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Bericht von Aleksandra Diermajer-Sękowska


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Interview mit Aleksandra Diermajer-Sękowska,
geb. am 27.05.1929
geführt von Stanisław Maliszewski
in Warszawa am 10.08.2007

Als fünfzehn Jahre altes Mädchen nahmen Sie am Warschauer Aufstand teil und durch die Umstände kam es dazu, daß Sie eine Zeit lang in einem Arztzimmer gearbeitet haben und bei Kinderbetreuung halfen.
     Ja, so war es. Vielleicht fange ich bei meiner Kindheit an zu erzählen, wie es überhaupt dazu kam.
     Ich stamme aus einer bürgerlichen, gut situierten Familie. Mein Vater starb 1936. Die Ereignisse des Zeitraums 1936 - 1939 sind  in meinem Gedächtnis schon verblaßt, denn 1936 sank unser Lebensstandard erheblich, weil mein Vater nicht mehr so gut verdiente. Ich habe eine 3 Jahre ältere Schwester. Wir besuchten die evangelische, zur augsburgischen Pfarrgemeinde gehörende Königin-Anna-Wasa-Schule am Małachowski-Platz. Für mich war das von großer Bedeutung, für meine Schwester war das weniger wichtig. Eine sehr große Rolle spielte dort die patriotische Erziehung und im Zusammenhang damit auch die Pfadfinderbewegung. Ich gehörte zur Pfadfinderabteilung dieser Schule, aber erst ab 1943, als der Unterricht teilweise geheim  und später in  einer Konfektions - und Galanteriewarenschule durchgeführt wurde.
     In der Pfadfinderbewegung wurde ich  gründlich und umfangreich, ein Jahr lang über im Nachrichtenwesen in Abhängigkeit von den örtlichen Gegebenheiten geschult, genauer gesagt, ich spezialisierte mich auf die Stadtteile Powisle und Altstadt. Kurz vor dem Aufstand wurde ich einer Frau Doktor zugeteilt; ich war ihre Verbindungsfrau (Melderin). Am 1. August morgens wies sie mich an, sich bei ihr am nächsten  Tag zu melden. Doch da der Aufstand ausgebrochen war, verlor ich die Verbindung zu ihr. Deshalb suchte  ich gemeinsam mit anderen  Freundinnen aus der Pfadfindergruppe, die zusammen mit einer  Kollegin im Stadtzentrum  wohnten, nach irgendeiner Arbeit für das Militär. In den ersten Tagen des Aufstands war ich  Aufwäscherin in der militärischen Verlagsanstalt in der Sienkiewicza-Straße und nahm Verbindung zu den Pfadfinderkreisen auf. Und zwar wurden in der Zgoda-Straße 15, in Kellergeschossen, in Kellern und im  früheren  deutschen  Nachtlokal Mädchen im vormilitärpflichtigen  Alter gesammelt. Es war der Militärische Soziale Dienst, der durch einen entsprechenden Befehl seine Organisationsform  bei dem Büro für Information  und  Propaganda erhielt. Bei uns waren nur Mädchen, die auf verschiedenen Gebieten eingesetzt wurden. Sie verteilten sowohl Druckschriften und kochten auch Milch aus Pulver, später trugen sie diese Milch  in den Kellern aus. Sie verteilten auch Bekleidung an die in den Kellern hausenden Menschen. Nach einigen Tagen traf ich meine Frau Doktor aus der Zeit vor dem Aufstand. Sie freute sich, mich zu sehen und sagte: "Ich werde hier eine Arztstelle haben und du wirst mir helfen."
Worin bestand diese Hilfe?
    
Ich konnte ihr nicht viel helfen, da ich keine Ausbildung hatte. Die Patienten waren hauptsächlich kleine Kinder, einige Monate alte Babys, die wegen Durchfall unter Austrockung des Organismus litten. Ihren kleinen Körpern verabreichte Frau Doktor physiologische Kochsalzlösungen. Diese Lösung spritzte sie subkutan in den Rücken, wodurch sich auf dem Rücken solche Buckel bildeten. Die Kinder sahen  ziemlich komisch aus. Eigentlich betreute ich mehr die Mütter als die Kinder, weil die Mütter sehr gestreßt waren. Ich versuchte sie so gut wie möglich zu beruhigen. Am zweiten bzw. am dritten Tage hatte ich ein Thermometer zerbrochen, weil ich nicht wußte, wie bei so einem Baby das Fieber gemessen wir. Danach bat ich die "Schwarze Wanda" (Wanda Kamieniecka-Grycko) irgendwie, mich bei dieser Aufgabe abzulösen, da sie mir überhaupt nicht zusagte.
Weil Sie davor als Melderin ausgebildet worden waren?
    
