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Bericht von Ludmiła Niedbalska


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  Bericht von Ludmiła Niedbalska
HISTORISCHES MUSEUM DER HAUPTSTADT WARSCHAU

Ludmiła Niedbalska
Alter: 11 Jahre. In der Aufstandszeit wohnte sie in der Zielna Straße 42 in Śródmieście (das Zentrum) von Warschau.

     [...] In der Nacht waren Lärm und Stimmen zu hören, tagsüber hörte man Detonationen, Explosionen. Meine Mama verbot mir auszugehen, deswegen wühlte ich weiter durch die "Schätze" meiner Tante oder saß auf dem Fensterbrett und guckte durch das Fenster. In den Trümmern sah ich Menschen - Gespenster, sie suchten nach Sachen und zogen sie heraus - eigene, fremde, alles, was noch brauchbar sein konnte. Hinter der Wilcza Straße nach links war die Marszałkowska Straße zu sehen. Dort gab es mehr Bewegung, manchmal fuhren Autos hin und her. Und in einer Nacht, bei einem größeren Lärm ging ich barfuss aus dem Bett heraus und guckte durch das Fenster: in der Marszałkowska Straße stand ein Haus in Flammen. Ganz neu. Ein Haus, das gestern noch da stand.  Und obwohl es absurd klingt,  Flammenstrom floss aus einer unsichtbaren Quelle - unten rechts in Richtung der Fenster.
     Am Morgen hörten wir aus einem Tor seit Langem nicht mehr gehörte deutsche Sprache. Ein Deutsche ging in den Hof hinein. Er sagte, wir sollten gehen, Barrikaden abtragen. Die Antwort darauf war Schweigen und ruhige, feindliche Blicke der stehenden Frauen. Die Männer sind für Fall der Fälle nicht rausgegangen. Der Deutsche guckte uns aufmerksam an, er bemerkte eine rote Katze, hob sein Gewehr hoch und schoss auf sie. Die Katze flüchtete. Der Deutsche ließ das Gewehr herunter, drehte sich um und ging auf die Straße zu seinen Kumpels zurück.
     Natürlich ging niemand, die Barrikaden abzubauen, von wegen! Sie sollten sie selbst abtragen. Aber es kam eine weitere Nachricht - wir mussten doch Warschau verlassen. Wir fingen an, unsere Sachen zusammenzupacken. Wir überlegten, was wir mit den Sachen meiner Tante machen sollten. Mitnehmen? Dort lassen? Dort lassen - gut, wir würden die Wohnung abschließen, den Schlüssel mitnehmen, wir würden doch spätestens in zwei Wochen wieder da sein; die Russen waren schon fast in Praga (der Stadtteil von Warschau). Mitnehmen - man würde es von uns auch innerhalb von diesen zwei Wochen stehlen. Meine Mutter wollte auf diese Wanderung ins Ungewisse zumindest eine Federdecke nehmen, die meiner Tante gehörte. Danach würde sie sie der Tante zurückgeben, sie würde man bestimmt nicht stehlen, uns würde die Decke gut dienen können, aber vielleicht würden sie uns die Deutschen wegnehmen, wenn wir die Stadt verlassen würden? Dann könnte die Tante meiner Mutter Vorwürfe machen. Und allgemein: gehörte es sich überhaupt eine Sache mitzunehmen, die jemanden anderen gehörte? Im Endeffekt wurde die Decke eng zusammengerollt und tief hinter den Ofen im Badezimmer gestopft. Sie war nicht zu sehen - vielleicht würde sie da bleiben?
     [...] Und so, am 8. Oktober brachen wir in die erste Strecke des ungewissen Weges auf.
     Wir gingen inmitten der Strassen - es gab dort zwischen den Trümmern halbwegs aufgeräumte quasi Durchgänge, durch die die Deutschen uns und eine Menge uns ähnlichen Menschen irgendwohin in Richtung Westen trieben. Es lagen dort nicht beerdigte Leichen oder Leichenstücke, es fuhren Wagen - leer oder mit Granaten beladen; die Deutschen überwachten halbwegs organisierte Gruppen junger Menschen, die ohne jegliches Gepäck marschierten; irgendwelche Menschen - auch von den Deutschen überwacht - trugen etwas aus den Häusern heraus, die letzten Barrikaden wurden abgebaut. Und die Stadt stand in Flammen.
     Wir konnten es nicht verstehen, worum es hier ging. Aber schon von Dworzec Zachodni (Westbahnhof) waren die Deutschen zu hören, die schimpften und was riefen. Wir hörten auch Menschengeschrei. Sie trieben uns an, damit wir uns beeilten. Wir - die nach dem langen Marsch kaum auf den Beinen standen - wurden auf einen Bahnsteig gedrängt. Ein Güterzug fuhr langsam entlang.  Als er anhielt, schrieen uns die Bewacher an; die Menschenreihen, die hinter uns standen, drängten uns in die Wagen. Stolpernd und schreiend versuchten wir in die Wagen einzusteigen, die gerade vor uns anhielten. Wir verloren unsere Bündel dabei.
     Als eine der ersten wurden wir in so einen Wagen gedrängt, deren Wände nur halb hoch waren. Deswegen hatten wir genug Luft und wir konnten sehen, was passierte. Nebenan wurden die Menschen in einen großen bedachten Güterwagen gedrängt, in dem Dunkelheit herrschte. Wir gelangten an das andere - rechte Ende des Wagens. Die Menschen, wie betäubt, mit weinenden Kindern, entsetzt gleich wie die Erwachsenen, stiegen ein und stellten sich überall, wo noch Platz war. Die schweren Türriegel wurden geschlossen.
     Wir standen dort, erschrocken und schweigend, schauten uns mit fragenden Blicken an und sahen die brennende Stadt. Das Geschrei der gedrängten Menschen konnten wir jetzt von anderen Wagen, weiteren Gleisen von der südlichen Bahnhofseite hören. An der "unseren" Nordseite gingen auf einen Nebenbahnsteig die Deutschen heraus und stellten sich aus. Hinterher marschierten unter Bewachung junge Menschen herein. Das waren unsere Mädchen und Jungen. Jemand rief ihnen zu - sie antworteten. Es passte. Perfide Schuften zwangen sie, die Barrikaden auseinander zu bauen und Hab und Gut der Stadt wegzubringen, für die sie gekämpft hatten.
     Ein Güterwagen fuhr langsam auf einen Gleis hinein, der uns voneinander teilte. Uns gegenüber hielt ein Plattformwagen, ähnlich wie der, in dem wir saßen. Sie stiegen ruhig und geschickt ein. Sie lächelten uns an, sprachen uns an, munterten uns auf. Es fielen Fragen und Antworten.
- "Irgendwohin in die Region Krakau."
- "Ist der Oberleutnant Ryś auch mit euch?"
- "Passt auf die Selektion in Pruszków auf."
- " Sie helfen: RGO hilft und die Menschen helfen auch." [RGO - Zentrales Hilferat - Anmerk. d. Übers.]
- "Janka! Janka! O Gott, bist du da? Versuch an Baśka zu kommen!"
- "Lasst euch nicht nach Deutschland transportieren!"
- "Hier! Fangt!"
- "Majewska, Majewska aus Hoża Straße 40?"
Sie warfen Brot, Äpfel, achteten auf die Deutschen nicht.
-?Hey, Mädchen, aufgepasst!" - riefen sie uns drei zu. Ein rotwangiges Mädchen mit zwei dicken blonden Zöpfen warf uns etwas zu. In meine Hände fiel ein Kohl.
- "Sie haben ihn!" - freute sich ein neben ihr stehender Junge - "Da habt ihr noch was dazu!" Er warf Tomaten. Die eine fiel zwischen die Wagen, aber wir fingen drei und noch jemand hinter uns fing welche. Einer der Züge startete, ich weiß nicht mehr, welcher - unser oder ihrer. Wir weinten schon alle, genauso wir als auch sie, obwohl sie uns noch zuwanken und anlächelten. Wir versuchten es auch.
     Sie transportierten uns. Wir fuhren, hielten an. Die Sonne ging schon langsam nach unten. Der Brandgeruch, Rauch und Asche ließen langsam nach. Wir schauten wie betäubt auf die grüne Natur, stehende ganze Häuser, Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Die Menschen trugen saubere, nicht abgetragene Kleidung. Ihre Haare hatten Farben: braun, schwarz, Gold, und nicht grau. Hinter einer hohen Aufschüttung, auf der wir gerade fuhren, hielt der Zug an. Wir guckten wie verzaubert auf ein hellgrünes Kohlfeld, das sich zwischen uns, der dunkelgrünen Aufschüttung an der rechten und Bäumen hinter einem Zaun an der linken, westlichen Seite erstreckte. Meine Mama ließ mich nur eine Tomate und einen Blatt Kohl essen. Sie erklärte, dass nach einer Hungerzeit man nicht viel essen durfte. Danka nahm eine kleine Arzneiflasche, in der sie Salz aufbewahrte und wir aßen feierlich jeweils einen Stück Tomate und einen Blatt Kohl mit Salz.
     Wir starteten wieder und ließen dieses Kohlfeld zurück. Ein Symbol des Lebens, der Ruhe und der Beständigkeit verschwand hinter uns. Es wurde dunkel. Wir fuhren auf einen Bahnsteig herein. Durch die Straße waren Menschen, die in Eile bei einer roten Mauer gingen, und aufgestellte Deutsche zu sehen.  Und plötzlich wieder die Schreie, das Schubsen, wir wurden aus den Wägen auf den Bahnsteig, auf die Straße herausgeschmissen und mussten weiter gehen. Wir gingen dieser Mauer entlang, durch einen Tor, hinter eine Kurve. In der Dunkelheit konnten wir Silhouetten von Bauten und Menschen erkennen. Nach einer längeren Zeit kamen wir - schon ohne Geschrei und Herumschubsen - in eine Fabrikhalle, in der hell war.
     Wir kommen herein. Überall - auf dem Boden, auf irgendwelchen Treppenabsätzen - versuchen die Menschen einen Platz für sich zu finden. Sie suchen nach einem "besseren" Platz, oder wie Automaten lassen ihre Sachen dort, wo sie stehen, sie wanken, setzen sich direkt auf den Beton.
     Bald kommen wir zu sich. Die Augen gucken aufmerksamer, geistesgegenwärtig. Jemand steht auf, guckt sich um. Es gibt ein wenig Stroh, eine bessere Ecke, jemand bringt etwas in einem kleinen Kochtopf.
- "Mann! Woher haben Sie das?"
- "Dort links hinter der Säule. Es gibt Brot und Kaffee."
     Dazwischen gehen normale Menschen mit Armbinden oder auch ohne herum.
- "Ist jemand verletzt? Wer hat kleine Kinder?"
- "Kaffee und Brot dort links."
- "Seife? Gibt es Seife?"
- "Bleiben Sie bitte am Platz. Wir bringen sie Ihnen. Haben sie irgendeinen Gefäß?"
- "Ein Informationspunkt befindet sich beim Eingang."
- "Ja, dort kann man sich waschen."
- "Wer ist verletzt?"
- "Wasser gibt es bei dem zweiten Eingang."
     Ich suche nach diesem Kaffee, der Topf in der Hand. Es gibt ihn. Und auch Äpfel. Brot. Ein richtiges, dunkles Brot. Die Menschen schauen auf ihre Hände, in denen sie Brot und schwarzen Kaffee halten und glauben es nicht. Sie kommen zu ihren Familien zurück, verlaufen sich, essen unterwegs. Und unterwegs vermischen sich Verzweiflung und Trauer mit Freundlichkeit und Pfiffigkeit; Freude und Gelassenheit mit Wahnsinn und Hilflosigkeit.  Die Menschen gehen herum in der Suche nach Wasser,  Essen,  ihren Nächsten, von denen sie seit Wochen nichts mehr wissen, und Orten, in denen sie vor einem Moment ihre Familien zurückließen. Alle gleich - der Alter ist nicht zu erkennen. Und trotzdem, dass sie sich in einer verachtungsvollen Lage befinden, dass sie auf einer Tenne existieren müssen, versuchen sie sich irgendwie zusammenzureißen. Jemand versucht sich schon zu waschen, jemand anders macht Ordnung in seinem Koffer, ein anderer wiederum zieht ein Kissen heraus, jemand hilf einem anderen aufzustehen.
     Es fingen Gespräche über Erlebnisse an, Austausch von Informationen und Vermutungen.
     Wir machten uns ein Strohlager. Danka kam von der Erkundung zurück. "Das ist URSUS, ein Unterlager in Pruszków." Sie fand die Erste-Hilfe-Station und schickte mich dorthin mit meinem verletzten Finger, der nicht heilen wollte. Sie machten mir dort einen Verband, reinigten die Stelle, ich gab keinen Ton vor sich, so fasziniert ich von den sauberen, freundlichen und gewandt handelnden Menschen war.
