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Bericht von Krystyna Zbyszewska


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Krystyna Zbyszewska
geb. am 16.01.1930 in Katowice
Tochter von: Jadwiga geb. Gumińska und Alfons
Anschrift während der Besatzung: Grójeckastraße 44

 

     Seit 1939 wohnte ich in Warschau. Zuerst in der Skorupkistraße, dann am Narutowicz-Platz. In einem Haus mit dem Hauseingang zur Grójeckastraße 44. Da wohnten wir gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester, die während des Aufstandes umgekommen ist.
     Am Warschauer Aufstand habe ich, damals ein vierzehnjähriges Mädchen, aktiv teilgenommen.
     Ich war Mitglied der Grauen Reihen (poln.: Szare Szeregi), in dem Mädchengruppe des Exekutivkommandos bei dem Bienenstock (poln.: Pasieka), also beim Hauptquartier. Uns wurde zuvor ein Ort genannt, wo wir uns versammeln sollten, in der Świętokrzyskastraße. Als der Aufstand begann, war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich hatte meinen kleinen Rücksack nicht dabei, ich hatte ein gelbes Kleid und Sandaletten an. Hätte ich gewusst, dass der Aufstand ganz bestimmt kommt, dann hätte ich mich sicherlich richtig gekleidet und ich hätte Seife und Zahnbürste dabei gehabt, die hatte ich aber nicht, da ich dachte, ich würde wieder nach Hause zurückkehren, wo meine Mutter geblieben war. Um siebzehn Uhr hörte ich jemand in der Świętokrzyskastraße schreien. Ich war in einer Wohnung im zweiten Stock, ich schaute nach und sah einen polnischen Offizier, der mit einem Revolver in der Hand und mit einem Säbel rennt und schreit: "Vorwärts, vorwärts". Als ich diesen Offizier gesehen habe, da spürte ich, dass ich im freien Polen war, für mich war es etwas Außerordentliches. Eine Kollegin, die da mit mir zusammen war, sagte, dass man ein verwundetes Mädel gebracht hat, die blutete. Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern, vielleicht war ich so aufgeregt. Wichtig war nur, dass es die polnische Fahne gibt, dass die Soldaten schießen, dass ich im freien Polen bin.
     Am Anfang halfen wir nur in der Küche, wir kochten Suppen. Das war das zweite Haus an der Ecke Mazowieckastraße und Świętokrzyskastraße, da waren Ruinen, in denen unsere Jungs ihren Posten hatten und da brachten wir ihnen die Suppe. Wir haben auch Brot gebracht. Dann wurde auch die aufstandseigene Post in Betrieb genommen, nachdem am 2. August das Hauptpostamt erobert wurde. Unsere ganze kleine Truppe rannte dahin und wir gründeten dort das Büro der Pfadfinderpost. Es hingen Briefkästen, die Leute warfen gleich Kärtchen mit einer Anschrift und paar Worten für ihre Angehörigen ein. Wir verteilten diese Briefe, sie wurden sogar zensiert. Da gab es kleine Fächer, in die wir die Briefe, sortiert nach einzelnen Straßen, eingeteilt haben. Wenn die Jungs nicht da waren und es viele Briefe gab, deren Empfänger irgendwo in der Gegend waren, dann nahm ich diese Briefe mit und verteilte sie selbst. Es war sehr wichtig, denn die Leute wollten wissen, was mit ihren Angehörigen, mit ihren Kindern, mit der Mutter, mit der Tante passiert. Selbstverständlich war der Kampf wichtiger, aber wir bekamen auch wichtige Aufgaben. Ich verteilte die Post im Bereich Stadtmitte. Wenn ich etwas freie Zeit hatte, bekam ich Zeitungen, die ich in die Złotastraße, in Richtung Hauptbahnhof trug. Dies dauerte ziemlich lange, wir wohnten nicht mehr in der Świętokrzyskastraße. Wir hatten eine Unterkunft an einem anderen Ort, da mussten wir durch die Ruinen laufen. Es wohnten dort sechs Mädchen. Ich hatte eine vier Jahre ältere Schwester - Bożena Rażniewska, Tochter meiner Mutter aus ihrer ersten Ehe, wir mochten einander sehr. Sie ging mit mir in die Świętokrzyskastraße, als der Aufstand ausgebrochen war. Sie merkte, dass da unten das Bataillon "Kiliński" einen Posten hatte. Sie konnte mit ihren Bitten erreichen, dass sie als Verbindungssoldatin übernommen wurde. Seit dieser Zeit war sie bei "Kiliński" dabei und sie nahm auch an der Erstürmung des Hauptpostamtes teil, denn sie war älter als ich. Sie war am Oberschenkel verwundet, da sie aber angst hatte, vom aktiven Dienst zurückgenommen zu werden, hat sie sich ihre Wunde selbst verbunden. Deswegen war sie ziemlich schwach und zog sich im September die Bakterienruhr zu, sie starb im Krankenhaus in der Hożastraße.