Ja, als Melderin, und diese Funktion wollte ich übernehmen, obwohl die Ausbildung aus der Zeit der Okkupation nicht viel nützte, denn als ich mich nachher in Powisle befand, stellte sich heraus, daß die Richtung, aus der geschossen wurde, die Wege, auf denen man sicher war und wo man durch die Keller gehen mußte, zu den wichtigsten Informationen zählten. Die Kenntnisse über die Anzahl und die Hohe der Stockwerke in dem jeweiligen Haus bzw. das Wissen, aus welchen Steinen die Straßendecke gebaut war, hatten geringere Bedeutung. Natürlich waren  Kenntnisse des Straßenverlaufes und der Durchgangstore weiterhin wichtig. Zum Aufstand kam ich aus Zoliborz, wo ich kurze Zeit gewohnt hatte.
Wohnten Sie unmittelbar vor dem Aufstand in Żoliborz?
    
Ja. Das kam dadurch, da wir nach dem Tod meines Vaters im deutschen Stadtteil, in der Wilanowska-Straße, wohnten. Eines Tages meldete sich dort ein Deutscher mit einem Einweisungsschein für diese Wohnung.
     Er war ein äußerst kulturvoller Mensch, ein Elektroingenieur aus Mannheim. Er meinte, daß ihm ein Zimmer ausreiche und daß wir weiterhin in dieser Wohnung bleiben dürften. Und so blieb es ca. zwei Jahre lang. Im Herbst 1943 stellte sich heraus, daß seine Frau kommen wollte und sie wünschte nicht, daß Polinnen in derselben Wohnung wohnten. Und da begann unsere Odyssee. Meine Schwester wohnte getrennt von der Mutter und ich wohnte auch meistens alleine. Jedenfalls ging ich von Zoliborz aus in den Aufstand. Nach der Niederlage des Aufstands wußte ich nicht, was ich machen sollte. Ab und zu hörte ich, daß die Kinder nach Hause zurückkehren sollten. Darauf erwiderte ich, daß ich nicht wüßte, wo mein Zuhause sei.
Kämpfte Ihre ältere Schwester in Powisle?
    
Ja, sie war Sanitäterin. Später zog ich auch dorthin nach. Im September, als der Militärische Soziale Dienst nicht mehr arbeiten konnte, fand ich dort Zuflucht. Ich wurde dort zwar nicht ganz akzeptiert, aber es war schon eine Zeit, in der man alles machte, was nötig war. Ob das irgendwelche Küchenarbeiten waren oder irgendwelche Reinigungstätigkeiten, oder man nähte irgendetwas an der Soldatenkleidung. Wir, meine Schwester und ich, hatten uns entschlossen, in die Gefangenschaft zu gehen.
Das heißt, Sie faßten den Entschluß, gemeinsam mit Ihrer Schwester in ein Kriegsgefangenenlager zu gehen?
    
Ja. Das war in der nördlichen Stadtmitte, d.h., daß wir über Stadt Pruszkow nach Falingbostel, nachher im Dezember nach Bergen-Belsen und schließlich nach Oberlangen gebracht wurden.
Erzählen Sie bitte, wie sah der Transport aus?
    
Wir fuhren in einem Viehwaggon, ich weiß nicht mehr, wie viele wir da waren. Für die Mädchen war es dort sicher bequemer, denn sie waren kleiner als Erwachsene und fast alle konnten sich hinlegen. Es gab kurze Pausen, um auszutreten. In dem Waggon hatten wir ein Loch gemacht, durch das wir den Urin weggossen.
     Niemand wußte, wohin sie uns brachten. Ich persönlich hatte keine bösen Vorahnungen, aber viele Menschen in dem Waggon gaben zu, sie hätten geahnt, es könnte böse enden. Vielleicht war ich mit meinen 15 Jahren einfach naiv?
     Wir kamen in einem Gefangenenlager in Fallingbostel an und wurden durchsucht. Es dauerte lange, sie nahmen uns verschiedene Sachen weg, z.B. Messer oder Scheren. Die Kommandeurin unserer Baracke war Hauptmann "Rakete"; (?Rakieta" Janina Płoska), die in dem Lager die Rangabzeichnen eines Hauptfeldwebels trug. Außer mir gab es in Fallingbostel noch ein vierzehnjähriges Mädchen.
Wieviel Mädchen in Ihrem Alter gab es dort?
    
