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Bericht von Izabella Wciślińska


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  Bericht von Izabella Wciślińska

Historisches Museum Warschau

Izabella Wciślińska

21 Jahre alt, brachte vor dem Warschauer Aufstand am 20. März 1944 die Tochter Barbara zur Welt, wohnte im Stadtteil Żoliborz, in der Maria Kazimiera Straße 3 und führte gemeinsam mit ihrem Ehemann Józef im gleichen Haus einen Laden mit Seife, Parfümerie und Papierbedarf.

 

     Das Wetter war während des Aufstandes schön. Deswegen versammelten sich die Leute, wenn es stiller und ruhiger wurde, im Innenhof des Hauses in der Maria-Kazimiera-Straße. Unser Haus war von der Treppenseite mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben. Das Essen war fatal, wir aßen Nudeln mit Marmelade und ein wenig von gekochtem Gemüse, die die Menschen auf den benachbarten Feldern sammelten. Wenn es ruhig war, konnte man kochen, denn wir hatten einen Kohleofen und Wasser. Meine kleine Tochter bekam noch ausschließlich die Brust.
     Unter unserer Wohnung und unter dem Laden hatten wir einen riesigen Keller, in den wir unser Bett und die Bettwäsche brachten und wir schliefen eher dort, da es dort stiller und ruhiger war. Bis zum 14. September herrschte relative Ruhe. Am Nachmittag dieses Tages sahen wir, dass von dem Stadtteil Bielany, bergab über die Maria-Kazimiera-Straße ein Panzer auf uns zukommt. Wir berieten schnell, was beim möglichen Angriff zu tun wäre. Man sagte, wir hätten 6 Granaten. Die allgemeine Entscheidung war, dass wir nicht angreifen, weil der Panzer möglicherweise nur vorbeifährt. Es kam aber anders. Der Panzer blieb gegenüber dem Palast der Prinzessin Maria-Kazimiera stehen.
     Die Deutschen kamen durch ein türgroßes Loch in der Mauer in die Treppenhäuser und Keller und ließen uns die Häuser verlassen, indem sie ?raus" riefen. Bevor wir den Keller verlassen hatten, versteckte ich unter der Bettwäsche meinen Ring mit einem riesengroßen Brillanten und meinem Mann gab ich unsere kleine Tochter im Steckkissen, da ich dachte, die würden vielleicht Repressalien gegen die Männer anwenden. Nachdem sie uns alle vor dem Palast der Königin Maria Kazimiera Sobieska hatten versammeln lassen, sahen wir, dass sie die Kanone des Panzers auf uns richteten und dass sich 2 Deutsche mit Gewehren an beiden Seiten des Panzers hinlegten. Dann rief ich zu meinem Mann: "auf den Boden und leg die Basia vor dich". Ich rief ebenfalls zu Herrn Wiśniewski, der vor mir stand (der wohnte im 1. Stock mit seiner Ehefrau und 2 kleinen Töchtern) und zu Jerzy Wójcik, dem neunzehnjährigen Burschen, der ebenfalls vor mir stand, sie sollen sich sofort auf den Boden werfen. Ich selbst warf mich auf den Boden, sie nahmen aber meine Worte nicht ernst und wurden von den ersten Schüssen erwischt. Sie fielen auf mich hinunter und überdeckten meinen Körper mit ihren eigenen Körpern, der eine bedeckte meine Beine, der andere den Rücken, da ich mit dem Gesicht zu Boden lag; vor mir stand ein mir unbekannter, stehengelassener großer Koffer. Ich lag von meinem Mann ca. 3-4 Meter entfernt. Die Kinder schrien verängstigt, meine Tochter schrie auch. Ich fragte meinen Mann einige Male, ob er am Leben ist. Er bejahte meine Fragen, irgendwann hörte er aber auf, zu antworten, dann wiederholte ich die Frage und hörte: "ich bin verwundet". Ich regte mich sehr stark auf, zusätzlich musste ich Herrn Wiśniewski und Herrn Wójcik trösten, die mich um Wasser zum Trinken baten. Ich tröstete sie, dass sie das Wasser gleich bekommen und dass sie noch etwas warten möchten. Schließlich hörte die Schiesserei auf und wir hörten den Panzer wegfahren. Mein Mann lag an der Mauer und hinter ihm lag meine kleine Tochter im Steckkissen. Vor meinem Mann lag, nach seiner Schilderung, ein Mann, ziemlich groß, der 2 Wochen vor dem Aufstand aus dem Gefängnis in der Pawia-Strasse (sog. Pawiak) entlassen wurde. Er hatte mehrfache Wunden am Bauch, das weiß ich noch, weil ich versuchte ihn zu retten, soweit es mir möglich war, seine Frau kam womöglich ums Leben, denn sie kam nicht, um ihn zu retten, und ich wusste, dass sie im 5. Monat schwanger war. Meine Tochter blieb unversehrt, nicht einmal das Steckkissen war beschädigt, und das war die einzige Sache, die nicht mir gehörte. Dieses Steckkissen hatte ich von meiner Schwester geliehen und nach dem Kriege gab ich es ihr zurück.