     Pippi machen ging man nach draußen. In einer Entfernung vor dem Eingang konnte man die Silhouette einer riesigen Kanone erkennen. Ich erinnerte mich sofort an die "Kuh", die mich in der Pańska Straße zugeschüttet hatte. Der Kanone entlang spazierte ein Wächter, zwischen der Kanone und der Wand verrichteten Menschen ihre Notdurft und versuchten, sich gegenseitig nicht anzugucken.
     Am Morgen trieben sie uns aus der Halle heraus. Aus der Dunkelheit gingen wir plötzlich auf einen sonnigen Hof. Und wir fielen in die Hölle hinein. Schreiende Uniformierte und solche, die Tirolerhüte trugen, griffen uns von gegenüber an.
     Ich klammerte krampfhaft an meiner Mutter, entsetzt, betäubt von dem Geschrei. Ich wusste, dass innerhalb von einem Moment etwas Entscheidendes passieren sollte, ich wusste nicht, was; aber ich wusste, dass ich mit meiner Mutter zusammen sein musste, selbst wenn sie uns umbringen sollten. Ich sah über mir ein geöffnetes Maul unter der Soldatenmütze und hörte meine Mama und Danka gleichzeitig schreien:
- "Tuberkulose!"
     Der große Deutsche zerrte Danka an den Arm und schubste nach rechts. Ein Zivilist in einem Tiroler Hut sprang hin und griff Danka an ihrer Hand.
- "Saświadczenie jest!?" (?Die Bescheinigung!")
- "Hier!" - meine Mama wedelte mit irgendwelchem Zettel. Der Tiroler schubste Danka zusammen mit uns nach links; er fluchte gleichzeitig:
- "Schnell, schnell, zum Teufel!"
     Die Schreie der Deutschen blieben hinter uns, genauso wie verzweifelte Schreie und Weinen der Menschen, die voneinander getrennt wurden. Wir wurden in dieser Zeit schon in einen Wagen gedrängt.
     In diesem allgemeinen Chaos gelang es uns, in einen genau solchen Plattformwagen einzusteigen, wie ein Tag zuvor, auf denselben Platz sogar. Von dort aus schauten wir auf das, was vor der Halle passierte. 
     Es wurden neue Gruppen in die Wagen gedrängt, und auch viele andere irgendwohin weggebracht.  Sie zerrten die Menschen an Armen oder Händen, wo auch immer und schreiend schubsten sie vor sich hin, nach links oder nach rechts. Zwischen den Deutschen gingen Zivilisten mit Armbinden von RGO (Zentrales Hilferat) oder PCK (Polnisches Rotes Kreuz) hin und her, oder sie standen aufmerksam beiseite. Sie mischten sich plötzlich in dieses Chaos ein, schrieen genauso laut wie die Deutschen, verursachten ein noch größeres Durcheinander, und in der ganzen Verwirrung griffen nach Menschen und "schmuggelten" viele nach links, zu uns - auch von diesen, die schon in die Richtung "nach rechts" eingeteilt worden waren.
     In dem Wagen kamen die Menschen nach diesem Schock zu sich. Manche weinten, manche beteten. Meine Mutter versteckte den Zettel, der uns gerettet hatte, der tatsächlich eine Röntgenbescheinigung war, aber es stand dort deutlich geschrieben: ohne Befund. Wir wussten nicht, wohin sie uns transportieren wollten. Vielleicht war es sogar schlimmer, dass sie uns "nach links" geschubst hatten? Jedoch irgendwie wussten wir, dass "nach rechts" einen Lager oder Zwangsarbeit bedeutete - also das Reich. Und wir hatten Chance, in Polen zu bleiben.
     Am Abend starteten wir. Und wieder Vermutungen, Überlegen, in welche Richtung. Dann endlich: Brwinów, Milanówek, Żyrardów. Auf den Gleisen, an den wir vorbeifuhren standen kleine Menschengruppen und die Deutschen, die mit Gewehr auf die Wagen zielten.
     Skierniewice. Und wieder diese Menschengruppen. Wenn der Zug langsamer fährt, laufen diese Leute auseinander und dann den Wagen entlang. Sie strecken ihre Hände zu uns, in denen sie etwas halten. Sie werfen uns Brot, Äpfel in den Zug hinein. Damit jemand es fangen könnte. Der Zug hält an. Die Leute geben uns Essen, gießen aus Kannen in die zu ihnen gestreckten leeren Gefäße heißen Kaffee, tauschen Becher aus. Sie laufen in dem Bahnsteig so schnell, wie es nur geht, damit sie schnell alles loswerden. Aus den Wagen geben die Menschen auf Stückchen Papier Informationen und Adressen, damit die Familien informiert werden, dass sie leben. Die aus dem Bahnsteig rufen, dass der Transport in die Richtung Kielce fährt, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, dass wir überleben werden, dass die Front aus dem Osten und aus dem Westen kommt, dass es nicht mehr lange dauern würde.
     Wir starten. Wir lassen den Bahnsteig mit zu uns gestreckten Händen und auf uns zielenden Waffen, hinter uns.
     Der Vollmond. Der Mond scheint wie verrückt und holt aus der Dunkelheit Gesichter: die schlafenden, wachenden, weinenden und die ohne Ausdruck; und die Augen: die starr blickenden, strahlenden, toten. Ich knabbere an dem Kohlblatt und atme eine duftende, feuchte Luft ein. Ich sitze auf etwas, es ist sogar annehmbar, obwohl der eiserne Beschlag sich tief in meine Rippen schneidet. Es gibt keine Möglichkeit, anders zu sitzen. Manche Menschen stehen die ganze Zeit lang, indem sie sich aneinander anlehnen, die anderen sitzen abwechselnd. Es ist kalt. In Skierniewice waren wir an der anderen Seite, nicht am Bahnsteig, und der Kaffe reichte für uns nicht aus. Ich halte jetzt einen Becher in der Hand, falls es eine Möglichkeit gäbe, etwas Warmes zum Trinken zu kriegen. Aber der Zug fährt an den Bahnhöfen vorbei, auf denen nur die Deutschen zu sehen sind; und er hält nur auf den Feldern an. Dann hört man öfters Feuergarben. Anscheinend versuchte jemand zu fliehen. Oder es sind Schreckenschüsse. Denn die Leute haben Angst zu riskieren. Obwohl... jemand sprang vielleicht raus. Es wäre einfacher, wenn es den Mond nicht gäbe. Ich halte den Becher in der Hand. Vielleicht gibt es bald einen Bahnhof?
     Doch! Es gibt! Die Menschen auf dem Bahnsteig laufen so, wie diese in Skierniewice. Der Zug fährt langsamer, sie strecken zu uns die Hände: ihre sind voll, unsere - leer. Sie laufen so schnell, wie viel Kraft sie nur haben, werfen Scheiben Brot, Äpfel, ohne zu gucken.
- "Gott, noch ein wenig langsamer!"
- "Noch."
- "Es geht nicht."
- "Sie hielten nicht ein, die Schuften!"
     Der Zug wird schneller. Nahe an den Wagen sind noch Helmen der gleichgültig sprechenden Deutschen und hinter ihnen hilflos gestreckte Hände zu sehen. Sie sind verschwunden. Und wieder Nacht, Mond, Felder, Wälder, Rattern des Zuges.
     Am Morgen halten wir auf einer hohen Aufschüttung an. Der Mond gibt es nicht mehr, es ist dunkel. Man hört nur leichtes Pochen.  Kaum sichtbare Schatten reißen sich von dem Wagen los, mit Sprüngen erreichen sie den Aufschüttungsrand und verschwinden dahinter. Die Stille. Wieder riss sich eine Silhouette von einem Wagen ab und verschwand in der Dunkelheit. Und wieder. Jetzt kann man es besser sehen: eine Frau in einem hellen Mantel zieht ein kleines Kind mit. Noch jemand. Sie verschwinden hinter der Aufschüttung aber zugleich erkennt man ihre laufenden Gestalten. Hauptsache: weit weg von dem Zug. Wir hatten schon unsere Sachen in den Händen. Meine Mutter flüsterte:
- "Maria, Mutter Gottes wird uns helfen!"
- "Tatatatata...tatata...tatatatata...tatatata...ta...".
     Sie haben alle erschossen. Das Kind auch. Wir alle guckten darauf stumpf, emotionslos, wie im Kino.
     Uns hat die Mutter Gottes geholfen...
     Im Morgengrauen kamen wir auf den Bahnhof von Tschenstochau an. Wieder fuhren wir unter strenger Bewachung hin und her, um endlich in der Reihe mit anderen leeren Zügen und Güterzügen anzuhalten. Wieder hörte man unter den Gebeten an Mutter Gottes Königin der Polonischen Krone scheue Ideen zu flüchten. Es gab nicht so viele Deutsche mehr, viele normale Menschen, Eisenbahner gingen hin und her. Man würde bestimmt einen Bekannten finden.
     Aber wir hatten es schon genug. Was kommt, das kommt. Sie fahren uns in den Süden, vielleicht würden wir in die Berge gelangen. Und dort war fast wie zu Hause.
     Den Wagen entlang ging ein polnischer Eisenbahner. Er hielt an, schlug Hilfe vor. Meine Mutter zögerte. Die Gelegenheit nutzte eine Nachbarin mit einem kleinen Mädchen mit langen Zöpfen. Der Eisenbahner ging weg. Nach einiger Zeit kam er zurück. Die Nachbarin sprang über die Puffer nach unten. Hinterher sprang die Kleine aus. Wir gaben ihnen ihre Bündel. Der Mann nahm nur einen - mehr erlaubte er nicht. Sie gingen heimlich unter einem Wagen des Zuges, der auf dem Nachbargleis stand. Auf der anderen Seite nahm der Eisenbahner die Frau an der Hand und sie gingen alle drei laut sprechend durch einen Ausgang neben einem Kiosk in die Stadt.
     Es gelang. Es war schade, dass wir uns nicht entschieden, aber vielleicht war es besser so?
     Wir starteten. Wohin? Was für Ortschaften sind das? Es gibt eine Information, dass wir zur Grenze mit dem Reich fahren. Aber niemand weiß, wo die Grenze ist. Die Leute sind verzweifelt. Auf einem zufälligen Halt sprang am hellen Tag aus dem Zug eine ganze Menschengruppe - mit ihren Sachen und Kindern heraus. Sie liefen, ohne sich zu verstecken, in einen kleinen Wald. Es wurde geschossen, aber irgendwie mit Verspätung. Die Menschen schafften es, unter den Bäumen zu verschwinden. Niemand lief ihnen nach, niemand mehr schoss auf sie. "Vielleicht sind wir schon in dem Reich und die Deutschen wissen, dass die Flüchtlinge sowieso gefangen werden?"
     In Tschenstochau fing es an, leicht zu regnen, aber in Szczakowa kamen wir im heftigen Regen an. Sie ließen uns auf einem Gleis stehen, über dem eine Rinne des Bahnhofsgebäudes lief. Die Rinne war nicht dicht, und außerdem konnte sie solche Wassermengen nicht aufnehmen, daher goss die Strömung kalten Wassers direkt auf uns, insbesondere auf diese, die gleich an der Wagenwand standen. Es goss also. Und wir konnten nichts dagegen tun: wir konnten weder beiseite gehen noch uns zudecken. Sowieso war alles schon längst durchnässt. Wir steckten also hoffnungslos auf unseren Plätzen und es goss. Vielleicht würden sie uns hier ausladen?
     Nein. Wir starteten. Trzebinia. Also doch Krakauer Region. Nein. Ein Ruck. Von der Zugspitze fuhr am Nachbargleis die Lokomotive. In dem Fenster sahen wir traurige, müde Gesichter des Lockführers und seines Gehilfen. Ich weiß nicht, warum, aber es wurde uns unbehaglich.
     Wir starteten in die Gegenrichtung, aber gleich bogen wir in den Süden ab. Es war leer. Es gab weder einen Bahnhof, ein Dorf noch Menschen. Der Zug wurde immer schneller, raste mit einem schrecklichen Gepolter durch einen feuchten Wald. Ein schrecklicher Verdacht stach mich ins Herz: irgendwo hier liegt Oświęcim (Auschwitz).
     Der Zug wurde langsamer, hielt an. Durch den Wald ging ein Eisenbahner mit schweren Schritten. Ein Pole? Ein Deutsche? Egal, man musste riskieren. Meine Mutter schrieb auf einem Zettel die Adresse meines Vaters im Offizierlager und eine Nachricht: "Wir leben, fahren ins Ungewisse. Tośka" Sie wickelte mit dem Zettel was Schweres um und warf das dem Menschen unter die Füße. Er ging vorbei, guckte nicht darauf. Schade.
- "Wo sind wir?" - er antwortete nicht.
     Der schweigende, vom Schreck ergriffene Transport startete. Wir fuhren schon schnell, als wir sahen, dass der Eisenbahner zurückging.
