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Bericht von Jerzy Uldanowicz


Jerzy Uldanowicz                                                                           E 155

Vertreibung aus Warschau - nach dem Aufstand - zur Zwangsarbeit

     Zum Zeitpunkt der Kapitulation des Aufstandes war ich zu Hause in der Grzybowskastraße 7, wo ich seit der Zeit vor dem Aufstand gewohnt habe, d.h. in einem von Deutschen befreiten Gebiet wohnte. Ich war damals 14 Jahre alt.
     In den ersten 2-3 Tagen nach der Kapitulation wurde die in der Nähe von Grzybowskastraße verbleibende Bevölkerung informiert (wie es geschah, weiß ich nicht), dass sie nach dem obligatorischen Verlassen von Warschau in die ländlichen Gebiete des Generalgouvernements geschickt wird.
     Diese Information, an die die meisten von uns geglaubt haben, hat nicht nur unsere Wachsamkeit geschwächt und praktisch die Fluchtversuche vor dem Eintreffen im Durchgangslager in Pruszków ausgeschaltet, sondern auch einen wesentlichen Einfluss darauf genommen, was wir für die Reise eingepackt haben, insbesondere hatte sie zur Folge, dass wir anstatt der für schwere Landarbeit im offenen Gelände geeigneten Kleider, was - wie es sich später herausstellte - wirklich nötig war, Sachen mitgenommen hatten, von denen wir glaubten dass wir sie auf dem Lande gegen Lebensmittel tauschen können oder als Zahlungsmittel für die Unterkunft usw. verwenden können, da das Geld immer weniger Wert hatte.
     Wir sind am Vormittag, am 7. Oktober 1944 mit den meisten von den verhältnismäßig wenigen Personen, die nach dem Aufstand in dem gewohnt haben, was von den Häusern in der Grzybowskastraße zwischen Graniczna- und Ciepłastraße geblieben ist. Ich bin mit meinen nächsten Angehörigen, d.h. mit meiner Mutter (38) und mit meiner Großmutter (69) gegangen. Da die Deutschen es verboten hatten, mehr Habseligkeiten mitzunehmen, trugen wir unser ganzes Gepäck in behelfsmäßig aus Säcken und Hanfschnüren gemachten Rücksäcken.
     Wir folgten einer Route, die an den deutschen Posten entlang führte, d.h. wir gingen Chłodnastraße und Wolskastraße, bis wir mit der allmählich größer werdenden Kolonne der Vertriebenen in die Stanislauskirche in der Wolskastraße kamen, wo eine der Sammelstellen für die aus der Stadt vertriebene Bevölkerung eingerichtet wurde. Da waren wir einige Stunden in einer Menschenmenge, die die Innenräume und den Innenhof der Kirche ausgefüllt hatte.
     Anschließend hat man uns eine engere und besser bewachte Marschkolonne bilden lassen und durch die Bemastraße in Richtung Westbahnhof getrieben, wo uns befohlen wurde, in offene Güterwaggons (sog. "Kohlewaggons") einzusteigen, nach kurzer Zeit fuhr der Zug los, um gleich in Pruszków anzukommen, in der Nähe der Bahnwerke, wo ein Durchgangslager eingerichtet wurde. Die Dunkelheit brach ein. Wir wurden in eine der Hallen getrieben, mit allgegenwärtigen Schmierstoff und Wasser, welches vor allem in den Kanälen zwischen den Schienen stand. Die ganze Nacht lang war es da eng, laut und kalt.     
     Am nächsten Tag, am 8. Oktober - haben wir am Vormittag die erste (und bis zum nächsten Durchgangslager nach unserem Aufenthalt in Pruszków die einzige) Mahlzeit bekommen, seitdem wir von unserem Wohnort losgezogen sind. Es kam ein Wagen mit einem Kessel mit Suppe, die in Gefäße gegossen wurde, die gleichzeitig von Tausenden von Händen hingehalten wurden. Nur Einigen ist es gelungen, ein wenig Suppe zu erwischen, die nahezu über den Köpfen der andrängenden Menschen verschüttet wurde.
     Am Nachmittag kam einer der dramatischsten Momente in meinem Leben - die Segregation. Wir wurden als eine sehr lange Kolonne aufgestellt und es gingen meistens ganze Familien, also zu dritt, zu viert, zu fünft, auf eine kleine Gruppe von Deutschen zu und einer von den Deutschen - der war uniformiert - hat nach einer "Gesichtskontrolle" blitzschnell eine jede Person in einen der drei deutlich abgetrennten Bereiche des großen Platzes eingewiesen.
