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Bericht von Eugeniusz Spiechowicz


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  Bericht von Eugeniusz Spiechowicz

HISTORISCHES MUSEUM DER STADT WARSCHAU

     Ich bin am 10. Juni 1929 geboren. An dem Tag, an dem der Warschauer Aufstand ausbrach, war ich schon 15 Jahre alt. Ich war Pfadfinder in dem 48. Warschauer Wassertrupp (Szare Szeregi - Graue Reihen). Am ersten August warteten wir auf Befehl der Platz- und Aufgabenzuteilung. Zusammen mit dem Freund Zygmunt Perzyk "Albatros" (er lebt nicht mehr) liefen wir am 2. August von unseren Müttern von Zuhause weg, da wir uns den Kampfabteilungen anschließen wollten. Meine Mutter bat mich inständig, zu Hause zubleiben (sie verlor ihren Mann 1940, und mein älterer Bruder Mirosław, der Heutzutage Präsident von Fundacja Polskiego Państwa Podziemnego -  der Stiftung des Polnischen Untergrundstaates ist, war in damaliger Zeit Partisan von AK - Polnischer Heimatarmee - in Polesie, und wir wussten nicht, ob er lebte.) Jedoch die Kinder sind grausam, und ohne auf die Bitten unserer Mütter Rücksicht zu nehmen, ließen wir sie alleine.  
     Als wir aus Marymont (ein Stadtteil von Warschau), wo wir wohnten, in  die Richtung Żoliborz (ein Stadtteil von Warschau) gingen, wurden wir von einem Scharfschützen beschossen, der sich in dem so genannten Scholl Haus versteckte. Nachdem wir in Żoliborz angekommen waren, schlossen wir uns dem 206. Zug von AK der Gruppierung "Żaglowiec" an, die wahrscheinlich als letzte in Żoliborz blieb. Weitere Abteilungen - mit dem Oberstleutnant "Żywiciel" (Mieczysław Niedzielski) zogen sich in  Kampinos Urwald zurück.
     Am 18. August (nach über zehn Tagen Kampf) wurde ich, als Soldat des 206. Zuges, während des Angriffs der Deutschen auf die Barrikade in der Wyspiański Straße, auf dieser Barrikade schwer verletzt. Ich möchte hinzufügen, ich wollte mit Waffen kämpfen, deswegen hatte ich gelogen, dass ich zwei Jahre älter wäre.  Mit mir wurde auch von derselben Granate der Befehlshaber des 206. Zuges, Leutnant "Topór" (Jasiński) leicht verletzt. Nachdem man mir die Verletzungen provisorisch verband, wurde ich in ein Krankenhaus in das Sowiński Fort in Żeromski Park abtransportiert. Weiterhin wurde ich in die Czarniecki Straße - die Nummer 47, soweit ich mich noch erinnern kann - transportiert, wo ich bis zum Ende des Aufstands blieb. Die beigelegte Aufnahme, die  vom 24. September stammt, wurde an dem ersten Tag gemacht, an dem ich das Bett verließ. Am 30. September, nachdem Żoliborz von den Deutschen eingenommen wurde, ging ich zusammen mit den Zivilisten, die in den Kellern dieses Hauses wohnten, in dem ich lag, und meiner Mutter heraus. Meine Mutter zog in dieses Haus um, nachdem sie die Information über meine Verletzung bekommen hatte. Sie pflegte mich und kümmerte sich um mich während meiner Krankheit. Der Bitte des Hauseinwohner zufolge versteckten ich und ein Freund, mit dem ich in einem Zimmer war, polnische Adler und Armbinden. Wir fürchteten, dass die Deutschen uns und andere in den Kellern wohnende Personen erschießen könnten.
     Die Grenadiere aus Sachsen, die unser Haus einnahmen, benahmen sich sehr korrekt uns gegenüber - sie ließen die Wlassow Soldaten nicht in die Nähe von AK Soldaten und Zivilisten. Der Alptraum fing an, als wir zu Fuß in die Richtung Dworzec Zachodni (Westbahnhof) gingen; die Verbrecherbanden bedrängten Einwohner von Żoliborz und vergewaltigten Frauen. Am Dworzec Zachodni wurden wir mehr als zehn Stunden in nicht bedachten Güterwagen (ohne Essen und Trinken, und ohne jegliche Möglichkeit, Notdurft zu verrichten) gehalten, und danach wurden wir in ein Lager in Pruszków abtransportiert, in dem wir ein paar Tage verbrachten. Wir schliefen dort auf einem Betonboden. Wir bekamen nur geringe Mengen von Lebensmittel: nur ab und zu ein Brot, dass wir unter mehreren Personen teilen mussten. Wenn jemand ein Gefäß hatte, konnte er auch eine Schüssel dünner Suppe bekommen.