Es waren dort ein vierzehnjähriges und ein fünfzehnjähriges Mädchen, von den Mädchen, die sechzehn Jahre alt waren, gab es schon ziemlich viele. Dann gab es Mädchen im Alter von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre, ältere nur ausnahmsweise. Die Frau Hauptmann "Rakete" machte uns immer wieder besonders darauf aufmerksam, daß wir keinen Kontakt, auch nicht den geringsten Augenkontakt zu den Deutschen aufnehmen sollten, denn aus unseren Gesichtern war alles abzulesen. Dann gab es da ein Problem mit meinem Geburtsdatum. Man mußte ein falsches Geburtsdatum angeben. Da ich eine zweieinhalb Jahre ältere Schwester hatte, wußten wir nicht, was für ein Geburtsdatum wir angeben sollten. Schließlich machte man aus mir eine Neunzehnjährige, was meinem Äußerem überhaupt nicht entsprach. Sehr aufregend war für mich die Aufnahme der Personaldaten, weil wir fotografiert wercden sollten. Zum Glück passierte nichts. Nach der Ankunft im Lager waren wir überrascht über das aus den Hähnen fließende Wasser und daß wir uns waschen konnten.
     Ich hatte mich ja ähnlich wie die anderen wochenlang nicht waschen können. Ein Soldat, der während des Aufstandes in unser Quartier gekommen war, hatte mich gebeten, ihm einen Ellbogenverband anzulegen. Er war aus dem Spital weggelaufen, und die Mädchen wollten ihm keinen Verband anlegen. Ich war einverstanden, ihm den Ellbogen zu verbinden, ohne zu ahnen, daß aus diesem Ellbogen fast ein halber Liter Eiter fließen würde und daß ich nicht in der Lage würde, diesen Eiter bis zum Übergang in die Gefangenschaft abzuwaschen.
     Schon als ein Kind hatte ich Herzneurose und hier im Lager kamen die vorübergehende Herzrhytmusstörungen wieder und ich mußte einen Arzt aufsuchen. Ein Arzt, der schon im September 1939 in die Gefangenschaft geraten war, sollte die Mädchen untersuchen. Ich stand als zweite in der Reihe der Kranken. Die Gefährtin vor mir hatte eine  offene Armwunde. Ich ging nach ihr hinein und sagte, daß ich ein Herzleiden habe. Der Arzt bat mich, den Oberkörper frei zu machen, was ich tat, und er sagte, daß er zum ersten Mal nach fünf Jahren eine unbekleidete Frau sieht. Sein größter Fehler war meiner Meinung nach, daß er sagte, daß er eine Frau sehe, war ich doch noch ein Kind. Daraufhin nahm ich meine schmutzigen Klamotten in die Hand und ging hinaus. Die Neurose hat sich mit der Zeit beruhigt. Das zeigte, wie sehr diese Menschen von der Welt abgeschnitten waren.
Wie sah das Lagerleben in Fallingbostel aus?
     Es gab dort eine Frau Oberleutnant - Frau Mileska, von Beruf Lehrerin, dann gab es dort auch noch zwei Schwestern Jezewski mit dem Dienstgrad eines Leutnants, so eine Art alte Jungfern, Jahrgang zwanzig, die versuchten dort etwas zu tun. Ihre Aufgaben erfüllten sie mehr als hundertprozentig. Sie waren nicht nur Kommandeurinnen, sie wollten auch unsere Erzieherinnen und Lehrerinnen sein. Deshalb verkündeten sie, daß in den Zeiten von - bis Gesangunterricht, von - bis Sprachunterricht und danach ein irgendein populärer Vortrag stattfinden werden. Natürlich konnten sie nicht verlangen, daß wir uns genau danach richten würden. Nur weinige Mädchen nahmen daran teil. Eine kleine Schule aus dem Lager zu machen, war zweifellos eine  Übertreibung. Das war für Fallingbostel sehr kennzeichnend. Unsere Baracke lag am Waldrand. Das war sehr angenehm, ein bißchen Grün und die sich schon gelb färbenden Blätter. Außer unsere Frauenbaracke gab es nur Männerbaracken. Wir hatten mit den Männern eine gemeinsame Latrine, was viele Probleme hervorrief. Die Kriegsgefangenen vom Septemberfeldzug 1939 kümmerten sich außergewöhnlich um uns, sie gaben an uns ihre Pakete ab, waren sehr freundlich zu uns.
Mit anderen Worten - es gab dort große Hilfe und Herzlichkeit?
    