     Es hörte auf zu regnen. Wir fuhren langsam in einen menschenleeren Bahnhof hinein. Von dem Bahnhofsgebäude trennte uns nur ein sehr breiter mit Platten ausgelegter Bahnsteig. Unter uns herrschte eine vollkommene Stille. Aus dem Gebäude ging ein Einsenbahner heraus in Begleitung eines Deutschen, der in einer Entfernung von ihm ging. Er ging in die Richtung des Zuges. Wir alle schauten ihn erwartungsvoll an. Es schien uns als ob er was sagen wollte, aber doch nicht, wir hörten nichts.
     Die Lokomotive mit denselben beiden schweigenden Lockführern fuhr vorbei.
- "Wo sind wir?"
- "Was für Bahnhof ist das?"
     Das Schweigen. Plötzlich kam von irgendwo an der Zugspitze der Name der Station: OŚWIĘCIM.
     Der Zug startete langsam, mit einem breiten Bogen durch nasse Wiesen. Aber das war kein ruhiger Transport mehr. Die Angst und Verzweiflung, das Weinen und Geschrei, Flüche und Gebete. Wir hörten das Klopfen in die Wände aus dem großen bedachten Nachbarwagen - sie wussten noch nicht, was los war. Die Familien verabschiedeten sich voneinander, hielten sich krampfhaft an den Händen, guckten sich gegenseitig starr an. Das alles wurde durch einen plötzlichen schrillen Schrei durchbohrt. Und noch einer. Manche versuchten sogar, logisch zu analysieren - als ob in den Taten der Übermenschen irgendwelche Logik wäre.
- "Es geht doch nicht, dass sie uns alle verbrennen würden."
- "Wo sind die vorige Transporte? Ist irgendeiner hier schon angekommen?"
- "Sie können es doch nicht geschafft haben, so viele Tausende Menschen zu..."
     Wir fuhren auf eine Rampe hinauf. Eine Hälfte des Zuges befand sich hinter dem Tor, unter dem hölzernen Wachturm. Die andere Hälfte - darunter wir - blieb an der Außenseite des Lagers stehen. Der Zug hielt an. Es herrschte eine grauenvolle Stille. Die Deutschen stellten sich bei den Wagen auf. Wir warteten auf einen plötzlichen Schrei der Befehle, Hundebellen und die nächste Stufe der Hölle, die uns zu dem letzten Ofen namens KREMATORIUM führen sollte. Aber nichts passierte. Hinter dem Tor sahen wir hinter dem Drahtzaun an der linken Barackenreihe einige Gefangene in Sträflingsanzügen.
     Trotz der offensichtlichen Situation war ich sicher, dass wir dort nicht bleiben würden. Aber mein Hals war zugeschnürt.
- "Es gab schon hier einen Transport, alle gingen direkt in den Ofen."
- "Die Russen zerstörten ihnen den größten Ofen vor zwei Tagen."
- "Sie haben keinen Platz, wo sie uns verbrennen könnten, wir warten."
- "Sie wollen uns erst psychisch fertig machen, die Schufte."
     Es gab Ideen, Informationen, aber weiterhin passierte nichts. Eine stumpfe Resignation ergriff uns. Wir schauten absichtlich in den Himmel hinein, der sich im Westen aufhellte. Wir waren schon auf das Ende vorbereitet. Und wir warteten.
     Und... der Zug startete. In die Gegenrichtung. Baracken, Tor, Deutsche, Hunde - alles immer weiter weg von uns. Rund herum war alles leer, nasse Felder, nasses Gebüsch.
- "Sie machen uns fertig auf diese Weise. Sie fahren uns ein Stückchen weg und dann zurück. Bis wir verrückt werden."
- "Dann verbrennen sie uns sowieso."
- "Bevor wir die Rampe erreichten, stürzten sich sieben Personen unter die Räder."
- "Einige sind schon verrückt geworden."
     Diese Sätze wurden ruhig, ohne Emotionen, sächlich gesprochen.
     Es erschienen irgendwelche Häuser, Hügel weit weg vor uns, irgendeine Ortschaft, normale Menschen auf den Straßen, die uns aufmerksam betrachteten. Ein kleiner weißer Bahnhof. Wir hielten an. Keine Deutschen waren zu sehen. Aus den Fenstern des Bahnhofs gaben uns die Menschen irgendwelche Zeichen. Wir reagierten nicht.
     Wieder - die Lokomotive, schweigende Lockführer und die Fahrt zurück.
     Wieder - unterdrückte Verzweiflung, Schluchzer, Gebete.
     Wieder - nasse Felder und Büsche.
     Wieder - die Hügel weit weg, das Lager nahe dran.
     Wieder - ein Halt.
     Dieses Mal fuhr die Lokomotive sehr schnell an uns vorbei. In die Gegenrichtung. Die Häuser, Hügel, Ortschaft, Menschen, der weiße Bahnhof. Wir hielten an. Die Lokomotive fuhr ein weiteres - wir zählten nicht mehr - Mal an uns vorbei, aber diesmal waren die Lockführer irgendwie lebhaft. Die Menschen aus dem Gebäude riefen uns etwas heftig zu - aber wir guckten sie an, als ob es uns nicht mehr betreffen würde, als ob wir die andere Seite schon erreicht hätten. Und wir begriffen nicht, was sie uns sagen wollten. Übrigens fuhren wir wieder zurück, in die Richtung Lager.
     Ich beobachtete aufmerksam den Weg - es gab irgendwie mehr Häuser... und Bäume, wir fuhren schon einen Stück und es gab kein nasses Feld.
- "Wir fahren einen anderen Weg" - meinte ich laut.
     Sie guckten mich mit Mitleid an, jemand flüsterte:
- "Armes Kind."
- "Aber wir fahren wirklich einen anderen Weg" - beharrte ich, weil ich es mir sicher war - "diese Hügel gab es nicht sondern ein Feld."
Niemand hörte mir zu, also sprach ich halblaut zu mir selbst:
- "Es gab diese Häuser nicht, es gab diesen Bahnhof nicht..."
Endlich fiel es jemanden auf:
- "Sie hat recht! Hier gibt es irgendwelche Dörfer und Berge. Es gab keine Berge!"
     Die Aufmunterung steigerte, die Menschen bohrten sich durch die Verzweiflung durch, sie schauten aufmerksamer.
     Die Freude ergriff plötzlich alle - wir lebten, es gab Berge, Menschen gingen, Häuser standen, die Sonne ging unter, Tiere weideten - das alles gab es wirklich und konnte uns betreffen!
     Die Menschen begrüßten sich wieder, wie nach einer langen Trennung, zogen das Essen, das sie noch da hatten, heraus und teilten es mit ihren Nachbarn mit. Sie weinten und beteten - diesmal vor Freude. Jemand gratulierte meiner Mutter, dass die Töchter weiter leben werden, dass sie gerettet waren.
     Zurzeit hatten aber die Geretteten gar nichts zum Essen. Der Kohl war schon längst alle. Natürlich war der Hunger in dieser Situation nicht wichtig, am wichtigsten war, dass es nach Bergen duftete, aber trotzdem...
     Wir hielten in Wadowice an. Vielleicht laden sie uns hier aus? Doch nicht. Es gibt keinen Befehl. Aber jetzt können wir warten, kein Problem.
     Auf dem Bahnhof - eine Menschenmenge - es kam ein überfüllter Personenzug an. Die Menschen strecken sich aus den Fenstern hinaus und winken uns zu:
- "Haltet durch!"
- "Es wird nicht mehr lange dauern!"
- Wo fahren sie euch hin?"
- "Sie werden euch in Sucha oder ein bisschen weiter bestimmt gehen lassen!"
     Gegenüber von uns steht ein Abteil "Nur für Deutsche".  In dem Fenster zwei Zivilisten, die Blondinen packen ihr Frühstück aus dem Papier aus. Sie sind neugierig.
- "Was ist das?"
- "Warschau" - knurrt jemand voller Hass.
- " Och, Warschau!" - schreien plötzlich diese beiden. Blitzschnell wickeln sie ihr Frühstück wieder ein, werfen zu uns und rufen:
- "Wir aus Tschechoslovensko! Wir Tschechen! Na! Fang mal! Für die Kleine! - sie überprüfen, ob ich fing. Sie werfen ein zweites Brötchen. Sie greifen hinter sich nach mehr Essen, Obst und werfen das alles uns zu, aus dem Zug, der schon startet.
- "Warschau! Warschau!" - rufen sie und winken uns mit beiden Händen zum Abschied.
     Das Brötchen war mit Butter und Schinken. Wir hielten es wie ein Juwel in der Hand, und starrten über eine längere Zeit an, bevor wir zu essen anfingen.
     Es wurde dunkel, als wir dabei waren, in die Berge hinein zu fahren. In den Schluchten rumorte das vervielfältigte Rädergepolter, auf den Kurven schlugen uns nasse Zweige in die Gesichter.  Ich griff nach ihnen, um sie zu fangen, einen Blatt abzureißen, um die Sicherheit zu gewinnen, dass es wahr war. Ich wusste, dass wir in die Berge fuhren, in den Bergen befand sich Bukowina. Es hieß, jetzt würde schon alles gut sein.
     In der Nacht, in den Regenströmen erreichten wir Chabówka. Die Wagen wurden geöffnet. Man durfte gehen - aber wohin? Vielleicht würden sie uns noch weiter fahren, näher dran an Zakopane. Für Fall der Fälle flüchteten viele Menschen, nachdem sie schnell ihre Bündel nahmen. Die anderen sprangen heraus, um ein Stück zu gehen und endlich nach all den Tagen, eine Toilette zu finden.
     Es gibt keine Toilette. Die Deutschen erlauben uns nicht, uns zu entfernen. Wie dem auch sei - dem Gleis entlang - eine Reihe von erniedrigten Menschen im starken Regen.
     Am Morgen, an einem nebeligen, nassen, dunklen Oktobertag fuhren sie uns nach Mszana Dolna. Sie öffneten die Wagen und ließen uns aussteigen.
     Einige Wagen fuhren weiter. Wir stiegen aus. RGO Leute führten uns in ein nahe gelegenes Pfarrhaus, wo sie uns in die Räume verteilten. Auf Stroh, vielleicht sogar auf Pritschen lagen Decken. Obwohl es noch ein Tag war, brannte das Licht. Wir setzten uns in irgendwelche Ecke hin. Meine Mutter ging sich umsehen und vielleicht irgendwelche Informationen bringen. Wir bekamen heiße Suppe, Kaffee, Brot, endlich war es trocken, man konnte sich normal hinsetzen oder sogar hinlegen. Meine Mama kam mit einer Nachricht zurück, dass sie uns in die Dörfer, in die Familien der  Górale (Bergleute) verteilten, einzeln oder zu zweit. Sie gaben auch Arbeit, soweit es möglich war. Nach Bukowina war es sehr schwierig zu fahren, niemand wusste, wie die Züge fuhren, von dort aus fuhr der Zug nur nach Nowy Sącz man müsste nach Chabówka zurückfahren, dort versuchen, einen Zug nach Zakopane zu kriegen und weiter ausschließlich mit sich selbst rechen. Sollten wir noch diese letzte Anstrengung über uns bringen und dahin gehen, wo die Landsleute waren? Aber wenn es dort noch schlimmer war? Die Górale unterschrieben eine "Góralenvolksliste" -  vielleicht war es dort gefährlicher als hier? Hier waren sie auf uns vorbereitet, und dort? Vielleicht gab es dort noch mehr von solchen wie uns und es würde ihnen schwierig sein, wenn noch wir dazukommen würden?
     Im Endeffekt siegten die Erschöpfung und Angst vor dem Ungewissen. Was soll's - wir blieben.
     An demselben Tag fuhren die Lastkraftwagen und Fuhrwerke die gequälten Warschauer in die Dörfer, die wie verloren in den Bergschluchten lagen.
     Aus Mszana fuhren wir unter der Überführung durch eine breite Landstraße irgendwohin von den Gleisen nach rechts. Rechts von uns lief ein Zaun von einem riesigen Hofgarten, dann gab es irgendwelche Häuser; links von uns gab es einen Fluss. Ein Auto, das vor uns fuhr, bog nach links, nach oben. Wir fuhren weiter gerade aus, einem immer schmaler werdenden Tal und einem laut rauschendem Fluss entlang. Fast in einem Moment wurde es dunkel. Noch sahen wir direkt an der Straße eine weiße Wand - vermutlich eine Schule, noch ein großes Berghaus auf einer Böschung - aber nicht in solchem Stil, wie es Häuser in Bukowina gebaut wurden, und es wurde stockdunkel. Wir fuhren durch diesen rauschenden nassen duftenden Tunnel der Nacht zu den Menschen. Zu irgendwelchen Menschen, die selbst überhaupt nichts hatten - was konnten schon die Bergleute in den Dörfern haben, die die Welt vergaß? - aber sie warteten auf uns, um mit uns dieses nichts zu teilen. Denn wir hatten noch weniger.
