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Bericht von Wodzimierz Szurmak


Włodzimierz Szurmak 
1944 - dreizehn Jahre alt
Adresse in der Besatzungszeit: Płocka Straße

                                          Mein Aufstandsexodus

     In dem Jahr 1944 wohnte ich in der Płocka Straße 49. Das Grundstück befand sich ungefähr in der Mitte zwischen den Straßen Górczewska und Gostyńska. Es haben dort sechs Familien gewohnt: Taxi- und Droschkenfahrer.
     Es wurde uns allgemein bekannt, dass einer der Einwohnern der AK (Armia Krajowa - Heimatarmee) angehörte. Die Nachrichten, die er brachte, zeugten darauf hin, dass der Aufstandsausbruch schon nahe war. Aus diesem Grund wurde in dem Grundstück ein Bunker ausgegraben, in dem genug Platz für alle Hauseinwohner war, man besorgte auch Lebensmittel. In den Kellern versteckte oder vergrub man alle wertvollen Gegenstände - das ganze Vermögen der Einwohner.
     Der direkte Impuls, der darauf zeigte, dass der Aufstand bald anfangen würde, war Einbruch in einen Mehl- und Grießlager, der sich an der Ecke von den Straßen Górczewska und Płocka befand. Die AK-Soldaten umstellten die Straße. Die Männern in Mänteln, unter denen man Umrisse von bekannten Gegenständen erkennen konnte, baten alle Passanten, in die Hinterhöfe zu gehen und nicht zu stören. Einige Menschen gingen in den Lager hinein und einige Fuhrwerke fuhren heran. In einem noch nicht fertig gestelltem Gebäude vernagelte man die Türe mit Brettern, belud die Fuhrwerke mit Säcken und nach zehn Minuten blieb dort nur der geöffnete Lager mit Mehl- und Grießresten. Alle, die in der Płocka Straße lebten, liefen dorthin und nahmen die gebliebenen Säcke. Nach einigen Minuten war die ganze Straße mit einer Mehl- und Grießschicht bedeckt.
     Am nächsten Tag wurde in einen Papierwarenlager in die Skierniewicka Straße eingebrochen. Aus einem mehrstockigen Gebäude wurden durch ein Fenster Papierrollen und irgendwelche Bücher geworfen. Man konnte nehmen, was man nehmen wollte.
     Unter dieser allgemeinen Fröhlichkeit und der scheinbar sorglosen Atmosphäre versteckte sich aber Kummer und Furcht von dem, was bald passieren sollte.
     Am 1. August bat der Hausmeister (des Hauses, in dem ich mit meinen Eltern lebte) mich und noch zwei meiner Gleichaltrigen, einige Teerfasse zu organisieren. Er wollte nämlich den Teer auf das Dach schmieren. Er sagte, er hätte solche Fasse in der Górczewska Straße neben der Gleisen auf dem von den Deutschen überwachtem Gebiet gesehen. Die Deutschen wären nicht mehr so wachsam wie vorhin. Wir liehen von einer Bekannten einen Wagen und gingen zu dritt dahin. In der Górczewska Straße sahen wir viele Menschen  und Deutsche in Uniformen. Wir haben herausgefunden, dass - wie es öfters passierte - man einem Deutschen in der Straßenbahn eine Pistolentasche abgeschnitten hat.  Der Mann, der das getan hatte, sprang aus der Straßenbahn während der Fahrt und ein andere Deutsche fing an, nach ihm zu schießen. Die Schüsse trafen jedoch nicht den, nach dem geschossen wurde, sondern eine Frau, die auf der Stelle tot war. Im entstandenen Chaos schlichen wir auf den Platz, von dem uns der Hausmeister erzählt hatte. Durch einen Loch im Zaun rollten wir drei Fasse mit Teer heraus. Dann, indem wir die uns bekannten Durchgänge in Hinterhöfen benutzten, transportierten wir sie nach Hause. Als wir schon dort waren, hörte ich Maschinengewehrgarbe. Plötzlich liefen an unserem Haustor bewaffnete Menschen mit weiß-rotem Armbinden vorbei. Das waren die Aufständischen. So fing für mich der Aufstand an.
      Die Strecke, in der wir wohnten, wurde abwechselt von den Aufständischen und von den Deutschen eingenommen. Dreimal täglich waren bei uns die Aufständischen und einmal pro Tag die Deutschen. Immer, wenn die Aufständischen kamen, gingen wir aus dem Bunker heraus. Als die Deutschen kamen, versteckten wir uns wieder. So vergingen sechs Tage.