Ja, das war im September, und im Oktober wurden wir in das Offlag Bergen-Belsen versetzt. Dort hatten wir drei Baracken zur Verfügung. Eine Baracke war die Offiziersbaracke für Frauen, die zweite - die Soldatenbaracke und in der dritten befand sich eine Krankenstelle. Hinter doppelten Drahtzäunen lag das Männer-Offlag für die Kriegsgefangenen aus der Aufstandszeit.
     Es gab dort, glaube ich, sogar Ehepaare, die getrennt wurden und sich auf beiden Seiten des Drahtes befanden. Sie verständigten sich durch lautes Rufen oder warfen mit Steine beschwerte Zettel. Von dort wurden wir zu verschiedenen Arbeiten für das Lager geführt und dann sah man Drähte in einer Entfernung, von ein - bis zweihundert Metern. Man sagte, daß dort schon ein Konzentrationslager war.
Zu welchen Arbeiten zwangen die Deutschen?
    
In Bergen wurden wir im Prinzip von den Deutschen zu keinen Arbeiten gezwungen. Es wurde lediglich dies und jenes für die Küche bzw. für die Krankenstelle aus dem Vorratslager gebracht und dabei sah man diese KZ-Drähte. Es gab sogar einige Möglichkeiten, das Lager kurzzeitig zu verlassen. Ich besitze ein kleines Kreuz aus einem Birkenzweig. Man konnte  solche Zweige finden, aus denen dieses Andenken entstand.
     In Bergen sagte mir eine von meinen Kommandeurinnen, daß es eigentlich sicher ist, daß wir zu Zwangsarbeit gebracht werden. Da ich schlank und zierlich gebaut war, könnte diese Arbeit für mich zu schwer sein und deshalb schlug sie mir und mehreren anderen  Mädchen vor, ihre Ordonnanz zu werden. Ich selbst beschloß, wahrscheinlich im Ergebnis meines Aufenthaltes im Falligbostel, daß es mir überhaupt nicht paßte, wie eine Schülerin, die zu erziehen und zu bilden ist, behandelt zu werden. Ich war zwar nicht besonders  rebellisch, aber da kam mein gekränkter Ehrgeiz zum Vorschein. Außerdem hatte ich dort viele Verwandte, die Offiziere waren und ich wußte, was mit den Offiziersburschen angestellt wurde und war damit überhaupt nicht einverstanden. Es kam sogar zu einem Konflikt, weil die Frau der Meinung war, ich hätte zu gehorchen. Das Schicksal des Offlages und der Mädchen, die als Offiziersburschen eingesetzt wurden, waren wahrscheinlich schwerer als das, was wir in Oberlangen erlebten. Dort gab es die erste Evakuierung und die Frauen waren miteinander stark zerstritten.
     Ich wurde zur Zwangsarbeit in den Harz gebracht. Die erste Gefangenengruppe kam nach Hannover zur Enttrümmerung. Dort war es sehr schwer und gefährlich. Im Lager wußte man und sprach davon, daß die nächste Gefangenengruppe in den Harz in die Landwirtschaft kommen sollte, und das stimmte auch.
     Uns wurde gesagt, daß wir eine Gruppe von vierzig Mädchen bilden sollten. Die Zusammenstellung dieser Gruppe wurde uns selbst überlassen. Die Gruppe entstand aus einer ganzen Abteilung der Kompanie des Oberleutnants `Zareba` aus der Szpitalna-Straße, mit der wir in die Gefangenschaft gegangen waren. Es war eine gute Gruppe. Mit uns fuhren zwei weibliche Offiziere, die Schwestern Jeżewski mit, die gut Deutsch sprachen und die unsere Kommandeurinnen sein sollten. Wir fuhren mit der Bahn, und wurden von einem deutschen Soldaten begleitet. Wir mußten dreimal umsteigen und auf einmal stellte sich heraus, daß unser Begleiter nicht mehr da war und nur ein Mann auftauchte, der einen Federhut trug. Unsere Frage nach unserem Begleiter wurde einfach mit "er ist nicht da" beantwortet, und uns wurde gesagt, daß wir von dem Zivillisten begleitet werden. Wir protestierten zwar dagegen, aber das änderte natürlich nichts.
     Wir kamen am Bahnhof Goslar an, stiegen aus und von dort aus liefen wir noch einige Kilometer zu Fuß. So erreichten wir die Ortschaft Schladen, wo sich ein großer Landwirtschaftsbetrieb für Saatgutzucht befand, der irgendein Forschungsprogramm realisierte.
     Am zweiten Tag kamen zwei bzw. drei Polizisten aus dem in der Nähe liegenden Revier und sagten, daß wir alle unsere Militärabzeichen abnehmen sollten, weil wir jetzt Zivilisten seien und daß der Befehl der Hauptkommandantur der Deutschen Armee lautete, dass alle Kriegsgefangenen Zivilistenstatus bekommen würden.
Mit anderen Worten: Die Deutschen wollten den Kapitulationsvertrag brechen?
    