     Die Exekution dauerte nur einige Minuten, die Verwundeten bekamen keinen Fangschuss. Herr Rzeszotarski war, als einer der Kommandierenden, Deckname "Żmija" (?Schlange"), in seinem Quartier und nicht zusammen mit der Familie in der Maria-Kazimiera-Straße 3. Als es langsam etwas dunkler wurde, schickte Herr Rzeszotarski die Aufständischen mit Tragen, um Verwundeten abzuholen. Sie holten drei Leichen ab: die Ehefrau, die Schwiegermutter und den Sohn Jan. Ich nahm von meinem Mann unsere Tochter, dann rannten er und die leicht verwundeten Personen ins Krankenhaus. Ich und noch ein paar weitere Personen, die es heil überstanden hatten, versorgten die Verletzten. Während der Schießerei, wie es sich später herausstellte, hatten viele Männer, die es bis zum Palast geschafft haben, so viel Kraft, dass sie im Palast das Gitter aus den Kellerfenstern herausrissen.
     Das Ziel der Exekution waren einige Dutzend (etwa 70) Personen, ich vermute mal, dass damals ca. 30 Personen umgekommen sind. Mein Mann hatte leichte Splitterwunden an linker Hand, an seinem Mantel waren an 13 Stellen Durchschusslöcher, ähnlich sah sein Anzug aus, den er darunter trug, sogar sein Hemd war im Schulterbereich beschädigt, sein Körper war aber unversehrt. Als ich die Haare an der Stirn berührte, fiel mir eine ganze Strähne aus. Während auf uns vom Panzer aus und aus den Gewehren geschossen wurde, flogen über uns sehr tief Flugzeuge. Den späteren Berichten meiner Nachbarinnen zufolge, die ebenfalls wie durch ein Wunder überlebten, waren es sowjetische Flugzeuge. Die Schüsse aus dem Flugzeug trafen einen der deutschen Soldaten.
     Unser Laden und unsere Wohnung brannten. Irgendwie überstand ich die Nacht mit meiner Tochter im Palast. Am nächsten Morgen sah ich einen Aufständischen und frage ihn, ob er nicht wüsste, wohin die Verletzten gebracht wurden, denn da war auch mein Mann dabei. Er antwortete, dass sie in das Krankenhaus der Aufständischen in die Krechowieckastraße gebracht wurden. Gegenüber der Maria-Kazimiera-Straße war eine Einfamilienhaussiedlung der Polizisten. Zwischen diesen Häusern wurden flache Gräben, ca. 60-70 cm tief, ausgegraben und wenn man sich bückte, dann konnte man halbwegs sicher sogar bis zur Słowackiegostraße laufen. Da folgte ich diesem Aufständischen und lief durch diese Gräben, halb gebückt, hielt meine kleine Tochter fest in den Armen, da sie sehr laut weinte, und die Kugeln sausten über unseren Köpfen. Endlich erreichte ich die Krechowieckastraße 6a, wo in den Kellerräumen dieses Hauses das Krankenhaus eingerichtet wurde und wo ich meinen Mann wiederfand. Wir waren wieder zusammen, mein Mann war allerdings in einem Saal mit den Verletzten und ich bekam einen Platz im unteren Fach in der Bäckerei, da es dort am wärmsten war. Einer der Bekannten brachte mir ein Kopfkissen und eine Decke. Eines Tages im Oktober, als ich auf dem Wege zum Saal war, wo mein Mann lag, spürte ich, wie das Haus wankte und ich erfuhr, dass von der Bäckerei nur ein großes Loch geblieben ist. So wanderte ich mit meiner Tochter von einem Ort zu dem anderen, bis wir nach der Kapitulation aus Warschau abgeführt wurden, was gegen Ende Oktober 1944 passierte. 