     Nach einigen (zwei, drei) Tagen wurden wir zum Transport eingewiesen, dessen Bestimmungsort (wie wir es später erfuhren) ein Konzentrationslager war. Auf dem Weg zur Rampe sagte ein junger Soldat, der den Transport bewachte, zu meiner Mutter auf Deutsch: "komm Mutter", er nahm sie an die Hand und führte sie zum Pavillon VIII, von dem wir wussten, dass es ein Freiheitspavillon war. Meine Mutter, die Deutsch sprach, sagte, sie ist mit ihrem minderjährigen Sohn hier, der während eines Bombardements in Warschau verwundet wurde. Der Soldat nahm auch mich an die Hand und führte in den vorgenannten Pavillon. Da wurde nach einigen weiteren Stunden ein weiterer Transport organisiert, mit dem wir, mit der Bahn, ins Gebiet der Woiwodschaft von Kielce, nach Samsonów - so hieß der Ort, glaube ich - abtransportiert wurden.
     Weiterhin wurde uns gesagt, wir sollten uns bei den Gemeindevorstehern nahe liegender Dörfer melden, die verpflichtet waren, uns Unterkunft zu organisieren. Wir wurden zu einem Landwirt geschickt, der uns sehr ungern aufnahm und feststellte, dass er keinen Grund sähe, den Nichtstuern aus Warschau Unterkunft und Verpflegung (in geringen Mengen) leisten zu müssen. Nach der Absprache mit meiner Mutter entschieden wir uns, nach zwei oder drei Tagen Aufenthalt bei dem "gastfreundlichen" Landwirt, ihn zu verlassen. Wir wussten, dass der Pfarrer in Ujazd bei Tomaszów Mazowiecki Bruder des Ehemannes meiner Cousine war.
     Teilweise zu Fuß, mit dem Pferdewagen und mit der Bahn erreichten wir ein Pfarrhaus, in dem sich meine bereits erwähnte Schwester mit Ehemann und Mutter, der Schwester meiner Mutter aufhielten. Nach meiner Ankunft wurde ich von dem Pfarrer, als ein während des Warschauer Aufstandes verwundeter Held mit großen Ehren begrüßt und zum Abendbrot in den Salon eingeladen, wo man mich nach Informationen zum Verlauf des Aufstandes im Stadtteil Żoliborz  fragte. Am nächsten Tag sagte der Pfarrer mir und meiner Mutter, es seien schwierige Zeiten und in seinem Haus würde niemand das Brot umsonst essen. Anschließend ließ er uns (es war gerade die Kartoffelernte) gemeinsam mit den anderen Landarbeitern Kartoffel lesen und auf die Pferdewägen verladen. Es ist eine sehr schwierige Arbeit, insbesondere für einen jungen Burschen mit schweren Verletzungen (fünf Splitter), bei der man sich mehrmals bücken muss. Nach einem Tag dieser Arbeit bekam ich über 40°C Fieber und alle meine Wunden öffneten sich erneut.
     Am nächsten Tag fuhren wir nach Tomaszów Mazowiecki zum Arzt. Der Arzt verband meine Wunden, verlangte für die Behandlung kein Honorar und obendrein versorgte er mich zusätzlich mit notwendigem Verbandsmaterial und mit Arzneimitteln. Der Arzt war empört, als er hörte, dass ich in meinem gesundheitlichen Zustand so schwer arbeiten musste. Nach der Rückkehr zum Pfarrhaus packten wir unser sehr bescheidenes Hab und Gut und zogen in das Nachbardorf, wo wir ein kleines Zimmer anmieteten. Mit uns zog auch die Schwester meiner Mutter weg, die sich von dem "gastfreundlichen" Pfarrhaus verabschiedete.
