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Bericht von Jerzy Uldanowicz


     Wir folgten einer Route, die an den deutschen Posten entlang führte, d.h. wir gingen Chłodnastraße und Wolskastraße, bis wir mit der allmählich größer werdenden Kolonne der Vertriebenen in die Stanislauskirche in der Wolskastraße kamen, wo eine der Sammelstellen für die aus der Stadt vertriebene Bevölkerung eingerichtet wurde. Da waren wir einige Stunden in einer Menschenmenge, die die Innenräume und den Innenhof der Kirche ausgefüllt hatte.
     Anschließend hat man uns eine engere und besser bewachte Marschkolonne bilden lassen und durch die Bemastraße in Richtung Westbahnhof getrieben, wo uns befohlen wurde, in offene Güterwaggons (sog. "Kohlewaggons") einzusteigen, nach kurzer Zeit fuhr der Zug los, um gleich in Pruszków anzukommen, in der Nähe der Bahnwerke, wo ein Durchgangslager eingerichtet wurde. Die Dunkelheit brach ein. Wir wurden in eine der Hallen getrieben, mit allgegenwärtigen Schmierstoff und Wasser, welches vor allem in den Kanälen zwischen den Schienen stand. Die ganze Nacht lang war es da eng, laut und kalt.     
     Am nächsten Tag, am 8. Oktober - haben wir am Vormittag die erste (und bis zum nächsten Durchgangslager nach unserem Aufenthalt in Pruszków die einzige) Mahlzeit bekommen, seitdem wir von unserem Wohnort losgezogen sind. Es kam ein Wagen mit einem Kessel mit Suppe, die in Gefäße gegossen wurde, die gleichzeitig von Tausenden von Händen hingehalten wurden. Nur Einigen ist es gelungen, ein wenig Suppe zu erwischen, die nahezu über den Köpfen der andrängenden Menschen verschüttet wurde.
     Am Nachmittag kam einer der dramatischsten Momente in meinem Leben - die Segregation. Wir wurden als eine sehr lange Kolonne aufgestellt und es gingen meistens ganze Familien, also zu dritt, zu viert, zu fünft, auf eine kleine Gruppe von Deutschen zu und einer von den Deutschen - der war uniformiert - hat nach einer "Gesichtskontrolle" blitzschnell eine jede Person in einen der drei deutlich abgetrennten Bereiche des großen Platzes eingewiesen.
     Mit dieser kleinen Handbewegung wurde im Prinzip über Leben und Tod entschieden, da die Vertriebenen von einem der Bereiche des Platzes in die Bahntransporte abgeführt und anschließend in ländliche Gebiete des Generalgouvernements, von dem zweiten und dritten Bereich des Platzes hingegen - zur Zwangsarbeit und in die Konzentrationslager gebracht wurden.
     Ich wäre jetzt mit einer detaillierten Beschreibung der tragischen Szenen überfordert, die sich damals während der Segregation abgespielt haben - die Leute haben mittlerweile geahnt, welche Absichten dahinter stecken. Immer wieder haben die Deutschen mit Gewalt Eltern von ihren Kindern, Ehemänner von -frauen, gesunde von sichtlich kranken oder geschwächten Angehörigen getrennt. In den allermeisten Fällen waren es die letzten Augenblicke, in denen die vertriebenen Einwohner von Warschau ihre Angehörigen gesehen hatten.
     Nach dieser Trennung wurde meine Großmutter in das Dorf Wyciąże gebracht, in die Nähe der jetzigen östlichen Stadtgrenze von Krakau, wo sie bis zur Ende der Besatzung geblieben ist (vgl. Kopie der Bescheinigung vom Zentralen Hilferat), ich wurde hingegen mit meiner Mutter am selben Nachmittag mit tausenden anderer Menschen an einem Abstellgleis in einen Zug gebracht, der aus bedeckten, geschlossenen Güterwaggons bestand und von außen von bewaffneten Soldaten bewacht wurde. Wir haben nachgezählt - in einem verhältnismäßig kleinen Waggon wurden 80 Personen beider Geschlechter samt Handgepäck zusammengepfercht.

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  Das Projekt ist vom Museum der Stadt Warschau in der Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv der Stadt Warschau und der deutschen Stiftung niederschsischen Gedenkstätten realiziert