     Mit dieser kleinen Handbewegung wurde im Prinzip über Leben und Tod entschieden, da die Vertriebenen von einem der Bereiche des Platzes in die Bahntransporte abgeführt und anschließend in ländliche Gebiete des Generalgouvernements, von dem zweiten und dritten Bereich des Platzes hingegen - zur Zwangsarbeit und in die Konzentrationslager gebracht wurden.
     Ich wäre jetzt mit einer detaillierten Beschreibung der tragischen Szenen überfordert, die sich damals während der Segregation abgespielt haben - die Leute haben mittlerweile geahnt, welche Absichten dahinter stecken. Immer wieder haben die Deutschen mit Gewalt Eltern von ihren Kindern, Ehemänner von -frauen, gesunde von sichtlich kranken oder geschwächten Angehörigen getrennt. In den allermeisten Fällen waren es die letzten Augenblicke, in denen die vertriebenen Einwohner von Warschau ihre Angehörigen gesehen hatten.
     Nach dieser Trennung wurde meine Großmutter in das Dorf Wyciąże gebracht, in die Nähe der jetzigen östlichen Stadtgrenze von Krakau, wo sie bis zur Ende der Besatzung geblieben ist (vgl. Kopie der Bescheinigung vom Zentralen Hilferat), ich wurde hingegen mit meiner Mutter am selben Nachmittag mit tausenden anderer Menschen an einem Abstellgleis in einen Zug gebracht, der aus bedeckten, geschlossenen Güterwaggons bestand und von außen von bewaffneten Soldaten bewacht wurde. Wir haben nachgezählt - in einem verhältnismäßig kleinen Waggon wurden 80 Personen beider Geschlechter samt Handgepäck zusammengepfercht.
     Der Zug fuhr ab, nach einer Weile hielt er wieder für 1-2 Stunden in der Nähe von Pruszków, wo die Bevölkerung und ein wenig Lebensmittel über die vergitterten Waggonfenster gebracht hat (sie haben uns mitunter Wurst für 500 Złoty pro Kilo verkauft - diese Wurst wurde von den während des Aufstandes ausgehungerten Menschen aufgegessen und führte bei vielen von ihnen zu Magenverstimmungen, was unsere sowieso schwierige Lage in dieser Enge noch weiter kompliziert hat).
     Dann fuhr der Zug weiter. Er Zug hielt anschließend kurz in Skierniewice und Koluszki an, wo die Einheimischen uns durch vergitterte Fenster heiße Getränke gereicht haben.
     Während der ganzen Fahrt durften wir einmal den Waggon wegen Notdurft verlassen - ein paar Minuten lang waren wir alle auf einer Fläche von einigen dutzend Quadratmetern außerhalb des Waggons, während die Wachen mit ihren Gewehren auf uns zielten.
     Während der Zugfahrt haben einige Männer aus unserem Waggon es geschafft, das kleine Fenster über den Stoßstangen auszuhebeln und einer von ihnen ist durch dieses Fenster geflohen. Ein anderer Häftling, der aus dem benachbarten Waggon fliehen wollte, wurde von den Wachen in der Nähe der Gleise erschossen.
     Am 9. Oktober hielt der Zug am Morgengrauen in einer gewissen Entfernung von dem Durchgangslager Burgweide bei Wrocław (heute sind es Ortsteile Sołtysowice und Polanowice, die zum Stadtteil "Hundsfeld", d.h. Psie Pole in Wrocław gehören). Die amtliche Bezeichnung des Lagers hieß: "Durchgangslager des Gauarbeitsamts Niederschlesien Burgweide" (vgl. Kopie des "Antrags auf Ärztliche Untersuchung").
     Auf dem Wege zu diesem Lager sind wir an einem Lager für - britische und amerikanische - Kriegsgefangene vorbeigegangen. Diese Kriegsgefangenen haben uns über den Zaun größere Mengen an Lebensmittel und Zigaretten zugeworfen; diese hatten sie aus den Paketen gehabt, die sie bekamen.
     Das Lager in Burgweide, in dem ich vom 9. bis etwa 16. Oktober war, hatte einen typischen Charakter: Maschendrahtzaun mit Stacheldraht, Standardmäßige Holzbaracken. Das Lager war in zwei Teile eingeteilt - nach einem Tag in dem ersten Teil wurden wir ins Bad eingewiesen und unsere Kleidung wurde desinfiziert, anschließend kamen wir in den zweiten Teil des Lagers. Zu dieser Zeit wurden wir auch sehr oberflächlich ärztlich untersucht   (vgl. Kopie des "Antrags auf Ärztliche Untersuchung).
