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Bericht von Wiesław Kępiński


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     Nach einer Zeitlang drehten sie sich um - es dauerte ungefähr eine Minute - und gingen weg. Und dann stand ich auf. Es war am Tage. Ich war dort gut zu sehen. Ich ging aus diesem Feld in die Redutowa Straße und klingelte oder klopfte an das Gartentor. Das war ein Haus mit einem Garten, die Menschen wohnten dort normal, ein Hund bellte, nichts Schlimmes geschah, es gab keine Deutschen. Eine ganz andere Welt, als dort, an der Grenze des Dammes. Ich wurde in das Haus hereingelassen und ich bekam zum Essen.
     Ein wenig weiter, in der Mitte der Redutowa Straße, zwischen den Straßen Wolska und Pustola wohnten zum Glück zwei Schwestern Paciorek, eine von denen war meine Patin - da war ich schon fast wie zu Hause. Sie wussten schon, was sie mit mir tun sollten. Da wohnten auch einige Untermieter, das waren auch solche bescheidene Häuser - das eine war aus Holz, sehr klein, mir einem Stockwerk, das andere war ein Erdgeschosshaus; es gab einige Ziegelhäuschen, alles war so angenehm aber zugleich provisorisch: das war Armut.
     In dem Innenhof gab es eine deutsche Küche. Die Frauen aus diesem Haus halfen aus: sie pellten Kartoffeln, kochten Suppen für die Deutschen. Und man musste alles tun - darum kümmerten sich die Schwestern schon, dass sie es nicht bemerkten, dass ich verletzt war. Ich wundere mich noch bis heute, wie es war, dass sich diese Deutschen für mich nicht interessierten: ich war doch früher nicht da, ich tauchte plötzlich auf. Aber wahrscheinlich interessierte es sie überhaupt nicht, wer dort wohnte - da sollte bloß die Küche sein, die Suppe sollte gekocht werden und Schluss. Und die Menschen lebten ruhig dort vor sich hin. Es war schwierig für mich, sich die Tage zu merken oder aufzuschreiben, aber ich weiß mit Sicherheit, dass ich dort ab dem 5. bis 15. August war, denn am 15. August ein englisches Flugzeug mit der Hilfe für die Aufständischen niedergeschossen wurde und es stürzte am Ende der Redutowa Straße; wenn ich jetzt auf dem Denkmal lese, das an der Ecke der Straßen Wolska und Redutowa gestellt wurde, wie viele von diesen Flieger umkamen und wann - am 15. August, da nehme ich an, dass ich bei den Schwestern Paciorek zumindest 10 Tage muss gewohnt haben. Ich aß dort, und schlief und sie führten mich zum Verbandwechsel... Am Ende der Wolska Straße stand so ein Zinshaus - natürlich da gibt es heutzutage keine Spur mehr, da gab es eine Erste-Hilfe-Station; sie tat als ob wir normal gingen, und in Wirklichkeit konnte ich kaum gehen, denn die verletzte Stelle war sehr empfindlich und tat weh.
     Jede Bombenexplosion in der Altstadt fühlte ich als ob mir jemand einen Nagel in die Seite einschlagen würde. Ich weiß nicht, warum es so war: war das die Luft, der Schlag oder vielleicht nur der Klang selbst, der diesen Eindruck machte... Ich verbrachte dort mit Sicherheit diese 10 Tage, vielleicht war ich dort auch länger. Auf jeden Fall wurde es dort schon unruhig... Vielleicht spürten die Leute instinktiv, dass die Deutschen auch dahin, in diese Redutowa Straße kommen konnten, um die Leute nacheinander bis Jelonki umzubringen. Ich wiederum, ohne viel gedacht zu haben, eines Tages... Natürlich hatte ich das früher mit den Schwestern abgesprochen...
     Da wohnte noch ein Ehepaar mit einem Jungen, der ein wenig kleiner war als ich und sie taten, als ob ich ihr zweiter Sohn wäre... So eine Tarnung. Da es in einem Treppenhaus war, schlief ich soweit ich noch weiß, bei den Schwestern. Sie gaben mir auch zum Essen, führten zum Verbandwechsel, sie wuschen mich, denn ich konnte mich nicht beugen...