Ja, aber hier waren die weiblichen Offiziere vom Nutzen. Sie erklärten, es gäbe keine Gründe, das Gesagte dieser Herren in Frage zu stellen, aber wir als Kriegsgefangene laut Genfer Konvention seien zu Kontakten mit den Außenbehörden durch einen Vertrauensmann verpflichtet.
     Die Polizisten interessierte das überhaupt nicht, sie ließen uns die Abzeichen abmachen. Wir standen in so einem Getreidespeicher, in zwei Reihen, keiner rührte sich. Da begannen sie, uns die Armbinden  mit den Abzeichen abzureißen. Die Abzeichen waren angenäht, so zogen sie Taschenmesser heraus, um sie abzutrennen. Wir standen die ganze Zeit in Marschordnung. Schwieriger war es mit den Wimpeln, die eingenäht waren. Diese trennten sie auch ab; es dauerte stundenlang. Ein von den Mädchen aus Bergen - Helena Kolanowska - schnitzte aus Brettchen kleine, 7 bis 8 cm lange, Gewehrsilhouetten aus. Ich weiß nicht, woher sie einen braunen Wachsfarbstift hatte, aber sie hatte so einen und bemalte diese Gewehre damit. Anstelle von Riemchen hatten sie ein paar schwarze Fäden. Ich schenkte so  kleines Gewehr der Aniela Podwalska, die sich ein bißchen um mich kümmerte und eine Art Mutterrolle spielte. Sie befestigte es an ihrer Uniform an der Brust. Einer der Deutschen beugte sich vor und sah sich das an und muß schließlich die Silhouette eines Gewehrs erkannt haben, denn er trennte sie wütend mit dem Taschenmesser ab. Als dieser Teil des Appells zu Ende war, sagten sie, daß dafür, was wir getan hatten, also für unseren Ungehorsam, zehn von uns ins Konzentrationslager kämen. Dann fand die Selektion statt. Die Frauen Jeżewski, die uns vertraten und Deutsch sprachen, wurden gleich am Anfang aufgerufen, damit wir ohne jemand von den älteren, der der deutschen Sprache mächtigen war, blieben. Dann wählten sie aufs Geratewohl aus. Aniela, das Mädchen mit der Gewehrsilhouette, wurde von demselben Deutschen, der ihr die Silhouette  weggenommen hatte, aus der Reihe herausgeholt, er erinnerte sich an das kleine Gewehr, man konnte das an seinem Gesicht erkennen.
Heißt das, wenn es ihnen ein Mädchen nicht gefiel, wurde es herausgeholt? Wurden diese zehn Mädchen in das Konzentrationslager gebracht?
    