     Ich wusste nicht, wie es meiner Mutter ging. Meine Mutter blieb zu Hause bis Ende August. In der Wohnung am Narutowicz-Platz war der Bruder meiner Mutter mit seiner Ehefrau. Sie mussten ausziehen, denn ihr Haus war verbrannt. Dann mussten sie in die Słupeckastraße gehen und da tauchten die Deutschen auf. Sie wurden unter Bewachung zum Gemüsemarkt abgeführt. Die Frau von meinem Onkel war schwanger, so dass sie ohne größere Probleme freigelassen wurde. Mit meiner Mutter war es schlimmer, sie wurde nach Ravensbrück ins Konzentrationslager verschleppt. Zuerst war sie in Dachau. Sie erlebte schreckliche Dinge.
     Als das Gebäude des Hauptpostamtes bombardiert wurde, konnten wir dort den aufständischen Postbetrieb nicht mehr weiterführen. Dann wohnten wir in einer Unterkunft in der Jasnastraße. Da hatte ich enorme Magenprobleme, denn das Wasser war nicht so, wie es sein sollte. Die Leiterin unserer Truppe sagte mir, es gibt hier keine Post mehr, deswegen werde ich Verbindungssoldatin im Bataillon "Miłosz". Da ging ich mit meiner Kollegin, Danka Banaszek, hin. Unsere Unterkunft war in der Wiejskastraße. Von da aus gingen wir morgens eine mit Getreidekorn gekochte Suppe essen, dann saßen wir vor dem Quartier eines Majors und warteten auf die Anweisungen, wir sollten irgendwelche Zettel, Befehle überbringen. Da war ich bis zum Ende des Aufstandes. Ich war erschrocken, was mit Warschau geschehen wird. Ich wusste, dass die Deutschen uns hassen, dass sie Warschau vernichten wollen. Ich wusste nicht, wie es meiner Mutter ging. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, ob ich nun Verwandte aufsuchen soll, die in Olkusz, in Włoszczowa wohnten. Ich ging zum "Gozdal" (Przemysław Górecki) in die Wilczastraße 41 und fragte ihn, was ich tun soll. "Gozdal" war der Gruppenleiter unserer Pfadfindergruppe. Die einen meinten, ich soll als Zivilist gehen, die anderen hingegen, dass ich gemeinsam mit der Truppe gehen soll. "Gozdal" fragte mich, wo ich gewohnt hatte, da antwortete ich, dass ich im Stadtteil Ochota, am Narutowicz-Platz gewohnt hatte, da hatte ich meine Mutter zurückgelassen. Er meinte, dass ich nicht als Zivilist gehen darf und dass ich gemeinsam mit der Truppe gehen soll. Dann nahm ich alle meine Klamotten und packte sie in meinen kleinen Rucksack ein.
     Gemeinsam mit meiner Truppe gingen wir durch halb Warschau, bis zum Heilandplatz (Pl. Zbawiciela). Ich hatte keine Waffe, aber alle meine Kollegen von der Truppe mussten ihre Waffen - Revolver, Gewehre - in einen Korb werfen. Ich dachte, mein Herz würde verbluten. Wir gingen in die Grójeckastraße, zu meiner Wohnung im dritten Stock. Da war alles verbrannt. Meine Mutter war weg, die Deutschen hatten sie weggebracht. Ich ging mit meiner Truppe bis nach Ożarów. Unterwegs waren Tomatenfelder. Als wir diese Tomaten gesehen haben - jeweils zehn oder fünfzehn an jeder Pflanze, stürzten wir alle auf dieses Feld, um sie zu pflücken. Ich rannte dahin und aß sie, ich konnte mich nicht enthalten.