     Eines Tages, als manche Leute schon weggegangen waren, stand eine Wohnung leer, ich ging da herein. Die Tür stand auf, ich brauchte nicht aufzubrechen. Ich nahm ein kleines Leinensack, in dem ziemlich viel Mehl war, und ein kleines Bild aus der Wand mit: Christus mit dem flammenden Herzen. Und das war mein ganzes Gut und Habe, mit dem ich durch die Straßen nach Jelonki, zu meiner Tante ging. Ich ging dahin alleine, die Schwestern blieben, diese Menschen blieben auch...
Und ließen sie dich alleine gehen?
    
Ja. Das haben wir so irgendwie abgesprochen. Vielleicht dachten sie sich, es wäre besser, wenn die Tante... Auf jeden Fall weit weg davon, was dort passieren konnte... Weit weg von Wola, von der Hinrichtungsstätte - sie dachten, es würde dort nicht mehr so gefährlich sein. Ich weiß nicht mehr, wie es war.  Auf jeden Fall war das so, als ob das alles von Oben bestimmt wäre, dass es so sein sollte. Bei dieser Tante in Jelonki wurde  später auch immer gefährlicher und deswegen führte mich die Tante Sokołowska - im Endeffekt war es keine nahe Verwandte von mir - nach Ożarów. Das war die Tante, aber eines weiteren Grades. Das war die nächste Person, die sich um mich kümmerte.
     Sie waren selbst sehr arm... Und wieder ein ganz unvorstellbares Bild, als ob es nicht von dieser Welt wäre: eine Stube vielleicht 2.5 mal 2.5 Meter groß, vielleicht auch kleiner, ohne Fußboden, eine Tür und ein Fenster, die Wände draußen mit Pappe gepolstert - das war eine Art Isolierung, ein schreckliches Primitiv... Sie müssen wahrscheinlich irgendwelche Küche gehabt haben - dort wohnte noch auch der Onkel Sokołowski - und noch ein Bett und einen Tisch. Das war eine Stube wie Kammer zum Kohle Aufbewahren...
     In Jelonki wurde auch sehr gefährlich: Horden von Mongolen, irgendwelchen Asiaten auf kleinen Pferden... Sie brannten die Häuser nieder, plünderten, vergewaltigten... Dann wurde ein Teil der Bevölkerung vertrieben - man weiß nicht, wohin, vielleicht in ein Konzentrationslager... Uns wurde diese Vertreibung aus Jelonki erspart, wir kamen nach Hause zurück, das war so ein Auftrieb auf einem Feld, aber meine Tante wartete nicht lange, schon am nächsten Tag nahm sie mich nach Ożarów. Sie meinte, es wäre hier schon zu gefährlich, jede Zeit konnten wir vertrieben werden, man wusste nicht, was noch passieren konnte, daher musste man fliehen. Und noch ein Alptraum, der mit Jelonki verbunden war: die Deutschen trieben einige Personen zusammen, gaben uns Schaufeln und führten uns - ich weiß nicht, zu welchem Zweck, nach Warschau. Wir mussten etwas aufräumen oder wegschaufeln, ich weiß jetzt nicht mehr, ich war doch ein kleiner Junge... Ich war aber neugierig und ging mit - um zu sehen, wie diese Warschau aussah... Trotz der Wunde...Aber ich war halt so... Weißt du, man sagt bei uns: auf einem kleinen Hund heilen die Wunden schnell... Aber ich ging nur einmal hin. Ich erinnere mich noch, dass wir durch eine Straße gingen - vielleicht war das gerade diese Wolska Straße, dann vielleicht die Chłodna Straße, das weiß ich nicht... Aber die Häuser standen schon dicht aneinander, also es muss schon das Stadtzentrum gewesen sein... Ich kann mich nicht erinnern, wozu sie unsere Schaufeln brauchten, was wir dort machten, vor allem, was die Erwachsenen machten... Das muss irgendwelche Ordnungsmannschaft gewesen sein... Ich weiß nicht, ob es schon nach der Aufstandsniederlage war. Es kann sein, dass der Aufstand in den letzten Zügen in Mokotów oder Stare Miasto (die Altstadt) lag... Und Wola fiel schon lange her... Auf jeden Fall war das ein furchtbarer Anblick: all diese verbrannten Häuser, irgendwelche Gegenstände, die auf der Straße lagen und (davon schreibe ich sogar in meinen Erinnerungen) dieser Männerkopf, der auf der Straße lag... Und danach, damit es solche Momente nicht mehr gab, dass "sie uns vielleicht in ein Lager vertreiben", oder "zur Zwangsarbeit nach Deutschland transportieren" oder "zur Ordnungsarbeit nach Warschau treiben würden"  - dass allgemein niemand wusste, was passieren sollte - da fuhren wir nach Ożarów bei Warschau.