     Am 6. August kamen am Vormittag die Deutschen in unseren Hof und ließen uns alle aus dem Versteck herausgehen. Sie haben uns mit Handgranaten bedroht. Als wir dabei waren, den Bunker zu verlassen, griffen die Aufständischen an. Die Deutschen gingen in Deckung , ein Chaos brach aus, einige Menschen gingen aus dem Versteck, so wie die Deutschen befohlen hatten, die anderen versteckten sich in den Wohnungen und auf dem Dachgeschoss. Der Hausmeister - Sójecki versuchte die Bretter von dem Zaun abzureißen und in die Gärten zu flüchten, die sich zwischen unserem Grundstück und den Gleisen befanden. Dort wurde er erschossen. Die, die sich versteckt hatten, wurden bei lebendigem Leibe verbrannt, weil die Deutschen das Haus in Brand gesetzt haben. Gleichzeitig schossen sie auf alle, die herausgehen wollten. Sie brachten Menschen, Pferde und andere Tiere um. Nachdem die Deutschen den Aufständischenangriff zurückgeschlagen hatten, ließen sie uns  durch die Gärten hinter den Häusern in die Richtung der Überführung laufen, in die Górczewska Straße. Ich kann mich noch erinnern: als wir bereits in dem Garten waren, griffen uns Flugzeuge an. Ich fiel neben einen Wasserbehälter aus Beton um und sah, wie die Schüsse auf die ruhige  Wasserfläche fielen. Als ich aufgestanden war, sah ich meinen Vater in meine Richtung laufen, um zu sehen, ob ich noch lebte. Er sah nämlich, dass in meine Richtung geschossen wurde. Als wir an die Górczewska Straße angelangt sind, sah ich neben dem Bürgersteig, auf einem Erdehaufen, zwischen dem Kiosk und den Reihen von Holzständen tote Menschen liegen. Mit Entsetzen bemerkte ich, dass ein Mann, der vor mir gelaufen ist, auf diesen Leichenhaufen umfiel. Ich sah mich um und stellte fest, dass die Deutschen aus dem Fenster eines nahe liegenden Hauses auf die Menschen schossen. Ich rief meinem Vater zu und wir fielen beide auf den Boden und krochen zwischen den zahlreichen Leichen auf die Straße. Die Straße war voll von Menschen, die genauso wie wir aus ihren Häusern in der Górczewska und anderen in der Nähe gelegenen  Straßen vertrieben wurden. Sie gingen alle in die Richtung der Überführung. Wir fielen in die der Menschenmenge hinein und in dem Moment, als ich die Mitte der Straße erreichte, spürte ich einen Starken Luftschlag und so etwas, als ob der Strom meinen Körper durchbohrte. Ich fiel um. Das letzte Bild, dass ich in der Erinnerung hatte, war dieser Mann mit einem Kind, der vor mir umgefallen war - ich fiel auf ihn um. Ich wurde in den linken Arm über den Ellenbogen angeschossen. Mein Vater, der hinter mir lief, hob mich aus dem Boden auf und trug bis zu der mittleren Säule der Überführung. Dort hielt er mich auf seinem Schoß, denn auf dieser Strecke stand die Straße unter Wasser, das ca. ein halbes Meter hoch war. Der untere Straßenteil war mit Menschen gefüllt. Die, die von der Richtung des Stadteils Wola standen, wurden von den Deutschen in Gruppen geformt und nach Moczydło (ein Teil von Warschau) geführt, wo sie erschossen wurden. Es sind jedoch so viele Menschen angekommen, dass die Deutschen es nicht geschafft haben, sie alle am Tage zu erschießen. Dank dessen, dass ich verletzt war und meine Eltern mit mir bei der Säule standen, blieben sie dort bis zum Abend - sie wurden zum Erschießen nicht weggebracht. Für die Nacht trieben uns die Deutschen in die in die Nähe gelegene Fabrik "Semperit", wo sie uns eingesperrten. Die Fabrik befand sich hinter den Gleisen an der linken Seite der Górczewska Straße. Dort verbanden die Nonnen meine Wunde, die zum Glück nicht gefährlich war. Als ich mit meinem Vater die Ereignisse des Tages besprach, sind wir zur Schlussfolgerung gekommen, dass der Mann, auf den ich umfiel, durch die Kugel umgebracht wurde, die meinen Arm durchgeschossen hatte. Außerdem stellten wir fest, dass auf uns die Deutschen und die Ukrainer schossen, die an den beiden Seiten der Straße standen und vor allem auf  junge Männer und Jungen zielten; und dass sich meine Wunde als unser Glück erwies, denn nur aus dem Grunde, dass ich verletzt war, wurden wir nicht nach Moczydło geführt und erschossen.
      Am nächsten Tag wurden wir wieder zu einer Kolonne geformt und durch die Straßen, neben verbrannten Häusern, einzeln oder in Gruppen liegenden Leichen (und den verbrannten Leichenstapeln in der Wolska Straße) zur Festung Wisła geführt. Dort wurden wir in einen tiefen Graben - wahrscheinlich einen Schießplatz, gedrängt. Jemand sagte, wir sollten in diesem Graben mit den Handgranaten beworfen werden. Darauf brach ein schrecklicher Chaos aus, der bis zum Abend dauerte. Am Abend wurden wir zum Dworzec Zachodni (Westbahnhof) geführt, und von dort aus wurden wir mit einem elektrischen Zug nach Pruszków transportiert. Dort wurden wir in die Fabrikhallen gedrängt, da, wo früher die Maschinen standen.
     Als wir noch in der Festung Wisła waren, wurden alle Männer - darunter auch mein Vater auf die Straßen von Wola gebracht, wo sie die Leichen wegräumen und verbrennen mussten. Am Morgen waren alle Männer zurück.