     Wir kamen in Ożarów an. Zuerst mussten wir uns irgendwo eintragen lassen, unseren Namen und die Truppenzugehörigkeit angeben. Da war es auch eine lange Schlange, die Leute haben sie wegen der Suppe angestellt. Dies war die Graupensuppe mit roten Tomaten - die war lecker, nie hatte ich etwas so Leckeres gegessen. Es war schon spät, deswegen gingen wir schlafen. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, waren wir alle wie blau angestrichen. Es waren irgendwelche Farben, die uns angefärbt hatten und wir konnten sie nicht wirklich wegkriegen. In Ożarów waren wir, glaube ich, zwei Tage. Dort haben die Deutschen die Trennung der Gefangenen vorgenommen und die Frauen von den Männern getrennt. Im Waggon bekam ich ein Stück Brot, ein kleines Stückchen Margarine und ein teelöffelgroßes Stück Pastete. Es sollte unser Frühstück sein. Wir fuhren drei Tage lang. 
     Zum ersten Mal ließen sie uns in Bremen aussteigen und von dort aus gingen wir in das erste Lager Sandbostel zu Fuß. Von weitem sahen wir schon das Lager und Männer in Uniformen; wir dachten, dass es was Gutes bedeutete, nämlich, dass wir Kriegsgefangene waren. Wir wussten nicht, was mit uns weiter passieren sollte.
     Als ich sah, dass sie Uniforme trugen, dachte ich, dass wir nicht in einem Konzentrationslager sonder in einem Gefangenenlager waren. Die Männer gingen in andere Baracken als wir. Wir hatten zwei Baracken, Ich schlief in einer und meine Freundinnen in der zweiten. Am Anfang schlief ich direkt auf dem Boden, aber als sie sahen, dass ich vierzehn war, wurde ich in die zweite Baracke versetzt. Dort gab es eine Art Zimmer und jüngere Mädchen.
     Die Männer, die sich uns durch einen Drahtzaun anschauten, wunderten sich, dass dort überhaupt Frauen waren - und noch solche junge Mädchen dazu. Ich war ziemlich klein - nur 158 cm. Die anderen Mädchen waren in meinem Alter und waren auch gleich groß.
     Das Klima dort war abscheulich, es war lehmig, überall gab es Schlamm, das war Herbst und es regnete fast die ganze Zeit.
     Die Ernährung sah wie folgt aus: morgens gab es einen wunderbaren Kaffee, also erdfarbenes Wasser, einen Laib Brot für sechs Personen und ein Stück Margarine, dazu ein wenig Rübenmarmelade. Zu Mittagessen gab es Suppe, sehr lecker, Blattkohl-, Steckrüben- und manchmal Erbsensuppe. In einer jeden Erbse war ein kleines Loch, und aus diesem Loch kroch ein kleines Würmchen raus und diese Würmchen versammelten sich auf der Oberfläche und bildeten eine dicke Schicht. Abends bekamen wir nur Kaffee. Das Brot, das wir morgens bekamen, musste man in zwei Portionen, in die Morgen- und Abendsportion, teilen. Ein- oder zweimal waren alle glücklich, weil sie zwei Kartoffeln bekamen. Die Deutschen haben uns nicht gezwungen, zu arbeiten. Ich weiß, dass es in anderen Lagern der Fall war, jedoch nicht bei uns, zumindest wusste ich nichts davon.
