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Bericht von Anna Teofilak-Maliszewska


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Anna Maliszewska

ERINNERUNGEN
aus der Zeit des Warschauer Aufstandes
und von der Jahrwende 1944/1945

 

     Während der Besatzungszeit wohnte ich gemeinsam mit meiner Mutter - Jadwiga Teofilak und mit ihrer Familie in Warschau, in der Piusa XI. Straße Nr. 66 (heutzutage - Piękna Straße.). Am 1. August gegen 14 Uhr ging meine Mutter zu unserer Cousine, die in Wohnviertel Mokotów wohnte, um sie zu besuchen und nahm mich mit. Ich war damals 7 Jahre alt. Ausbruch des Aufstandes überfiel uns bei der Familie in der Humańska Straße. Die Schüsse fielen dicht, in der Nähe lag einen Leichnam und es wurde klar, dass wir keine Chance hatten,  um nach Hause zu gehen. Wir wohnten dort eine Woche lang.
     In der Wohnung gab es insgesamt ca. 6 Personen. Die Zeit verging den Erwachsenen auf Gesprächen und Kartenspielen, ich hörte sie zu und las Kinderbücher. Wir alle wohnten in einem Zimmer, dessen Fenster auf Humańska Straße ausging. Das zweite Zimmer, aus anderer Seite des Hauses, blieb während des Tages frei, weil es unter Beschuss von einem Scharfschützen (Golebiarz) stand, der in der Nähe lauerte. Es stand dort ein Kinderbett, in das ich mich nach dem Sonnenuntergang schlafen legte. Wir aßen die Vorräte der Familie. Die Männer gingen in der Nacht nach draußen, um in nahe liegendem Feld etwas Kartoffen auszugraben. Das war mit großem Risiko verbunden, weil dieses Gebiet von den Deutschen besetzt war.
     Ca. am 8. August erschienen die deutschen Soldaten mit einem Befehl, das Haus zu verlassen. Die Einwohner mussten sofort rausgehen, denn das Haus sollte verbrannt werden. Als ich auf der Straße stand, erlebte ich Angstmomente, denn meine Mutter lief noch einmal in das Haus hinein, um etwas zum Anziehen zu holen. Ich hatte Angst, ob sie es schaffen würde, zurückzukommen.
     Hinterher lösten wir uns von unseren Cousinen ab, die wollten versuchen, Warschau über Wohnviertel Dolny Mokotów, zu verlassen, was sie glücklich geschafft hatten. 
     Meine Mutter hoffte, mich in einem nahe liegendem Krankenhaus in der Chocimska Straße unterbringen zu können, denn ich wurde krank und hatte hohes Fieber. Das Krankenhaus war überfüllt, also gingen wir mit einer Gruppe von anderen Vertriebenen durch die Chocimska Straße in den Unia Lubelska Platz. Es war ein furchtbares Erlebnis, denn wir gingen durch die Straße, an deren beiden Seiten Häuser brannten. Es wird in meinem Gedächtnis für immer bleiben.
     Wir kamen zu dem das Staatliche Institut für Hygiene in der Chocimska Straße, und dort erlaubte man uns rein zu kommen. Das Gebäude schien riesengroß zu sein und brannte nicht. Hinter einem Zaun gab es ein kleines Häuschen und einen großen Innenhof. Wir haben ein Bett bekommen, auf dem wir bleiben durften; außer mir und meiner Mutter waren noch vier Frauen auf zwei Betten dort. Bald erfüllte sich das ganze Gebäude mit Flüchtlingen. Es waren dort auch alle Institutmitarbeiter, die in der Arbeit durch den Aufstandsausbruch angehalten wurden. Ich wurde von einer Ärztin behandelt, die dort arbeitete, und ich wurde bald gesund. Meine Mutter wiederum hatte wegen schlechten Essens den ersten Gallensteinleidenanfall.