     Während des Aufstandes hatte ich sehr viel Stillmilch und ich konnte nicht nur meine kleine Tochter stillen, sondern auch andere Babys versorgen, indem ich meine Stillmilch im Glas sammelte. Der Direktor dieses Krankenhauses in der Krechowieckastraße war ein Arzt, ein Jude, der eine Tochter im Alter von meiner Tochter hatte, seine Frau hatte aber keine Stillmilch. So gab ich also für seine Tochter jeweils ein halbes Glas. Dieser Direktor war ein sehr mutiger Mann, darüber hinaus sprach er gut Deutsch.
     Mein Mann bekam, als leicht verletzt, im Krankenhaus einmal täglich einen Teller Suppe, meistens war es mit Pferdefleisch gekochte Graupensuppe mit Fleischeinlage aus diesem Fleisch. Mein Mann aß diese Fleischeinlage und ich aß die Suppe.
     Als die Deutschen ins Krankenhaus kamen, dann kam dieser Direktor zu ihnen und er sprach mit ihnen. Es war Ende Oktober. Ich wurde mit anderen Frauen und Alten zu Fuß zum Lager Pruszków geführt. Mein Mann und andere Verwundete und Verletzte aus dem Krankenhaus, die sie Banditen nannten, wurden hingegen mit Lkw´s auch in dieses Lager, nach Pruszków gebracht. Dort war es auch schrecklich, wir schliefen im Sitzen in einer riesigen Halle, in der es Unmengen von Leuten gab, wir hatten kein Essen, nur ein wenig kaltes Wasser. Den Berichten meines Mannes zufolge war er in diesem Lager nur eine Nacht. Inzwischen wurde angekündet, dass ein Zug Richtung Kielce fahren wird und dass die Verwundeten und Frauen mitfahren dürfen. Mein Mann machte sich auf den Weg nach Kielce, wo er bei einem Bahnwärter übernachtete und dann den Zug nach Częstochowa nahm, wo seine Schwester Jadwiga Chrzanowska mit ihrem Ehemann und mit Kindern wohnte.
     Ich war mit meiner Tochter im Lager 2 Tage und träumte davon, in Pruszków zu bleiben, da ich dort Verwandte hatte, das schaffte ich aber nicht.
     Letztlich brachten sie uns in offene Schweinewaggons zum Abtransport. Bevor ich in diesen Waggon eingestiegen war, wandte ich mich an den Lokführer, der den Zug fahren sollte, er möchte gleich hinter Pruszków etwas langsamer fahren, dann kann ich abspringen, da ich in Pruszków Verwandte habe. Tatsächlich ist der Zug gleich hinter Pruszków sehr langsam gefahren, ich konnte noch beiden Kindern etwas Nahrung in den Mund eingießen, wickelte meine Tochter sehr eng mit dem Steckkissen ein und wollte abspringen. Es war gar nicht so einfach, mein Kleid blieb an der Konstruktion des Waggons hängen, ich riss es aber heftig und war sofort auf dem Boden. Sofort warfen mir die Leute meine Tochter nach, ich fing sie in die Arme und begann durch die Gleise zu fliehen. Ich merkte gar nichts, was um mich herum geschah. Auf einmal lief ein junger Mann auf mich zu, nahm von mir das kleine Bündel mit dem Baby und sagte: "Folgen Sie mir", was ich auch tat. Er wohnte nicht weit von den Gleisen, in der Fabryczna Straße bei seinen Eltern. Die ganze Familie sorgte für uns mit viel Herz, zuerst konnte ich mich waschen, satt essen, bekam einen bequemen Platz zum Schlafen, sie besorgten auch einen Kinderwagen für meine Tochter. Mir ging es bei ihnen sehr wohl und ich fühlte mich sehr sicher.
     Nach einigen Tagen begab ich mich zu meiner Tante Weronika, d.h. der Schwester meines Vaters, die mit ihrer Familie in Pruszków wohnte. Sie gab mir auch Unterkunft und Verpflegung.