     Nach einer Woche Aufenthalt in Pruszków, wo wir Essen bekamen und auch jeweils ein Paket Zwieback für den Weg, wurden wir in einen Warenzug gedrängt und irgendwohin transportiert. Aus diesem Moment habe ich noch das Bild von der unvorstellbarer Grausamkeit der Ukrainer, die bei den Deutschen im Dienst waren. Als wir schon in die Zugwagen gedrängt wurden - ca. 50 Personen für einen Wagen, stand ich an der noch geöffneten Tür und sah zwei Männern gehen. Sie gingen des Zuges entlang, einer von ihnen trug eine Briefträgermütze. Ein Ukrainer, der an unserem Wagen stand, fragte, warum sie so spazierten. Sie antworteten, dass sie Platz suchten. Darauf sagte der Ukrainer - das Gewehr in der Hand, dass er ihnen gleich einen Platz für immer finden würde. Der Mann mit der Mütze verstand es, so wie es gemeint wurde, und ich sah ihn, seinen Gepäck weglassen, auf die Wand des Wagens in die Richtung Tür klettern. Der andere hingegen versuchte sich bei dem Ukrainer noch zu entschuldigen, worauf der Ukrainer aus der Entfernung von ca. einem Meter auf ihn eine kurze Serie schoss. Der Mann fiel zwischen seine beiden Koffer, aber er lebte noch. Dann schoss der Ukrainer eine längere Garbe auf ihn und tötete ihn.
     Gleich danach wurden die Wagentüren verriegelt und wir wurden in eine unbekannte Richtung transportiert. Die ganze Nacht lang hörten wir Schüsse, und als der Zug anhielt, hörten wir Schritte auf dem Dach. Am Morgen hielt der Zug an, die Türen wurden geöffnet und ich sah, dass wir auf dem Bahnhof in einer Ortschaft namens Olsen waren (heutzutage Oleśnica bei Wrocław). Dort wurden wir aus dem Zug getrieben, die Männer wurden von den Frauen und Kindern getrennt. Die Frauen und Kinder blieben am Bahnhof, die Männer wurden in den Zug gedrängt und weggebracht - wie es sich später herausstellte, sie wurden nach Wrocław  transportiert. Ich sollte mit meiner Mutter bleiben. Wir wurden in die Stadt, in eine Fabrik geführt. Dort konnten wir uns waschen und wir bekamen Essen. Am Abend wurden wir wieder in einen Zug gesetzt und nach Nomslau (heutzutage Namysłów) transportiert. Dort hat man uns in einen Kartoffelverarbeitungsbetrieb gebracht, dass sich in der Nähe der Gleise befand. Wir wurden in einem Schuppen untergebracht, in dem Strohmatten lagen, mit denen im Winter die Kartoffel zum Trocknen gedeckt wurden. In dieser Fabrik verbrachten wir: meine Mutter, ich und andere Frauen mit Kindern - insgesamt vielleicht 100 Menschen, ca. zwei Wochen. Einmal täglich bekamen wir zerkochte Karotten oder Kohlrüben mit Wasser zum Essen. Jeden Tag wurden wir auf einen Platz vor den Schuppen getrieben. Wir standen auf den beiden Straßenseiten und in der Mitte gingen die Bauern hin und her und wählten Menschen zur Arbeit. Das war wie auf einem Sklavenmarkt.
     Ende der zweiten Woche, als nicht mehr viele Menschen da waren, wurden meine Mutter und ich gewählt. Der Bauer, der uns wählte, hieß Gustaw Kroll und wohnte in dem Dorf Simelwitz, das ca. 6 km von Namysłów entfernt war. Der Bauer, der - wie es sich später herausstellte, aus Schlesien kam, sprach gut Polnisch. Er hatte einen Bauernhof: 100 Morgen, auf dem er schon zu der Sklavenarbeit zwei ukrainische Frauen und einen Franzosen - Kriegsgefangenen hatte. Er selbst war Witwer und hatte vier Söhne, deren Portraits über seinem Bett hingen. Während unseres kurzen Aufenthaltes dort, verbrachten seine zwei Söhne dort ihren Urlaub: der eine war Flieger und der andere SS-Mann, der die ganze Zeit, einer der ukrainischen Frauen nachgelaufen ist - nicht ohne Erfolg. Den Haushalt führte eine deutsche Frau aus Berlin, deren Mann im Ostfront fiel und deren Wohnung während Bombardierungen zerstört wurde. Bei dem Bauer lebte auch eine alte deutsche Frau, die eine Auszeichnung mit dem Hackenkreuz trug, die auch zu ihm umgesiedelt wurde, nachdem ihre Wohnung - am wahrscheinlichsten in Wrocław, zerstört wurde.
      Unsere Wohnung war eine abgegrenzte Ecke in dem Stall, in der nur für ein Etagenbett Platz war. Wir wohnten einem Viehstall und die beiden ukrainischen Frauen in einem Pferdestall. Auf dem Bauernhof gab es einen Raum mit Gittern, in dem über die Nacht französische Kriegsgefangene eingesperrt wurden. Am Abend kamen sie von alleine dorthin und der Bauer sperrte sie ein, manchmal kam auch ein Gendarm. Am Morgen wurden sie herausgelassen und gingen alleine zur Arbeit bei verschiedenen Bauern in dem ganzen Dorf. Jeden Monat bekamen sie Lebensmittelpakete vom Roten Kreuz, so dass sie besser ernährt waren als die Deutschen. Sie mochten jedoch weder Polen noch die Ukrainerinnen. Sie teilten manchmal ihre Paketen mit den Deutschen. Die Frau, die bei dem Bauer Haushalt machte, hatte einen Sohn, meinen Gleichaltrigen. Er hat immer von den Franzosen Bonbons, Schokolade und - wenn niemand gesehen hat - Zigaretten bekommen. Ich habe nie etwas bekommen. Einmal haben sie mir dafür ins Gesicht geschlagen, weil ich diesen deutschen Jungen geprügelt habe, als wir zusammen spielten. Er beschwerte sich darüber bei den Franzosen.