     Geringe Finanzmittel erlaubten uns nicht, bei dem Landwirt länger zu bleiben. Meine Mutter erinnerte sich daran, dass in einer Ortschaft namens Stąporków Tante Amelie wohnte, deren Ehemann (der am Anfang der Besatzungszeit verstorbene Bruder meiner Großmutter) Schulleiter dort war. Meine Mutter ist weggefahren, um herauszufinden, ob es möglich wäre, eine Zeitlang bei ihr zu wohnen. Nach einigen Tagen bekam ich von der Tante einen sehr herzlichen Brief. In dem Brief schrieb sie, dass es ihr nicht so gut ging, dass sie selbst in einem nicht besonders großen Zimmer wohnte und nur eine bescheidene Krankenrente bekam. Sie lud uns aber herzlich ein und schrieb noch, sie hatte Mehl- und Kartoffelvorräte, was uns allen helfen würde, den kommenden Winter gemeinsam zu überstehen. Anfang November verließ ich die bisherige Wohnung und fuhr mit der Bahn nach Stąporków. In dem Zug wurden einige Menschen aus Warschau und ich von deutschen Gendarmen festgenommen und nach Końske transportiert, wo Gestapo ihr Sitz hatte. Außer ein paar persönlichen Sachen hatte ich einen kleinen polnischen Adler, polnische Armbinde (die auf der Aufnahme zu sehen sind) und meinen Ausweis des AK Soldaten mit. Glücklicherweise ist es mir noch vor der Durchsuchung gelungen, auf die Toilette zu gehen, und ich ertrank dort alle oben genannten und mich belastenden Beweise. Während des Verhörs wurde ich nicht gefoltert, sondern nur gründlich durchsucht. Ich wurde auch gefragt, woher die Narben auf meinem Körper stammten. Ich erklärte, sie stammten von der Bombenexplosion, denn die Bombe hatte das Haus getroffen, in dem ich gewohnt hatte. Bei der Gestapo verbrachte ich drei Tage. Am dritten Tag wurde ich mit einem älteren Gefangenen zum Kartoffelnschälen geschickt. Als wir früh am Morgen mit dem Korb in den Hof herausgingen, wurde das Tor von der Straße geöffnet und ein vor dem Soldaten überwachte Pferdewagen fuhr ein. Der Pferdewagen hielt an, weil sich in dem Flur von der Torseite ein ukrainischer Wachmann erhängt hatte. Ein großes Chaos brach aus, die Soldaten und Wachmänner versuchten den Erhängten abzuschneiden. Ich schlug dem anderen Gefangenen vor, das herrschende Chaos auszunutzen und zu fliehen. Er war aber dagegen, denn er meinte, dass die Deutschen uns erschießen würden. Ich entschied mich, alleine zu fliehen. Das Tor stand weiterhin offen und der Pferdewagen stand dem Wachmann, der im Bunker war, in Sicht. Der Bunker befand sich am Haupteingang des Gestapogebäudes. Ich ging langsam und versuchte aus ganzer Willenskraft, meine Schritte nicht zu bescheunigen. Ich erwartete jeden Moment eine Garbe in den Rücken. Nachdem ich in eine Nebenstraße abgebogen bin, ging ich schneller und fing an Haken zu schlagen. Ich ging nicht zum Bahnhof, denn ich fürchtete, verfolgt zu werden. Ich ging nicht die Straße nach Stąporków entlang, sondern als ein erfahrener Pfadfinder ging ich durch Felder und Wiesen und orientierte mich nach Himmelsrichtungen (nach der Sonne). Ich kam in Stąporków an, wo ich von der Tante Amelia und selbstverständlich auch von meiner Muter sehr herzlich begrüßt wurde. Die nächsten drei Wochen verbrachte ich in einer sehr netten Stimmung. Tante Amelia war eine außergewöhnlich gute und herzliche Frau. Sie teilte mit uns alles, was sie hatte. Sie hatte jedoch nicht viel. Wir aßen abwechselnd Kartoffelsuppe, saure Kartoffelsuppe und Zwiebelsuppe. Brot gab es nur einmal in der Woche, am Sonntag. Trotzdem habe ich rührende Erinnerungen an den Aufenthalt dort. Ich erholte mich und gewann die Kräfte zurück. Gleichzeitig langweilte ich mich sehr. In den letzten Novembertagen bekam ich dank meiner Cousine eine Stelle als Bote bei RGO (Zentraler Hilferat) in Piotrków Trybunalski, wohin ich mich gleich begab. Der Sitz von RGO befand sich, soweit ich noch weiß, in der Żabia Straße 2. Die meisten Mitarbeiter, den Leiter inklusive, waren AK Soldaten, nicht nur aus Warschau. Ich teilte ein Zimmer mit zwei Männern aus Wolhynien. Außer einer sehr geringen Bezahlung bekamen wir auch Lebensmittelrationen, wie zum Beispiel Heringe oder Trockenmilch. Dank dessen konnte ich auch ein wenig meiner Mutter und Tante helfen.