     Von der Tante Weronika fuhr ich zu meiner Schwester Zdzisława Świetlik, die mit ihrer Familie in Grodzisk Mazowiecki wohnte. Da erfuhr ich, mein Mann suche nach mir und er habe geschrieben, er würde bei jeder Ankunft des Zuges von Grodzisk nach Częstochowa nach mir Ausschau halten. Ich war bereit, zu ihm zu fahren. Ich habe die Angelegenheit mit dem Lokführer besprochen und er war einverstanden, dass ich gegen eine gewisse Bezahlung auf der Draisine, die vor dem Zug fuhr, fahren darf. Eine Draisine ist so eine Art Karre, eine Plattform mit 4 Rädern, praktisch ohne Aufbau mit einem ca. 0,5 m hohen Geländer. Die Draisine war vor der Dampflok angeschlossen und stellte eine Absicherung für den Zug dar, denn falls etwas auf den Schienen liegen würde, würde sie auch zuerst in die Luft fliegen. So fuhr ich also hockend oder liegend, damit man mich nicht sehen kann und der Ruß war dermaßen allgegenwärtig, dass ich wie eine Schwarzafrikanerin aussah.
     Am Bahnhof in Częstochowa wartete bereits mein Mann auf mich.
     Er brachte uns mit einer Kutsche zu seiner Schwester Jadwiga, in die Heilige Barbara Straße 17, in der Nähe von Jasna Góra (deutsch: Heller Berg), die dort mit ihrem Ehemann Stefan, Sohn Lesio und Tochter Alusia wohnte.
     Da waren bereits eine Menge Angehörige aus Warschau: ihre Eltern Florentyna und Józef Wciśliński, der Bruder Stefan Wciśliński mit Ehefrau Helena und Sohn Zbigniew.
     Da wir in der Nähe von Jasna Góra wohnte, gingen wir mit meiner Tochter fast jeden Tag in die Kirche, um zu beten. Sehr rührend war für uns die Enthüllung des Gnadenbildes der Madonna von Częstochowa. Wir gingen dahin vor allem morgens, da gab es kein Gedränge und man konnte sich das Bild ruhig anschauen und beten. Viele Leute kamen, um zu beten, denn in Częstochowa gab es viele Menschen wie wir, vom Warschauer Aufstand.
     Wir lebten unter schwierigen Verhältnissen, aber wir lebten mit einer Hoffnung auf bessere Zukunft. Ein wenig handelten wir mit Zucker, mit Spiritus, die wir in die Läden lieferten, darüber hinaus hatte ich meine goldene Armanduhr "Omega" verkauft. Vorübergehend kamen für kurze Zeit nach Częstochowa: der Bruder meines Mannes, der Zenon; der Bruder der Ehefrau von Stefan, der Oleś; der Onkel von meinem Mann, der Antoni mit dessen Ehefrau und andere. Alle versuchten, irgendwie Fuß zu fassen.
     Anfang Februar 1945 kam zu uns, schon nach der Befreiung von Częstochowa, und dies passierte am 17. Januar 1945, Frau Iza Mejer, die während der Besatzung und während des Aufstandes in Warschau, nicht weit von der Mickiewiczastraße, gewohnt hatte. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es dazu gekommen ist, dass sie uns gefunden hat. Sie war Schneiderin von Beruf. Ihr Mann war in Auschwitz umgekommen, sie war alleine, wir mochten einander sehr und im Rahmen des Möglichen versuchte ich, ihr Erwerbsmöglichkeiten zu vermitteln, darüber hinaus liebte sie meine kleine Tochter sehr. In Częstochowa wohnte sie mit uns in der Barbarystraße, sie handelte mit diversen Sachen und für das verdiente Geld kaufte sie irgendwelche Tischdecken, Stoffe und nähte für mich und meine Tochter und darüber hinaus kochte sie, meistens waren es Teigtaschen mit Kopffleisch, mit dem Fleisch kochte sie auch Suppe und war glücklich, mit uns zusammen zu sein.
     Nachdem alle ihre Weg gegangen und aus der Wohnung der Schwester von meinem Mann ausgezogen waren, verkauften sie diese Wohnung und zogen in die Waszyngtonastraße um.