     Unser Bauer versuchte meine Mutter und mich zu überreden, dass wir eine Liste der Volksdeutsche unterschreiben, und die Buchstaben "P" von der Kleidung abmachen sollten. Dafür sollte er uns ein Zimmer in dem Haus geben. Als Anstoß dazu kaufte er mir Kleidung. Da die Jahreszeit schon kühl war und ich nur ein Hemd und eine Hose hatte, wurde ich an einem Tag in die Stadt (Namysłów) mitgenommen und es wurde mir ein neuer Anzug gekauft. Dann sagte der Bauer, dass in der Ortschaft Sleuschen (heutzutage Słuszyca) an der ehemaligen deutsch-polnischen Grenze Männer aus Warschau Panzersperren gruben, und wenn wir die Buchstaben "P" abmachen würden, wäre er bereit uns dahin zu fahren, unter dem Vorwand, seine Familie zu besuchen, die in diesem Dorf lebte. Aus dem Gespräch erfuhren wir, dass er ursprünglich aus Polen kam, und das er in der Hauptstadt zahlreiche Familie hatte, die sich auch eingedeutscht hat. Die Hoffnung, den Vater und Ehemann zu sehen, siegte. Wir machten die Buchstaben "P" von unserer Kleidung ab, ohne dem Bauer was zu versprechen. Am Sonntag fuhren wir mit einem Wagen (meine Mutter und ich versteckten sich unter der Plane) nach Sleuschen. Tatsächlich fanden wir dort den Vater. Die Freude über das Treffen - das sollte unser letztes Treffen sein - war groß. Wir brachten dem Vater Blaubeeren und Brombeeren, die wir im Wald gepflückt hatten. Der Bauer war vorsorglich und nahm für uns etwas zum Essen und zwei Flaschen mit Obstsaft mit. Wir verbrachten mit dem Vater den ganzen Tag und am Abend kehrten wie in unseren Stall zurück.
     Meine Mutter arbeitete zusammen mit den Ukrainerinnen auf dem Feld und ich arbeitete dort mit dem Franzosen. Wir mähten Rasen, ernten Kartoffeln und brachten sie aus dem Feld. Täglich schnitten wir Grünfutter ab und brachten es zum Stall. Die Kühe gingen nach der deutschen Zucht nicht auf die Weide sondern stand im Stall. Am Abend säuberten wir den Stall und futterten die Tiere. Das war Arbeit bis zur völligen Erschöpfung. Das Essen war miserabel: am Morgen hatten wir Brot mit Butter (jeder hatte seine eigene Ration Butter, die er auf einem Teller in der Küche im Geschirrschrank aufbewahrte) und Getreidekaffe mit Milch. Zu Mittag hatten wir am häufigsten eine dicke Gemüsesuppe mit Brot. Manchmal kriegten wir ein Stück Fleisch mit Soße und den berühmten Klößen. Zum Abendbrot aßen wir immer dasselbe: Pellkartoffel mit eigener Butter, ein Stück Käse und Buttermilch oder Milch, aber nur dann, wenn sie die Kälber nicht ausgetrunken hatten. Alle Sklaven aßen in der Küche und hatten verbot, die Zimmer zu betreten. Was die Deutschen im Zimmer aßen, das weiß ich nicht. Wir vermuteten, dass sie für sich selbst besser kochten. Unsere Vermutungen bestätigte die Tatsache, dass wenn das Essen für uns wirklich miserabel war, wurde der Franzose ins Zimmer zum Tisch eingeladen.
     Anfang Dezember wurde Sklavenhandel vollbracht. An einem Sonntag kam eine Familie unseren Bauer besuchen. Sie wurden bewirtet, schauten sich den Bauernhof an und - was wir am Anfang nicht verstanden - sie sahen sich auch mich und meine Mutter an. Nachdem die Familie abgereist war, rief uns der Bauer zu sich und teilte uns mit, dass er es mit der Familie schon abgesprochen hatte und das er in der Woche nötige Formalitäten erledigen würde, um uns dahin zu versetzen. Er sagte, der Bauer dort wäre krank, ich würde mit den Pferden gut zurecht kommen und meine Mutter würde den Haushalt führen. Und tatsächlich wurden wir am nächsten Sonntag nach Elguth versetzt, ein Dorf 2 km von Namysłów entfernt. Wir wohnten diesmal in einem normalen Haus, in dem außer unserer Bauer (ein kinderloses Ehepaar) eine Deutsche aus Berlin mit zwei Kindern wohnte. Sie sollte die Ehefrau von einem Flieger sein, der im Osten umgekommen ist.
     Außer der Viehversorgung taten wir nichts Großartiges, weil der Winter zu kalt war. Ich beherrschte einigermaßen die deutsche Sprache, so dass ich aus den Zeitungen, die der Bauer auf dem Tisch liegen ließ, oder aus dem Radio, dass er immer abends hörte, herausfinden konnte, wie die Situation an der Frontlinie aussah. Ungeduldig warteten wir auf die Front und Befreiung.
     Verkünder der kommenden Freiheit waren die Flugzeugstaffel, die wir im Mondlicht aus dem Osten über uns fliegen sahen, und die bald meistens in derselben Ordnung zurück flogen.
