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Bericht von Witold Jerzy Niewiadomski


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  Bericht von Witold Jerzy Niewiadomski
?TYGODNIK STARACHOWICKI" (?Die Wochenzeitschrift von Starachowice"),
die Ausgabe aus dem Jahr 1996;
die Kopie [in dem:]
ARCHIV DES VERBANDES
"SZARE SZEREGI" (?Graue Reihen")

Daten:
Witold Jerzy Niewiadomski
In der Untergrundbewegung war er Pfadfinder in den "Grauen Reihen", er hatte einen Decknamen "Pączek". In dem Warschauer Aufstand war er Verbindungsperson und Briefträger in der Pfadfinderfeldpost in Śródmieście (ein Stadtteil von Warschau).
Geboren Am 7. März 1929,
Sohn von Stanisław und Irena

 

     Nach der Kapitulierung wurde uns empfohlen, zusammen mit Zivilisten aus der Stadt zu gehen. Unsere Vorgesetzten dachten, auf diese Weise wäre es für uns einfacher, da raus zu kommen und Repressalien zu vermeiden. Wir wussten doch nicht, wie die Deutschen reagieren würden. Wir hatten nur die letzte Aufgabe erfüllen: die Dokumente zu verstecken und das Archiv zu vergraben. Bis zum Ende standen wir mit unserem Dienst der zivilen Bevölkerung zur Hilfe. Ein Freund, mit dem ich öfters nach Żoliborz (ein Stadtteil von Warschau) gegangen war, blieb in einer Gruppe, die zwei Krankenhäuser evakuierte. Er ging aus Warschau ungefähr zwei - drei Wochen später als ich, mit den Gruppen des Roten Kreuzes zusammen. Ich ging zusammen mit meinem Truppführer Tadeusz Jarosz "Topacz", Józef Przewłock "Placek", seiner Mutter und zwei seinen Schwestern. Am fünften oder sechsten Oktober sammelten wir uns bei der Technischen Hochschule, dann gingen wir entlang der Filtrowa Straße durch den Narutowicz Platz zu dem Dworzec Zachodni (Westbahnhof). Bevor wir den Bahnhof erreichten, gingen wir durch die Kleingärten. In dem schönen Sommer wuchsen in den Gärten prächtige Tomaten, Karotten und anderes Grüngemüse. Das Ganze fing aber erst in dem Übergangslager in Ursus richtig an. Wir wurden dort in eine Betonhalle gedrängt, in der es weder Wasser noch Toiletten gab. Wir konnten das Lachen nicht vermeiden, als wir, nachdem wir so viel von diesem Gemüse unterwegs gegessen hatten, dringend Toiletten benutzen mussten.
     Nach drei Tagen wurden Güterwagen bereitgestellt. Die Selektion. "Topacz", ich und die zwei Schwester von "Placek" wurden nach Deutschland eingeteilt, "Placek" mit seiner Mutter sollten irgendwo in die Region von Kielce geschickt werden. Wir wurden in die Wagen gedrängt; jeweils sechzig, achtzig Menschen in einen Wagen, und wir starteten. Nur einmal durften wir auf irgendwelchem Bahnhof den Zug verlassen. Sie gaben uns eine dünne Suppe, man durfte auch Latrinen benutzen.