     Das Dorf hieß Niedźwiedź. Es gab doch ein Gemeindehaus, einen Laden, eine Schule und eine Kirche. Und in dieser Kirche sagte der Priester Dechant Baradziej aus der Höhe Kanzel und seiner Majestät den harten, abgearbeiteten Menschen, dass jetzt die Zeit ist, damit sie halfen, damit sie die Warschauer aufnahmen, die aufgestanden waren, um die Freiheit für Polen zu erkämpfen, und die alles verloren hatten.
     Und er sagte noch, dass sie sich nicht wundern sollten, und verständnisvoll wären, denn diese Menschen wurden zwei Monate lang getötet: es wurden ihre Kinder, Eltern, Brüder umgebracht; sie waren zwei Monate lang so wie in einer Todeszelle und konnten deswegen krank sein... na... so wahnsinnig.
     Niedźwiedź war ein Dorf, das auf einer Stelle lag, in der sich drei Täler trafen. [...] Meine Zuflucht war ein Bergbauernhof von Herrn Białoń - dem Bruder von Tadeusz.
     Ich schlief auf einer Truhe, zwischen den Betten der Hauswirte. Ich stand um 5 Uhr morgens auf, wenn die Hauswirtin schon im Ofen heizte und unendliche Stundengebete sang. Ich schälte Kartoffeln, bereitete das Futter für die Tiere vor, räumte auf und trieb Kühe und Schafe in die Berge heraus.
     Ich ließ die Tiere bis zur Dämmerung weiden. Gegen Kälte hatte ich eine alte Jacke von der Bäuerin, gegen Regen - einen Sack, in dem früher Erbsen aufbewahrt wurden - aus dem ich mir eine Art Kapuze mit Umhang machte, indem ich eine Ecke nach ihnen hineinschob. Damit ich nicht fror, wanderte ich die ganze Zeit hin und her und sang Lieder - Pfadfinderlieder, Aufstandslieder und alle, die ich noch im Kopf hatte. Ich sah immer in die Richtung Turbacz, denn dort, hinter Turbacz war Bukowina. Es schien mir, wenn man sich zusammenreißen würde, könnte man dorthin auch zu Fuß gehen - ich war mir der Entfernung überhaupt nicht bewusst.
     Ich lernte, in der Bergsprache in die Nachbargipfel zu rufen und freute mich sehr, wenn mir jemand antwortete. Wir riefen uns manchmal einige Personen zusammen, machten einen Lagerfeuer, damit wir unsere steifen vor Kälte und andauernd nasse Hände erwärmten und die Neuigkeiten aus dem Dorf austauschten.
     Dass bei der Familie Zapała Deutsche waren, aber Kazek sprang durch das Fenster heraus, und sie ihn nicht fingen; dass in Konin die "unseren" in der Nacht ins Dorf kamen, jemand verriet sie, es gab Schießerei, sie brachten einen Deutschen um, und angeblich auch diesen, der sie verraten hatte. Von ihnen wurde nur einer verletzt. Sie fuhren zum Arzt - Herrn Hozer und nahmen ihn mit in den Wald. Wer weiß, was jetzt die Deutschen tun.
     Von dort aus, von oben, konnte man sehen, was auf der Straße aus dem Gutshof nach Niedźwiedź los war. Manchmal fuhren die Deutschen mit dem Auto irgendwohin, manchmal fuhren sie mit dem Motorrad mit einem Anhänger, an den ein (?) befestigt war, manchmal gingen sie - eine kleine Streife - irgendwohin zu Fuß. Aber meistens saßen sie ruhig im Gutshof.
     Abends mahlte ich Roggen mit der Handmühle und lief heimlich zu meiner Mama und zu Danka. [...]
     Kartoffelschälen war nicht einfach für mich. Ich war an ein Messer  - einen Kartoffelschäler mit einer Ritze bei der Klinge gewöhnt. Man konnte damit fein und sicher Kartoffel schälen. Hier hatte ich zur Auswahl ein scharfes aber abgenutztes Taschenmesser oder ein riesengroßes schartiges Küchenmesser. Ich verletzte mich immer mit diesen Messern, schnitt die Kartoffel zu dick - gut für die Tiere, schlecht für mich. Ich versuchte die Großmutter Białoń nachzumachen, die die Kartoffeln mit einem Schnitt schälte, so dass in den Korb nur eine lange spiralförmige Schale fiel. Mir gelang es nie. Einmal starrte ich so eine von dem Messer der Großmutter fallende Schale an und sagte unbedacht:
- "Och, super! Genauso wie kleine Würstchen!"
Hinter mir quietschte die Tür.
- "Würstchen, Würstchen" - knurrte die stimme von Frau Białoń - "Ihr habt dort Würstchen gegessen und wir wussten nicht mal, was das war. Es geschieht euch recht. Jetzt habt ihr auch nichts mehr."
Meine Tränen fielen auf das Messer und die geschälten Kartoffeln hinunter.
     Nicht lange danach wurde es besser - meine Mutter nahm mich zu sich. Zu sich, heißt, zu Herrn Tadeusz Białoń. Da gab es Mädchen - die älteren von ihnen kümmerten sich um sie jüngeren, die ständig lachende Hauswirtin und einen über all die guten Frauen herrschenden Hausherr. Das war ein Haus voll Leben und Freude. Und meine Mutter war dort. Die Mutter, die sich um die Kleinen kümmerte, die die älteren unterrichtete und wie jedes andere Familienmitglied alles tat, was man tun musste.
     Ich schloss mich natürlich all den Arbeiten ein, wobei ich nicht mehr die Schafe auf die Wiese führen und ich nicht mehr nach draußen arbeiten gehen musste. Den Roggen in der Handmühle mahl ich weiter, aber nicht mehr alleine, sonder mit einer der Mädchen. Es war leichter, obwohl wir für 14 Menschen und nicht nur für 4 mahlen mussten. Zum Essen gab es für uns alle jeden Tag dasselbe. Genauso wie bei der anderen Familie Białoń und bei den Bauern, die neben dem Gutshof wohnten - das war einfach die einzige Nahrung in der Region: der Brei. Der Brei das war Roggenmehl dick mit Wasser gekocht. Man tat es in einen großen Tontopf ein und goss darüber kalte Milch. Wir aßen den Brei zum Frühstück, Mittag und Abend. Am Sonntag gab es manchmal Weizenbrei. Manchmal gab es auch Kartoffeln zum Abendessen, sie waren ganz gekocht, keine Stampfkartoffeln. Man bekam dazu jeweils einen Krug Milch. Man aß selbstverständlich aus einer gemeinsamen Schüssel, mit hölzernen Löffeln. Die Löffel wurden an den langen Abenden nach dem Essen selbstgeschnitzt. Manchmal aßen wir auch gekochte Rüben - die mir bisher unbekannte Bodenerzeugnisse. Alles schmeckte mir und nichts wunderte mich - nach der Gerste, die mit schmutzigem Wasser gebrüht wurde.
     Eine Delikatesse waren Kartoffelpuffer aus "bloßen" Kartoffeln oder Fladen aus Mehl, das man mit Wasser vermischte und direkt auf dem Ofenblech buk. [...]
     Am interessantesten waren die Abende. Nachdem die Tiere und Menschen zu Abend gegessen hatten, saßen alle in der Küche um eine Öllampe. Die kleinen Mädchen zeichneten etwas, die älteren übten das Schreiben und Rechnen und kümmerten sich um das Baby, die ältesten strickten, nähten, wuschen Wäsche (in der Waschlauge), oder bügelten mit einem Kohlbügeleisen. Herr Białoń reparierte Kummete oder irgendwelche Hausgeräte, Frau Białoń hatte auch immer was zu tun. Und alle wuschen sich nacheinander und hörten aufmerksam und mit Interesse den Erzählungen meiner Mutter zu.
     Meine Mutter war Lehrerin - von Beruf und von Berufung. Sie spezialisierte sich in der polnischen Sprache und in der polnischen Geschichte. Mit ihrer riesengroßen Erfahrung, Wissens- und Beobachtungsbestand konnte sie vielleicht auch ein Interesse in einem Stein aufwecken. Man hörte ihr atemlos zu und außerdem blieb das alles irgendwie in dem Inneren der, die zuhörten. [...]
     Ich schlief mit den ältesten Mädchen auf dem ersten Stock in einem Zimmer mit der Veranda. Es war schrecklich kalt dort, anstatt von den Fensterscheiben gab es Bretter, aber wir hatten dicke Decken, irgendwelche alte Pelze und  eigene Betten. Zwar konnte man auch in der Küche schlafen, wenn es wirklich richtig kalt war, aber es war eng und stickig dort. Und hier oben war es noch geheimnisvoll dazu.
     Spät am Abend liefen wir mit einer Kerze, die im Wind erlosch - oder auch ohne Kerze - rund um das Haus durch den Garten herum (es war der einzige Weg dorthin), kicherten und versuchten uns gegenseitig Angst einzujagen.
     Wir stürzten nach oben hinein und bedeckten uns mit allem, was es dort gab. Solange uns noch kalt war, erzählten wir uns schnell ausgedachte Gespenstergeschichten oder "was wäre, wenn jetzt plötzlich...". Manchmal, wenn es uns gelang die brennende Kerze nach oben zu bringen, las ich vor aus einem auf dem Dachgeschoss gefundenem Buch, das keinen Anfang hatte. [...]
     Meine Mutter versuchte für sich  Arbeit in der dortigen Schule zu organisieren. Wir mussten doch anfangen, normal zu leben. Danka arbeitete schon seit einiger Zeit in einem kleinen Krankenhaus in Niedźwiedź.
     Das Krankenhaus befand sich in einer weißen sehr schönen Ziegelvilla, die man gewöhnlich "Belvedere" nannte. Sie wurde auf dem südlichen Hang von Kotylica (?) gebaut, in dem Teil, der direkt über dem "Zentrum" von Niedźwiedź lag. Sie war ein Privateigentum von Priester Baradziej, der RGO Leiter für die Region war. Er gab seine eigene Villa für das Krankenhaus ab, das er auch selbst organisierte. Der einzige Arzt dort war Doktor Hozer. [...]
     In der Nacht vom 7. auf den 8. November brachen meine Mutter und ich zur Erkundung nach Bukowina Tatrzańska auf.
     Wir fuhren ohne Ende wahrscheinlich in der fünften Klasse. Es gab Abteilwagen, in jedem Abteil gab es eine Tür ohne Fenster, manchmal sogar gab es auch die Tür nicht. Den Wagen entlang gingen Stufen, auf denen Menschen, hauptsächlich junge Männer standen. Drin herrschte Chaos: Pakete, Körbe, alte Weiber in Kopftüchern, in Pelzen. Die Menschen stehen, sitzen auf den Schoß, ein Kind schreit, jemand betet natürlich, und die, die auf den Stufen stehen, und sich mit den vor Kälte und Anstrengung steifen und schon blauen Händen festhalten, überlegen laut, "was wäre, wenn plötzlich..." Sie sind wachsam, bei jeder Verlangsamung des Zuges bereit zu springen und in dem dichten Wald, der bis zu den Gleisen geht, zu verschwinden.
     In Poronin kamen wir gegen Mittagszeit an. Dann gingen wir zu Fuß nach Bukowina. Der Weg war gut. Es war kühl aber sonnig, bekannte Berge, die Deutschen eher nicht zu sehen. Für Fall der Fälle wanderten wir eher dem Berghang am Fluss als der Straße entlang. Hinter der Kreuzung in Richtung Małe Ciche gingen wir durch einen Pfad am Wald; und ich weiß nicht mehr warum, ließ mich meine Mutter für einen Moment stehen und ging in die nächste Hütte hinein. Am Anfang stand ich ruhig, dann unruhig, dann sehr unruhig und dann fing ich an, lauthals zu weinen. Ich fühlte mich plötzlich einsam, hinterher kam der erschreckende Gedanke, dass meine Mutter von den Deutschen festgenommen wurde. Aus dem Wald ging ein Bergmann heraus, vor dem ich mich erschreckte.
- " Na, was weinste denn? Ist die Mama weg? Brauchste doch net zu weinen! Die Mama kommt gleich zurück."
     Ich hörte auf zu weinen. Der Mann sprach eine Menschensprache, ruhig, er war halt da und es wurde sofort munter. Meine Mutter kam tatsächlich gleich zurück, sie sprach eine Weile mit dem Bergmann und wir marschierten weiter.
     Bis Krzyżówka kletterten wir über einen Stielhang, in dem roten Licht der untergehenden Sonne. Wir waren offenbar sehr entkräftet, denn wir gingen mit mühe, mit Pausen und auf den Berg kletterten wir schon bei der Dunkelheit.
