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Bericht von Krystyna Zbyszewska


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     Zum ersten Mal ließen sie uns in Bremen aussteigen und von dort aus gingen wir in das erste Lager Sandbostel zu Fuß. Von weitem sahen wir schon das Lager und Männer in Uniformen; wir dachten, dass es was Gutes bedeutete, nämlich, dass wir Kriegsgefangene waren. Wir wussten nicht, was mit uns weiter passieren sollte.
     Als ich sah, dass sie Uniforme trugen, dachte ich, dass wir nicht in einem Konzentrationslager sonder in einem Gefangenenlager waren. Die Männer gingen in andere Baracken als wir. Wir hatten zwei Baracken, Ich schlief in einer und meine Freundinnen in der zweiten. Am Anfang schlief ich direkt auf dem Boden, aber als sie sahen, dass ich vierzehn war, wurde ich in die zweite Baracke versetzt. Dort gab es eine Art Zimmer und jüngere Mädchen.
     Die Männer, die sich uns durch einen Drahtzaun anschauten, wunderten sich, dass dort überhaupt Frauen waren - und noch solche junge Mädchen dazu. Ich war ziemlich klein - nur 158 cm. Die anderen Mädchen waren in meinem Alter und waren auch gleich groß.
     Das Klima dort war abscheulich, es war lehmig, überall gab es Schlamm, das war Herbst und es regnete fast die ganze Zeit.
     Die Ernährung sah wie folgt aus: morgens gab es einen wunderbaren Kaffee, also erdfarbenes Wasser, einen Laib Brot für sechs Personen und ein Stück Margarine, dazu ein wenig Rübenmarmelade. Zu Mittagessen gab es Suppe, sehr lecker, Blattkohl-, Steckrüben- und manchmal Erbsensuppe. In einer jeden Erbse war ein kleines Loch, und aus diesem Loch kroch ein kleines Würmchen raus und diese Würmchen versammelten sich auf der Oberfläche und bildeten eine dicke Schicht. Abends bekamen wir nur Kaffee. Das Brot, das wir morgens bekamen, musste man in zwei Portionen, in die Morgen- und Abendsportion, teilen. Ein- oder zweimal waren alle glücklich, weil sie zwei Kartoffeln bekamen. Die Deutschen haben uns nicht gezwungen, zu arbeiten. Ich weiß, dass es in anderen Lagern der Fall war, jedoch nicht bei uns, zumindest wusste ich nichts davon.
     In unserem Lager waren 150 bis 200 Frauen. Gegen Weihnachten sagten sie uns, sie würden uns in ein Frauenlager verbringen. Da wussten wir nicht, ob wir uns freuen oder Sorgen machen sollen. Wir packten alles zusammen, da war alles vorbereitet. Am frühen Morgen sollten wir wegfahren, aber in der Nacht bin ich ganz rot geworden und hatte 40 Grad Fieber. Meine Gruppenleiterin meldete, dass ich Fieber habe. Es kam ein Arzt, mit ihm kamen drei oder vier polnische Soldaten mit Tragen und sie brachten mich ins Krankenhaus. Das Krankenhaus war jenseits der Lagerdrähte. Das Krankenhaus war für alle da, denn in diesem Lager waren nicht nur Polen, es waren auch Italiener, Franzosen und angeblich auch zwei Engländer da. Es war ein internationales Kriegsgefangenenlager. In dem Krankenhaus arbeiteten vor allem polnische Ärzte. Es hat sich herausgestellt, dass ich Diphtherie habe. Hinter dem Krankenhausgebäude waren zwei Baracken für Diphtheriekranken. Da lagen fünf Kolleginnen. Dort war es wunderbar. Wir bekamen Nudeln, Suppen mit Graupe. Nach all dem, was ich während des Aufstandes und im Lager erlebt hatte, kam mir dieses Essen so wunderbar vor, als ob es Ritz-Hotel wäre. In den Krankenhausbaracken war ich bis Ende März.