     Die Verpflegung war im Lager bei weitem nicht ausreichend, insbesondere im Hinblick auf die Kalorienhaltigkeit, wobei die Essensausgabe aus dem Kessel böswillig organisiert wurde. Wir waren gezwungen, wesentliche Zeit am Tag anzustehen, was insbesondere für ältere und schwächere Personen galt, denn der Kessel wurde jedes Mal an einem neuen Ort aufgestellt und man hat das Essen dementsprechend spät bekommen, wann man auch spät an den Kessel gerannt ist. Die langsamsten haben nichts bekommen. Wir hatten Hunger - wir aßen sogar altes, völlig vertrocknetes und vergammeltes Brot.
     Im Lager waren tausende Menschen untergebracht - weit mehr über das, wofür die Übernachtungskapazitäten der Baracken ausgelegt waren. Die erste Nacht habe ich im Regen auf einer Bank außerhalb der Baracke, die nächsten dann relativ "vorteilhaft" verbracht, denn innerhalb der Baracke, auf einem Tisch mit Abmessungen von ca. 1,5 x 1 m, den wir zu dritt teilten, angesichts dieser Situation konnte zur gleichen Zeit nur eine Person halb liegende Position einnehmen, die zwei anderen mussten sitzen. Die meisten Häftlinge verbrachten die Nächte auf nacktem Fußboden, aber auch dort war es sehr eng.
     Während meines Aufenthaltes in Burgeweide wurden wir in die polizeiliche Lagererfassung aufgenommen - ich wurde unter der Nr. "A.4762" erfasst (vgl. Kopie des Dokuments "Merkzettel zur Vorlage bei der Meldebehörde des Wohnortes").
     Allmählich wurde die Selektion der Häftlinge durchgeführt, man hat Gruppen zusammengestellt, die in die Bahntransporte eingewiesen wurden, das Reiseziel der Transporte war uns damals nicht bekannt.
     Es ist mir gelungen, mit meiner Mutter in eine Gruppe zu gelangen. Diese Gruppe, einige Dutzend Personen, wurde unter Aufsicht bewaffneter Wachen mit einem Personenzug nach... Katowice (deutsch: Kattowitz) gebracht, wo wir alle als Arbeiter in den Lokomotivwerkstätten eingestellt wurden. Ich wurde zum Schlossergehilfe, meiner Mutter wurde nach einer knapp eine Stunde dauernden Einweisung befohlen, (gleichzeitig) zwei mächtige Schleifmaschinen zu bedienen. Wir wurden auf dem Werksgelände, unter sehr schlechten Bedingungen untergebracht (dreigeschossige Pritschen aus Holz in Räumen, in denen mehrere Dutzend Leute schliefen).
     In unserer Lage (neben den schwierigen Arbeits- und Unterkunftsbedingungen bekamen wir die Folgen der psychischen und körperlichen Erschöpfung nach den Ereignissen der letzten Wochen zu spüren) war uns die außerordentlich herzliche Einstellung der polnischen Stammbelegschaft der Werke eine große Erleichterung und Hilfe. Ich werde wohl mein Leben lang nicht vergessen, wie sie sich um uns - Jugendliche und Erwachsene - wie um ihre Angehörigen gekümmert haben. Soweit es ihnen möglich war, machten sie unsere Arbeit, warnten sie uns rechtzeitig vor den Deutschen, sie gaben uns auch ihr Essen.
     Das haben die Deutschen gemerkt. Nach einer Woche wurde unsere ganze Warschauer Gruppe nach Gliwice (deutsch: Gleiwitz) verbracht, wo wir in ähnlichen Werken (offizielle Bezeichnung: "Reichsbahn Ausbesserungswerk Lokomotivwerk Gleiwitz") beschäftigt und in den benachbarten Lägern untergebracht wurden: Frauenlager in der Bergwerkstraße 95 und Männerlager im Weidmannsweg (vgl. Kopie des Arbeitsausweises (...)).