     Wir fuhren drei Tage in Richtung Westen. In der Nacht hielt der Zug an irgendeinem Bahnhof an. Die Sirenen heulten, in der Ferne donnerte es, plötzlich schossen Blitze durch den nächtlichen Himmel. Bombenangriff. Nach kurzem Aufenthalt brachte uns der Zug aus der Stadt raus und erst da blieben wir richtig stecken. Die Waggons schaukelten von den Explosionen in alle Himmelsrichtungen. Einige begannen zu brennen. Jemand öffnete die Türen von außen. Das Volk strömte zügig aus den Waggons und machte sich aus dem Staub. Wenn die uns freiließen, dann flohen wir. Zu viert kamen wir zurück, um unsere Sachen zu holen und dann liefen wir in diese brennende Stadt, um zu erfahren, wo wir waren. Am ersten Haus fragten wir die Deutschen danach - Bochum - war die Antwort. Wo zum Teufel liegt es? In Westfalen - erklärte ein Deutscher gelassen. Wir machten lange Gesichter. Wir waren ohne Geld, ohne Essen und ohne Dokumente am anderen Ende von Deutschland gestrandet. Unsere Deutschkenntnisse waren mäßig, uns verrieten die Kleider, die wir noch vom Aufstand hatten. Mit einem Wort: keine Chance. Zum Zug wollten wir nicht zurückkehren. So beschlossen wir, sich der Polizei zu stellen. Da schlug gerade vor dem Polizeigebäude eine Bombe ein. Das Gebäude stand zwar noch da, es waren aber keine Fenster mehr da und drinnen war alles "umgeordnet". Die Deutschen waren sehr höflich. - "Ihr kommt von dem Aufstand?" - fragten sie. Die fragten uns lange danach, was dort passiert war. Übernachten sollen wir in einer Zelle. Später sollten sie entscheiden, was sie mit uns tun sollen. Am Morgen stellte sich heraus, dass unser Transport bereits abgefahren war. Wohin? Das mussten unsere Polizisten aber erst herausfinden. - "Das dauert" - sagten sie uns. "Gut, aber wir haben Hunger". Zwei Monate Hungernot während des Aufstandes, drei Tage Zugfahrt ohne Essen blieben nicht ohne Folgen. Sie schickten uns in eine Feldküche, wo auf der Straße an die Einwohner der zerbombten Häuser Suppe verteilt wurde.
     Bei dem Enttrümmern arbeiteten viele Arbeiter aus Frankreich und Belgien. Eine Bekannte half uns, sich irgendwie zu verständigen. Als sie erfuhren, dass wir aus Warschau, aus dem Aufstand gekommen waren, fingen sie an, uns verschiedene "Leckerbissen" und Schüssel Gemüsesuppe zu schenken, deren Geschmack ich bis heute in Erinnerung habe. Erst dann fühlten wir, dass wir lebten. Die Polizisten fanden heraus, wohin sie uns schicken sollten. Wir wussten nur, dass wir einige Zehn Kilometer in die Richtung Westen geschickt werden sollten. Wir lachten damals, dass wir dort "Tommy" - "die Alliierten" treffen sollten. Und tatsächlich war in dem Übergangslager an der niederländischen Grenze, wo wir gelangten, die westliche Frontlinie schon zu hören.
     Nach einigen Tagen Ruhe gab es eine weitere Selektion. Diesmal zur Arbeit. "Topacz" und ich meldeten uns freiwillig. Wir wurden in ein Lager in dem Vorort von Essen, in den Krupp Betrieb geschickt. Wir bekamen sogar Decken und Schüssel. Gegen 20. Oktober fielen Bomben auf unser Lager. Die Baracken verbrannten. Eine der Bomben traf direkt den Schutzkeller und tötete Russen und Ukrainer, die dort waren. Es wurde uns befohlen, unsere Sachen zusammenzupacken und wir wurden weiter nach Westen, 40 Kilometer von Essen transportiert. Ab diesem Moment wurden wir in die Arbeit mit dem Zug gebracht. Als die Amerikaner die Eisenbahnlinien bombardierten, mussten wir diese vierzig Kilometer in das Lager zu Fuß gehen. Und wir gingen in das Lager zurück, weil wir nur dort etwas zum Essen bekommen konnten. Bis wir im Lager waren, war es schon zwei oder drei Uhr am Morgen. Und am nächsten Tag mussten wir wieder in die Arbeit gehen.
     Obwohl wir in dem Krupp Betrieb einer Baugruppe zugeteilt wurden, mussten wir hauptsächlich die Trümmer wegräumen. Wir arbeiteten den ganzen Tag lang und am Abend kamen wir in das Lager zurück. Die Amerikaner bemühten sich schon richtig, dass es uns an Arbeit nicht fehlte. Sie waren so pünktlich mit den Luftangriffen, wie die Schweizer Uhren. Als die bestimmte Uhrzeit kam, fingen die Sirenen an zu heulen; die Deutschen gingen in die Schutzräume und wir versteckten uns überall, wo es möglich war.
     Noch während der Fahrt aus Warschau hatte ich in Pruszków aus dem Fenster einen Zettel mit Informationen über mich geworfen. Ich hatte ihn an meine Tante adressiert. Diesen Zettel hatte meine Mutter einige Stunden später bekommen. Danach, als ich schon im Lager in Essen war, suchte ich um jeden Preis Kontakt zu meiner Familie. Ich schickte Briefe und Postkarten an alle Adressen, die ich kannte.