     In dem Institut verbrachten wir zwei Wochen. Am Tage konnte man sich im Innenhof aufhalten, wo eine gemeinsame Küche für alle organisiert wurde. Nachts gingen tatkräftigere Personen in die nahe liegenden Kellern hinein zu der sog. "Plünderung" und brachten Essen mit. Hätten sie sich erwischen lassen, wären sie sofort getötet. Einige Male kamen Ukrainer vorbei. Zwei von denen fühlten sich mit unseren Mitbewohnerinnen angezogen, da sie auch Sie waren glücklich, dass jemand mit ihnen ihre Sprache sprach und ihre Heimatorte kannte. Es hatte ein unerwartetes Ergebnis. Eines Tages kamen deutsche und ukrainische Soldaten in das Institutgelände und ließen alle dort nicht angestellten Personen das Gebäude verlassen. Ich stand schon an der Zimmertür, als der bekannte Ukrainer kam. Er sagte: "Cicho, wy siditie" (?Ruhig, ihr bleibt sitzen") und stellte sich in der Tür, so dass er den Ausgang sperrte. Wir blieben also in diesem Wächterhäuschen. Wir erfuhren nach dem Krieg, dass die Frauen zur Zwangsarbeit nach Deutschland transportiert und die Männer sofort erschossen wurden.
     Einige Tage lang wohnten wir noch im Institut, das uns seltsam leer vorkam. Am 21. August hielt vor dem Institut ein anständiger Bus, in dem die Institutmitarbeiter und wir aus dem Wächterhäuschen zum Bahnhof Warszawa Zachodnia (Warschau West) transportiert wurden, wo man uns sagte, wir sollten nach Pruszków fahren. Das war die Auswirkung dessen, dass der Institutdirektor - ein Deutsche, seinen Mitarbeitern versprach, dass er es nicht zulassen würde, dass ihnen etwas passieren würde.
     Wir warteten sehr lange auf einen Zug. Eine Frau gab mir ein Stück Brot  mit Schmelzbutter zum Essen.  Es war herrlich. In Pruszków verbrachten wir eine Nacht im Bahnhof, wir saßen auf dem Boden, und dann gingen wir in verschiedene Richtungen auseinander. Wir waren frei, aber hungrig, wir hatten nichts.
     Nach den Besprechungen entschied sich meine Mutter gemeinsam mit den anderen Bewohnern des Wächterhäuschens nach Grodzisk zu gehen. Dort wurden wir in einem von den Häusern mit großem Mitleid empfangen, wir bekamen etwas zum Essen und wir durften dort übernachten. Am nächsten Tag passierte etwas Ungewöhnliches. Eine von diesen Frauen, die aus den östlichen Gebieten Polens stammten, ging zum Markt und verkaufte dort ihre Brosche, die sie in der Seife versteckt hatte.  Sie gab meiner Mutter 1000 Zloty und sagte, dass sie in der Zukunft keine Rückzahlung möchte. Das sollte ein Ausdruck der Dankbarkeit für Gott sein, dass sie diese warschauer Hölle verlassen durfte.  
     In dieser Situation beschloss meine Mutter, dass wir zu meinem Onkel Władysław Teofilak fahren, der in Kozłów Szlachecki bei Sochaczew wohnte. Onkel hängte sehr an meinem Vater, der noch vor dem Krieg tragisch ums Leben kam und Mutter rechnete mit seiner Hilfe. In Grodzisk, auf dem Markt fand meine Mutter einen Bauer, der nach Hause in der Nähe von Sochaczew zurückfuhr und versprach, uns zu unserer Familie zu fahren.
     Onkel mit seiner Frau empfing uns sehr herzlich. Ihr Haus erfüllte sich langsam mit den Flüchtlingen aus Warschau. Ich erinnere mich daran, dass sie sich alle bei der Brotanfertigung und bei dem Backen der zahlreichen  Laiben in riesengroßem Backofen,  beteiligten.  
     Einer Nacht wachte ich mit der Befürchtung und Gefühl, dass ich bald ersticke, auf. Mein Hals war gänzlich geschwollen und ich hatte Fieber. Auf Bitten meiner verzweifelten Mutter fuhr uns der Onkel mit dem Fuhrwerk nach Sochaczew, wo mich ein Arzt im Krankenhaus untersuchte. Es stellte sich fest, dass ich Diphtherie hatte. Nach der Heimkehr war ich einen Monat lang von den anderen Mitbewohnern, vor allem Kinder getrennt.