     Nachdem wir aus Katowice nach Gliwice gekommen sind, waren wir in einer anderen Welt - unter den Einheimischen und Zugezogenen, die uns sichtlich unfreundlich oder sogar feindlich eingestellt waren (Katowice und Gliwice waren doch bis 1939 durch die deutsch-polnische Grenze getrennt). (...) Alles, was polnisch war, wurde von den Deutschen erdrosselt, unter denen mit der vergehenden Zeit und mit dem immer näher rückenden Untergang des Dritten Reiches einen immer größeren Anteil die Flüchtlinge aus der Sowjetunion und aus Ostpreußen darstellten.
     Die vorgenannten Umstände fanden von Anfang an ihre Widerspiegelung in dem unfreundlichen Umgang von Seiten der meisten hier eingestellten Arbeiter - der Deutschen, die nicht nur versucht haben, uns mit Arbeit zu überfordern, sonder auch versucht haben, uns physikalisch zu vernichten, indem sie vorsätzlich "Unfälle" herbeiführten.
     Meine Mutter und ich waren als Platzarbeiter, in der Regel bei den Verladearbeiten eingesetzt. Wir wurden zu außerordentlich schwieriger, körperlicher Arbeit gezwungen. Ein Beispiel: mehrmals war es so, dass ich binnen von ca. zwei Stunden manuell eine Lieferung der Bremsbelege für die Dampfloks verladen musste, d.h. ich musste sie tragen oder rüberwerfen, und es waren 500 Stück á 25 kg, d.h. 12,5 Tonnen  (und ich war doch erst 14!).
     Dabei wurde für einen gewissen Anschein gesorgt, dass all dies nach Recht und Gesetz erfolgen würde. Jeden Monat wurde uns eine Vergütung ausgezahlt - nachdem der Großteil unserer Löhne als Rückerstattung der Kosten für Unterkunft und Verpflegung, Arbeitskleidung, diverse Beiträge (darunter, so hat man uns gesagt, für den Fond zum Wiederaufbau Polnischer Gebiete!) abgezogen worden war, waren es in der Regel 50-120 Mark; es kam aber auch manchmal vor, dass ein Pole am Zahltag erfahren musste, er bekommt kein Geld, da er dem Betrieb noch was schuldet. Ich wurde als sog. Schwerarbeiter eingestuft und bekam deswegen ein - oder zweimal in der Woche zusätzliche Lebensmittelportion in Form von ca. 50 Gramm Wurst. Die Kranken hatten das Recht, krankgeschrieben zu werden. Als ich erkrankte, höchstwahrscheinlich hatte ich Bronchitis, stellte der Betriebsarzt nach einer "Untersuchung", die ca. 5-10 Sekunden dauerte, ich hätte Angina und gab mir einen Krankenschein für drei Tage, nach dieser Zeit musste ich zurück zur Arbeit. In der betriebseigenen Praxis gab es eine Information, dass die Patienten unabhängig davon, in welcher Reihenfolge sie sich melden, vom Arzt je nach Nationalität bzw. Staatsangehörigkeit behandelt werden, und dann kam die einschlägige Liste, auf der am ersten Platz die Deutschen genannt waren, am vorletzten die Polen und als letzte - sowjetische Staatsbürger. In diesen Werken waren ca. 3000 Menschen beschäftigt, es waren zwölf Nationen vertreten.
     Es wurden auch Abläufe während der immer häufigeren britischen und amerikanischen Bombenangriffe geregelt. Im Gegensatz zu den Deutschen stand den Zwangsarbeitern nicht das Recht zu, die Luftschutzräume zu benutzen - wir mussten das nie bombardierte Werk verlassen und uns die ganze Zeit auf offenem Gelände unter dem Hagel von Splittern aufhalten.
     Theoretisch stand uns eine Freistellung von Arbeit an Sonn - und Feiertagen zu, in Wirklichkeit verbrachten wir aber die meisten davon entweder in den Werken (wegen angeblich eiligen Verladungsarbeiten) oder in der Nähe von Gliwice beim Ausheben von Panzergraben.
     Die Ernährung war sehr schlecht. Das Hauptproblem waren die geringe Kalorienhaltigkeit und Vitaminmangel. Diese Mängel haben wir teilweise ausgeglichen, indem wir Lebensmittel illegal von den Deutschen gekauft oder teilweise Coupons der Essensmarken, vorwiegend für Brot und Margarine eingelöst haben (auf diesen Gebieten waren alle Lebensmittel mit Ausnahme von Salz und Bier nur gegen Essensmarken erhältlich). Darüber hinaus ist es uns gelungen, einige Male in den dortigen Wirtschaften bescheidene Gemüsespeisen zu bekommen - andere waren nur gegen Essensmarken erhältlich.