     Mein Mann beschloss, eine Erkundungstour nach Wrocław (deutsch: Breslau) zu machen, da wohnte bereits sein Vetter Kazimierz Wciśliński, der Sohn von dem Andrzej, seinem Onkel väterlicherseits, mit seiner Frau und Familie sowie mit seiner Schwester Zosia Pawłowska mit ihrer kleinen Tochter, deren Mann seit 1939 in London wohnte und bis jetzt wohnt. Nicht einmal seine kleine Tochter hatte er gesehen, da sie Ende 1939 geboren wurde, und damals war er schon im Krieg. Der Vetter Kazimierz bot meinem Mann eine Stelle in der Stadtverwaltung von Wrocław, in der Abteilung für Handel, an.
     Im September 1945 sind wir alle gemeinsam nach Wrocław gefahren. Wir waren mit einem Güterwaggon anderthalb Tage unterwegs. Nach der Ankunft in Wrocław zogen wir bei dem Bruder von Kazimierz in der Stalinstraße 95, jetzt ist es Ogrodowastraße, und anschließend in der Nowowiejskastraße 105, Tür 6 im 2. Stock, ein. Die Wohnung war schön, es war eine Dreizimmerwohnung, mit Küche und Bad, aber geheizt wurde mit einem Kohleofen und ansonsten war die Wohnung wie ganz Wrocław voll von Wanzen. Mein Mann begann seine Arbeit in der Abteilung für Handel als Sachbearbeiter bei der Zuweisung von Läden. Die Arbeit war lästig und vorläufig unentgeltlich, es kamen nur irgendwelche bescheidenen Lebensmittelzuteilungen, dann waren es UNRRA-Pakete aus Amerika. Die Leute meldeten sich in dieser Abteilung wegen Zuweisung eines Geschäfts und nannten die Anschrift des Ladens. Mein Mann übergab ihnen die Zuweisungsurkunden für die jeweiligen Geschäftslokale, zuvor nahm er Anträge entgegen und berichtete in den Sitzungen des Ausschusses.
     Im Dezember 1945 kam zu uns nach Wrocław Frau Mejer und übernahm das Haus in Eigenregie. In der Nähe unserer Wohnung gab es einen Platz namens Grunwaldzki-Platz, da handelten die Leute mit diversen Sachen. Da ging auch Frau Mejer hin und ich ging auch hin und wieder hin, um etwas zu verkaufen und den Lebensunterhalt bestreiten zu können.
     Wrocław gefiel mir aber nicht, ich konnte mich da nicht eingewöhnen und ich konnte auch nicht gut schlafen. Wegen der Aufregung und der Erlebnisse konnte ich keine Ruhe finden. Ich war mit dem zweiten Kind schwanger. Am 17. Februar 1946 sahen wir mit meinem Mann und unserer kleinen Tochter die "Tosca" in der Oper von Wrocław. Nach der Rückkehr fühlte ich mich unwohl und auf nachdrückliches Verlangen von Frau Mejer ging mein Mann mit mir in die Klinik, wo ich gegen fünf Uhr morgens unseren Sohn, Maciej geboren habe. Zu dieser Zeit gebaren in dieser Klinik viele deutsche Frauen, die von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurden. Meistens verkauften sie diese Kinder an polnische, kinderlose Familien für einen Betrag von 1000-1500 Złoty. Diese Mütter hatten Angst, nach Deutschland mit solchen Kindern mit mongolischen Gesichtszügen zurückzukehren. In der sowjetischen Armee dienten Soldaten aus vielen Sowjetrepubliken, darunter viele aus Asien.
     Gegen Anfang 1947 verließ uns Frau Mejer, zuerst fuhr sie zu ihrer Familie nach Radość bei Warschau, dann zu irgendwelchen Verwandten nach Danzig. Da lernte sie ihren späteren Mann, Herrn Stefan Konrad kennen. Wir bleiben mit ihm in Kontakt, er wohnt in Gdańsk - Wrzeszcz. Frau Mejer ist 1979 gestorben und er ist jetzt Witwer. Sie lebten über 25 Jahre zusammen, ich glaube, dass sie glücklich waren, obwohl er 10 Jahre jünger als sie war und sie keine Kinder hatten. Entsprechend ihrem letzten Wunsch wurde ihre Leiche nach Radość verbracht und dort im Familiengrab beigesetzt.
