. Ich habe keinen Ausweis mit. 
     Ein Deutscher im weißen Kittel nimmt meinen Verband ab und schreit mich an, dass ich die Verletzung vortäusche. Dass ich 14 bin, glauben sie mir auch nicht. Nachdem sie unsere: meine, meiner Mutter und meiner Schwester Daten aufnehmen, sollen wir uns einer Gruppe von Männern und Frauen anschließen, die zur Zwangsarbeit in Deutschland vorgesehen wird. Die Gruppe wird immer größer und wird von Wächtern bewacht.
     Am Abend werden wir in die Kohlenwaggon gedrängt und der Zug fährt ab. Die Waggons ohne Dach ermöglichen uns, obere Etagen der Häuser zu beobachten, an denen wir vorbei fahren. Ich sehe einen Jungen, der mit einer Decke ein Fenster auf der oberen Etage eines Gebäudes verhängt. Das ist ein Bild eines einigermaßen normalen Lebens. Ohne Schutzräume, Keller und Bomben. Es ist schon so lange her. Ich muss flüchten. Aber wie? Die Türen sind verriegelt, aber  es gibt kein Dach und der Zug fährt langsamer auf den Bahndamm auf.
     Anscheinend denken viele auf diese Weise, weil jemand aus dem Wagen springt. Schüsse der Wächter folgen. Ich klettere auf die obere Kante des Waggons. Nebenan springt ein Junge. Wieder die Schüsse! Ein Schrei ist zu hören - anscheinend erwischten sie ihn. Der Zug fährt schon bergab, immer schneller. Ich werde mit Kraft nach unten, in den Waggon gezogen. Ich  bin ein Feigling.
     Ich bin sauer mit mir selbst, dass ich mich nicht getraut habe. Und meine Mutter? Meine Schwester? Mit dieser apathischen Laune versuche ich einzuschlafen.
     Am nächsten Tag werden wir auf einem Nebengleis einer in der Nähe liegenden großen Stadt ausgeladen - Breslau. Aus dem Geschichteunterricht weiß ich  - das ist polnisches Wrocław.
     Unsere Kolonne wird in ein Lager neben einer Zuckerfabrik geführt. Genauso wie in Pruszków - Gedränge und Chaos.
     Brotscheiben werden in das Gedränge geworfen und für die Feldküche - um einen Kaffee oder eine Suppe zu bekommen - braucht man kräftige Schultern. So ist die Essenausgabe organisiert. Es wird dunkel. Alle in die Barracken! Wer heraus kommt, wird erschossen! So lautet der Befehl des Lagerkommandos. Es werden Warnschüsse abgegeben.
     In den Barracken gibt es keinen Platz. Die Menschen sitzen in der Hocke auf dem Betonboden.
     Ich weiß nicht, wo meine Mutter und meine Schwester sind.
     Ich sitze auf einem Hocker mit einer anderen Person. Unter dem Hocker liegt jemand auf dem Beton. Nach einigen Stunden tut mein ganzer Körper weh. Ich würde lieber auf dem Beton liegen, aber es gibt keinen Platz. Die Nacht ist eine Qual. Wie viele solche Nächte kommen noch?
     Am Morgen finden wir uns am Kessel wieder. Ich fand eine verrostete Dose, aus der ich die Rübensuppe trinke. Ich habe keinen Löffel. In einem der Zelten an der Zuckerfabrik finden wir einen Platz zum schlafen. Wir bereiten für uns was zum Schlafen auf dem Boden. In der Nacht gibt es ein bisschen Sonne und in der Nacht ist es kalt. Es ist schon Hälfte Oktober. Polnische Arbeiter werfen über die Mauer Rübenpresslinge aus der Zuckerfabrik. Wir kauen sie - unsere Kiefer haben viel zu tun.
     Gegen Abend sehen wir einen Feuerblitz und hören einen Knall aus der Richtung, wo die Latrine steht. Am Morgen schauen wir uns die Explosionsfolgen an. Ein Teil des Betongehäuses der Faulgrube ist zerstört. Jemand muss in den Graben gefallen sein, denn auf der  Latrinenwand hängt eine aus Fäkalien gewaschene Kleidung zum Trocknen.  War das eine Methanexplosion? Das wissen wir nicht. Jeden Tag nehmen die Deutschen Menschen aus den Barracken und führen sie auf einen Platz, von dem sie sie nach einer Selektion wegbringen.
     Nach zwei Wochen Aufenthalt werden wir auch auf den Platz genommen. Sie lesen die Namen vor und hängen uns Blechplaketten mit   Nummern um den Hals. Es stellt sich heraus, das ist eine Bescheinigung, dass wir zur Arbeit in einem Berliner Unternehmen eingeteilt wurden. Wir marschierten zum Nebengleis.