     Das kann schon im September gewesen sein. Ich wohnte bei irgendwelchen Menschen in der Landstraße nach Posen. Das war ein Ehepaar mit einem Kind, ich weiß nicht, ob das irgendwelche Bekannte von meiner Tante waren. Und wieder: erst nach Jahren stellte ich fest, dass es der 18. September war. Ich sah nämlich von Ożarów aus eine aus den Flugzeugen fallende sehr große Menge Ladungen mit Hilfe für die Aufständischen. Und nach dem Krieg las ich, dass es am 18. September war. So habe ich mir Ereignisse zeitlich in Ordnung gebracht.
     Und in diesem Ożarów führte mich jemand woanders hin, weiter weg von der Straße, in ein Dorf... Aber zum Glück dauerte das nicht lange - in Ożarów fand mich meine Schwester, meine liebe Henia. Und das war für mich ein Wendemoment - dass jemand da war, der mir nahe, sehr nahe stand, der mir die Mutter, die Familie ersetzen sollte, der sich um mich kümmern würde, der wissen würde, was mit mir zu tun war, wie man mich retten, ernähren sollte...
     Wir verbrachten eine kurze Zeit in Włochy bei ihren Schwiegereltern, dann fuhr sie mit mir zu den Bauern in ein Dorf Stefanów, bei Rogów. Dort waren schon der Ehemann und der Sohn von Henia. Das muss Anfang Oktober gewesen sein, denn es wurde schon sehr kühl. Als wir mit einer Lokomotive - direkt bei einem Ofen fuhren, als ein Heizer Kohle in den Ofen lud, wurde es ganz heiß, aber in den Rücken war es schon kalt... Ich wurde mit einem Fuhrwerk abgeholt, denn mir immerhin [diese Wunde] wehtat, sie legten mich also auf Stroh hin und so transportierten sie mich bis zu diesem Bauernhof.
     Und dort wohnte ich mit meiner Schwester und ihrem Mann, der schon wegen Tuberkulose im Sterben lag. Meine Schwester fuhr Handel treiben - denn sie nahm von den Bauern Schweinefleisch aus illegaler Schlachtung und fuhr es in die Gegend von Warschau; mein Gott, welche Mühe es war, um nur noch ein paar Zloty zu verdienen, wie viel Anstrengung... Auf jeden Fall, als sie nicht da war, musste ich mich um ihren Ehemann, der wegen Tuberkulose im Sterben lag, und um ihren kleinen Sohn, der jünger als ich war, kümmern. Ich musste lernen, wie man Suppen kochte, das Kind futterte - und dann auf die Schwester warten, die zurück kommen würde und dann würde schon alles wieder gut sein. Der Winter war grauenhaft - der letzte Winter: von 1944 auf 1945. Ich wartete nur bis zur Befreiung und sofort war ich dort weg. Aber das war schon Frühling, April. Denn man muss verrückt gewesen sein, um im Winter ins Ungewisse zu fahren. Wohin? In eine verbrannte Stube? Wozu? Um zu frieren?

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