     Die Unterkunft war ebenfalls sehr schlecht - wir waren in Räumen je 20 Personen, in standardmäßigen, praktisch unbeheizten Baracken untergebracht. Unsere primitiven mehrstöckigen Pritschen und die kaum vorhandene Bettwäsche waren bereits zum Zeitpunkt unserer Ankunft voll von Ungeziefer.
     Für all das Unrecht, das wir erfuhren, zahlten wir den Deutschen praktisch nur auf eine Art und Weise heim - mit Sabotageakten, deren Formen und Ziele wir je nach Umständen änderten. In der Regel bestand die Sabotage darin, dass wir die für Produktion bestimmten Stoffe und Teile vernichteten oder beschädigten.
     Während unseres Aufenthaltes in den Werken sind, bis zur sowjetischen Offensive im Januar 1945 - soweit ich mich erinnern kann - keine Fluchtversuche von Seiten der Polen unternommen worden (vorher gab es welche - die misslungenen endeten im Konzentrationslager), da wir eine rasche Änderung des Frontverlaufs erwarteten.
     Kurz nach Beginn der sowjetischen Offensive, d.h. gegen 20. Januar 1945, hörten wir, wie die Front immer näher rückte und beobachteten das gleichermaßen wachsende Chaos und Anzeichen der Panik unter den Deutschen, begleitet durch einen plötzlichen Wandel der Einstellung der Deutschen uns gegenüber - auf einmal sind sie höflich geworden, häufig sogar untertänig, viele von ihnen haben sich "erinnert", dass sie Polnisch verstehen, was sie vorher nicht zugeben wollten usw.
     Nachdem sich die Lage drei oder vier Tage lang so entwickelt hat, haben wir beschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen und zu fliehen, um unter günstigeren Bedingungen - unter den Polen - abzuwarten, bis die Frontlinie weiterzieht.
     Ich und meine Mutter haben nur dieselben Rücksäcke aus Säcken mitgenommen, mit denen wir Warschau verlassen haben, dann stiegen wir in die Straßenbahn und bald kamen wir in Sosnowiec (deutsch: Sosnowitz) an, wo wir uns bei einem Cousin meiner Mutter aufhielten. Da haben wir nach einigen Tagen - gegen 28. Januar - die Befreiung durch die sowjetischen Truppen erlebt.
     Über die Rückkehr nach Warschau haben wir nicht lange nachgedacht. Wir konnten zwar in den befreiten Gebiete, sei es in Gliwice (deutsch: Gleiwitz) mühelos gute Lebensbedingungen, insbesondere was die Wohnung betrifft, bekommen, andererseits hatten wir unbestätigte Informationen bekommen, dass von unserer Wohnung in Warschau und von unserem ganzen Vermögen nur Asche geblieben ist, die Bindung an Warschau hatte jedoch mehr Gewicht.
     Wir hatten lediglich gewartet, bis die Eisenbahnstrecke instandgesetzt wird und die ersten Zugverbindungen nach Warschau fahren. Sobald dies geschehen ist, haben wir in der zweiten Februarhälfte Sosnowiec verlassen. An diesem Tag haben wir es nur bis nach Częstochowa (deutsch: Tschenstochau) geschafft. Wir übernachteten dort und am nächsten Morgen stiegen wir in einen Zug nach Warschau. Wir sind im enormen Gedränge gefahren, in Waggons, die womöglich noch den Ersten Weltkrieg miterlebt haben.
     Wir kamen in Warschau nach dem Dunkelwerden an. Wir übernachteten in einer Wohnung von Gelegenheitsbekannten in der Nähe des Zawisza-Platzes (plac Zawiszy). Am nächsten Morgen gingen wir  voller Ungeduld in die Grzybowska Straße zum Haus Nummer 7. Die letzten Zweifel waren nun weg. Von dem Haus, das wir am 7. Oktober 1944 verließen, sind nur Trümmer geblieben. Das Haus wurde - wie Tausende andere Häuser auch - von den Deutschen niedergebrannt, nachdem sie die Einwohner vertrieben haben. Es blieb auch das nicht erhalten, was wir für den Notfall im Keller versteckt hatten, bevor wir die Hauptstadt verlassen mussten. Da fanden wir in einem Haufen Schutt und Asche lediglich einige brauchbare Gegenstände.