     Dann kamen zwei Wehrmachtsoldaten, mit dicken Bäuchen, beide waren schon älter, sie führten uns zum Bahnhof und wir fuhren nach Oberlangen, zu einem Gefangenenlager für Frauen. Ich kam in die letzte Baracke, denn es war der letzte Transport, der da ankam. Nach einigen Monaten kam ich meinen Kolleginnen nach. Da ging es uns recht gut, es gab z.B. olympische Spiele - Lauf, Weitsprung, da nahm ich daran teil, konnte aber nichts gewinnen. Die Kommandantin ließ sich diverse Angebote für uns einfallen, damit wir keine Langeweile haben und nicht dauern am Fenster sitzen. Wir bekamen Englischunterricht. Wenn Festtage kommen sollten, dann lernten wir kirchliche Lieder. Es kam zu uns ein Priester aus Italien.
     Im April war der ganze Himmel voll von Bombenflugzeugen. Ich war glücklich, dass der Krieg zu Ende ist. Ich dachte, dass sie Deutschen keine Kraft mehr haben, um diese Flugzeuge abzuschießen. Die Kanonen rückten immer näher. Eines Tages sahen wir am Horizont einen Panzer. Die Kolleginnen, die Englisch sprachen, gingen, um die die Soldaten zu begrüßen, in der Hand hielten sie die polnische Nationalfahne. Die Soldaten kamen und die Kolleginnen sprachen zu ihnen auf Englisch, und die Soldaten schreien auf einmal auf: "Frauen! Ihr seid Polinnen, und wir sind Polen!" Wir fragten sie, woher sie kommen und die sagten uns, sie sind vom General Maczek. Sie sagten uns, wir sind schon frei. Wir waren so glücklich! Die Wachen von den Wachtürmen sind irgendwohin geflohen. Der Kommandant des Lagers soll verhaftet worden sein. Alle dachten, dass die Engländer kommen, und das Lager wurde dann doch von den Polen befreit und sie haben sich um uns gekümmert. Ich weiß nicht, woher sie damals so viele Hähnchen und Konserven hatten. Mit meinem geistigen Auge kann ich heute noch mich selbst sehen, wie ich auf einem Hocker sitze, vor mir steht eine Konserve mit Heringen, die ich hasse, eine Dose Pulvermilch und eine Konserve mit süß zubereitetem Schweinefleisch, also scheußlich! Aber ich habe dies gegessen. Die kamen zu uns, sie suchten nach ihren Verwandten, Bekannten. Sie veranstalteten für uns Partys. Nach drei Wochen, da kam jemand zu mir. Zuerst hatte ich eine "Tante", eine Freundin meiner Mutter, die ein Offizier war, angeschrieben. Ich wusste, in welchem Lager sie war. Ich schrieb ihr, ob sie vielleicht etwas über meine Mutter weiß und dass ich in Oberlangen bin und auf Nachrichten warte. In dieser Zeit wurde meine Mutter von Amerikanern in Ravensbrück befreit, ihr gesundheitlicher Zustand war fatal und sie wurde nach Murnau ins Krankenhaus verbracht. Da war ein riesiges Offizierslager da, das seit 1939 funktionierte. In diesem Lager wurde sie ernährt und sie bekam auch irgendwelche Arzneimittel. Meine Mutter schrieb auch an ihre Freundin, an die "Tante", die Maria Gutry hieß und vor dem Krieg und während der Besatzung in einer Bücherei gearbeitet hatte. Diese zwei Briefe, der Brief von mir und der Brief von meiner Mutter, trafen bei ihr zusammen. Sie schickte meiner Mutter meine Anschrift und meine Mutter kannte in Murnau alle Generäle, Majore und sonstige Kapitäne. Da war ein General da, dessen Tochter in Oberlangen war und er schickte zu ihr einen Dienstwagen mit Fahrer. Meine Mutter hatte gebeten, dass auch ich mitgenommen werde und nach Murnau gebracht werde. Da kam ein Soldat und sagte, dass ein gewisser General mich bittet, dass ich nach Murnau fahre, denn da ist meine Mutter da. Ich war sehr glücklich, sofort packte ich meine Sachen zusammen, ich ging zur Kommandantin mit diesem Soldaten gleich mit. Der Soldat musste sagen, wie dieser General heißt, denn man durfte nicht einfach so das Lager verlassen, ich war Soldat und keine Privatperson. Die Kommandantin war damit einverstanden, dass ich mitfahre. Wir sind zwei Tage lang durch Deutschland gefahren. Ich kam in Murnau, in den Alpen, an.

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