Ja, und sie erlebten dort die ganze Härte des KZ. Sie kamen zu uns zurück in die Landwirtschaft, als die weiblichen Soldaten - und keine Offiziere - aus den Gefangenenlagern in Oberlangen an der holländischen Grenze konzentriert wurden. Diese zehn Mädchen wurden aus verschiedenen Konzentrationslagern nach Schladen gebracht. Unsere, vierzig Köpfe starke Gruppe wurde für ein bzw. zwei Tage von Schladen nach Bergen und nachher nach Oberlangen versetzt.
     In Schladen haben wir in einem Landwirtschaftsbetrieb für Saatzucht gearbeitet, wir sackten Bohnen ein. Schon damals war die Arbeit mechanisiert. Wir trugen keine Säcke rüber, dafür gab es Transportbänder. An einer Stelle wurden die Säcke gefüllt, an einer anderen zugebunden, das war keine schwere Arbeit. Man konnte sich von diesen Bohnen etwas mitnehmen und nachher kochten wir sie selbst.
     Da ich die jüngste war, wurde ich immer - wenn es nötig war - in die Forschungsstation geschickt, wo die Samen gemessen und gewogen wurden, und arbeitete dort einige Tage. Alle waren sehr nett und bereit mich zu schützen. Einmal sollte ich Krähen aus einem Versuchsfeld verscheuchen, damit sie die Saat nicht herauspickten. Für unsere Gruppe von dreißig Personen war das keine schlechte Zeit. Anders sah es bei den verbleibenden zehn Mädchen aus , aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Wann erfolgte die Verlegung nach Oberlangen?
    
In Oberlangen kamen wie am 24. Dezember am Nachmittag an. Wir wurden in einem Vorlager unterbracht. Es stellte sich heraus, daß die maximale Anzahl der Soldaten, die das Lager bewachten - über zehn, nach Hause gelassen worden waren, weil es Heiligabend war. Die dagebliebenen durften uns aber nicht hereinlassen, ohne uns durchsucht zu haben. Deshalb wurde beschlossen, daß es am einfachsten wäre, wenn sie uns in einem Gefängnis einsperren würden - wir würden dann schon irgendwo untergebracht sein, aber wir hätten keinen Kontakt zu dem Lager. Tatsächlich verbrachten wir diese Nacht eingesperrt. Es gab kein Licht, es gab auch kein Essen. Ich war ein bißchen böse auf die älteren Mädchen, daß sie nicht versuchten eine entsprechende Stimmung zu schaffen - es war Heiligabend und wir waren sehr niedergeschlagen. Der erste Weihnachtsfeiertag war ein herrlicher, sonniger Tag. Alle Mädchen aus dem Lager kamen so dicht wie möglich an unseren Arrest heran und sangen Lieder für uns, riefen uns zu und trösteten uns. An diesem ersten Weihnachtsfeiertag waren auch die deutschen Soldaten wieder da. Da wir aber kaum noch etwas zum Wegnehmen hatte, wurden wir entlassen. Zu dieser Zeit gab es vier belegte Baracken. Es wohnten dort vor allem die aus Sandbostel kommenden Mädchen der Gruppe Stadtmitte Süd. In der vierten Baracke wohnten die Mädchen aus der Gruppe Stadtmitte Nord, also diejenige, die aus Fallingbostel kamen und nachher in Bergen wohnten. Wir sollten in die vierte Baracke gehen, aber dort war nicht für alle Platz. 20 von uns wurden in der Baracke Nr. 4 und die anderen 20 in der Baracke der Mädchen aus Żoliborz untergebracht, die auch gerade voll wurde. Ich muß sagen, daß das meiner Meinung nach eine gute Lösung für mich war, denn in Baracke der Żoliborz-Mädchen war der Altersdurchschnitt am niedrigsten. Außerdem war die Pfadfinderorganisation der jüngeren Mädchen in der Konspiration sehr gut organisiert, sie waren u.a. in der Pilsudski-Schule. Da es Pfadfinderinnen waren, hatten sie die Grundsätze der Pfadfinderbewegung auf das Lager übertragen. Das bezog sich nicht nur auf das Singen von Liedern, sondern auch auf die Zusammenarbeit, Kameradschaftlichkeit, Wahrheitsliebe usw. Es gab aber keinen militärischen Drill, der sich oft in den anderen Baracken eingeschlichen hatte.
Wie verlief das Leben in Oberlangen?
    
Oberlangen war von Torfmooren umgeben, die größere Ortschaft Latten lag weit entfernt. Es gab also nichts, wo man hätte arbeiten können. Wir wurden nur bei der Reinigung des Lagers beschäftigt. Dieser Ordnungsdienst fiel alle acht Tage an. Das war vor allem Arbeit in der Küche.
Was gab es zu Essen?
    