     Während wir in die Viehwagen einsteigen, werden uns die Nummer abgenommen. Abfahrt!
     Nach über zehn Stunden kommt der Zug auf einen Nebengleis inmitten eines Kieferwaldes an. Was für ein Lager ist das? Ein Konzentrationslager? Nein, das ist ein ehemaliges Hitlerjugendlager, das jetzt als Quarantänestelle für Zwangsarbeiter benutzt wird. Das Lager heißt Wilhelmshaven (nicht verwechseln mit dem Hafen).
     In dem Lager gibt es Frauen und Männer, alle aus Warschau.
     Das Lager befindet sich in den Wäldern, ca. 50 km von Berlin entfernt. In den Baracken gibt es hölzerne Pritschen ohne Matratzen aber mit Wanzen. Man kann nicht schlafen. An dem dritten Tag gibt es ein Bad und Kleiderdampfen.
     Die Wächter und Lagerbesatzung sind Ukrainer, darunter viele Frauen.  
     An einem Tag werden wir zu LKWs geführt und in ein Lager nach Berlin gebracht. Das ist das Z.Z. Barackenlager - Lichterfelde - West, Prettauer Pfad 19/20.
     Wir sollen für ein Unternehmen Franz Schnell - Straßenbau Berlin - Steglitz, Bismarckstrasse 16 arbeiten.
     Wir wohnen in Betonstuben und Holzbaracken. In hölzernen Pritschen gibt es sehr viele Wanzen. Metalltüren sind verriegelt. Es gibt einen großen Ofen, aber kein Brennholz. Das Holz für den Ofen bringen wir aus den Trümmern zerstörter Häuser.
     Einige Tage lang bauen wir Innenstraßen einer Siedlung.
     Danach befreien wir die Straßen von den Trümmern nach Luftangriffen und machen Ziegel sauber.
     Einige Zeit lang wohnen in einem anderen Teil des Lagers Gruppen von französischen Gefangenen und italienischen und tschechischen Arbeitern... Wir arbeiten zusammen. Wir sammeln auch Blindgänger und bringen sie auf den Tragen in die Autos.
     Nach einigen Monaten werde ich den Ordnungsarbeiten im Lager zugeteilt. Ich bringe Fäkalien auf die nahe liegenden Felder heraus. Mit einer großen Schöpfkelle gieße ich die Fäkalien in eine dichte Schubkarre und bringe sie 100 Meter weiter. Ich leiste auch andere Arbeiten. Ich bin krank, habe hohes Fieber und einen großen Eitergeschwür auf dem Nacken.
     Es wird mir befohlen, einen Entwässerungsgraben auszugraben, Steine dorthin zu legen und wieder zu zuschütten. Nachdem ich die Erdoberfläche ausgrabe, treffe ich auf eine Tonschicht, die ich nicht mit einer Schaufel graben kann. Der Schweiß läuft mir in die über die Augen, das Geschwür hindert die Bewegung. Der Ton ist wie Gummi, ich kann nichts mehr tun! Ich gebe auf. Der Lagerführer schreit, es sei Sabotage, beschimpft mich, ich sei ein polnisches Schwein und schlägt mich mit dem Schaufelstiel auf den Kopf und auf den Rücken. Ich spüre Schmerzen in dem Nacken und empfinde Erleichterung. Das Geschwür ist geplatzt. Die Eiter läuft mir den Rücken hinunter. Am Abend werden die Eiterreste ausgepresst und das Geschwür fängt an zu heilen.
     Lagerführer Neumann - ein Hitleranhänger, pflegt eine schwarze SS-Uniform zu tragen. Er ist gegen 60 Jahre alt, klein, schlank, mit einer großen roten Nase.
     „Für Ungehorsam und Arbeitssabotieren habe ich schon mehrere in das Lager nebenan geschickt" - schreit er auf Deutsch.
     Das in 100 Meter Entfernung (nebenan) liegende Lager ist ein internationales Konzentrationslager. In diesem Lager arbeiten: Polen, Belgier, Franzosen, Niederländer, Norwegen, Österreicher, Ukrainer, Tschechen und Russen.
     Luftangriffe: fast immer - Engländer in der Nacht und Amerikaner tagsüber.
     Ich erinnere mich an einen sonnigen Wintertag und einen Luftangriff der Amerikaner auf Berlin. Ich bin gerade auf dem Feld. Die Superfortress fliegen Formation auf einer großen Höhe. Über dem Zentrum von Berlin sind Explosionswolken der Flugabwehrkanonen zu sehen, man hört das ständige Beben von Bomben.
     Plötzlich wird eins der Flugzeuge getroffen, es leuchtet wie ein Streichholz auf und nach unten fallen nur seine Einzelteile.