     In der Hälfte Dezember bekam ich die erste Information aus der Heimat; damals noch aus dem Generalgouvernement. Aus dem Brief erfuhr ich, dass mein ältester Bruder in einem Gefangenenlager war; und dass mein Vater und mein zweiter Bruder in dem Lager in Hagen, in Westfalen waren. Ich erfuhr auch, dass am 25. September meine Mutter meinen jüngsten Bruder in dem Krankenhaus in Milanówek gebar. Ich war glücklich, denn obwohl meine Familie in fünf unterschiedlichen Orten auf der Welt zerstreut war, sind alle am Leben geblieben.
     Ende Dezember nahm ich Briefkontakt zu meinem Vater auf. An einem Sonntag Anfang Januar bekam ich von dem Lagerkommandanten einen Passierschein, so dass ich ausfahren durfte. Ich fuhr, meinen Vater zu besuchen. In Hagen stellte es sich heraus, dass während eines Luftangriffs das Lager verbrannt wurde, und alle in eine in der Nähe liegende Schule umziehen mussten. Ich fand diese Schule. Ich traf sogar unsere Nachbarn aus Warschau. Aber mein Vater und mein Bruder waren nicht mehr da. Sie wurden aufgrund schlechten Gesundheitszustands frei gelassen und fuhren nach Polen an demselben Tag zurück, an dem ich nach Hagen kam. Ich muss sie am Bahnhof verpasst haben.
     Das war schon das zweite Mal, als ich unter so dramatischen Umständen meine Eltern verpasste. Zum ersten Mal passierte es während des Aufstands. Am 25. August wollte ich mich zu meiner Familie nach Hause durchkämpfen; das Haus stand neben der Überführung der Poniatowski Brücke. Damals war das Niemandsland. Kurz vor der Überführung wurde ich von den Posten der Aufständischen angehalten. Ich fand heraus, dass das Haus vor kurzem die Deutschen eingenommen hatten. Sie hatten alle Einwohner auf die Straße herausgezerrt und der Reihe nach alle Wohnungen in Brand gesetzt. Die Einwohner hatten sie nach Pruszków getrieben. An demselben Tag gelangte an meine Eltern ein Freund von der Feldpost, der ein Brief für meine Eltern hatte. Er war einen Moment vor mir herausgegangen. Er gelangte nach Pruszków zusammen mit meinen Eltern. Ich war sehr nahe dran, aber meine Eltern konnte ich nicht sehen.
     Als die russische Offensive im Januar 1945 startete, brachen alle Kontakte zu der Heimat ab. Die Briefe kamen nicht mehr an. Als sich die Westfront näherte, wurden wir von Krupp entlassen. Wir mussten unsere ganze Habe zurückgeben - Decken und Schüssel. Wir bekamen sogar irgendwelche Entschädigung: jeweils 90 Mark; bloß ein Brot kostete damals 350 Mark. Dann wurden wir der Armee zur Verfügung gestellt und geschickt, um Verschanzungen zu graben. Es war immer schwieriger, das Essen zu bekommen; wir wohnten in einer Baracke, die nicht fertig gebaut war und keine Fenster hatte. Wir schliefen auf bloßem Beton - am Morgen war er immer mit Reif überzogen. An einer Nacht wurden wir durch Donner geweckt. Es stellte sich heraus, dass die Alliierten Rhein erstürmten.  Wir zögerten bis zum letzten Moment, um in den Schutzkeller zu gehen, aber als plötzlich Artilleriegeschosse über unseren Köpfe flogen, liefen wir in Panik, um Zuflucht zu finden. Damals in der Nacht verlor ich alle Dokumente und Notizen, die ich regelmäßig seit dem Aufstand geführt hatte.
     Am Morgen ließen uns die Deutschen eine Kolonne formen und wir wurden aus dem Lager herausgeführt. Wir waren erst 2 Kilometer von dort entfernt, als ein Angriff auf die Fabrik der Synthetikbenzin begann, die in direkter Nachbarschaft des Lagers stand. Wir versteckten uns in den Betonringen, die an der Straße lagen. Von dem Luftstoß der Bombardierung wankten diese rieseigen Betonringe wie Bäume im Wind.