     Die Familie Chowaniec erstarrte. Anfangs konnten wir uns nicht verständigen - wir fingen alle gleichzeitig zu sprechen, sprachen nicht zu Ende, fingen was anderes an und wieder Stop. Ergriffenheit, Überraschung, Müdigkeit, Freude, die Bewusstheit dessen, das trotz des Orkans, der tobte, etwas blieb wie es früher gewesen war - das alles wurde zu einem überwältigten Wirrwarr.  Endlich aßen wir etwas, erholten uns ein wenig und dann fingen Erzählungen an, oder eher der Informationsaustausch und Situation und Planbesprechung. Wir saßen in der Küche um die Öllampe. Herr Chowaniec schnitzte oder hörte aufmerksam zu oder erzählte selbst langsam und ruhig. Es war warm und wir waren in Sicherheit.
     In Bukowina blieben wir nicht.
     Ich war verzweifelt, verstand nicht, worum es ging, ich fühlte mich betrogen. Meine Mutter erklärte es mir: Bukowina war klein, man würde Fremde sofort bemerken. Die Deutschen verhafteten die Warschauer, es wurden Menschen in Zakopane verhaftet. Man wusste nicht, was von denen zu erwarten war, die die "Góralenvolksliste" unterschrieben hatten. Wir konnten unsere Freunde - Bergleute nicht in Gefahr bringen. Wir würden schon zu recht kommen. Der Orkan würde bald zu Ende sein. [...]
     In der Hälfte November kam ein Brief von dem Vater. Das war die Antwort auf eine Postkarte, die Danka auf Deutsch geschickt hatte, ohne Quittung, zum Glück aber mit einer Adresse. Der Brief war bitter, ratlos. Die Freude, dass wir lebten, überschattete die Trauer und Besorgnis um die Zukunft.
     Die Bewertung der Hierarchie von Ereignissen und Verlusten war dort bei ihnen auch anders als hier. Uns tat es nicht "am meisten um Andenken, Dokumente und Fotos Leid." Es gab gar keinen Platz in unseren Empfindungen für das Leid darum. Es gab hingegen eine sture Beharrlichkeit, um trotz der bestehenden Situation möglichst normal zu leben, und wenn es zu Ende wäre, nach Warschau zurückzugehen. [...]
     Um die Wende von November und Dezember zogen wir in ein eigenes Zimmer in dem Haus von der Familie Cichorz um. [...]
     Unser Zimmer befand sich hinter dem Kuhstall, es war also ziemlich warm dort. Aber vor allem war das kein Durchgangzimmer, sonder ein getrenntes Zimmer mit einer Tür in den Flur und einem riesengroßen Ziegelofen, dessen Kamin durch das ganze Dachgeschoss durchging. Die Ritzen in der Lehmdecke neben den Kamin ließen die Kälte und Mäuse herein, die in der Nacht direkt auf das Blech herunterfielen, und mit Piepsen sofort wieder nach oben flohen. Wir waren jetzt zusammen, es gab zwar weder was zum Essen, zum Anziehen noch etwas, womit wir heizen konnten - meine Mutter kriegte noch kein Gehalt - aber wir mussten nicht mehr das Gnadebrot essen. [...]
     Der Winter näherte sich. Wir dachten daran mit Angst. Was wir vor dem Aufstand mitgenommen hatten, war vor allem Sommerkleidung. Niemand dachte, es würde so lange dauern. Die Front war dort in Warschau zu hören - hier aber nicht. Die Deutschen machten sich breit, wie zuvor. Aber trotz allem wurde das Leben in unserer Familie gewöhnlicher. Meine Mutter unterrichtete in der Schule und ich fing auch an, zur Schule zu gehen. [...]
     Wir standen beide noch bei der Dunkelheit auf, wuschen uns mit kaltem Wasser und gingen durch die im Schnee hinterlassene Furche, wobei ich "in den Spuren" gehen sollte. Es hieß, ich sollte genau in die Spuren treten, die meine Mutter mit ihren Schuhen hinterließ. Dann wurden meine Sommerhalbschuhe nicht durchnässt. Das heißt, sie wurden natürlich durchnässt, aber der Schnee klebte an meine Beine über den Knöcheln nicht. [...]
     Die Situation war schlecht, aber nicht tragisch. Tragisch wurde sie am 21. Dezember: die Aussiedlung in das Dorf Korzenne bei Nowy Sącz. Es gab keinen Widerruf. Der Befehl war genauso überraschend wie kategorisch, von dem RGO Leiter, dem Priester Baradziej unterschrieben.
     Mit Zusammenpacken wäre es kein Problem gewesen, es gab nicht viel zum Einpacken, wir versuchten jedoch alles mitzunehmen - Strohsäcke inklusive.
     In einem wie üblich schrecklichen Gedränge kamen wir nach Nowy Sącz an. Meine Mutter ließ Danka mit den Sachen auf dem Bahnhof bleiben und wir beide liefen zum RGO oder vielleicht Kuratorium. In einem obskuren Zimmer fand ein nervöses aber kurzes Gespräch statt, der Befehl wurde sofort abberufen und wir liefen zurück. Am Bahnhof fuhr ein Zug nach Mszana gerade ab, wir drängten uns alle in der Eile und in dem Gedränge in einen Wagen ein, der Zug startete und erst dann stellte sich heraus, dass Danka fehlte. Dann ging eine mündliche Staffel durch die Wagen (denn man konnte selber nicht gehen): "Danuta Niedbalska, Danuta Niedbalska aus Warschau". Danka war nicht da. Wir kamen in Mszana bei der Dämmerung an. Wir drangen uns aus dem Gedränge heraus, meine Mutter bemerkte einen Wagen nach Niedźwiedź, überließ mich dem Fuhrmann zur Obhut - ich sollte zu Familie Cichorz fahren und warten, und sie sollte zurückfahren, um nach Danka zu suchen. Es schimmerte mir vor den Augen, mein ganzer Körper brannte und tat weh.
     Außerdem regnete es in Strömen, ich zitterte von Nässe und Kälte, und aus der Angst, dass unsere Sachen gestohlen werden konnten.
     Die Familie Cichorz war überrascht. Sie gaben mir etwas Warmes zum Essen und etwas Heißes zum Trinken, aber ich wollte nichts. Ich hatte einen Eindruck, dass sie mit unserer Rückkehr nicht zufrieden waren. Ich rollte mich auf einem Strohsack in unserem kleinen Zimmer und wachte die ganze Nacht lang.
     Am Morgen zwang mich Frau Cichorz, etwas zu essen und in der warmen Küche zu sitzen. Jacek (?) zog Buntstifte und Papier heraus und fing an zu zeichnen. Ich ließ mich jedoch nicht ablenken - ich saß am Fenster, durch das der Weg nach Niedźwiedź zu sehen war, starrte in die düstere Perspektive hinein und guckte mir Augen nach der Mutter und Danka aus.
     Sie kamen erst in der Nacht zurück. Sofort wurde es hell und sicher, in Anbetracht dessen ging mein Bewusstsein weg. Das, wie sie sich zusammengefunden hatten, erfuhr ich am nächsten Tag.
     Meine Mutter, nachdem sie mich auf dem Fuhrwerk gelassen hatte, drängte sich in den ersten Zug, der in die Richtung Nowy Sącz fuhr. Er fuhr in der Nacht trostlos langsam, umso mehr, dass es inzwischen mehrmals Schießereien ausbrachen. Endlich kam er in Limanowa an, und dort bemerkte meine Mutter auf einem Nebengleis einen Zug nach Mszana. Sie sprang also aus ihrem Zug heraus, lief dem anderen Zug entlang - ohne zu wissen, ob einer der Züge plötzlich starten und sie mitten in der Nacht in Limanowa stehen lassen würde - und rief:
- "Danuta Niedbalska! Danuta Niedbalska aus Warschau...!"
- "Ist da! Ist da! Niedbalska? Sie ist da!" - wurde ihr aus einem der Wagen geantwortet - "Steigt ein, die Dame!"
     Fremde Hände halfen ihr, in den startenden Zug einzusteigen und nach einiger Zeit Danka zu finden.
     Am Morgen kamen sie in Mszana an. Von dort aus fuhren sie mit einem durch Zufall getroffenen Wagen - mit einem Bauer, der etwas für Priester Baradziej brachte - nach Hause.
     Diese Tat von RGO hatte tragische Folgen. Meine Mutter bekam einen Anfall vom grünen Star. Sie verlor langsam Seekraft, obwohl sie schon auf beiden Augen operiert worden war. Die einzige Sache, die kommende Katastrophe aufhalten oder eher verlangsamen konnte, war die Ruhe... Medikamente gab es sowieso nicht.
     Wir verloren in diesem verdammten Gezerre unsere einigen Sachen. Aber wir waren wieder zusammen unter einem Dach.
     Und das war am wichtigsten.
     Weihnachten.
     Weder bevor noch danach haben wir solches Weihachtsfest erlebt: ohne Zuhause, ohne Weihnachtsbaum, ohne Essen. [...]
     Irgendwie räumten wir das Zimmer auf, sammelten Reisig, ich mahl selbst ein wenig Roggen. Es schneite frisch und es fror. [...]
     Der Heiligabend bei uns sah so aus:
1. ein kleines Brot,
2. Nudeln aus Roggenmehl, mit trockenem Mohn - solchem direkt aus der Mohnkapsel - und Zucker bestreut,
3. Gallapfel - der für immer in unserem Wortschatz und Heiligabend Menü geblieben ist.
     Und das alles an einer hohen mit einem Bettlaken bedeckten Sitzbank im Kerzenlicht. Ein Teller für den Vater - das nächste Weihnachten werden wir schon zusammen verbringen, oder? Das Feuer funkelte, wir sangen Weihnachtslieder [...].
     Ich ging immer seltener aus dem Haus. Es passierte etwas Merkwürdiges mit mir. Die angebliche Krätze entpuppte sich nicht als eine übliche Krätze sondern irgendwelche gemeine Krankheit. Der Ausschlag verbreitete sich über meine Zunge, Gaumen, Zahnfleisch. Ich konnte kaum essen - es war schon besser mit dem Trinken. Ich konnte vor allem saure Getränke trinken. Der Arzt kam zurück. Er diagnostizierte Schleimhautentzündung im Mund. Er verschrieb eine hochprozentige Wasserstoffsuperoxidlösung zum Gurgeln und Silberchlorid zum Pinseln. Ich würgte daran, es half auch nicht wirklich, aber wir bemühten uns.
     Der Frost ließ nicht nach.  Das aus dem Brunnen des Arztes gezogene Wasser bedeckte sich mit einer Eisschicht, bevor ich schaffte, es nach Hause zu bringen. Ich trug es zwar mit Pausen, da ich nicht imstande war, einen in " vollen Eimer zu tragen, aber trotzdem.
     Danka und ich gingen an den Fluss hinter das Dorf (?), Reisig zu sammeln. Durch blattlose Bäume konnte man sehen, was auf der Straße los war. Dank dessen sahen wir einmal die Deutschen, die vor unserem Haus anhielten. Wir versteckten uns im Gebüsch und warteten, was daraus sein würde. Die Mutter war nicht zu Hause - wollten sie sie holen? Wollten sie uns holen? Nach einiger Zeit fuhren die Deutschen weg. Aber wir saßen noch lange am Fluss. Endlich erstarrten wir und trauten zurückzugehen. [...]
     Die Mutter kam zurück und die Frage der Deutschen wurde geklärt: sie kamen, um das Essen zu holen. Frau Cichorz gab ihnen einen Sack Kartoffeln und irgendwas noch dazu. Meine Mutter konnte damit nicht zurechtkommen: die Deutschen bekamen einen Sack Kartoffeln, während uns ein Kilogramm verweigert wurde. Es gab mehr von solchen Unannehmlichkeiten. Meine Mutter bekam eine Ration von zwei Meter Holz zum Heizen. Es wuchs aber im Wald. Man musste es doch fällen und bearbeiten, wir waren wirklich nicht imstande, das selbst zu tun. Und niemand wollte uns helfen, selbst wenn wir die Hälfte von dem Holz als Bezahlung anboten.
     Es blieb uns also, an den Fluss zu gehen oder das Holz zu hohen Preisen kaufen, oder auch "gegen etwas" tauschen. Aber gegen was?
     Ich lag immer häufiger im Bett - wegen Kälte und Kraftlosigkeit. Der Ausschlag ging nicht zurück, ganz im Gegenteil: er verstärkte sich noch. Ich konnte kaum mehr essen und sprechen. Glücklicherweise konnte man den Brei fast flüssig kochen. Ich wollte nur saure Milch und Sauregurkensaft trinken. Und die gab es nicht. In Verzweiflung ging meine Mutter zu Priester Baradziej - er gab ihr ein halbes Glas Zucker.
     Von dem Vater kam ein Brief mit traurigen Weihnachtswünschen. Er konnte uns nicht helfen, und versuchte uns zumindest mit Hoffnung zu erfüllen. Sich selbst auch. [...]
     In der Hälfte Januar vegetierte ich schon die ganze Zeit im Bett. Meine Mutter hörte es schon längst auf, mich mit der Lauge zu quälen, sie pinselte mir nur den Hals und den Mund und versuchte mir ein wenig Brei aufzuzwingen. Man konnte nichts mehr tun. Bald fehlten auch die Wasserstoffsuperoxidlösung und dieses Silberchlorid. [...]