     In unserem Lager waren 150 bis 200 Frauen. Gegen Weihnachten sagten sie uns, sie würden uns in ein Frauenlager verbringen. Da wussten wir nicht, ob wir uns freuen oder Sorgen machen sollen. Wir packten alles zusammen, da war alles vorbereitet. Am frühen Morgen sollten wir wegfahren, aber in der Nacht bin ich ganz rot geworden und hatte 40 Grad Fieber. Meine Gruppenleiterin meldete, dass ich Fieber habe. Es kam ein Arzt, mit ihm kamen drei oder vier polnische Soldaten mit Tragen und sie brachten mich ins Krankenhaus. Das Krankenhaus war jenseits der Lagerdrähte. Das Krankenhaus war für alle da, denn in diesem Lager waren nicht nur Polen, es waren auch Italiener, Franzosen und angeblich auch zwei Engländer da. Es war ein internationales Kriegsgefangenenlager. In dem Krankenhaus arbeiteten vor allem polnische Ärzte. Es hat sich herausgestellt, dass ich Diphtherie habe. Hinter dem Krankenhausgebäude waren zwei Baracken für Diphtheriekranken. Da lagen fünf Kolleginnen. Dort war es wunderbar. Wir bekamen Nudeln, Suppen mit Graupe. Nach all dem, was ich während des Aufstandes und im Lager erlebt hatte, kam mir dieses Essen so wunderbar vor, als ob es Ritz-Hotel wäre. In den Krankenhausbaracken war ich bis Ende März.
     Dann kamen zwei Wehrmachtsoldaten, mit dicken Bäuchen, beide waren schon älter, sie führten uns zum Bahnhof und wir fuhren nach Oberlangen, zu einem Gefangenenlager für Frauen. Ich kam in die letzte Baracke, denn es war der letzte Transport, der da ankam. Nach einigen Monaten kam ich meinen Kolleginnen nach. Da ging es uns recht gut, es gab z.B. olympische Spiele - Lauf, Weitsprung, da nahm ich daran teil, konnte aber nichts gewinnen. Die Kommandantin ließ sich diverse Angebote für uns einfallen, damit wir keine Langeweile haben und nicht dauern am Fenster sitzen. Wir bekamen Englischunterricht. Wenn Festtage kommen sollten, dann lernten wir kirchliche Lieder. Es kam zu uns ein Priester aus Italien.
     Im April war der ganze Himmel voll von Bombenflugzeugen. Ich war glücklich, dass der Krieg zu Ende ist. Ich dachte, dass sie Deutschen keine Kraft mehr haben, um diese Flugzeuge abzuschießen. Die Kanonen rückten immer näher. Eines Tages sahen wir am Horizont einen Panzer. Die Kolleginnen, die Englisch sprachen, gingen, um die die Soldaten zu begrüßen, in der Hand hielten sie die polnische Nationalfahne. Die Soldaten kamen und die Kolleginnen sprachen zu ihnen auf Englisch, und die Soldaten schreien auf einmal auf: "Frauen! Ihr seid Polinnen, und wir sind Polen!" Wir fragten sie, woher sie kommen und die sagten uns, sie sind vom General Maczek. Sie sagten uns, wir sind schon frei. Wir waren so glücklich! Die Wachen von den Wachtürmen sind irgendwohin geflohen. Der Kommandant des Lagers soll verhaftet worden sein. Alle dachten, dass die Engländer kommen, und das Lager wurde dann doch von den Polen befreit und sie haben sich um uns gekümmert. Ich weiß nicht, woher sie damals so viele Hähnchen und Konserven hatten. Mit meinem geistigen Auge kann ich heute noch mich selbst sehen, wie ich auf einem Hocker sitze, vor mir steht eine Konserve mit Heringen, die ich hasse, eine Dose Pulvermilch und eine Konserve mit süß zubereitetem Schweinefleisch, also scheußlich! Aber ich habe dies gegessen. Die kamen zu uns, sie suchten nach ihren Verwandten, Bekannten. Sie veranstalteten für uns Partys. Nach drei Wochen, da kam jemand zu mir. Zuerst hatte ich eine "Tante", eine Freundin meiner Mutter, die ein Offizier war, angeschrieben. Ich wusste, in welchem Lager sie