     Bei dem neuen Bauer ging es uns viel besser als bei dem vorigen. Die Atmosphäre war mehr familiär. Sogar die Deutsche aus Berlin hat sich als eine sympathische Frau erwiesen. Die Bäuerin - ursprünglich aus Schlesien - sprach gut Polnisch. Es unterlag keinem Zweifel, dass diese Atmosphäre durch die Situation an der Front verursacht wurde. Dazu trugen auch die Schüsse, das Getose und die Flugzeuge bei, die immer öfter zu sehen waren. Immer öfter aßen wir Fleisch an einem Tisch mit den Deutschen. Das Fleisch kam von den Hühnern, die die Bäuerin heimlich im Keller züchtete. Zu Weihnachten bot uns der Bauer ein Glas Wodka an. Jeden Sonntag gab es Kuchen zum Frühstück. Kurz gesagt, im Vergleich mit der vorigen Situation, waren das für uns fast Ferien.
     Am 19. Januar 1945, als das Kanonengetose und sogar einzelne Schüsse in der Nähe zu hören waren, kamen die SS Männer. Sie ließen uns nur die nötigsten Gegenstände mitnehmen und mit einem Pferdewagen in eine angeordnete Richtung fahren. In dieser frostigen Nacht legten die Deutschen einen Wagen mit Bettmateratzen aus, beluden ihn mit Bettwäsche, Essen und persönlichen Gegenständen. Für unsere Sachen banden sie am Wagen einen Schlitten an - solchen, mit dem Kinder spielten. Wir gingen mit der ganzen Kolonne, die aus allen Wagen aus den in der Gegend liegenden Dörfern bestand, in die Richtung Süd-Westen. Nachdem wir die ganze Nacht und den ganzen Tag lang gefahren waren, gelangten wir endlich auf einen großen Gutshof (ich weiß seinen Namen nicht mehr), auf dem wir übernachteten. In der Nacht haben ich und meine Mutter festgestellt, dass es nicht in unserem Interesse lag, mit den Bauern weiter zu gehen. Wir beschlossen, dass wir uns verstecken, auf die Front warten und dann nach Hause zurückkehren sollten. Am Morgen stellten wir fest, dass solche Entscheidung auch andere Polen als auch Serben getroffen hatten, die auch mit uns gingen. Wir versteckten uns nicht, sondern sagten den Bauern direkt, dass wir sie weiter nicht begleiten würden. Nach einer  heftigen Auseinandersetzung zu der bestehenden Situation trennten wir uns definitiv von den Deutschen. Während wir auf die Front warteten, fingen wir an, die Essensvorräte für den Rückweg vorzubereiten.
     Am Abend kamen auf den Gutshof, auf dem wir übernachteten, deutsche Soldaten. Am Anfang haben sie sich für uns nicht interessiert.
     Am nächsten Morgen wurden wir auf den Hof getrieben. Es wurde uns befohlen, unseren Gepäck auf einem Anhänger von einem Ackerschlepper zu lassen, das ganze Vie aus dem Stall auszutreiben und in die angegebene Richtung zu treiben. So fing unsere Karriere als Viehtreiber an. Wir wurden von den Volkstürmer überwacht, so dass wir und nicht entfernen durften. Wir trieben das Vieh eine Woche lang, übernachteten in den Dörfern - da sperrten wir die Tiere in verschiedenen Schuppen und Scheunen ein, oder auf großen Gutshöfen -  in den Innenhöfen. Nach einer Woche gelangten wir in eine Ortschaft (ich kann mich an den Namen nicht genau erinnern - vielleicht Welwysdorf), die sich ca. 6 -7 km von der Stadt Gloss (heutzutage  Kłodzko) befand. Dort hat man das ganze Vieh in einen Schöben Palastgarten getrieben, und hat man wieder auf einen Ackerschlepper gesetzt und in die Gegend von Namysłów zurücktransportiert. Dort übernachteten wir auf einem großen Gutshof, am Morgen mussten wir wieder das Vieh treiben und die Geschichte wiederholte sich wieder. Der Ackerschlepper fuhr unsere bescheidene Sachen, und wir als Viehtreiber gingen von den Volkstürmen überwacht in die Richtung Kłodzko. Unterwegs ernährten wir uns von allem, was wir von den Kühen bekommen konnten: hauptsächlich von Milch, manchmal Butter oder Käse. Als wir nach Kłodzko angekommen waren, interessierte sich niemand mehr für uns. Als wir zum ersten mal das Vieh dorthin trieben, trafen wir eine Gruppe von Polen, die die Tiere von uns übernahmen. Wir erfuhren von ihnen, dass sie ein Teil einer großen Gruppe waren, die in einem ehemaligen Speicher wohnte. Als wir dann alleine gelassen wurden, stellten meine Mutter und ich fest, dass es gefährlich, sogar unmöglich wäre, durch die Frontlinie zu gehen. Daher beschlossen wir, uns dieser größeren Gruppe anzuschließen. Wir gingen also in eine Ortschaft, in der wir zum ersten mal waren, man hat uns dort herzlich begrüßt und wir bekamen unsere eigene Ecke in einem großen Raum, in dem schon viele Menschen ihre Strohsäcke liegen hatten. Außer den Strohsäcken bekamen wir auch alte Decken, die wahrscheinlich ursprünglich für die Pferde vorgesehen waren. Am nächsten Tag meldeten wir uns auf dem Gutshof an, wo wir registriert wurden, Lebensmittelkarten und Ausländerausweise bekamen.