     Dazu kamen noch schreckliche Kopfschmerzen, die nichts anderes erlaubten als nur liegen, den Kopf mit irgendwas zugedeckt.
     Dann wurde es anders. Nachts waren Detonationen zu hören, jeden Tag stärker und öfter.  Die Front. Kommen sie denn zu uns, in die in den Bergen vergessene Schlucht? Oder werden sie vorbei gehen? Was werden die Deutschen tun?
     Die Deutschen machten natürlich die schlimmste Schweinerei. Sie blieben in dem Gutshof, und als die Kanonade schon wirklich nahe dran war, gingen sie aus den Schützengräben, die sich dem Wald in dem Berghang von Kotelnica erstreckten. (Dort, wo wir einen Weihnachtsbaum gesucht hatten). Sie waren also über und gegenüber von unseren Häusern. Um sich das Vorfeld freizumachen, gingen sie aus diesen Schützengräben heraus und setzten alles in Brand, was unten war.
     Die Panik brach aus. Die Menschen liefen aus den Häusern heraus, nahmen in der Eile das, was gerade da war, und trieben die Tiere heraus. Wir waren schon seit einigen Tagen bereit: angezogen, die Sachen zusammengepackt. Die Cichorz nahmen unser Gerümpel mit, versteckten es in einem der kleinen Keller hinter dem Holzschuppen und tarnten die Tür mit Holz.
     Wir flüchteten hinter das Dorf (?) in die Richtung des Flusses. Die Schufte schossen; wir liefen also über den zugefrorenen Fluss und versuchten uns im Gebüsch zu verstecken. Hauptsache: weit weg von dort, zu den Häusern, die auf der anderen Seite des Tals standen. An einem grauen Wintertag liefen die Menschen mit entsetzten Kindern und zusammengebundenen Bündeln, sie fielen in den Schnee hinein, suchten den kleinsten Schutz. Auf einem Berghang, der den Tal schloss erschienen plötzlich in einem geraden Abstand irgendwelche Gestalten: Soldaten? Partisanen? Russen? Sie verschwanden. Vielleicht waren das die Deutschen? Kreisen sie uns um? Die Schießerei hörte auf - was heißt das?
     Wir kletterten auf den Hang und schlossen uns in irgendwelcher Hütte ab. Aber schon sind Schreie der Deutschen, Weinen und einzelne Schüsse zu hören. Hinter dem Fenster laufen Menschen. 
- "Lauf weg! Sie gehen auf dieser Seite!"
- "Die Schufte legen Feuer! Sie setzen alles auf dieser Seite in Brand!"
- "Die Rüben brennen!"
     Wir springen aus dem Haus heraus und laufen nach oben, hinter die Scheunen, hinter den Zaun. Unten gibt es Rauch und Feuer. Eine Gewehrgarbe drückt uns fast zum Boden, dann die zweite. Zweige über unseren Köpfen fliegen weg. Wir pressen uns hinter einem zugefrorenen Graben in einem flachen Tal an den Boden. Das ist ein Bett von einem zugefrorenen Wildbach und wir liegen leider quer zu dem Fluss. Rund um uns herum liegen genau solche Gestalten wie wir, an den Schnee gedrückt - ganz deutlich für die Deutschen unter nackten Baustämmen zu sehen. Es gibt nicht mal Fichten. Daher schießen die Deutschen ruhig lange Garben - bei jeder Bewegung oder auch ohne.
     Die Stille. Es sind mehrere Schreie aus der Richtung zu hören, aus der wir kamen.  Die Stille. Jemand rückte näher an jemanden anderen heran, jemand anders hob vorsichtig den Kopf, jemand stand sogar auf. Sie diskutieren, gehen heimlich weg. Wir stehen auch auf. Heimlich und versteckt laufen wie zu den weit entfernten Hütten. Irgendwie schießen sie nicht. Eine Menschengruppe sammelt sich. Wir warten. Es ist kalt. Wir können aber nicht heizen, um die Aufmerksamkeit auf uns nicht zu ziehen. Angeblich schickten sie zu den Deutschen junge Frauen mit kahl rasierten Köpfen. Offensichtlich konnten sie diese verdammten Irren aufhalten, denn weiterhin herrscht die Stille. Die Menschen löschen schon ihre Häuser, kein neuer Brand ist zu sehen.
     Weiterhin wissen wir nicht, was wir tun sollen. Die Deutschen kehrten in die Schützengräben zurück, die Russen schweigen, obwohl diese Gestalten auf dem Witowa Berg, das müssen eben sie gewesen sein. Worauf warten sie? Und die unseren? Warum kommen sie nicht aus dem Wald raus? Man sagt, Herr Cichorz und noch einige Männer gingen in den "Księży las" (?Priesterwald"), um sie zu holen. Ein dunkler, nur durch den Schnee heller werdender Tag will nicht zu Ende gehen.
     Die Menschen rund herum sind gleichgültig oder sogar unfreundlich. Wir halten es nicht aus. Es scheint, dass es ruhig ist, daher versuchen wir, nach Hause zu gehen. Wir warten bis zur Dämmerung - sie dauert auch lange und wird durch den Schnee hell. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir müssen gehen. Wir gehen nach unten, rutschen und fallen in einem flachen Graben einer oft benutzten aber zugefrorenen Straße, die zum Fluss führt. Sie bemerkten uns. Sie schießen. Ein plötzlicher hoher Klang direkt neben meinem Kopf - Danka presst mich zum Boden. Der Graben biegt hier glücklicherweise leicht nach links, wir liegen also im Schnee hinter einem kleinen Erdehügel. Noch einige Schüsse. Und Stille. Wir kriechen nach unten hinter der Böschung, solange es möglich ist. Unten ist ein Holzklafter zu sehen. übrigens gibt es dort schon Häuser. Wir springen vorsichtig über den Zaun. Die Stille. Jetzt laufen wir durch ein kleines Feld zwischen einem Fluss und einem Zaun der neuen Schule in Poręba. Jetzt sind wir schon in Sicherheit. Von oben sind wir durch die Häuser verdeckt, die Dunkelheit wurde auch dichter. Der letzte Sprung durch die Straße neben unserem Stall und schon sind wir hinter einer Untermauerung aus großen Steinen.
     Der Stall ist der sicherste und wärmste Ort. Und da gibt es Tiere und Hühner - es ist angenehmer. [...]
     Wir wussten nicht, wie spät es war. Danka hatte zwar eine Uhr, aber es war zu dunkel, dass wir etwas sehen konnten.  Die Zeit dehnte sich und verkürzte jenseits von unserem Bewusstsein. Vielleicht dauerte es zehn Stunden oder vielleicht zwei? Vielleicht ist es vier Uhr am Morgen oder vielleicht auch elf Uhr am Abend? Die Schießerei wurde wieder heftiger, die Kühe muhen, obwohl sie Futter bekommen haben, sie haben wahrscheinlich Durst. Ein Mann machte die Tür einen Spalt weit auf, die Schießerei brach zusammen mit der frostigen Luft hinein und sprang hinter die Mauer wieder ab, sobald er die Tür zumachte. [...]
     Wieder verging eine Weile. Es war ganz still. Die Nacht und die Unsicherheit hatten kein Ende. Die Bergleute schwiegen in ihrer Ecke.
     Plötzlich spitzten wir die Ohren - ein Geräusch, immer näher, wieder ein scharrendes Geräusch.
     Ein leichtes Klopfen oben, bald danach scharrt etwas an die Tür.
- "Ich bin's" - hören wir die Stimme von Danka. Wir schließen die Tür hinter ihr zu.
- "Es scheint mir, dass sie kommen" - sagt sie leise und kriecht zu mir in den Hühnerstall hinein.
     In dem schwachen Licht hinter dem Fenster sind irgendwelche Schatten zu sehen, jemand zieht etwas, was rattert, mit dem Rücken zu uns, ein leises Knirschen von schweren Schritten, zerrende Geräusche. Wir warten auf... ist schon da. Das Klopfen ans Fenster und leise Männerstimmen. Auf jeden Fall sind das eher keine Deutschen. Ein langsames vorsichtiges Klopfen - diesmal an die Tür.
- "Eeeej! ...Ej!" - ein melodisches Flüstern an jemanden, der weiter weg steht - "nu dawaj, dawaj!" (?Na, mach mal schon!")
- "Nicht öffnen!" - ächzte die Bergfrau. Meine Mutter öffnete natürlich die Tür.
- "Kto zdies?" ["Wer ist da?"]
     Der Mann musste mit seiner Gestalt die kleine Tür völlig verstellt haben, denn es war genauso dunkel wie zuvor. Er verständigte sich mit meiner Mutter wahrscheinlich auf Russisch - und gleich wie in einem stummen Film: etwas bewegt sich rasch, obwohl nicht zu hören ist. Sie tragen etwas herein, jemand geht heraus, sie laufen am Fenster hin und her, sie bringen wieder etwas mit. Schwere, gedämpfte aber zahlreiche Schritte über uns - sie kamen in das Haus herein und gingen nach oben. Sie stellen etwas in der Mitte von dem Stall, ziehen etwas, montieren, wir hören leises Klopfen und gleich:
- "Liena Liena Liena... Liena Liena... Liena...Liena...".
     Ich konnte nicht verstehen, warum der Mann Russe sein sollte, wenn er Polnisch sprach, und warum er gerade jetzt mit dieser Frau Lena telefonieren mußte. Sie sind jetzt in dem Stall vielleicht zu viert: zwei bei dem Gerät, einer an den Hühnerstall angelehnt (er verstellte die ganze Tür) und noch einer ging ohne Pause draußen hin und her. In einem Moment wurde dieser von "Liena, Liena" munterer, fing an sehr schnell zu reden - es war doch kein Polnisch. Dieser eine ging hin- und heraus öfter als zuvor. Und in der bisher herrschenden vollkommenen Stille fing ein Orkan an. Es wurde aus allen Richtungen und mit allem geschossen: etwas Leichtes, Schweres, einzeln und Garben. Ich glaube, an der Ecke unseres Stalles stand ein schweres Maschinengewehr, ich hatte nie bevor die Garben so nahe dran gehört. Und durch all diese Geräusche drang ständig das eine durch: "Liena, Liena..." [...]
     Es wurde hell. Wir gewöhnten uns aneinander. Als sie das Maschinengewehr irgendwo anders hinbrachten, fingen Gespräche an. Meine Mutter gab ihnen irgendwelche Suppe, sie teilten mit uns Brot mit, das wir seit Langem nicht aßen. Nach den auf dem Blech gebackenen Fladen war das ein richtiger Leckerbissen. Die Hühner wachten auf und fingen an, hin und her zu gehen - überall. Ich setzte mich auf das Dach von dem Hühnerstall. Die Russen entdeckten Danka und sofort fing einer von ihnen an - ein Offizier vermutlich - mit meiner Mutter wegen Heirat zu verhandeln. Meine Mutter erklärte, dass Danka erst 17 wäre, aber nichts konnte ihn von der Idee abhalten: er sagte, er nähme Danka und uns beide zu sich nach Hause nach Sibirien, es gäbe dort wunderschöne Wälder, Berge, es wäre uns dort gut, sehr gut sein. Meine Mutter fragte uns nach unserer Meinung. Wir wollten nicht. Er strich mir mit seiner großen Hand über das Haar.
     Als es richtig hell wurde, konnten wir schon Gesichter und Dinge draußen voneinander unterscheiden. An der offenen Tür schliefen gequälte Soldaten direkt auf dem Schnee.
     Der älteste von "unseren" Russen, die Hörer auf dem Kopf, rief monoton die Zentrale auf. Ein Huhn kletterte auf seine Schulter. 
- "Nu...ty szto?" (?Na... was soll denn das?") - murmelte er und versuchte es nach unten zu schmeißen. Das Huhn reagierte nicht. Der Soldat sagte, hätte meine Mutter kein Russisch gesprochen, hätte er dem Huhn den Kopf abgerissen. Er ließ das Huhn in Ruhe und rief sein: "Liena, Liena..." weiter. Er fühlte offensichtig Stammesverwandtschaft mit einer Person, die die Sprache kannte, die er selbst sprach. [...]
     Wir standen auf der Treppe vor dem Haus. Aus dem gegenüber liegendem Berghang gingen durch die mit Schnee bedeckte Wiese Reihen von dunklen Gestalten in die Schutzgräben hinein. Sie wurden von den sowjetischen Soldaten eskortiert, weiße Schutzanzüge über den Uniformen. Unten warteten schon die "unseren" Soldaten der Roten Armee und Menschen, die dorthin von überall hergelaufen waren. Alle schrieen, wankten mit den Händen, grüßten die Fremden, die Russen, uns an - plötzlich so freundlich und nett. Es passierte damals etwas Wichtiges in dem Moment, etwas fiel von uns ab, obwohl wir uns es nicht bewusst waren, worum es eigentlich ging.
