Info über das Projekt  |  Info über Projektteilnehmer  |  Aktuell  |  Sponsoren  |  Kontakt  | 
         

search Suche
 

Bericht von Bogdan Lewandowski


foto

  Das Staatsarchiv der Stadt Warschu

Bericht von Bogdan Lewandowski

 

Während des Warschauer Aufstands war er 8 Jahre alt.

     Als nach den 63 Tagen die Kapitulation abgeschlossen wurde, dachten wir, dass wir das Schlimmste schon hinter uns hatten. Das Haus und unsere Wohnung wurden damals von den Kriegereignissen noch nicht betroffen. Es stellte sich heraus, dass wir noch irgendwo versteckte Lebensmittelvorräte hatten. Wir bekamen ein wenig Mehl, Öl und Honig. Ich werde den Geschmack von frischen Fladen mit Honig nie vergessen.
     Inzwischen wurde die Evakuierung angeordnet und wir mussten alles zurücklassen. Wir konnten es nicht begreifen, dass man uns vom Zuhause, sogar aus der Stadt vertreiben würde. Wir erwarteten, dass wir dort schnell zurück sein würden, daher mauerten wir kleine wertvolle Sachen und Dokumente in einem Keller zu. Zögernd brachen wir an dem dritten Tag des Waffenstillstands in das Ungewisse auf, kleine Bündel in der Hand. Ich trug eine Lederschultasche, in der ich meine Unterwäsche und Kleidung hatte. Meine Schwester Basia und meine Mutter wurden ähnlich ausgestattet - für den Fall wenn man uns voneinander trennen würde.
     Wir gingen an einer Barrikade vorbei und, lose Gruppen bildend, gingen wir der Koszykowa Straße entlang weiter in die westliche Richtung. Wir sahen schreckliche Trümmer und Brandstätten. Ab und zu waren auf den Grünanlagen Gräber zu sehen, die mit provisorischen Kreuzen markiert wurden. Am Narutowicz Platz lagen auf den Treppen der St. Jakob Kirche einige verbrannte Leichen. Ich werde die Ansicht dieser Menschen nie vergessen. Hinter dem Platz wurden wir der deutschen Armee zur Befehl gestellt. In Kolonnen geformt wurden wir zum Dworzec Zachodni (Westbahnhof) geführt.
     Spät am Abend wurden wir dort in Viehwagen gedrängt und von außen abgeschlossen. Es war dermaßen eng, dass alle nur stehen konnten, aneinender angelehnt. Der Zug hielt mehrmals an und startete wieder. Ein in dem Holzboden gemachtes Loch diente uns als Toilette. In solchen Verhältnissen verbrachten wir fast zwei Nächte und zwei Tage.
     Am Morgengrauen des dritten Tages fuhren wir auf das Gelände der Reparaturwerkstätte der Eisenbahnbetriebe in Pruszków, wo die deutschen ein Konzentrationslager für die Einwohner Warschaus eingerichtet hatten. Nach dem wir den Zug verlassen hatten, gab es eine Selektion. Von der Menge wurden junge Menschen abgetrennt, die anderen wurden in ein großes Gebäude geführt. Von irgendwelchen Zivilpersonen bekamen wir jeweils ein Stück Brot und eine Dose Milch. Wir gingen an ein provisorisches Badezimmer vorbei: einige Wasserhähne über einem Blechtrog. Manchen ist es gelungen, ein wenig Wasser zu trinken.
     Alle wurden in eine große Halle getrieben, wo sich zwischen den Gleisen tiefe Reparaturkanäle befanden. Überall war es schmutzig, und diese Kanäle waren voll von Müll. Es gab so viele Menschen dort, dass es kaum möglich war, sich hinzusetzen. Der Leichnam einer Frau, die neben uns gestorben war, wurde nach unten in diesen Kanal getragen, damit man ein bisschen Platz hatte. Wir übernachteten in diesem Gedränge. Am Morgen bemerkten wir Läuse an unseren Haaren und an unserer Kleidung.