     Unser Leben wurde eintönig. Am Morgen bekamen wir Frühstück, der Gutsverwalter verteilte die Aufgaben, wir gingen in die Arbeit, später kochten wir zu Mittag, dann kam der Abend und am nächsten Tag wieder dasselbe. Neben der Baracke, in der wir wohnten, stand an der anderen Seite des Hofes ein mit dem Stacheldraht abgezäunter Schuppen. Das war ein Lager für russische Kriegsgefangene. Es gab dort ca. hundert von den Gefangenen, darunter auch zwei Polen. Ich weiß nicht, wovon sie sich ernähtren, denn wir haben nie gesehen, dass sie irgendetwas zum Essen bekamen. Daher starben sie oft. Alle zwei, drei Tage wurden ihre Leichen ausgetragen und neben dem Müllhaufen auf dem Gutshof vergraben. Die Gefangenen waren sehr streng überwacht, so dass wir keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen konnten. Ich weiß noch, als meine Mutter zu Ostern aus unserem Rationsmehl so was wie Kuchen gebacken hat. Ich fand leere Dosen und tat den Kuchen darein. Ich versteckte mich in einem Straßengraben, und als die Gefangenenkolonne vorbei ging, gab ich den Menschen die Dosen. Der Wächter wollte mir hinterher laufen, aber dann realisierte er, dass ich für ihn zu schnell war. Er kam zurück, nahm den Gefangenen die schon fast leeren Dosen ab, tritt sie nieder und warf in den Graben.
     Einen indirekten Kontakt mit den Gefangenen hatten wir durch einen Dolmetscher, der behauptete, Pole zu sein. Er sagte, die Deutschen hätten ihn in die deutsche Armee mit Zwang eingegliedert. Er sprach fließend Russisch. Sehr oft brachte er verschiedene Töpfe und bat uns, zu kochen - z.B. einen Wasserkocher, in dem sich Wasser mit Häcksel befand. Meine Mutter kochte dann, was sie hatte - am häufigsten Kartoffelsuppe mit einem kleinen Stück Fleisch und ließ sie den Gefangenen bringen. Der Dolmetscher erzählte, er hätte sich vor allem um die Kranken gekümmert, die am meisten Hilfe brauchten.
     Die Front näherte sich langsam. Wir beobachteten seit einiger Zeit,  dass die Armee nach Westen zog. Durch die Straßen fuhren völlig bewaffnete Abteilungen, und einzelne, zerlumpte Soldaten gingen zu Fuß. Wir spürten, dass sich die Front unvermeidlich näherte. Ich arbeite auf dem Gutshof bei den Ochsen, daher konnte ich jede Zeit in die Kuhställe gehen. Eines Tages, als ich zu den Ochsen ging, sah ich, dass wir einen neuen "Bewohner" in dem Stall hatten. Das war ein englischer Flieger, aus einem irgendwo in der Gegend hinabgeschossenen Flugzeug. Er wurde nicht mit den russischen Gegangenen eingesperrt, sondern separat. Er musste zwar in dem Stall wohnen, aber er bekam ein Bett und Bettwäsche, so wie die deutschen Soldaten. Er bekam auch drei Mahlzeiten täglich und wurde von einem Soldaten überwacht. An einer Nacht beschloss er zu fliehen - am Morgen wurde festgestellt, dass er nicht da war. Am Mittag war er schon aber wieder zurück.
     Mit der Zeit, als sich die Frontlinie uns näherte, bekamen wir größere Essensvorräte. Auch die russischen Soldaten bekamen Essen - am Anfang Rübenreste, dann Pellkartoffel, und einmal wurde sogar eine Kuh geschlachtet und wir und die russischen Gefangenen bekamen Fleisch zum Essen. Das war eine Woche, bevor der Krieg endete. Direkt vor dem Kriegsende versuchten einige russische Soldaten zu fliehen. Drei von ihnen wurden wieder gefangengenommen und einer mit einem Bajonetten verletzt.
     Am 9. Mai 1945 wachten wir früh am Morgen auf und mit einer unbeschreibbaren Freude stellten wir fest, dass es auf dem Hof keine Wächter mehr gab und unser Dolmetscher - diesmal zivil angekleidet spazierte im Hof herum und tat so, als ob er Pole wäre. So erlebten wir das Kriegsende. Ich lief sofort in den Gefangenenlager, die Polen und Russen zu treffen. Ich befreundete mich schnell mit ihnen. Meine Mutter kümmerte sich um den Russen, der während des Fluchtversuches verletzt wurde. Am Abend kamen mit einem Auto russische Offiziere und nahmen einen Gefangen mit. Später würde gesagt, er wäre der Sohn von Stalin. Am nächsten Tag kam ein Lastkraftwagen mit Uniformen für die Gefangenen. Es wurden auch Essensvorräte für und die Gefangenen mitgebracht. Einige Gefangene - darunter der, um den sich meine Mutter kümmerte, wurden mitgenommen.