     Fast in einer jeden deutschen Stadt gab es Altenheime, wo sie Essen, Unterkunft und Betreuung fanden. In Wrocław, in der Nähe von unserem Wohnort gab es auch ein solches Altenheim, wo nach dem Kriege die Verpflegung sehr schlecht geworden war, übrigens nicht nur da. Eine der Nachbarinnen, eine Deutsche, fragte an, ob eine dieser deutschen Frauen bei mir als Kinderbetreuerin für etwas Essen arbeiten kann. Ich war damit einverstanden. So kam zu uns für die Zeit von morgens bis abends über siebzigjährige Junggesellin, die die Kinder betreute. Meine Tochter mochte sie überhaupt nicht und sie hänselte sie wegen der deutschen Sprache, so hegte also auch die alte Dame keine Sympathie für unsere Tochter. Unseren Sohn mochte sie aber sehr und sie spielte mit ihm sehr gerne, nannte ihn "Maćkele" und sonst sprach sie auf Deutsch.
     Das Essen war schwer zu besorgen, so dass diese Dame - ich nannte sie "Frau" - Hefeflocken kochte, dann wurden die Flocken gerieben, ein Teelöffel amerikanische Konsensmilch, die wir von UNNRA bekamen, beigemischt und nahm diese Flocken ins Altenheim mit und teilte dies dann mit anderen Heimbewohnern. Ich konnte ihr sonst nichts geben, denn ich hatte selbst nichts zu essen. 1948 verreiste sie nach Deutschland, alle verließen allmählich Wrocław und fuhren nach Deutschland. Diese Dame weinte sehr, als sie sich von uns verabschiedete, insbesondere fiel ihr der Abschied von Maciek schwer. Er konnte diese Trennung auch nur schwer verkraften, er vermisste die geduldige Spielkameradin - er ging herum, suchte nach ihr, er tat mir sehr leid.
     Als mein Mann von de Arbeit zurückkam, fuhren wir nach einem bescheidenen Mittagessen zum Spaziergang in die Schrebergärten, wo die Kinder im Freien spielen konnten.
     Da mein Mann in der Abteilung für Handel in der Stadtverwaltung nicht viel verdiente, empfahl mein Schwager, der in Warschau in der Fischzentrale als Leiter der Personalabteilung arbeitete, meinen Mann als Kandidaten für die Arbeit in der Niederlassung dieser Zentrale in Wrocław, was mein Mann auch angenommen hat und die Arbeit mit dem 01. Januar 1947 als Verwaltungsleiter aufgenommen hat.
     1948 wurde in Wrocław die Ausstellung "Wiedergewonnene Gebiete" organisiert. In dieser Ausstellung warb die Fischzentrale für ihre Produkte, insbesondere für eine neue Art Seefisch, für Dorsch. Zur Zubereitung von diesem Fisch nach diversen Arten wurden für die Dauer der Ausstellung Köche aus Gdańsk hergebracht. Die Fischstände erfreuten sich enormer Popularität unter den Besuchern.
     Anfang 1949 wurde das Betriebsklima bei meinem Mann schlechter und er konnte auch keine andere Arbeit finden. Wir entschieden uns, nach Warschau zurückzukehren. Mein Mann verständigte sich mit seinen Eltern, die in Warschau an der Kolonie Zagościniec 35 gewohnt hatten, in einem behelfsmäßig, nicht vollständig wiederaufgebauten Haus. Die Eltern meines Mannes waren damit einverstanden und seine Mutter kam im März 1949 nach Wrocław und holte unsere Kinder nach Warschau. Wir waren in Wrocław noch für etwa eine Woche geblieben, um die Angelegenheiten wegen unserer Ausreise aus Wrocław zu erledigen. Das Haus meiner Schwiegereltern bestand aus einem Zimmer mit Küche. In diesem Zimmer wohnte ich mit meinem Mann und zwei Kindern und die Schwiegereltern wohnten, wie bisher, in der Küche.
     Mit dem 1. April 1949 begannen wir zu arbeiten: ich als Zählerin in der Buchhaltung im Warenhaus in der Puławskastraße 47a und mein Mann in der Kommunalen Immobilienverwaltung (jetzige Bezeichnung: Unternehmen für Wohnungswirtschaft) in der Marszałkowskastraße 8, als Inspekteur in der Abteilung für Gebäudebetrieb. Die Kinder wurden in den Kindergarten bei den Ordensschwestern vom Unbefleckten Empfängnis in Idzikowskiegostraße eingeschrieben. Meistens brachte ich die Kinder morgens zum Kindergraten und mein Mann holte sie nach der Arbeit ab und brachte sie nach Hause.

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