     Wir wurden erneut in einen Zug getrieben. Wir starteten aus Pruszków - wir führen mit einem schmutzigen Zug für Kohletransport - der Wagen war offen: ohne Dach. IN manchen Wagen gab es kleine Häuschen, die so genannten "brek". In diesen Häuschen fuhren die deutschen Soldaten, die uns überwachten. Wir fuhren in die westliche Richtung. In Grodzisk Mazowiecki hielt der Zug an einem Bahnübergang an. Gleich kamen Einwohner aus der Umgebung, die in den Zug Lebensmittel warfen. Aus den Wagen warf man ihnen Geldscheine zu. Ich kann mich daran aus diesem Grund erinnern, weil wir kurz danach einige zehn Meter von diesem Ort wohnen sollten.
     Zum nächsten Mal hielt der Zug an einer Stelle an, an der die Gleise an einem hohen Damm lagen. Das war vor Piotrków Trybunalski. In dieser Stadt wohnte eine Schulfreundin meiner Mutter. Eine schnelle Entscheidung - weg fliehen. Wir sprangen aus dem Wagen heraus. Eigentlich fielen wir auf die Steine des Gleisbettes hinunter. Ich lief den Damm hinunter und meine Mutter und Basia trödelten noch am Zug. Plötzlich erklangen Schüsse. Zwei Deutschen mit Gewehren liefen auf meine Muter und Basia zu. Sie ließen sie wieder in den Zug einsteigen, was aber nicht möglich war, weil die Wagenkante zu hoch war. Basia weinte und sagte etwas auf Deutsch. Plötzlich pfiff die Lokomotive. Die deutschen mussten in das Wachhäuschen einsteigen. Sie schossen einige Male zum Schrecken in die Luft und sprangen in den Zug, der gerade gestartete. Wir liefen den Damm hinunter. Irgendwelche Menschen zogen uns durch die Betonmauer, die an den Gleisen stand. Wir waren frei.
     Die Freundin meiner Mutter war wohlhabend und barmherzig. Ihre große Wohnung, die sich über einem Laden in einer Hauptstraße befand, war voll von Flüchtlingen aus Warschau. Die herzlichen Wohnungsinhaber gaben allen das Essen. An einem großen Tisch saßen am Essen über zehn Personen. Mit dem Sohn der Wohnungsbesitzer, der in meinem Alter war, liefen wir einige Herbsttage sorglos in der Vorstadt von Piotrków herum, und suchten in den Gärten nach Obst, die es dort noch gab.
     Man darf aber die Gastfreundlichkeit nicht mißbrauchen. Wir mussten also etwas tun. In dieser Zeit liefen schon die Nazis vor der sich nähernden Frontlinie weg und raubten dabei alles überall. Es herrschte verstärkter Verkehr: alle Verkehrsmittel fuhren voll beladen nach Westen und leer zurück. Die permanente Kontrolle gab es aber nicht mehr. Mann konnte also mit einem leeren LKW oder Zug eine Reise in Richtung Warschau riskieren. Wir: meine Mutter und ich nutzten die Situation und fuhren mit dem Zug nach Grodzisk Mazowiecki. Basia blieb in Piotrków.
     Meine Mutter hatte Bekannte in Grodzisk, sie erhoffte sich, dort Hilfe zu bekommen und schnell in das in Warschau gelassene Haus zurückzukommen.
     Grodzisk war voll. In eine Stadt, die normalerweise um zwanzig Tausend Einwohner zählte, zogen plötzlich weitgehend mehr als hundert Tausend Warschauer ein. Wir durften in einem Notarbüro übernachten. Wir verbrachten dort ein paar Nächte, wir schliefen auf den Stühlen in einem furchtbar kalten Zimmer. Danach half uns sehr eine ältere Frau, indem sie uns in ihre kleine Einzimmerwohnung nahm, die sich in einem ziemlich kleinen Haus in der Kolejowa Straße 8 befand. Am Anfang schliefen wir auf dem Boden auf einem quasi Strohsack (denn er war mit Papier gefuttert) und hielten unsere Beine unter dem Bett unserer Wohltäterin. Sie ist jedoch nach einigen Tagen aus Angst vor der sich nähernden Frontlinie zu ihrer Tochter gefahren. Sie überließ uns die Wohnung mit der ganzen Ausstattung. Das war ein kleines Zimmer mit Balkon, auf dem ersten Stock, direkt über dem Tor. In die Wohnung ging man direkt aus dem Treppenhaus hinein. Die Möbel waren sehr schlicht: ein Metallbett, ein Schrank, ein kleiner Tisch mit Stühlen und eine kleine Kommode. Geheizt wurden in einem kleinen Gusseisenherd mit einem Kamin aus Blech.