     So endete eigentlich unsere Gefangenschaft. Zusammen mit einer polnischen Familie hatten wir ein Pferd - eine Stute mit einem Fohlen und einen Pferdewagen zu Verfügung. Wir beluden den Wagen mit unserer bescheidenen Habe und begannen den Rückkehr nach Warschau. Mit dem Pferd kamen wir nach vielen Wechselfällen nach Katowice, wo man uns das Pferd und den Wagen weggenommen und dafür die Ticket für einen Zug nach Warschau gegeben hat.
     Nach Warschau kamen nur meine Mutter und ich an. Mein Vater ist für immer dort geblieben. Er ist unter unbekannten Umständen in Wrocław in dem Lager Breslau-Burgweide gestorben. Wir haben davon erfahren, als wir noch bei dem zweiten Bauer in der Gegend von Namysłów wohnten. Da wir die Adresse von meinem Vater in Słuszyca kannten, standen wir seit dem damaligen Treffen mit ihm im Briefwechsel. Auf diese Weise benachrichtigten uns auch seine Freunde über seinen Tod. Wir wussten schon vorher von ihm, dass er sehr schwer Magenkrank war und keine ärztliche Betreuung hatte.
     Aus Katowice nach Warschau kamen wir am späten Nachmittag am 26. Juni 1945. der Zug hielt in einer ziemlich großen Entfernung von dem Bahnhof Warszwa Zachodnia (Warschau West) an. Wir gingen zu dem Bahnhof, müde und hungrig, den Gleisen entlang. Bis zum späten Abend waren wir damit beschäftigt, nach ein wenig Trinkwasser und Essen zu suchen. Wir beschlossen, im Bahnhof zu übernachten. Wir schliefen sitzend in der Unterführung unter den Gleisen.
     Am nächsten Tag wollten wir in erster Linie unsere Wohnung sehen, obwohl wir uns dessen bewusst waren, dass wir dort nur Trümmern antreffen konnten. Wir gingen denselben Weg, den wir vor nicht mal einem Jahr unter ganz anderen Bedingungen in die andere Richtung gegangen waren. Wir erinnerten uns an unsere tragischen Erlebnisse zurück. Wir waren in keinem guten Gemütszustand, aber trotzdem bemerkten wir überraschenderweise, dass die Menschen überall versuchen, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Wir sahen Geschäfte, Obst- und Gemüsestände, aus den Bretter provisorisch gebaute Wohnungen, Straßenverkehr usw.
     Als wir ankamen, sahen wir Trümmern - so, wie vermutet. Der Keller unter dem Haus, in dem wir unsere Sachen vergruben, wurde ausgeplündert. Wir sahen einen ausgebrannten Autowrack. Das Auto gehörte meinem Vater, er bewahrte es sorgfältig die ganzen Besatzungsjahre lang in der Garage auf. Wir saßen und weinten und danach beschlossen, unsere Familie zu suchen.
     Als wir in die Richtung Śródmieście (das Zentrum von Warschau) gingen, sahen wir eine Droschke. Der Kutscher war unser ehemaliger Nachbar. Er und seine Familie gingen mit uns den ganzen Weg nach Pruszków. Aus dem Lager ist er geflohen (hat sich losgekauft) und blieb bis zum Kriegsende in der Gegend von Warschau.
     Unsere Begrüßung war voll Tränen. Wir erzählten dem Nachbarn unsere Erlebnisse und baten ihm um Hilfe. Vor allem nahm er uns nach Hause nach Praga (ein Stadtteil von Warschau) mit (ich weiß die Straße nicht mehr), wo er mit seiner zahlreichen Familie (soweit ich mich erinnere: vier Kinder, Ehefrau und Schwiegermutter) in einem kleinen Raum lebte. Wir wurden - den Umständen entsprechend - gut bewirtet: wir bekamen das Mittagessen. Wir erzählten unsere Erlebnisse noch einmal und erfuhren von unseren Gastgebern über andere Bekannte und Familie, die schon nach Warschau zurückgekommen waren. Wir haben vereinbart, dass wir bei unseren Gastgebern unser Gepäck ließen und eventuell auch schlaffen durften, bis wir etwas für uns finden würden. Die erste Nacht schliefen wir auf dem Boden, und am nächsten Tag, den Anweisungen der Gastgeber folgend, gingen wir, unsere Familie zu suchen.
     Nach einigen Fehlversuchen fanden wir endlich die Schwester von meiner Mutter, die mit ihrem Mann (sie hatten keine Kinder) in Cypel Czerniakowski lebte - ungefähr da, wo heutzutage Trasa Łazienkowska läuft. Sie wohnten in einem kleinen Haus - einer Bude, die sie selbst aus den Brettern gebaut haben. Die Bretter nahmen sie aus den deutschen Schützengraben in der Landzunge. Nach einer herzlichen Begrüßung voller Tränen, baten uns die Tante und der Onkel, bei ihnen zu wohnen, bis sich unsere finanzielle Situation verbessern sollte. Sie beide arbeiteten in der Warschauer Flusswerft - daher die Lokalisation ihres Hauses und geringe Mittel, die dadurch unterstützt wurden, dass die Tante Ziegen (wegen Milch), Hühner und sogar Schweine züchtete. Die Tiere wurden mit Essensresten aus der Kantine gefuttert. In der Nähe - in der Czerniakowska Straße 128 stationierte nämlich eine Soldateneinheit.