war. Ich schrieb ihr, ob sie vielleicht etwas über meine Mutter weiß und dass ich in Oberlangen bin und auf Nachrichten warte. In dieser Zeit wurde meine Mutter von Amerikanern in Ravensbrück befreit, ihr gesundheitlicher Zustand war fatal und sie wurde nach Murnau ins Krankenhaus verbracht. Da war ein riesiges Offizierslager da, das seit 1939 funktionierte. In diesem Lager wurde sie ernährt und sie bekam auch irgendwelche Arzneimittel. Meine Mutter schrieb auch an ihre Freundin, an die "Tante", die Maria Gutry hieß und vor dem Krieg und während der Besatzung in einer Bücherei gearbeitet hatte. Diese zwei Briefe, der Brief von mir und der Brief von meiner Mutter, trafen bei ihr zusammen. Sie schickte meiner Mutter meine Anschrift und meine Mutter kannte in Murnau alle Generäle, Majore und sonstige Kapitäne. Da war ein General da, dessen Tochter in Oberlangen war und er schickte zu ihr einen Dienstwagen mit Fahrer. Meine Mutter hatte gebeten, dass auch ich mitgenommen werde und nach Murnau gebracht werde. Da kam ein Soldat und sagte, dass ein gewisser General mich bittet, dass ich nach Murnau fahre, denn da ist meine Mutter da. Ich war sehr glücklich, sofort packte ich meine Sachen zusammen, ich ging zur Kommandantin mit diesem Soldaten gleich mit. Der Soldat musste sagen, wie dieser General heißt, denn man durfte nicht einfach so das Lager verlassen, ich war Soldat und keine Privatperson. Die Kommandantin war damit einverstanden, dass ich mitfahre. Wir sind zwei Tage lang durch Deutschland gefahren. Ich kam in Murnau, in den Alpen, an.
     Ich fragte, wo ich nach meiner Mutter suchen soll, man sagte mir, dass ich es im Krankenhaus machen sollte, denn sie ist jetzt Sanitäterin. Dann ging ich ins Krankenhaus und da wurde mir gesagt, meine Mutter wäre im ersten Stock. Ich ging durch den Flur und sah meine Mutter kommen, sie hatte kurzes Haar. Sie sah mich an, ging aber vorbei und suchte weiter. Ich stand da und überlegte mir, warum sie mich nicht wiedererkennt. Ich war mir dessen nicht bewusst, um wie viele Zentimeter ich während des Aufenthaltes im Lager gewachsen bin, und meine Mutter hatte mich in Erinnerung aus der Zeit vor dem Aufstand. Sie ging an mir zweimal vorbei, schließlich rief ich nach ihr und fragte, ob sie die eigene Tochter nicht wiedererkennt. Meine Mutter machte große Augen: "Mein Gott! Du bist es!". Ich war größer und dicker, denn in diesen paar Wochen, die ich im Lager verbracht habe, aß ich die Konserven mit Löffeln, dazu Pulvermilch und ich bin dick wie ein Fass geworden. Meine Mutter hatte da ihre Unterkunft, sie hat mich natürlich da aufgenommen. Sie stellte mich ihren Bekannten vor, unter anderem einem Kavallerieangehörigen, der dort ein Gestüt mit polnischen Pferden betreute. Er wollte, dass ich ins Gestüt mitkomme und etwas reite, um etwas abzunehmen. Er gab mir seine Reithose und -schuhe, ich war aber so dick, dass ich nicht in der Lage war, sie anzuziehen. Schließlich ritt ich ganz ohne Hose. Ich konnte reiten. Erst dann ist mir bewusst geworden, was ich durch das umfangreiche Essen angestellt hatte und dass es ganz bestimmt nicht gesund ist.
     Im Lager in Murnau war ich etwa einen Monat lang. Eines Tages hörte ich einen Chorgesang und sah Lkw´s auf das Gelände kommen. Es waren unsere Kolleginnen aus Oberlangen. Sie wussten nicht, was sie mit diesem Lager machen sollen, daher wurde ein Teil der Mädchen - 200-300 Personen - nach Italien geschickt. Unter diesen Mädchen waren meine Kolleginnen, die einige Tage in Murnau verbracht haben.