     Angesichts der sich nähernden Kriegshandlungen war die Lage der Wohnung ungünstig. Der kleine Hinterhof lag direkt an den verzweigten Gleisen und einer Eisenbahnbrücke, die über dem Fluss Mrowna verließ. Hinter der Gleisen befand sich ein Chemiebetrieb und am Ende der Straße eine Fabrik für Schleifstoffe. Dem Haus gegenüber, auf einem unbebauten Grundstück wurden Verschanzungen gegraben. Über das alles hinaus stationierte auf einem Nebengleis direkt an unserem Hinterhof die "dicke Berta" mit einem zusätzlichen Waggon. Eine höchst interessante Aussicht für einen Russischen Kampfflugzeugpiloten.
     Damals standen die Russen noch an der anderen Seite von Weichsel, also ungefähr 30 Kilometer von uns entfernt und warteten, bis die Deutschen mit Warschau fertig wurden.
     In Oktober und November 1944 setzten die deutschen Soldaten die in dem verlassenen Warschau zurückgelassenen Häuser systematisch in Brand. Trotz der grausamen Erfahrungen erwartete niemand, dass die Deutschen nach dem Aufstand mit solcher Verbissenheit unser Gut und Habe zerstören würden. Mit Entsetzen und Misstrauen beobachteten wir Feuerscheine über dem in Brand gesetzten Warschau. Sie waren von Grodzisk aus - 30 Kilometer entfernt - gut zusehen. Ein paar Monate später sahen wir die Trümmern und Brandüberreste unseres Hauses mit eigenen Augen.
     Anfang November 1944 fuhren wir mit einem zufällig getroffenen LKW nach Piotrków zurück, um Basia zu uns zu holen; und wir kamen auf dieselbe Weise nach Grodzisk zurück.
     Einige Tage lang war es relativ ruhig. Wir versuchten unsere neue Umgebung und Menschen um uns herum kennen zu lernen. Meine Mutter suchte nach Arbeitsmöglichkeiten. Ein Ladenbesitzer stellte sie ein. In einem Pappkarton stellten wir Kerzen, Schuhcreme und Seife auf die Strasse. Der Lohn war wirklich symbolisch. Es war schwierig, irgendetwas zu verkaufen. Wir arbeiteten gegen Lebensmittel, von dem wir auch nicht viel bekamen.
     Ab Hälfte November ging ich erneut in die Schule. Der Unterricht für die dritte Klasse fand in einer Privatwohnung statt. Da die Sanitätsverhältnisse  sehr schlecht waren, litten die Kinder an Krätze, die mit einer furchtbar stinkenden und brennenden Schwefelsalbe behandelt wurde. Jeden Tag wurden wegen Läusen die Haare und die Kleidung überprüft.
     Es gab sehr wenige Deutsche in der Stadt. Sie waren auf den Straßen kaum zu sehen. Anscheinend wurden sie in die Front oder in konkrete Wachposten geschickt. Das erlaubte den Warschauern ein gewisses Freiheitsgefühl zu haben. Wir nutzten das aus und gingen zu Fuß nach Milanówek, wo wir nach mir unbekannten Personen suchen sollten.
     In dem neben Grodzisk gelegenem Turczynek stationierten slowakische Soldatentruppen, die Verbündeten der Deutschen. Nebenan schwebte ein festgemachtes Luftschiff. Die Soldaten hatten olivengrüne helle Uniforme an und kümmerten sich nicht um die vorbei gehenden Polen.