     Hälfte Januar stand ich auf dem Gehweg und schaute mir an, wie die "unbesiegte" und mächtige deutsche Armee mit Autos, Pferdewagen und auch zu Fuß in Eile nach Westen floh, mit unterschiedlichen Bündel beladen, in denen sich aller Anschein nach keine Militärausrüstung befand.
     In der Nacht, in der die Deutschen Piotrków verließen, und die Russen noch nicht ankamen, bekamen wir Befehl, in das Gefängnis zu gehen und alle Dokumente der dort gefangen gehaltenen AK Soldaten zu vernichten. Es hatte zum Ziel, dass diese Dokumente in Besitz von NKWD nicht kommen sollten. Der Befehl wurde ausgeführt und die Dokumente verbrannt. Das war die letzte Aufgabe, die ich als AK Soldat erfüllte.
     Ende Januar 1945 kehrte ich nach Warschau zurück. Unser haus war niedergebrannt und unser ganzes Gut und Habe zerstört. Nur die Schuldokumente und ein paar Aufnahmen, die meine Mutter während des Aufstands mitnahm, sind erhalten geblieben.
     Ich fand ein kleines Zimmer in Bielany (ein Stadtteil von Warschau) in der Lesznowolska Straße 2, in dem ich und meine Mutter bis 1951 wohnten.
     Direkt nach meiner Rückkehr nach Warschau meldete ich mich bei den Freiwilligen Brigaden für den Wiederaufbau Warschaus, wo unsere dringendste Aufgabe war, die auf den Straßen und Grünanlagen liegenden Leichen zu begraben (Epidemiegefahr) und die Straßen von Trümmern und Barrikaden freizumachen. Die einzige Belohnung war eine Schüssel Suppe. Nach einer Woche Arbeit bekamen wir auch Brot  - eins für zwei Tage.
     Da das Niveau unserer Versorgung stieg, entschied ich mich, meine Mutter aus Stąporków nach Warschau zu holen.
     Im Februar 1945 wurde ich Arbeiter in dem Öffentlichen Bauunternehmen in Żoliborz - ich sagte wieder, dass ich älter war. Ich arbeitete dort bis Dezember 1945. Im September 1945 fing ich an, in das Dritte Stadtgymnasium und die Allgemeinbildende Oberschule für Erwachsene zu gehen, die ihren Sitz in Warschau in Żoliborz hatten. Ich war der einzige - und als ich meine Ausbildung angefangen hatte, waren 40 Schüler in meiner Klasse gewesen - der im Jahre 1948 die Schule mit Abitur abgeschlossen hat. Die weiteren Jahre verliefen gewöhnlich. 1948 fing ich das Studium an, das ich 1952 abschloss. Im Frühling 1951 wurde ich, noch in dem dritten Studienjahr, in der Medizinakademie in Warschau als stellvertretender Assistent eingestellt. Im Jahre 1951 ging ich mit meiner Mitstudentin die Ehe ein, und wir sind bis jetzt zusammen. Wir haben zwei Töchter und drei Enkelkinder. 1963 promovierte ich, 1968 wurde ich Habilitierter. Im Jahre 1975 erhielt ich den Titel außerordentlichen Professors und im Jahre 1984 den des Professors. Dreißig Jahre lang war ich Institutleiter und dann leitete ich den Lehrstuhl. Zu meinen anderen Erfolgen zählen: ich war Prorektor der Medizinakademie in Warschau in den Jahren 1972 - 1978,  Hauptfacharzt für das ganze Land in den Jahren 1974 - 2001, Sachverständiger WHO in den Jahren 1979 - 1980 und Chefredakteur der Zeitschrift "Protetyka Stomatologiczna" (?Zahntechnik") ab 1975 bis heute.  In den Jahren 1979 - 1980 war ich Präsident der Europäischen Gesellschaft für Zahntechnik. Im Jahre 1999 ging ich zur Rente, allerdings arbeite ich weiter Halbzeit und nehme an klinischen, wissenschaftlichen und didaktischen Arbeiten teil, ich bin auch in dem Klinikum tätig.

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