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Bericht von Jadwiga Kołodziejska-Jedynak


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Der Vater fuhr zum ersten Mal nach Warschau und sah das verbrannte Haus, oder?
    
Er sah das verbrannte Haus und schreckliche Trümmer. Die Trümmer waren doch furchtbar. Er konnte bestimmt nicht in Stare Miasto (die Altstadt) ankommen, aber er musste durch den Fluss (es gab eine Pontonbrücke), damit er herausfinden konnte, wie die Situation mit "Wedel" aussah. Sobald er erfuhr, dass die Produktion schon im Gang war, und dass sie davon träumten, dass er zurückkommen würde -  denn er war sehr gut positioniert in seinem Beruf - kam er zu uns zurück und machte mit meiner Mutter. Ich nahm daran nicht teil, ich genoss noch meine Kindheit.
     Und ich denke, dass wir in März aufbrachen: wir wohnten eben dort in Włochy bei Ursus und ich fuhr mit dem Vater in Ochota. Am Anfang sah ich Ochota - die zerstörte St. Jakob Kirche, die bisher die Spuren von damals trägt, das ist deutlich zu sehen. Natürlich stand dort das Studentenwohnheim, denn dort stationierte die deutsche Gendarmerie, auf das Wohnheim schossen sie also nicht. Aber es gab jede Menge Trümmer. Und dieses verbrannte Haus - wir hatten keinen Platz, an den wir zurückkehren konnten.
     Irgendwelche Bekannte von meinem Vater fanden ein Zimmer in der Tarczyńska Straße - und sogar ein Zimmer mit einer Küche, das war also sehr viel - und mein Vater organisierte es so, dass wir in dieser Küche wohnen durften. Und meine Schwester und ich schliefen in dieser Küche auf einem sehr großen Tisch und meine Eltern schliefen unter dem Tisch und passten auf, dass wir nicht herunterrollten. Und es war dort sehr warm, denn es gab jede Menge Holz. Überall gab es Holz, man musste bloß rausgehen, es nur einfach irgendwo abbrechen und holen.
     Wir wohnten dort eine Weile - inzwischen versuchte mein Vater, etwas anderes zu finden und er fand heraus, dass in einer Wohnung in der Sękocińska Straße 11a auf der zweiten Etage ein Zimmer frei stehen sollte. Das war ein großes Haus, direkt vor dem Krieg auf einem richtig kleinen Gründstück gebaut; für damalige Zeiten war es recht groß: fünf Etagen (nach jetzigen Maßstäben könnten es sechs oder sieben Etagen sein), ohne Fahrstuhl. Und wir zogen dort in ein schönes großes Zimmer (25 qm) ein. In dem Nebenzimmer, das kleiner war, wohnte eine Familie - die Mutter und drei erwachsene Kinder, alle Kinder arbeiteten schon.  Sie handelten ganz vernünftig, als sie in das kleine Zimmer eingezogen hatten, denn sie sind davon ausgekommen, dass sich der Wohnungsbesitzer melden würde. In solchem Fall müsste man ihm das Zimmer zurückgeben. Von dort aus ging ich schon ganz normal in die Schule in die Niemcewicz Straße 9, weil Frau Goldman diese Schule in ihrer Privatwohnung leitete.
     In der zweiten Hälfte 1945 erschienen die Wohnungsbesitzer. Meine Eltern sind davon ausgekommen, dass die Tatsache, dass unsere Wohnung niedergebrannt worden ist, kein Grund dafür war, dass sie keinen Platz mehr zu wohnen hätten. Und sie haben sich verständigt. Diese Leute hatten irgendwelches Geld (denn die Aufstandszeit verbrachten sie außerhalb Warschau) und gaben jemanden illegal eine Abstandssumme (solche Gaunereien gab es vielleicht schon immer) für eine Mansarde - so eine Studentenwohnung. In diesen Häusern gab es jeweils zwei Treppenhäusern und Mansarden - wo man eine Küche einrichten konnte. Das Zimmer war vielleicht 19 qm groß. Und dort verbrachten wir schon Weihnachten 1945.
     Es gab natürlich zwischendurch verschiedene Wechselfälle, weil wir die ganze Zeit lang nach meinem Bruder suchten. Ich nahm an diesen Exhumierungen - zumindest vier - teil: bei der św. Jakub Kirche (St. Jakobskirche), auf dem Narutowicz Platz, auf dem Zawisza Platz und in einer Nebengasse hinter dem Narutowicz Platz. Denn wir suchten nach seiner Leiche - das war die wichtigste Sache.
Und nahm Ihr Vater Sie zu diesen Exhumierungen mit?
    
Ja, das tat er. Da meine Mutter benahm sich, als ob sie nicht bei allen Sinnen wäre. Ihr ganzes Leben lang - und sie Starb im Alter von 89 Jahren - nahm sie es nicht zu Kenntnis, dass...
Dass er gefallen ist.
    
Er war 19...
     Ich hingegen sah ich als letzte - ich und meine Mutter - vor dem Aufstand. Ich sah ihn als letzte und wusste, was er an hatte. Mein Vater wollte ihn noch an einer Operationsnaht erkennen. Mein Bruder wurde wegen Leistenbruch operiert (alle Kinder meiner Mutter, mich inklusive hatten dieses Problem).  Ich selber bestand auch darauf, zu gehen, aber im Nachhinein denke ich, dass mein Vater sehr unvernünftig handelte, indem er mich dort mitnahm. Mein Leben wurde schrecklich - das war so, als ob ich plötzlich meine Kindheit verlor, ich wurde rasch erwachsen. Und ich kam damit nicht klar.
     Selbstverständlich fanden wir ihn nicht. Und meine Oma war auch nicht da. Wir wussten nicht, was mit ihr passierte. Erst später erfuhren wir, dass sie nach Ravensbrück gelangt und nach Schweden transportiert worden war. Ich habe hier die Dokumente noch. Sie kam Ende 1946 zurück - ich habe hier eine schwedische Postkarte mit dem Datum, dass sie im 1946 in Schweden war; sie war in Malmö und in Göteborg.
     Die Schule fing an. Wir wohnten sehr lange in bedrückender Enge. Eigentlich wurde ich erst dann selbständig, als ich heiratete. Dann hatte ich schon gute Lebensbedingungen. Jetzt sind sie sogar zu gut. Ich bin ganz alleine geblieben, aber ich habe es mir verdient, denn solche Enge, in der ich gewohnt hatte... Und jetzt bin ich allein. Gewiss werde ich das an einen meiner Nachkommen weitergeben, aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.

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