     Am Vortag des Heiligen Abends bombardierten die Russen Grodzisk spät am Abend. Fast zwanzig Minuten lang warfen die Flugzeuge Bomben in zufällig gewählten orten ab. Einige Häuser wurden zerstört, einige wurden in Brand gesetzt. In diesem überfüllten Städtchen wurden sehr viele Menschen verletzt und umgebracht.
     Anfang Januar 1945 wurde Grodzisk von den russischen Flugzeugen wieder angegriffen. Diesmal geschah es am Tage. Die Russen schossen und bombardierten das mit Tausenden von Warschauern gefüllte Stadtzentrum. Die Menschen fielen Mengenweise um. Auf dem Markt vermischten sich gezerrte Menschenleichen mit Überresten von Obst- und Gemüseständen. Stundenlang starben die Verletzten, die keine Hilfe bekamen, auf den Straßen. Am nächsten Tag wurden über fünfzig nicht identifizierte Leichen auf den Gehsteig neben dem Friedhof gelegt, und die Menschen gingen an ihnen vorbei, um ihre Nächsten oder Bekannten zu finden.
     Spät am Abend am 15. Januar 1944 wurden wir gezwungen, die mit den Gleisen grenzenden Häuser zu verlassen, denn die Deutschen hatten vor, die nahe liegende Bahnbrücke zu zerstören. Halb angekleidet liefen wir in Eile von Zuhause weg. Die Explosion, die folgte, war dermaßen stark, dass die Tür von unserem Zimmer herausgerissen wurde und die Möbel durch den Balkon auf die Straße geworfen wurden.
     In einem Moment verschwand die Wohnung aus der Welt. Wir befürchteten, dass das ganze Gebäude stürzen würde. Wir verloren auch diese kleinen Sachen, die wir nach dem Aufstand vom Zuhause genommen hatten. 
     In dieser Winternacht gingen wir außerhalb der Stadt, um irgendwo, auch wenn das in einer Scheune sein sollte, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. In einer weiten Vorstadt trafen wir einen Mann, der auf dem Weg nach Hause war. Dieser Mann nahm zu sich nach Hause diese ihm ganz unbekannte Frau mit zwei Kindern, die er in der Dunkelheit traf. Dieser zufällige Barmherzigkeitsakt beeinflusste unser weiteres Leben.
     Wir waren nicht die einzigen Gäste des Gastgebers. In dem Haus wohnten schon einige Flüchtlinge aus Warschau; Verwandte und Bekannte des Gastgebers.
     Am Morgen nächsten Tages, d.h. am 16. Januar, wurden wir von den Artillerieschüssen und Rattern der fahrenden Panzer geweckt. Auf der anderen Straßenseite brach in dem hölzernen Gebäude der Nachbarn Feuer aus. Nachdem die Schießerei zu ende war, kamen die Soldaten. Das waren die Russen, die die Kriegshandlungen wieder aufgenommen haben und das menschenleere Warschau umzingelten. In Grodzisk stoßen sie auf keine starke Abwehr. Wir wurden aus der deutschen Besatzung befreit.
     Die Russen fuhren mit Pferdewagen, Pferden und einigen LKWs. Über zehn Soldaten übernachteten in der Scheune und zwei Offiziere schliefen in dem Haus. Der Hausbesitzer unterhielt sich mit ihnen, weil er fließend russisch sprach. Es gab keinen längeren Kontakt zu den Russen; sie fuhren schnell weiter. Sie hinterließen keine netten Spuren, da ihre halbwilden, hungrigen Pferde benagten sehrt stark die Baumrinde.
     Nach einigen Wochen versuchten wir zusammen mit vielen anderen Menschen, uns nach Warschau durchzukämpfen. Die Züge fuhren nicht, die EKD (elektrische Bahn) stand ebenso still. Zu Fuß gelangten wir erst hinter Milanówek, als plötzlich eine heftige Schießerei ausbrach. Wir lagen in dem Straßengraben, im Schnee versteckt. Es stellte sich heraus, dass die sowjetischen Soldaten gegeneinander um die Kriegsbeute kämpfen, die sie bei den Deutschen gefunden hatten. Überall waren Spuren der Kriegshandlungen zu sehen; Leichen der deutschen Soldaten, zerstörte Ausrüstung, sogar ganze Kanonen mit Munition lagen herum. Wir mussten umkehren.