     Wir wollten diese "Schufte", wie sie die Bergleute nannten von der Nähe sehen. Sie gingen herunter, Hände hoch, stellten sich diszipliniert in eine Reihe auf, plötzlich unrasiert, schäbig, ausgezehrt, mit ihren verdammten kleinen Augen tief in den Augenhöhlen. Ein verächtlicher Hass umzingelte sie, die weiterhin mit Händen hoch standen, ohne Waffen, ohne Gürtel. Sofort wurden die Schufte - Herrscher, in die Schufte - Bettler umgewandelt. Genauso wie die Prinzessinnen in Frösche umgewandelt wurden.
- "Dieser! Dieser setzte den Brandt!"
     Die Menschen hatten jetzt vor sich diese stehen, die an ihren Unrechten schuld waren. Sie drängten alle an die Deutschen heran. Die russischen Soldaten konnten nur mit Mühe die Leute aufhalten. Die Menschen erkannten ihre Peiniger wieder. Noch ein Moment und sie würden diese entsetzten Schurken lynchen.
- "No katoryj?! Ten?!" (?Na, welcher? Dieser?") - ein sowjetischer Offizier stieß leicht einige der von Angst erstarrten Gefangenen mit dem Gewehrlauf einer Pistole, die er plötzlich herausgenommen hatte.
- "Tak! Ten! Ten!" (?Ja! Dieser! Dieser!")
- "No na! Strielaj!" (?Na dann, schieß los!") - mit einer plötzlichen Geste gab der Offizier die Pistole einem Bergmann, der gerade geschrieen hatte.
     Die Menschenmenge hielt an und wurde still. Der Mann war schon dabei, nach der Pistole zu greifen, und... zögerte. Langsam schob er seine Hände in die Hosentasche. Der Offizier schaute fragend die Leute an.
- "No... praszu?! (?Na... bitte?!")
     Niemand bewegte sich. Hass, Verachtung, Rache - klar; aber so einfach umbringen?
     Der Offizier steckte seine Pistole wieder ein, gab entsprechende Befehle, die Soldaten umzingelten die erniedrigte "Übermenschen" und gingen in das Dorf. Die Menschen begleiteten sie, schrieen die Deutschen mit Hass an und fluchten; sie wollten zumindest auf diese Weise ihr Unglück entschädigen. [...]
     Von den drei nächsten berauschenden Monaten habe ich nicht viel in Erinnerung. Aber das, woran ich mich erinnern kann, das weiß ich mit Einzelheiten. Also.
     Um verschiedenen Uhrzeiten am Tage oder in der Nacht - aber nur einmal täglich,  hatte ich ein sehr hohes Fieber und sehr starke Kopfschmerzen dazu. Danach zitterte ich vor Kälte und hatte keine Kraft zu sprechen. Ich konnte es auch nicht. Die Zungengeschwüre erlaubten es mir nicht - aber dies unabhängig von den Fieberanfällen. Ich wollte nur Saures trinken und hatte ein Gefühl, als ob meine Augen sehr tief in langen Tunneln in meinem Kopf sitzen würden. Als ob ich durch das Fernglas verkehrt schauen würde. [...]
     "Magere Menschen kann man nicht so einfach fertig machen" - diesem Sprichwort nach überlebte ich: ohne jegliche ärztliche Hilfe, gegen allen Biologie- und Medizinregeln. Der Schnee fing langsam an aufzutauen, ich konnte schon aufstehen und ein wenig gehen, also an einem sonnigen aber noch kaltem Frühlingstag ging ich mit meiner Mutter zu Fuß nach Mszana - zum Arzt. Der Matsch reichte bis zu den Knöcheln, der Wind war frisch, aber man konnte sehr gut atmen. Wir machten Pausen, setzten uns hin, und wanderten diese acht Kilometer in einer fröhlichen, sogar unbekümmerten Laune.
     Der Arzt untersuchte mich gründlich, "guckte sich mein Hals und mein Ohr an", und sagte:
- "Mein Gott! Was haben Sie das Kind so gequält?! Das ist doch keine Krätze - das ist eine komplette Avitaminose. Sie hat es überwunden" - er schüttelte mit dem Kopf - "Braves Mädchen. Jetzt helfen nur Milch, Eier, Käse, Sonne und frische Luft. Sie soll tun, was sie will." [...]
     Die Schule funktionierte noch nicht, aber meine Mutter bekam schon Gehalt. Er war zwar klein, aber immerhin. Die Lage rettete Danka, die Katen legte - "auf 24" und "auf 36"... Frauen aus dem Dorf kamen zu ihr, und da sich viele Sachen bestätigten, brachten ihr die glücklichen Bergfrauen Eier, Milch, manchmal auch Butter oder Mehl.
     Einmal sagte Danka einer Bäuerin, die auf der anderen Seite des Flusses wohnte - auf diesem Berg übrigens, wo wir damals vor den Deutschen Zuflucht suchten, die alles in Brandt setzten - dass "ein junger braunhaariger Mann unerwartet aus einem langen Weg zurückkommen würde." Die Frau brach in Tränen aus.
- "Das ist doch mein Sohn! Aber es ist nicht möglich, denn es ist schon zwei Jahre her, als die Deutschen geschrieben haben, dass er auf Typhus im Lager... Sie haben geschrieben... Ich habe alle Papiere..."
     Danka wusste nicht, was sie sagen sollte, versuchte verblüfft zu stottern, es sollte doch "unerwartet" sein, vielleicht jemand Unbekannt, oder so etwas.
     Einige Zeit danach saß ich auf der Treppe und drehte Eigelb mit Zucker, der sonnige Tag war voller Freude, der Flieder reichte bis zum Boden und ein Mann riss plötzlich einen kleinen Zweig ab. Ich wollte ihn gerade anschreien, dass man so was nicht machen dürfte, aber er ging auf mich zu und bat um Wasser. Er trug einen sehr abgenutzten Pullover und Militärhose. Ich beobachtete ihn, während er aus einem dunkelblauen Becher trank. Aus seinem sehr müden Gesicht guckten große, traurige, sehr freundliche Augen. Sie waren aschgrau - weder blau noch richtig grau. Er ging weg.
     Und am Abend rannte zu uns diese Bauerin, die auf der anderen Seite des Flusses wohnte. Sie brachte im Korb Butter, Käse, Eier und war wieder voller Tränen, aber anders.
- "Er ist zurück! Sie haben es gesagt und er ist zurückgekommen! Er ist damals aus dem Lager geflohen; und jetzt ist durch Ungarn zu Fuß - und kam zurück! So eine Strecke zu Fuß! Und Sie haben es gesagt!"
     Endlich wurden unsere Augen auch feucht - vor Freude.
     Aber zum Leben reichte es nicht aus, selbst wenn meine Mutter unterrichtete. Am Frühjahr wurden die Preise für Milchprodukte immer höher und wir, die wir einige Jahre gehungert hatten, mussten uns jetzt gut ernähren. Wir mussten es versuchen, nach Warschau zurückzufahren. [...]
     Im Mai fanden wir heraus, dass der Krieg zu Ende war. Die Menschen übermittelten diese Information persönlich, was schneller ging, als mit der Presse. Radio gab es doch nicht.
     Im Mai fuhr meine Mama nach Warschau. Natürlich gab es unser Haus nicht mehr. Der ganze Keller wurde geplündert (ich musste mich von dem Gedanken an meinem kleinen Koffer verabschieden). Die Tante, deren Wohnung den Krieg überstanden hat, würde uns nicht zu sich nehmen; und im Kuratorium wurde zu meiner Mutter gesagt:
- "Die alten Lehrer brauchen wir nicht. Wir haben neue - unsere, solche, die wir brauchen."
     Erschüttert fand meine Mutter Herrn Bronisław Chruścicki auf, einen Lehrerfunktionären, mit dem sie während des Kriegs arbeitete, und zwar auf zweierlei Art und Weise: erstens war er Leiter einer Anstalt, in der meine Mutter unterrichtete; und zweitens war unsere Wohnung ein Kontaktpunkt und bei uns übernachteten Lehrer, die sich verstecken mussten, und die eben von diesem Herrn  Chruścicki zu uns geschickt wurden.
     Selbstverständlich griff Herr Chruścicki - der künftige Präsident der ZNP (Związek Nauczycielstwa Polskiego - der Bund Polnischer Lehrer) sofort ein. Die entsetzliche Bemerkung eines eifrigen Beamten (?) [Meine Mutter] erhielt eine Nominierung in die Schule in  Żoliborz (ein Stadtteil von Warschau), die sich in der Czarnecki Straße 39 befand; ich wurde in das Stefania Sempołowska Gymnasium am Invalidenplatz eingeschrieben, und Danka ging zur Handelsschule von Frau Lenkowa, die sich in der Aleja Wojska Polskiego (Allee des Polnischen Heer) befand. In die Wohnung wurden wir von der Tante Pola Żochowska eingeladen. Sie war Cousine meiner Mutter, vor und während des Krieges arbeitete sie in dem Magistrat auf dem Theaterplatz. Sie wohnte ebenfalls in Żoliborz, in der Aleja Wojska Polskiego 29. Sie hatte ein Zimmer und eine Küche und wohnte oder mit zwei erwachsenen Kindern. Sie nahm uns auf. [...]
     Der September näherte sich. Unser tragisch - fröhlicher Aufenthalt dort näherte sich ebenfalls zu Ende. Wir fuhren weg: meine Mutter und ich früher, Danka sollte zu uns zwei Wochen später kommen. Einige Tage bevor wir wegfahren sollten, kamen die beiden Zapała zu uns. Soweit ich mich erinnern kann, brachten sie uns was zum Essen, zum Mitnehmen nach Warschau.
     Es wurde dunkel. Wir standen an dem Zaun und redeten mit Antek. Antek schlug vor, dass wir vielleicht oder bleiben würden. Wir würden heiraten, hungrig würden wir nicht sein. Es wäre gut für uns. Ich bekam Angst. Die Idee, in Niedźwiedź zu bleiben, schien mir absurd, obwohl ich es nicht erklären konnte. Es wurde mir bewusst, dass ich nirgendwo anders, nur in Warschau wohnen konnte, obwohl wir dorthin zu nichts fuhren. Obwohl es dort nur das Ungewisse gab. Obwohl es mir Leid tat um die Berge, Wälder und Sonne und die Freunde, an die ich mich in diesen verrückten Zeiten gewöhnte. Ich weiß doch nicht, ob es die Reue war? Wir verbrachten dort einen Teil unseres Lebens, lernten freundliche Menschen kennen - die unschätzbare Frau Kunicka, die Familie Białoń, die Frau Rózia mit einem jüngeren, sehr gut aussehendem Ehemann, die uns mehrmals geholfen haben, und viele andere. War es die Reue?
     Auf jeden Fall fuhren wir weg. [...]
     In Warschau kamen wir früh am Morgen an. Nach Żoliborz gingen wir zu Fuß, in den Straßenschluchten, durch die schmale Durchgänge ausgetreten wurden. Manchmal waren sie sogar breit. Allgemein gab es angeblich einen Durchgang nach Żoliborz. Ab und zu waren Gleise zu sehen und ich konnte es nicht verstehen, warum die Straßenbahnen nicht fuhren, wenn die Gleise da waren. Wir konnten uns nicht orientieren, an welchen Straßen wir vorbeigingen, welche wir durchquerten, im Ghetto gab es gar keine Straßen. Zwischen den Zinshäusertrümmern ragte ein Gebäude von Cedergren - PASTA. Plötzlich hatte ich unser Haus so direkt vor Augen, dass ich dahin gehen wollte. Ich meinte, es wäre nicht möglich, dass es das Haus nicht gäbe. Das Gebäude von PASTA war da, unser haus musste also auch da sein.
     Żoliborz sah von weitem, in der Sonne, mit all den Häusern und Bäumen, als ob er Meeresufer wäre. Wir näherten uns ihm langsam, aber ohne Pause, obwohl die Beine nicht mehr gehen wollten.
     Tante Pola nahm uns sehr herzlich auf. Es war ruhig, und endlich brauchten wir weder zu fahren noch zu gehen. Aber erst mal schlafen... und dann...
     Dann wohnten wir in diesem Zimmer mit der Küche zu sechs Personen, wenn man die nicht mehr zählt, die ab und zu übernachteten, weil sie in Not waren. Und wir wohnten dort irgendwie. Wir schliefen zu dritt auf einer Couch im Zimmer, es wurde noch etwas dazu ausgeklappt; die Tante schlief in der Küche. Leszek fuhr immer irgendwohin, er war also selten zu Hause. Dann konnte man auch auf so einer schmalen Liege schlafen.
     Ich ging ins Gymnasium - auf dem Zeugnis von der vierten Klasse hatte ich nur sehr gute Noten, also ich brauchte keine Prüfung abzulegen. Ich wurde in Sempolaneum in die Klasse mit französischer Sprache aufgenommen - 1b.