     An demselben Abend kommt die Gruppe zurück, die bei der Enttrümmerung arbeitet: ihre Augen sind geschwollen vom Qualm, Haare angebrannt und voll von Kalkschutt, aber sie leben.
     Von einem Tschechen bekomme ich eine Broschüre: „Der Untergang von Warschau". Ich schaue sie mir an und lese. Obwohl sie auf Tschechisch ist, verstehe ich, worum es den Autoren von Goebbelspropaganda ging.
     Es wurde gezeigt, wie Warschau nach der Niederlage des Aufstandes von Sonderkommandos mit Flammenwerfer zerstört und niedergebrannt wird. Es werden Sprengladungen gezeigt, wie sie in erhalten gebliebenen Häusern gelegt werden. Aber in der Broschüre steht nicht, dass Warschau davor geplündert wurde.
     Der in der Broschüre gezeigte Vergeltungsakt soll ein spezifisches Memento sein: eine Warnung! Jeder muss mit solchem Schicksal wie Warschau rechnen, wenn er sich gegen „das Tausendjährige Reich" erhebt.  
     Dritte Aprilwoche 1945: die Front nähert sich und ist zu hören. Über Berlin sieht man immer öfter sowjetische Flugzeuge  - die Jakolews 2 schießen und bombardieren. Es wird kein Fliegeralarm mehr aufgerufen. Berlin ist umzingelt. Der Lagerführer und die Besatzung sind geflüchtet.
     Es werden Reste aus dem Lebensmittellager geteilt: ein bisschen Brot, Kartoffeln, Rüben. In dem Nebenlager gibt es keine Häftlinge mehr. Wo sind sie? Die SS-Wachen wurden aus dem Lager nach Berlin abberufen.
     Wir alle durchsuchen das ganze Lager nach Lebensmittel. Wir finden nichts. In Blechtonnen gibt es Melasse.
     Im Appell steht in einer Reihe ein Kommando der SS-Männer, die zum Abmarsch bereit sind, um den Führer zu verteidigen. Wir haben keine Angst mehr vor ihnen. Wir wollen in das Lager nicht zurückkehren.
     In Kleingruppen verstecken wir uns in den Kellern der nicht fertig gebauten Häuser in der Siedlung, wo wir vor einem halben Jahr Straßen bauten.
     Auf der anderen Straßenseite, an der Brücke befindet sich eine Flugabwehrkanone, so gestellt,  dass sie direkt gerade aus schießen soll. Die Jungs von Hitlerjugend i Volkssturm sollen sie bedienen. Sie sind betrunken und aggressiv. So im Umherziehen vergeht die zweite Nacht.
     Plötzlich kommt ein SS-Mann in den Keller hinein. Er sagt, er sei aus Krakau und bittet uns um Zivilkleidung. Wir haben keine. Er geht weiter auf die Suche.
     Durch ein kleines Kellerfenster beobachten wir Bombardieren von Zentrum Berlins. In unserer Gegend wird nicht gekämpft.  Aber aus der in der nahe stehenden Kirche wird von zeit zu Zeit aus den Maschinengewehren geschossen. Es gibt keine Feuerabwehrkanonen mehr.
     Morgengrauen am 26. Oder 27. April. Durch das kleine Fenster kann ich sowjetische Soldaten sehen, die ein Telefonkabel legen. Alle verlassen schnell ihre Verstecke. Das sind Zwangsarbeiter, ehemalige Sklaven. Die Deutschen gibt es nicht mehr. Der Offizier fragt uns aus: wer wir sind und woher wir kommen. Er versteht und führt uns in die Feldküche. Aus dem Nebengebäude wird unser „Nachtgast" herausgebracht. Er hat weiterhin die SS-Uniform an.
     Eine Serie aus dem Maschinengewehr aus dem Kirchenturm bringt uns in die Realität zurück. Es wird dahin ein Sturmkommando geschickt. Wir wollen an dem Kampf teilnehmen. Wir sind zu 20 und es gibt viele liegen gelassene Waffen rund herum. Der Offizier willigt das nicht ein. „Die Waffen könnt ihr zur Verteidigung vor den deutschen Soldaten  mitnehmen. Geht schon! Hier wird ein Kampf stattfinden!".
     Mit diesen Waffen hatten wir Probleme; unterwegs werden wir wegen illegalen Waffenbesitz hinter der Kampflinie angehalten. Die angebliche Untersuchung wurde zwei Wochen lang geführt. Inzwischen wurden wir gezwungen, auf dem Feld zu arbeiten. Nach der „Festnahme" einer neuen Gruppe werden wir frei gelassen. Wir haben schon Angst gehabt. Die Erde muss Früchte geben. Wir gehen fort! Männer und Frauen mit Bündel und Karren. In Gruppen und einzeln. Hauptsache: weit weg von Hunger und Demütigung.