     Die nächste Umgebung des Hauses sah ähnlich aus. In dieser Strasse, die mindestens zu 95% zerstört war, gab es praktisch keine Lebenszeichen. Auf dem Gehweg vor einem der benachbarten Gebäude lag eine Leiche und neben der Leiche ein glatt abgeschnittener Kopf in einer Mütze der städtischen Müllabfuhr.
     Unter diesen Umständen so sind wir in den Stadtteil Praga gegangen, wo in der Stalowastraße bis zum Aufstand der Bruder meiner Mutter mit seiner Ehefrau und mit zwei Kindern wohnte. Wir haben seine Familie vollzählig und in guter Gesundheit gefunden, er selbst war jedoch nicht da. Es hat sich herausgestellt, dass er während des Aufstandes, als Stabschef des taktischen Verbundes "Radosław" der Heimatarmee (polnisch: Armia Krajowa), in der Altstadt verwundet wurde. Über die Kanalisationswege wurde er in die Stadtmitte abtransportiert und dort in einem ad hoc in einem Schulgebäude eingerichteten Krankenhaus in der Drewnianastraße 8 im Stadtteil Powiśle untergebracht. Die Deutschen haben am 27. September 1944, also drei Wochen nachdem sie dieses Gebiet eingenommen haben, alle Verwundeten in diesem Krankenhaus ermordet (Akten der Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen Polen - Aktenordner 802 z/O.K.M.W Nr. 851, Protokolle der Zeugenvernehmungen Nr. 6 und 7). So ist Oberstleutnant Wacław Piotr Janaszek, Deckname "Bolek", 40 Jahre alt, ausgezeichnet mit dem Orden Virtuti Militari und dreifach mit dem Tapferkeiskreuz (poln.: Krzyż Walecznych).
     Wir sind vorläufig bei unserer Familie in der Stalowastraße eingezogen. Kurze Zeit später ist da auch meine aus Warschau nach dem Aufstand vertriebene Oma zugezogen.
     Wir hatten einen starken Hang zu dem am linken Weichselufer gelegenen Teil von Warschau, so dass wir uns dahin relativ häufig begaben und den Fluss entweder zu Fuß über die Eisflächen, über die hölzerne "Hochwasserbrücke" oder über die Pontonbrücke passierten. Besonders stark hat sich in meinem Gedächtnis die Benutzung der "Hochwasserbrücke" eingeprägt. Diese Brücke musste vor allem für die Bedürfnisse der Front eingesetzt werden und eine gewisse Zeit wurde sie für die Zivilbevölkerung nur zu bestimmten Zeiten morgens und abends zugänglich gemacht - jedes Mal haben Menschenmengen auf die Öffnung der Brücke gewartet. Eine der letzten Wanderungen durch die Weichsel in dieser Zeit hing mit der Teilnahme an einer Kundgebung zusammen, die gegen 30. März auf dem Schlossplatz anlässlich der Befreiung von Danzig veranstaltet wurde.
     Bei unserem Aufenthalt in Warschau wurden wir mit enormen Problemen konfrontiert - unsere Wohnverhältnisse waren äußerst schwierig, das Essen war auch nur schwer zu besorgen, zumal wir keine Einnahmequelle hatten. So haben wir - meine Mutter und ich - beschlossen, Warschau zu verlassen. Als wir aus der Hauptstadt wegfuhren, es war April 1945, haben wir uns gesagt, dass wir unsere Rückkehr anstreben werden, sobald die Bedingungen es zulassen.
     Wir zogen nach Lublin um, wo wir dank außerordentlichem Entgegenkommen unserer Bekannten eine provisorische und anschließend eine feste Wohnung und eine Arbeit - zuerst war es Heimarbeit - für meine Mutter bekamen. Sie hat unheimlich hart gearbeitet, um vor allem finanzielle Mittel für meine Behandlung zu bekommen, weil es sich herausgestellt hat, dass ich wegen der Vertreibung und Zwangsarbeit Tuberkulose und eine Herzkrankheit hatte, obwohl ich mich vorher guter Gesundheit erfreute und mich durch außerordentliche körperliche Belastbarkeit und Ausdauer auszeichnete.
     1952 wurde ich zum Fachstudium nach Warschau entsandt, wo anschließend meine berufliche Tätigkeit aufgrund einer Arbeitszuweisung begann. Gleichzeitig habe ich Bemühungen angestrengt, damit auch meine Mutter mit mir wohnen durfte. Dies konnte Ende 1955 umgesetzt werden. Wir waren beide wieder in Warschau!

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