     Nach Warschau gingen wir wieder im März, ohne Basia, entlang den Gleisen. Wir kamen in Włochy an, da konnte ich in nicht mehr gehen. Meine Mutter musste mich bei fremden Leuten lassen und sie ging weiter alleine.
     Nach ihrer Rückkehr erzählte sie, dass sie in unser Gaus in der Pius Straße gegangen war. Das Haus war verbrannt und teilweise zerstört. Der Kellereingang stand offen, aber die Mauer waren noch so heiß, dass man dort keine lange Zeit verbringen konnte, und eine Kerze, die sie in der Hand hielt, sich von der Hitze verbog. Das zugemauerte Geheimfach stand offen und war ausgeplündert worden. In unserer Kammer im Keller lagen zwischen verbrannten Sachen angebrannte Fotoalben und kleine wertlose Sachen.
     Danach sah ich mit noch ein paar Mal die Trümmer unseres in dem Aufstand verbrannten Hauses an.
     Im Mai 1945 wurde das Kriegsende verkündet. Ergriffen warteten wir auf symbolisches Signal der Fabriksirenen.
     Die mit uns wohnenden Menschen verließen das Haus nach und nach. Der Hausbesitzer, ein älterer Witwer, erlaubte uns in einem Freien Zimmer zu wohnen. Er wartete auf seine zwei Söhne, die aus dem Krieg zurückkommen sollten. Der ältere - ein Matrose - hielt sich in England auf, und der Jüngere, der zu Zwangsarbeit nach Deutschland transportiert worden war, emigrierte nach Kanada.
     Der Ort, an dem wir wohnten, schien idyllisch zu sein, allerdings auch dort hinterließ der Krieg seine Spuren.  Auf dem Nachbargründstück waren über zehn Polen von den Besatzern erschossen und in zwei untiefen Gräbern begraben worden. Da die Leichen aus dem Sand zu sehen waren, schütteten die Orteinwohner kleine Hügel aus Sand auf, die die Leichen versteckten und auf denen Kreuze aus Holz gestellt wurden.
     Nachdem die EKD in Betrieb gesetzt wurde, bekam meine Mutter Arbeit als Kassiererin dort in  der Nachtschicht, an der Station Kazimierówka. Ein kleines Kassenhäuschen stand in der Leere; die Menschen waren dort nur dann zu sehen, als ein Zug kam. Es gab kein Gehalt in Form von Geld - es wurde mit einigen Kilogramm Kohle zum Heizen, manchmal ein wenig Kartoffeln oder Zwiebeln gezahlt. Die Hauptbezahlung war Suppe, die jeden Tag mit den EKD Wagen ausgefahren wurde. Es sind sogar Plebejerlieder darüber entstanden, die ich nach einigen Jahren hörte: ?... ekadowcom zupę lała" (?...sie goss den EKD Mitarbeitern Suppe ein.")
     Bald wurde die Arbeit der Kassiererinnen geregelt; und nach einigen Monaten wurde meine Mutter in ein EKD Büro nach Leśna Podkowa versetzt, wo die Uniforme und Schuhe ausgegeben wurden, und wo auch ein geringer Lohn bezahlt wurde.
     Weiterhin wohnten wir in Grodzisk. Ich habe die Grundschule abgeschlossen. Meine Schwester machte Abitur und gleich danach fing das Studium in dem Fach Kunstgeschichte an der Universität in Lublin an. Sie wählte Wrocław (Breslau) zu ihrem festen Wohnort.
     Ich habe keine guten Erinnerungen an diese Jahre, denn uns fehlte an allem und wir lebten in großer Armut.
     1949 fing ich an, in ein Gymnasium in Żyrardów zu gehen. Damals zeigte das von den Sowjets eingeführte System ihr wahres Gesicht. Schon in der ersten Klasse verschwand unser Erdkundelehrer ohne Spur, weil er ein paar Mal die im Osten Polens verlorenen Gebiete erwähnt hatte. Bald wussten schon alle Kinder, dass man Worte wie: Lwów (Lemberg), Wilno (Vilnius), Wołyń (Wolhynien), Piłsudski, Anders (polnischer General) vermeiden soll. Am Schlimmsten war Katyń. Dieses Wort durfte man in keinem Kontext verwenden.