     In Kozłów sorgte sich meine Muter um ihren Bruder und seine Frau, deren Schicksal unbekannt war, wie auch um ihre Kinder, die an dem Aufstand teilnahmen. Durch Zufall erfuhr sie, dass ihr Neffe - Staszek Gromulski (Deckname Ruskin vom Gruppierung GURT) wurde verwundet und starb am 6. August. Etwas später bekam sie die Information, dass ihre Nichte - Wandzia Gromulska, Sanitäterin im Bataillon  GOLSKI (Deckname Teresa) kam schon am 3. August ums Leben. In dieser Situation beschloss meine Mutter, dass sie nach hintergelassenen Eltern suchen soll, die höchstwahrscheinlich bei der Familie in Tschenstochau sein konnten.
     Wir fuhren also im November nach Tschenstochau, zu dem Vetter meiner Tante, zum Doktor Bielunas. Hier wurden wir auch herzlich empfangen. Wir bekamen Zimmer und Bett. Bei der Familie Bielunas verbrachten wir Weihnachten. Wir erfuhren auch, dass Onkel und Tante Gromulski  bei einer anderen Familie bei Piotrków waren.
     Ich muss jetzt beschreiben, wie ich angezogen war - ich bin doch im August vom Zuhause in einem Sommerkleid und Sandalen rausgegangen. Für den Winter eben nähte mir meine Mutter einen Mantel aus einem braunen Bademantel einer Cousine. Der Mantel war mit Stückchen Kaninchenpelz gefüttert, die wir von einer Bekannten geschenkt bekommen hatten. Meine Schuhe bestanden aus Holzstückchen, an die meine Mutter diese Pelzstückchen annagelte; sie polsterte sie mit diesem Pelz.  Sie waren sehr warm.
     In Tschenstochau schrieb mich meine Mutter an die Schule der Schwester der Hochheiligen Familie von Nazaret ein.  Ich bestand dort ein Examen und wurde in die dritte Klasse aufgenommen. Ich war ganz gut vorbereitet, weil man früh angefangen hat, mich zu Hause zu lernen und ich mit 6 Jahren in die II. Klasse ging.   
     Im Frühling ging ich bei den Schwestern mit der ganzen Klasse zur Beichte und zur Ersten Kommunion.
     Wo von wir lebten in Tschenstochau? Am Anfang ernäherte uns Familie  Bielunas, aber die waren auch in schwieriger Lage, weil es immer mehr Familiemitglieder aus Warschau gab. Es kam Tante von Frau Maria Bielunas - Tacjanna Wysocka mit schwerkrankem Sohn Stefan. Glücklicherweise traf Mutter ihre Bekannte Schneiderin (Frau Lena Krukowa), die sie als Aushilfe angestellt hat. Die beiden Frauen nähten die ganze Tage lang Hemde für die Männer. Meiner Mutter gelingt auch, selbst gemalte Weihnachtspostkarten zu verkaufen.
     Ich erinnere mich an der Front, die über Tschenstochau ging. Es gab keine Straßenkämpfe, die russischen Soldaten gingen durch die Stadt innerhalb einigen zehn Stunden. Es war damals ein frostiger Januar.
     In dieser Zeit schlug Mutter Bekannte vor, dass wir zur, von ihr gemieteten, Wohnung umziehen. Wir nahmen dieses Angebot wahr, um Familie Bielunas zu entlasten. Mutter nähte weiter die Hemde und am Abend buk sie die Kuchen, die später einer Konditorei verkaufte. Trotz allen Bemühungen hatten wir wenig Geld. Das nächste Problem war,  dass ich an Masern erkrankte und eine Weile konnte ich nicht in die Schule gehen.
     Wir hatten nur ein Bettlaken und eine Schüssel. Mutter fand sie im Abfall in zwei Teilen - der Boden und der Rest. Sie bat einen Schlosser, damit er die Schüssel reparierte. Er lehnte aber die Bitte ab, weil er keine Zeit hatte.  Dann bat meine Mutter (die nicht nur Akademie der Schönen Künste absolviert hat, sonder auch Staatliches Institut für Handwerk) den Schlosser um einen Lötkolben und etwas Zink. Der Schlosser war damit einverstanden, weil er neugierig war, wie eine Frau löten wird. Nach der Reparatur sagte der Schlosser zu seinem Gesellen "wenn du das so machen könntest".