     Da war ein großer See mit wunderbaren kleinen Inseln. Wir gingen da mit Kollegen und Kolleginnen von der Heimatarmee, um nette Augenblicke zu erleben. Eines Tages sahen wir an dem anderen Ufer des Sees ein Schild, es stellte sich heraus, da waren Manöver, wir wussten nichts davon. Wir sind in den See gegangen und zur Insel geschwommen, dort aßen wir unser Vesperbrot und dann gingen wir mit nassen Badeanzügen zurück. Da kommt eine amerikanische Patrouille und die fragen uns, woher wir kommen. Wir sagten ihnen, dass wir vom See kommen und die meinten dazu, da gibt es Manöver. Sie meinten, man dürfe da nicht hingehen. Die sprachen Englisch, ich konnte bereits etwas Englisch. Die haben uns verhaftet. Murnau hat einen Magistrat, also das Stadtamt, wo auch eine Haft war. Sie hätten uns nicht mitnehmen dürfen, obwohl wir damals keine Unformen hatten, nur Zivilkleidung. Wir sagten ihnen, dass wir polnische Soldaten sind. Sie wussten aber nichts von dem Aufstand, sie glaubten nicht daran, dass Frauen polnische Soldaten sein können. Zum Glück hat uns jemand damals gesehen und sagte im Lager Bescheid. Im Lager hat man erfahren, dass die Mädchen und Jungs von der Heimatarmee zusammen mit den Deutschen bei den Amerikanern eingesperrt sind, die haben von uns neun Personen inhaftiert. Da am nächsten Tag die Mädchen nach Italien fahren sollten, zum 2. Polnischen Korps von Anders, gingen unsere Vorgesetzten zu den Amerikanern und baten sie, dass sie uns freilassen, was die Amerikaner schließlich auch taten. Ich übernachtete bei meiner Mutter und am nächsten Tag fuhren wir alle nach Italien.
     Ich war in Macherat, das war ein Durchgangslager für Frauen. Wir waren uniformiert, sie haben Frauen von den Männern getrennt, uns - die Vierzehn- und Fünfzehnjährigen - separat, die etwas älteren zur Schule in San Gorgio. Andere Frauen wurden in die Krankenhäuser geschickt, als Sekretärinnen. Da waren Lorbeersträuße, Weinreben, ich sah es zum ersten Mal, als ich da spazieren ging. Tolle Weintrauben, Feigen, Datteln, Orangen, Zitronen. Für mich war es etwas Neues.
     Ich kam in eine Gruppe von vierzehn Mädchen, da wurde eine Gruppe von Mädchen gebildet, die nach Nazareth fahren sollten. Die übrigen Mädchen sind in Macherat geblieben, bei den anderen Truppen des 2. Korps. Wir fuhren durch ganz Italien. In einem der Häfen (an den Ortsnamen kann ich mich nicht mehr erinnern) war ein schönes Schiff, das Schiff hieß "Kanton". Wir fuhren in der ersten Klasse, wir aßen in den Speiseräumen der ersten Klasse. Ein Deck tiefer waren Sikh, die nach Indien fuhren, zum ersten Mal sah ich in meinem Leben die Inder, ich sah, dass sie unter ihrem Turban langes Haar haben.
     Das Schiff lief in Port Said ein. Was mir zuerst aufgefallen war, waren die Kinder, die bis an das Schiff schwammen und um Bakschisch bettelten. Wir hatten kein Geld und wir konnten kein Bakschisch geben. Mit am Bord war Frau Radwańska, später arbeitete sie in Amerika bei dem Sender "Voice of America". Sie spielte wunderschön Piano, in der ersten Klasse gab sie Pianokonzerte, sie spielte vor allem, aber nicht nur, Chopin.