     Danka kam zurück. Ich ging aus der Schule zurück und rannte sie zu begrüßen, aber ich erschrak nur: sie lag auf der Couch mit halbgeöffneten Augen. Ich habe bereits zu viel gesehen, um zu denken, dass sie tot war. Sie lebte natürlich, war aber so schrecklich müde, dass sie mit geöffneten Augen schlief. [...]
     So fing die erste Etappe der Normalisierung unseres Lebens nach dem Krieg an. Es war schwierig, aber es war gut.
     Ich bin dem Pfadfinderbund beigetreten, worauf ich sehr stolz war und wonach ich seit meiner Rückkehr nach Warschau strebte. Ich war in der Achten Frauenabteilung der Pfadfinder, ich hatte eine Uniform - selbstverständlich: grau, ein selbstgemachtes braunes Tuch mit einem gelben Bändchen rundherum, das Schiffchen mit Pfadfinder-Rautenlilien, das ich mit großen Komplikationen und Wegverlieren aus Śródmieście brachte. Ich ging zu Versammlungen, Kamintreffen, Feuerlagertreffen, lernte Selbständigkeit, Tüchtigkeit und die Kunst, mit Menschen zusammenzuleben. Im Dezember lag ich den Eid ab und ich bin ihm bis heute treu. So ein Eid legt man nur einmal im Leben ab.
     Ich ging auch zu einem Ballettunterricht, der - wer weiß schon, warum - durch PCK (Polski Czerwony Krzyż - Polnisches Rotes Kreuz) geführt wurde. Unsere Lehrerin war Frau Grafczyńska - eine Person mit sehr großem Wissen, die sich sehr gut in ihrem Fach auskannte, und auch die Erziehungskenntnisse besaß. Es wurde mir "eine große Zukunft" hervorgesagt, meine "Händearbeit" wäre vortrefflich, ich hätte ein Rhythmusgefühl und ähnliches. Ich wollte aber die Blätter- und Schwanrollen, auch die Rollen von zierlichen Frauen tanzen, aber zurzeit, da ich die größte war, musste ich in dem ersten Paar eine Jungenrolle tanzen. Es wäre schwieriger - so hat man mich getröstet, aber ich war aus diesem Grund sowieso unglücklich. [...]
     Abends, nachdem ich mit meinen Hausaufgaben fertig war und keine Pfadfinderversammlung hatte, machte ich zusammen mit Leszek Zigaretten. Das kleine Handgerät war nicht kompliziert, man musste jedoch präzise sein. Natürlich zerriss ich Zigarettenpapier, die Zigaretten platzten und der Tabak wurde ausgeschüttet, aber endlich lernte ich es. Weiterhin hatten wir aber nicht viel zum Anziehen. In dieser Situation wurden die UNRRA Pakete zu einer wirklichen Hilfe. Kurz vor dem Winter bekamen wir so ein Paket, in dem schwarze Leinenhalbschuhe waren, die hinten und an der Spitze etwas Lederähnliches hatten. Oder es war auch vielleicht Leder. Sie wurden üblicherweise "trumniaki" (Sargschuhe) genannt. Wir trugen sie also und sie schienen uns sogar elegant.
     An den Versammlungstagen trug ich Uniform, meine tägliche Kleidung war aber eine dunkelblaue Schürze, unter der sich alles verstecken ließ, was nicht so schön war. In der Klasse 1b hatte Krysia Hörnig das schönste Kleid - ich beneidete sie um dieses Kleid sehr. Später stellte sich heraus - nicht nur ich, sondern auch die ganze Klasse. Das war ein hellbraunes Kleid mit einem Glockenrock, und es war am Hals, an den Ärmel und rund um den unteren Teil herum mit Pelz besetzt. Es kann sein, dass es die einzige Kleidung der Besitzerin war, aber für uns war Krysia eine Adelige oder sogar eine Märchenprinzessin. [...]
     Im Winter wurde Tante Pola krank - Krebs.
     Wieder schien etwas unmöglich zu sein: "von der Krankheit" sterben? Der Krieg, Schüsse - schon, aber eine Krankheit? Die Tante lag in der Küche. Meine Mutter und Danka saßen bei ihr abwechselnd. An einem Abend rief mich die Mutter in die Küche. Ich wollte mit der Tante reden, aber sie konnte nicht sprechen. Sie strich mir nur über das Haar, lächelte mich an und bekam einen Schmerzanfall. Lidka griff nach der Spritze.
     So sehr wollte ich nicht, dass es die Tante nicht mehr gab. Sie war gut zu uns, sie hatte uns dann geholfen, als alle anderen uns die Hilfe verweigert hatten. Aber es ging nicht um die Dankbarkeit. Es war etwas anderes, was ich nicht beschreiben konnte. Und ein Protest. Der Protest gegen etwas, worauf man keinen Einfluss hatte.
     Einige tage später am Abend wollte die Tante irgendwohin gehen. Die Mutter und Lidka hielten sie unter die Arme, versuchten ihr beim Gehen zu helfen, erklärten sanft, dass es besser wäre, wenn sie nicht gehen würde. An der Tür sank die Tante nieder. Sie legten sie ins Bett. Sie schlossen die Tür. In der Nacht kam meine Mutter ins Zimmer hinein. Die Tante... litt stark. Es war besser, dass sie nicht mehr litt. Damals verstand ich es noch nicht, ich empörte mich dagegen, obwohl ich wusste, dass meine Mutter Recht haben musste. [...]
     Irgendwann im Juni 1946 fing die zweite Etappe unser Normalisierung an: wir bekamen ein eigenes Zimmer (bei einer Familie) in dem haus der ZNP in der Krechowiecka Straße 6. Es war luxuriös im Vergleich damit, was wir bisher hatten. Die Familie Łopiński - das waren sehr ehrbare und freundliche Menschen. Wir wohnten dort im Einklang einige Jahre, erlebten viele gute und schlechte Momente zusammen. Zum ersten Mal erlebte ich so ein Ereignis wie Geburt - was in dem Nachbarzimmer stattfand und was ein unvergessliches Erlebnis für mich war. Die Kleine wurde Jadwiga genannt. Jagoda (Jadwiga) kam zu uns oft, als sie schon ein größeres Mädchen war; im Endeffekt besuchte sie nicht uns, sondern unsere kleine Katze mit fleckigem Pelz, die Danka auf irgendwelcher Baustelle aus einem Kalkkübel herausgezogen hatte. In dem Flur dieser großen Wohnung hing ein Geweih - die Jägertrophäen, keine Ahnung, von wem. Offensichtlich muss die Kleine sich einmal davon erschreckt haben und jemand muss ihr erklärt haben, dass sie keine Angst haben sollte; denn immer, wenn sie aus unserem Zimmer herausging, nahm sie jemanden an die Hand und während sie zur Tür ging, wiederholte sie ruhig: "Hab keine Angst vor die Hörner, hab keine Angst vor die Hörner." Ich brauche nicht hinzufügen, dass es für immer in unserem Familienwortschatz blieb.
     Die UNRRA Pakete retteten uns weiterhin. Ich mochte am besten harte Bitterschokolade. Aber es gab dort unterschiedliche Sachen, manche habe ich noch bis heute. Irgendwo in einer Schublade habe ich noch eine verzierte Haarspange, eine Zahnbürste - die noch gut ist, einen kleinen Kamm für eine Puppe, den ich als Wimpernkamm gut benutze. Natürlich, die Sachen, die den meisten Wert hatten, waren Lebensmittel - zum Beispiel Mehl, das sich wie Kaugummi zog - und Kleidung, und noch eine ganze Reihe von nötigen Sachen. [...]
     Es wartete auf uns eine Überraschung - der Vater! In einem Anders-Barett [General Anders war der Befehlshaber von dem Zweiten Polnischen Korps- Anmerk. d. Übers.], mit "Poland" auf dem Ärmel. Der Vater, zu dem ich einige Wochen lang "Sie" sagte.
     Und nach einem Monat eines weiteren Kinderlagers, diesmal in Świder kehrten wieder zurück: die Schule, Versammlungen, Ballett, Schwimmhalle, Pianounterricht und die zusätzliche Englischkurse in YMCE. Wie ich für das alles Zeit fand - weiß ich jetzt nicht mehr. Aber ich fand dafür Zeit.
     Meine Eltern arbeiteten, Danka schloss die Handelsoberschule und ging zur SGH (Szkoła Główna Handlowa - die Handelshochschule Warschau) - mit einem Wort: wir führten ein normales Leben.
     Und in diesen normalen Alltagstrott drang ein riesiges Abenteuer ein. In März 1947 fuhr ich im Rahmen einer von den skandinavischen Ländern geführten Aktion: RED BARNET (Rettet die Kinder) für drei Monate nach Dänemark.
     Die Organisation "RED BARNET" organisierte für die Kinder aus den besonders von dem Krieg betroffenen Ländern, solche Aufenthalte, die zum Ziel hatten, die Kinder richtig zu ernähren und psychisch zu regenerieren. Die Kinder fuhren nach Schweden, Norwegen und Dänemark zu Familien und es passierte auch manchmal, dass diese, die keine eigenen Familien mehr hatten, adoptiert wurden oder dort aus einem anderen Grund für immer blieben. Es gab auch einige Aufenthalte, die wie Pfadfinderlager organisiert wurden, aber ich war bei einer Familie.
     Der Aufenthalt dort hatte natürlich auch Schattenseiten, aber man kann seine Bedeutung nicht unterschätzen. Er brachte ein verletztes Kind ohne Kindheit, das Kind, das acht Jahre zu früh erwachsen wurde, und solche Erfahrungen hatte, die viele Erwachsene nicht haben, mit einem normalem Leben zusammen. Es war eine Gesellschaft, in der die Kinder Handball und nicht mit Zündkapsel spielten, in der sie Tore und nicht Blindgänger zählten, in dem die Weihnachtswünsche lauteten: "ich wünsche dir Gesundheit" und nicht "ich wünsche mir, dass wir zu nächsten Weihnachten auch am Leben sind". Ein Gewitter war dort ein Gewitter - es hatte nichts mehr mit dem Tod und Luftangriff zu tun. Ein vorüber fliegendes Flugzeug verursachte keinen sofortigen Reflex, in den Keller zu flüchten. Während des Gewitters schlief man dort, man machte höchstens Fenster zu; als ein Flugzeug vorbei flog, hob man den Kopf nach oben, um seine glänzende Silhouette auf dem blauen Himmel zu finden und darüber nachzudenken, wohin es fliegen mochte.
     Daher bleibt für mich Skandinavien, und vor allem Dänemark ein Symbol für das beste uneigennützige Wohl, das man nie unterschetzen kann. [...]
     Diese zweite Normalisierungsetappe dauerte bis 1949, als wir eine Eigenwohnung in WSM (Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa - die Warschauer Wohnungsgenossenschaft) in Mokotów bekamen. Das waren zwei Zimmer und eine Küche mit Badezimmer und Balkon. Die Wohnung war sonnig und trocken.
     Wir hatten wieder ein eigenes Zuhause in Warschau.
     Und obwohl wir mit Nichts anfingen, waren wir bei uns.
     Von dem Leben vor dem Exodus hatten wir noch:
- einen abgetragenen Pelz von meiner Mutter,
- die Bluse mit einem ukrainischen Muster, die auch meiner Mutter gehörte,
- einen Schal aus rosa Wolle, den meine Mama gehäkelt hatte, als sie noch nicht verheiratet war,
- einen ledernen Berggürtel mit einer Klammer, die der alte Herr Bigos in Bukowina gemacht hatte.
     Ich persönlich hatte "Jerzyk" - eine Puppe in dem Steckkissen, die ihren Kopf und ihre Arme bewegte, wenn man sie innen mit der Finger rechter Hand drückte. Ich hatte sie immer mit und sie diente mir all diese Jahre als Kopfkissen.
     Danka hatte eine Armbanduhr "Zenith", die sie im 1939 geschenkt bekommen hat, als sie die sechste Klasse abgeschlossen hatte.
     Und wir hatten auch einige Aufnahmen, die nur deswegen die Zeit überstanden haben, dass wir sie dem Vater in das Offizierlager geschickt hatten.
     Einige Jahre lang, als die neue Marszałkowska Straße schon existierte und als dort schon die Straßenbahn fuhr, stand der ausgebrannte Seitenflügel unseres Hauses dort. Die Bombe riss das Haus senkrecht durch, in dem sog. "kleinem Zimmer" unserer Wohnung. Die rosa Wand mit den Spuren von der jahrelang dort hängenden Reproduktion von Michelangelo stand dort über die Marszałkowska Straße, gegenüber von PASTA und weckte Erinnerungen, Schmerz und Bitterkeit auf.

 

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Danuta Niedbalska
Danuta Niedbalska
Der Wohnung von Ludmiła Niedbalska in der Zielna Straße 42
Der Wohnung von Ludmiła Niedbalska in der Zielna Straße [...]
 
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