     Im Mai erreichte uns die fröhliche Information, dass Krieg beendet wurde. Wir alle freuten uns sehr. In Jasna Góra gab es danksagende Feierlichkeiten; Heilige Messe "auf den Wellen" angehäufte unter Klostermauer viele Tausend Menschen. 
     Das Theater in Tschenstochau begann seine Tätigkeit mit dem Stück "Placówka" (Wache) von Prus. Ich erinnere mich daran, dass Ślimak von dem warschauer Schauspieler Edward Strycki gespielt wurde. Schon früher begann man im Theater viele andere Stücke zu proben. Tacjana Wysocka führte Bühnenbewegung- und Tanzunterricht für die Schauspieler. Bei dieser Gelegenheit organisierte man auch Rhythmik- und Volkstanzunterricht für Kinder  - ich nahm an dem mit großem Vergnügen teil. Diese Unterrichtstunden beendeten im Juni mit einer Schau, die von Frau T. Wysocka geführt wurde. Bis heute behalte ich in der Erinnerung Aufbau des Tanzes zur Melodie "Biały Mazur" (der weiser Masur von Osmański), der 10-jährige Oleńka Borszówna, spätere Tänzerin in Warschauer Oper, bravourös präsentierte. 
     Es war ein schöner, heißer Juni.  Große Mengen der Menschen häuften sich jeden Tag an den Warta Ufern. Der Fluss bei Tschnstochau war nicht tief und viele Kinder badeten dort in der Sicherheit. Aber eines Tages näherte ich mich mit meiner Freundin zu nah  der Brücke und dort wurden wir von dem Strudel erfasst. Seit dieser Zeit weiß ich, wie es Ertrinken im Strudel aussieht.  Zum Glück badeten in der Nähe Jungen, die uns halbtot aus dem Wasser gefischt haben.
     Am Ende Juni 1945 kam ich mit meiner Mutter nach Warschau. Wir gingen zuerst zur Wohnung unseren Vettern - Familie Krupski in der Puławska Straße 12a, wo wir neben den Wohnungsbesitzern, auch Tante und Onkel Gromulski trafen. Sie waren sehr unglücklich, weil sie Kinder im Aufstand verloren. Sehr viel Zeit verbrachte man an  Erinnerungen an Schrecken des Krieges und des Wanderlebens nach dem Warschau Verlassen. Wir blieben mit den Vettern in der Wohnung in der Puławska Straße.  Familie Krupski zog nach Breslau um und mit uns begannen ihren Verwandten aus Vilnius - Familie Czarnocki  mit den Kindern zu wohnen. Bald wurde das Haus verstaatlich und von Wohnungsamt übernommen. Die Zuteilungen für die einzelnen Zimmer,  wurden den Menschen gegeben, die schon in diesen Zimmern wohnten. Es gab Zeiten, wenn in 4 Zimmer Wohnung mit Küche und Bad 11 Personen lebten.   Aus diesem Grunde sagten wir oft, dass wir in einer familiären Kolchose wohnen. Der Alltag stabilisierte sich. Mutter fand Arbeit in der Schule als Zeichnen- und Handwerklehrerin. Ich begann die 4 Klasse der Grundschule zu besuchen. Onkel, Zdzisław Gromulski, ein Ingenieur, fand Arbeit im Büro des Warschau Wiederaufbaus. Tante kochte und nähte für uns die Kleidung. 
     Kurz nach dem Krieg glaubten naiv viele Menschen, dass bald der nächste Krieg ausbrechen wird, weil die westlichen Länder Polen nicht in Einflusszone der kommunistischen Sowjetunion lassen werden.
     In den 50.-70.-ger Jahren schien es sicher zu sein, dass meine Generation nie Kommunismusuntergang miterleben wird. Wir haben aber das doch miterlebt. Es ist schwierig die Wege der Geschichte vorauszusehen.

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