     Drei Tage lang wurden wir von den Deutschen rund um Essen herum geführt. Am Ende des dritten Tages bemerktem wir, dass die Mitglieder des Volksturms, die über uns Wache hielten, weg geflohen waren. Wir hatten eine kleine Tüte enthülster Erbsen mit. Wir fragten einen Landwirt in der Vorstadt von Essen, ob er für uns diese Erbsen kochen konnte. Der Landwirt, ein anständiger Mann schüttete die Erbsen den Hühnern aus und stellte vor uns eine Schüssel voll Essen hin. Wir aßen, was uns gegeben wurde. Ein Dienstmädchen fragte, ob wir noch mehr Essen wollten. Klar, wollten wir! Sie musste uns noch dreimal das Essen holen; ab nächsten Tag an brachte sie für uns vier das Essen sofort in einer Waschschüssel. Wir blieben bei diesem Deutschen. Nach dem halbjährigen Aufenthalt in Deutschland lebten wir erst dann auf. Endlich konnten wir uns waschen, oder eher den Schmutz von uns wegkratzen; ich hatte doch meine Schuhe einen Monat lang nicht ausgezogen. Selbst als die Amerikaner das Ruhrgebiet einnahmen, wollten wir ihn nicht so gerne verlassen. Das erste Treffen mit der amerikanischen Armee gelang auch nicht so gut. Ein Freund, der einen Gürtel mit einer Pfadfinderrautenlilie hatte, versuchte es ihnen zu erklären, dass wir polnische Pfadfinder waren, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland transportiert worden waren, aber sie wollten uns nicht zuhören.
     Bei dem Deutschen arbeiteten wir noch einen Monat lang. Erst im Juni zogen wir in ein Übergangslager für Polen um. In dem Lager, unter dem amerikanischen Schutz waren wir aber wesentlich hungriger als bei unserem Bauer. Wäre dort bei den Baracken dieses Kartoffelfeld nicht gewesen, hätten wir Probleme gehabt zu überleben.
     In den ersten Julitagen entschieden wir uns, nicht mehr länger zu warten. Es war wirklich die Zeit einer richtigen Völkerwanderung. Die einen fuhren nach Osten, die anderen fuhren nach Westen. Wir nahmen unsere Sachen und ein bisschen Lebensmittel mit und gingen zum Bahnhof. Die Menschen "klebten" dermaßen an den Zügen, dass es unmöglich war hereinzukommen. Die Menschen standen auf den Treppen, auf den Dächern, in den Wagen und zwischen den Wagen - jeder wollte fahren. Es gab keinen Fahrplan. Wir guckten nur darauf, ob der Zug nach Westen oder nach Osten fuhr. Wir fuhren in einem Wagen, der Kohle transportierte, auf den Zisternen, oder wir klammerten uns zwischen den Wagen fest - so gelangten wir an die Grenze der Besatzungszonen. In Holten machten die Engländer die Grenze dicht und wollten uns auf die russische Seite nicht durchlassen. Wir saßen also eine Woche lang in diesem Städtchen. Wir übernachteten in den Zügen, die auf den Anschlussgleisen standen. Am Morgengrauen mussten wir sie aber schnell verlassen, wir wollten nämlich nicht unnötig irgendwohin wegtransportiert werden. Im Endeffekt gingen wir durch die "grüne Grenze" zu den Russen. Sie schickten uns "pieszkom" (zu Fuß) nach Magdeburg. Dort stellte es sich heraus, dass es keinen Übergang gab, denn die Brücke über die Elbe zerstört war. Dort saßen wir auch einige Tage fest. Dort trennte ich mich auch von "Topacz", meinem Truppführer. Ich fuhr durch Leipzig, Dresden, Zgorzelec (Görlitz), Głogów und Żagań; "Topacz" und der Rest unserer Gruppe fuhren durch Szczecin (Stettin). Zu Hause kamen wir an demselben Tag: am 31. Juli 1945 an. Ein Tag vor dem ersten Jahrestag des Aufstandsausbruchs gelangte ich nach Zalesie bei Piaseczno, wo ich meine Eltern traf. Als ich in der Tür stand, hatte ich noch dieselbe kurze Pfadfinderhose an, die ich getragen hatte, als ich aus dem Aufstand herausgegangen war. So ging mein Kriegsepos zu Ende.

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