     Auf diese Weise fingen wir an, ein relativ geregeltes Leben zu führen. Mein Onkel und ich bauten deutsche Schützengräben ab und gewannen Holz dadurch; meine Mutter führte den Haushalt, indem sie kochte, Wäsche wusch, aufräumte und sich um die Tiere kümmerte. Aus den Schützengräbern gewannen wir bald so viel Holz, dass wir das alte Häuschen auseinander bauen und ein neues, größeres Haus bauen konnten. Um das neue Haus zu bauen, stellten wir einen Zimmermann an; das Haus hatte zwei Räume. Das Wasser brachten wir am Anfang aus dem Weichsel - man musste mit Eimern zum Fluss gehen, dann wurde unser Haus von der Stadtleitung kanalisiert. Auf diese Weise hatten wir zwar sehr primitive, aber annehmbare Lebensbedingungen.
     Im September fang ich wieder in die Schule zu gehen - ich ging in die siebte Klasse der Grundschule - das war damals eine öffentliche Schule.
     Auf dem Gebiet des Czerniakowski Hafen, da wo sich damals die deutsche Tankstelle befand, richteten die Soldaten einen provisorischen Schlachthof ein, wo man das Vieh  zurichtete. Wir bemerkten, dass aus der Schlachtung nur das Fleisch genommen wurde, den Rest ließ man dort. Meine Mutter und Tante sind  auf die Idee gekommen, dass man doch auch Innereien verwenden konnte. Sie kauften also für kleines Geld von den Soldaten - Metzger Lungen, Magen und Herzen von den Schlachttieren, kochten daraus unterschiedliche Speisen und verkauften sie portionsweise auf einem Markt in der Koszykowa Straße. Es verursachte eine sichtbare Verbesserung unserer Finanzen und ermöglichte, Winterkleidung und andere nötige Sachen zu kaufen.
     Solche mehr oder weniger stabile Situation dauerte bis zur Hälfte 1948. Inzwischen habe ich schon die Grundschule abgeschlossen, bestand die Aufnahmeprüfung und fing an, in der Konarski Berufsschule zu lernen, die sich in Mokotów in der Rej Straße befand.
     Anfang 1948 erkrankte meine Mutter sehr schwer und es stellte sich heraus, dass sie Lungentuberkulose hatte. In dieser Zeit holten wir auch meinen Bruden nach Hause zurück. Mein Bruder wurde nämlich zwei Monate vor dem Kriegsausbruch geboren. Als er ein Jahr geworden war, schmuggelten ihn meine Mutter und ich über die Grenze aus dem General Gouvernement zur Familie, die in der Gegend von Zakroczym wohnte. In Anbetracht dessen, dass mein Vater nicht mehr lebte, war die Rückkehr meines Bruders eine große Erleichterung für meine Mutter. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass mein Bruder eine beschädigte Halssehne hatte. Während er wuchs, wurde sein Kopf sichtbar deformiert und nach rechts gebogen. Meine Mutter jammerte die ganze Zeit, dass der zweite Sohn nicht bei ihr war, und außerdem war sie sich dessen bewusst, dass man ihm ärztlich behandeln musste.
     Nach seiner Rückkehr von der Familie wurde mein Bruder sofort ins Krankenhaus geschickt. Das Krankenhaus befand sich in der Piękna Straße zwischen den Straßen Marszałkowska und Krucza. Er wurde operiert und - schon mit dem geraden Kopf - zur Rekonvaleszenz nach Hause gebracht. Er musste ein halbes Jahr einen Gipskragen tragen.
     Mein Mutter - lungenkrank, ließ sich am Anfang ärztlich behandeln, allerdings ohne Erfolg. Sie wurde in ein Sanatorium nach Otwock geschickt. Es wurde ihr ein Lungenflügel abgenommen. Sie blieb im Sanatorium zwei Jahre lang. Sie ist zurück gekommen, aber sie hat ihre körperliche Verfassung nie mehr zurück gewonnen.
     Ich befand mich mit einer sehr schwierigen Situation. Ich hatte eine kranke Mutter und einen neunjährigen Bruder, um den ich mich kümmern und dem ich beim Lernen helfen musste, damit er alles nachholte.
     Diese ganze Situation verursachte, dass ich meine Schule vernachlässigte - die zweite Klasse der Berufsschule. Am Ende des Schuljahres hatte ich auf meinem Zeugnis einige "nicht ausreichende" Noten und ich wurde aus der Schule als Faulenzer und jemand, der sich vor dem Lernen verdrückte verwiesen. Zum Glück wurde davon Zarząd Miejski (Stadtverwaltung) benachrichtigt. Bald kam eine Dame, die die Gründe kennen lernte, die meine Probleme verursacht hatten. Sie bot mir an, dass ich in einen Internet umziehe und von dort aus meine Ausbildung beende. Meine Tante verpflichtete sich, sich um meinen Bruder zu kümmern, daher habe ich mich entschlossen, umzuziehen. Ich wurde nach Wrocław geschickt. (...)
     Im Jahre 1951 kam ich nach Warschau zurück. (...) Ich habe mein Studium auf der Politechnika Warszawska (Warschauer Technische Hochschule) 1957 abgeschlossen - in einer Hose und einem Hemd, dafür aber in einer guten Verfassung.
     In Cypel Czerniakowski, in der aus den Bretter, die aus den deutschen Schützengräben stammten, zusammengebauten Bude wohnte ich bis 1961. Von dort aus zog ich mit meiner Mutter und mit meinem Bruder in die Wohnung um, in der ich bis jetzt lebe.

 

 

                                                       

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