     Es gibt uns immer mehr. Wir alle gehen: Polen, Tschechen, Slowaken, Franzosen, Ukrainer, Italiener und Russen. Richtung: nach Süden, nach Luckenwalde. Jede Gruppe hat an ihrer Kleidung kleine Bänder in Nationalfarben angenäht. Manchmal flattern auf den Karren kleine Fahnen und Wimpeln.
     Eine fröhliche Laune, aber auch Befürchtung. Leben unsere Angehörigen noch? Ist das Haus erhalten geblieben? Gibt es etwas, wo man zurückkehren kann?
     Die Grenze wurde in den Westen verschoben! Was passierte mit dem Heimatort? Die Warschauer haben solche Dilemmas wegen Grenzen nicht. Manche wissen Bescheid, dass ihre Häuser zerstört und ihre Familie ermordet wurde; aber sie gehen trotzdem nach Warschau, weil dort ihre Heimat ist. Wir schlafen in verlassenen Häusern und Scheunen. Wir suchen nach Lebensmittel und finden nur Kartoffeln, die wir kochen.
     Unterwegs sehen wir tragische Folgen von Vergewaltigungen. In Luckenwalde teilt sich die Kolonne und die Menschen gehen in unterschiedliche Richtungen.
     Wir gehen Richtung Cottbus, Forst. Weiter über Lubsko, Żary, Żagań i Głogów (Glogau). Wir gehen der Oder entlang an einem Stadtzentrum vorbei, das noch in Flammen steht. Wir passieren die Oder, indem wir über eine provisorische Brücke gehen.
     Ab Luckenwalde  werden wir durch die Kriegsverkehrsregulierung auf die Straßen geführt, die für die Armee zweitrangig sind.
     Die Hauptstraßen werden von den Militärkolonnen benutzt. Deswegen gehen wir aus Głogów nach Norden, nach Wschowa. Dort steigen wir endlich in einen Zugwagen dritter Klasse ein. Eine Vierräderkarre - unser Begleiter seit 400 km Wanderung bleibt auf einem Platz vor dem Bahnhof Wschowa stehen. Der Zug bringt uns nicht weit weg, nur nach Leszno. Dort müssen wir aussteigen.
     Wir hausieren am Bahnhof und warten auf eine Gelegenheit zu fahren. Auf einen Nebengleis kommt ein Zug mit Schienen für Sowjetunion beladen. Er ist mit kompletten Gleisen mit Bahnschwellen beladen. Wir steigen ein. Nach einigen Stunden startet der Zug - voll von Menschen. Man muss sehr aufpassen, vor allem auf den Kurven. In einem Wagen wurde eine Frau verletzt - ihr Bein wurde zwischen den Schienen geklemmt. Sie schreit von Schmerzen! Auf der nächsten Station hält der Zug an. Die Verletzte wird in ein Bahnhofsgebäude getragen. Der Zug hält oft an dem Signal. In der Nacht halten wir auf dem Bahnhof Zduńska Wola an. Dier Zug soll jetzt in eine andere Richtung fahren. Die Bahnarbeiter fordern uns auf, die Wagen zu verlassen. Wir bleiben auf dem Bahnhof.
     Wir nutzen jede Gelegenheit - selbst wenn wir eine sehr kurze Strecke fahren sollen - um näher am Ziel zu sein. Endlich fahren wir! Es wird gesagt, dass der Zug nur zum Bahnhof Warszawa Zachodnia fährt. Das ist kein Problem für uns. Im Endeffekt hält er in Włochy an. Wir steigen aus und begeben uns zu unseren guten Bekannten, die in der Chrobry Straße wohnen.
     Bei der Familie Owczarek bekommen wir Hilfe und herzliche Pflege.
     Am nächsten Tag gehe ich nach Warschau. Der Zerstörungsausmaß ist größer als im Oktober 1944.  Das ist die Arbeit der deutschen Flammenwerfer.   
     Es sind Pionierpatrouillen der Polnischen Armee und der Roten Armee zu sehen, die das Gelände überprüfen und Minen beseitigen. Ich gehe in die Chopinstraße. Alle Häuser an der Seite mit geraden Zahlen liegen in Trümmern; eine Ausnahme bildet ein kleines Palais an der Ecke von Aleje Ujazdowskie. Also sprengten die Deutschen doch alles auf, so wie sie am 3. Oktober sagten. Nur die mit Schutt zugeschütteten Tore der Häuser (Bogengewölbe) sind erhalten geblieben. Die erhaltenen Mauer und Tore sind mit Zettel beklebt, die über Schicksal der Familien informieren.

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  Das Projekt ist vom Museum der Stadt Warschau in der Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv der Stadt Warschau und der deutschen Stiftung niederschsischen Gedenkstätten realiziert