     Wir fuhren mit dem Schiff drei Tage lang. Während der Reise, vor dem Konzert, kam auf sie ein großer Schwarzer mit einer Geige in der Hand zu und fragte, ob sie Klavierbegleitung leisten kann. Sie fingen an zu spielen, es stellte sich aber heraus, dass er, obwohl er ein Schwarzer war, gar kein Rhytmusgefühl hatte. Sie sagte zu uns auf Polnisch: "Hört zu, seht ihr, was er macht? Ich kann nicht nachkommen!", und er spielte weiter, dann hörte er auf und fing an, Polnisch zu reden: "Madame, vielleicht kann ich nicht spielen, aber ich liebe Geigenspielen". Es stellte sich heraus, dass er im Feldkrankenhaus bei Monte Cassino in einem Saal lag, wo auch Polen waren und da hatte er Polnisch gelernt. Das Schiff lief in Port Said ein, wir stiegen in einen Zug ein und fuhren nach Nazareth weiter. Wir wurden so weit geschickt, weil es in San Gorgio keine andere Schule gab, nur ein Lyzeum. Als wir nach Nazareth kamen, stellte es sich heraus, dass es dort ca. 1700 Mädchen gibt, die zusammen mit dem Korps von Anders aus Russland kamen. Die Hälfte von ihnen starb unterwegs an Typhus. Diejenigen, die den Weg über Kaspisches Meer schafften, retteten sich. Diejenigen, die noch in Sowjetunion erkrankt waren, waren gestorben, denn sie fuhren mit den Zügen als blinde Passagiere, ohne Essen und Trinken. Meine Kollegin, die im sowjetischen Lager in der Kanzlei geputzt hatte, hatte im Mülleimer eine Zeitung gesehen, in der es geschrieben stand, dass eine polnische Armee in Kasachstan entsteht. Sie nahm diese Zeitung, versteckte sie unter dem Hemd und zeigte den anderen. Erst dann erfuhren sie, dass es eine solche Möglichkeit besteht, in die polnische Armee zu kommen. So waren alle von diesem Lager nach Süden gefahren. Diese Mädchen, die in Nazareth waren, waren bereits wieder gut ernährt, sie hatten Uniformen, Bücher und Hefte. Sie wurden in Klassen eingeteilt, es waren Mädchen, die zwei Jahre lang keine Schule besucht hatten.
     Da waren auch Jungs dabei, sie lernten in 3 oder 4 Kadettenschulen oder in einer Mechanikerschule. Anders wollte möglichst viel polnische Jugendliche retten, die vorher in der Sowjetunion waren. Und, Gott sei dank, es gelang ihm, denn es gab viele von diesen Jugendlichen in Palästina. Die Mädchen wurden zu den Klassen zugeteilt, ich wurde in die zweite Klasse des Gymnasiums geschickt. Wir galten dort als Heldinnen. Wir machten Vorstellungen über den Aufstand, wir erzählten ihnen darüber, weil es für sie sehr eigenartig war, dass die Mädchen daran teilgenommen hatten, es war etwas Außergewöhnliches. Meine Kollegin hatte sich ein Bein gebrochen und wir spielten, sie wäre in einem von den Aufständischen eingerichteten Krankenhaus, wir sangen Pfadfinderlieder, "Marsch von Mokotów". Als wir bereits die Uniformen hatten, bekamen wir samstags und sonntags Ausgangsscheine. Damals fuhr ich zum ersten Mal per Anhalter, denn für mich war der Ort sehr interessant, da hatte in der Nähe Jesus gewohnt. Unter der Basilika konnte man eine Treppe runtersteigen, in eine Höhle, in der die Werkbank stand, auf der der Heilige Josef Tische und Stühle gemacht hatte. Im Nazareth selbst gab es auch den Verkündungsort, da soll jetzt eine riesige Basilika stehen. Ich fuhr auch nach Kana in Galiläa, zum Berg der Seligpreisungen, natürlich auch nach Jerusalem. Ich musste mir alles anschauen, was ich nur sehen konnte. Nach gewisser Zeit bekam ich einen Brief von meiner Mutter. Sie schrieb, dass sie bei dem Polnischen Roten Kreuz in Italien arbeitet und dass sie um eine Versetzung nach Palästina oder nach Ägypten bittet. Sie wurde in einen Ort am Suezkanal versetzt, wo es ein polnisches Krankenhaus gab. Da waren vor allem diejenigen, die Tuberkulose hatten. Ich fuhr zu ihr in die Ferien, von da aus fuhr ich nach Kairo, um mir den Sphinx und die Pyramiden anzuschauen. So habe ich an den Aufenthalt in Ägypten nette Erinnerungen. Trotzdem wollte meine Mutter nach Hause, nach Polen zurück. Ich wusste nicht, was sie in England machen sollte, sie sprach ausgezeichnet Französisch, aber kein Englisch.