     In der zweiten Klasse hörten zwei Jungs - nicht viel älter als ich - plötzlich auf, in die Schule zu gehen. Ihre Eltern suchten nach ihnen vergeblich. Erst nach einem Monat stellte es sich heraus, dass sie verhaftet worden sind. Unerwartet traf ich sie nach einigen Monaten in Grodzisk am Bahnhof: mit Handschellen, sie hatten Sträflingsanzüge und Schuhe mit Sohlen aus Holz an. Bewaffnete Milizionäre mit Hunden führten sie aus dem Gefängnis in Grodzisk zum Zug Richtung Warschau. Nach vielen Monaten wurden sie aus dem Gefängnis entlassen, aber sie kehrten nicht mehr in die Schule zurück.
     In den Sommerferien hatten wir obligatorische Berufspraktika, die jeweils einen Monat lang dauerten. 1950 hatte ich mein erstes Praktikum in einem Energiebetrieb auf den so genannten Wieder Gewonnenen Gebieten. Wir reparierten Stromnetze und Installationen in einem Dorf namens Rzeczyca, in der Nähe von Głogów, in dem Übersiedler aus dem Osten wohnten. Die Menschen, bei denen wir arbeiteten, konnten  uns nicht so viel essen geben, wie die Vereinbarung verlangte. An Lebensmittel fehlte es in ganz Polen.
     Wir wohnten in einer Schule, in der Nähe eines von den Deutschen verlassenen Gutshofs. Eigentlich war das ein Palast. Neben an arbeiteten auf einem Bauernhof einige zehn deutscher Kriegsgefangenen, die von den sowjetischen Soldaten bewacht wurden.
     Prächtige Räume des Palastes, die noch bis vor kurzem bewohnt waren, waren damals schon restlos. Es blieben nur noch prächtige Ofen aus Majolika Kacheln, auf den Jagdszenen abgebildet waren. Verzierte Parkette und Türen wurden ausgerissen und von den Soldaten als Heizmaterial benutzt.
     Im nächsten Jahr machte ich mein Praktikum in einem LKW Betrieb in Starachowice. Die riesige, noch vor dem Krieg gebaute Fabrik machte einen sehr großen Eindruck. Die Abschlussmontage der LKWs STAR-20 verlief auf dem Fließband.
     1952 hatten wir Praktikum in einem Betrieb, das sich mit der Elektrifizierung der Dörfer bei Warschau beschäftigte.
     Während der Sommerferien fing ich meine feste Arbeit an, obwohl ich noch nicht 16 Jahre alt war. Wir lebten in solcher Armut, dass ein geringer Verdienst für uns wie die Traumerfüllung war, und die weitere Ausbildung unwichtig zu sein schien. Bedauerlicherweise ist es schnell zum Vorschein gekommen, dass der Verdienst wirklich gering war, und dazu noch gab es Probleme in der Arbeit.
     Ich arbeitete die ganze Zeit in Warschau und pendelte nach Grodzisk mit dem Zug.
     Nach über zehn Jahren machte ich Abitur und schloss das Studium an der Technischen Hochschule in Warschau ab. Erst im Jahre 1980 ist es mir gelungen, in meine Stadt, nach Warschau zurückzukehren.
     Der Alptraum der Besatzungszeit und der Nachkriegsjahren steckt tief in meinem Bewusstsein. Trotz der Zeit, die seit damaligen Ereignissen vergangen ist, bin ich nie den schmerzhaften Erinnerungen an damaligen Ereignissen losgeworden.

 Zurück...


 
Zusätzliche Dokumente
         
 
search Suche
 
   

Copyright © Muzeum Warszawy :: 2007

   
  Das Projekt ist vom Museum der Stadt Warschau in der Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv der Stadt Warschau und der deutschen Stiftung niederschsischen Gedenkstätten realiziert