     In Nazareth war ich von November 1945 bis Mitte 1947. Wir haben mit meiner Mutter eine Rückreise nach Polen beantragt. Als ich darüber in der Schule in Nazareth erzählte, da schauten sie mich wie eine Kommunistin an. Wir hatten immer Warschau vor den Augen. Von den Angehörigen der Heimatarmee, die in der Schule in Nazareth waren, meldeten alle ihren Willen, nach Polen zurückzukehren. Diejenigen, die aus der Sowjetunion gekommen waren, hatten ihre Häuser im Osten verloren, sie hatten auch niemand, zu dem sie nach Polen kommen könnten. Die meisten von ihnen sind geblieben, es sind vielleicht 5% nach Polen zurückgekehrt. Im April oder im Mai bekamen wir, ich und meine Mutter, eine Einweisung in das Lager in Suez, es war ein Lager für diejenigen, die nach Polen zurückkehren wollten. Wir waren da ca. zwei Wochen, dann fuhren wir mit Lkw´s nach Suez und da stiegen wir um auf ein Schiff. Wir stiegen in Neapel aus, da wurde ein polnischer Zug bereitgestellt. Wir fuhren so zwei oder drei Tage lang über Deutschland und Tschechien, nach Dziedzice. In Dziedzice bekamen wir Passierscheine, Repatriantenausweise. Ich fuhr nach Katowice, denn dort war die Tochter meiner Mutter.
     Ich stamme aus Katowice und da wohnte ich bis zum Kriegsausbruch. Meine Mutter kam auch aus dieser Gegend, ihr erster Mann war Direktor in einem Bergwerk. Dann hat sie sich scheiden lassen und meinen Vater geheiratet. Ich wohnte mit der Mutter bei meiner Schwester in Bytom, inzwischen ist zu der Mutter ihr Bekannter, der Major aus Murnau zugezogen. Die Mutter hat sich von meinem Vater scheiden lassen und diesen Major geheiratet. Ein halbes Jahr später kam mein Vater aus Rumänien zurück. Er besorgte sich eine Wohnung in Katowice, ich wohnte mit ihm zusammen. Ich ging in die Schule in Bytom, ich ging in die vierte Klasse. Dann besuchte ich eine Oberschule in Katowice und machte dort mein Abitur. Ich begann sogar da Studium an der Schlesischen Technischen Universität, aber 1951 heiratete ich meinen Kollegen und wir fuhren nach Warschau. Dort ist unser Sohn, Jacek geboren. Am Anfang studierte ich nicht, denn ich hatte nicht die Möglichkeit dazu. Ich arbeitete, denn mein Mann war mit seinem Studium an der Warschauer Technischen Universität fast fertig. Mein Schwiegervater kaufte mir eine Webmaschine, im Keller spann ich Wolle.
     Die Ankunft in Warschau - einige Jahre nach dem Krieg - war für mich schrecklich, ich konnte mich in diesem Warschau nicht wiederfinden. Diese Ruinen, diese Pfade zwischen den Ruinen. Ich sah den Bau der Ost-West-Strecke (Trasa WZ), es war fabelhaft, aber die neuen Häuser waren nicht so, wie ich es gerne hätte.
     Jedes Mal, als ich an den Aufstand dachte, hatte ich Albträume. In meinen Träumen sah ich Ruinen Warschaus, ich rannte weg, lief durch irgendwelche Treppen und wurde von einer Schlange, einem Banditen oder von einem Affen gejagt. Ich hatte Albträume mindestens 20 Jahre lang. Dann fing ich an zu arbeiten, ich fuhr in die DDR, in die BRD und wenn ich dort Ruinen sah, dann hatte ich auch dort meine Albträume. Ich sah Dresden, es war so was von schrecklich, was die Deutschen in der Welt angestellt haben!?
     Jetzt habe ich keine Angst mehr vor der Ehrensalve, vor Explosionen. Am Anfang hatte ich Angst vor Flugzeugen. Ich überlegte, ob sie eine Bombe abwerfen. Nun habe ich keine Angst mehr, es sind inzwischen 60 Jahre vergangen.

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