Einen recht großen, eckigen Brotlaib für 6 Personen, da kamen 2 bzw. 3 Scheiben Brot auf eine Person. Gegen Ende des Lageraufenthaltes wurden die zugeteilten Rationen kleiner. Zu diesem Brot gab es 20 Gramm Margarine, 1 Teelöffel Zucker, manchmal Marmelade aus Steckrüben. Zum Mittagessen gab es Suppe, vor allem aus Steckrüben, Kartoffeln gab es darin kaum. Die Verpflegung war vollkommen unzureichend.
Mußten die Mädchen hungern?
    
Bestimmt. Es ist schwer, das zu sagen, weil wir wissen, daß es in den Konzentrationslagern mit dem Essen noch viel schlimmer war, so daß es sich einerseits nicht gehört, darüber zu klagen, anderseits aber waren das Hungerrationen. Eine gewisse Hilfe waren die Lebensmittelpakete. Sie kamen über das Rote Kreuz von unterschiedlichen Stellen. In Bergen haben unsere Kommandeurinnen auf irgend eine Weise unsere Gruppe verhältnismäßig schnell und wirksam in Genf angemeldet. Möglich, daß gerade der Zug, mit dem die Anmeldung ging, nicht bombardiert worden ist, jedenfalls erhielt die Mädchengruppe aus Bergen relativ mehr Pakete als der übrige Teil des Gefangenenlagers. Nach einem langen Weg kamen die Pakete, die nur an die Mädchengruppe aus Bergen adressiert waren, in Oberlangen an. Andere Mädchengruppen erhielten unvergleichlich weniger Pakete. Monatlich erhielten wir durchschnittlich 1 Paket für 3 - 4 Mädchen. Als ich in der Baracke der Żoliborz-Mädchen wohnte, führte ich die Hauswirtschaft zusammen mit zwei Mädchen, die auch 16 Jahre alt waren. Meine Schwester, die ihre Freundinnen hatte, war nicht dabei. Ich erhielt meinen Teil des Paketes, und meine Freundinnen erhielten keine Produkte. Da unsere Freundschaft und der gemeinsame Haushalt zuerst entstanden und erst später Pakete ankamen, beschlossen wir, daß wir alles gemeinsam essen werden. Keine von uns rauchte und so kaufte ich mir für die Zigaretten, die im Pakete waren, Schuhe, da ich aus dem Aufstand fast ohne Schuhe gekommen war und es war doch schon Winter. Ich lief in Holzschuhen herum, davon ging mein Zehennagel ab. Die Pakete waren eine Abwechslung und - kalorienmäßig - eine konkrete Hilfe.
     Mit den Aussagen meiner Kameradinnen, die in vielen Berichten aus Oberlangen angeben, daß es dort Unterricht auf dem Niveau eines Gymnasiums bzw. eines Lyzeums gegeben haben soll, bin ich nicht einverstanden. Ich suchte sehr nach einer Lernmöglichkeit und fand sie erst zwei bzw. drei Wochen vor der Befreiung des Lagers. Die Aussagen, daß man in Oberlangen das Abitur machen konnte, kann ich nicht verstehen. Es gab keine Lehrbücher, obwohl gelernt wurde. Es gab sehr viele Lehrerinnen.
Wie sah es mit der Korrespondenz aus? Hier ist ein Lagerbrief.
    
Ja, es gab Vorschriften, die die Fragen der Korrespondenz genau festlegten. Ein Kriegsgefangener erhielt zwei Postkarten und einen Briefvordruck pro Monat. Die Korrespondenz war sehr wichtig, es ging vor allem um die Suche nach Familienmitgliedern und Verwandten.
     Hier liegt ein Brief meiner Schwester an Tante Hala, die in Ozarow wohnte. Als wir auf dem Wege in die Gefangenschaft die Kabelfabrik in Ozarow passierten, ließen wir dort heimlich einen Zettel fallen. Dadurch erfuhr die Tante, daß wir in ein Gefangenenlager transportiert wurden und gleichzeitig wußte man, daß sich auch die Verwandten sich dorthin wenden werden.
     Unsere Mutter wurde zur Zwangsarbeit verschleppt und wir fanden den Kontakt mit ihr erst viel später. Durch die Tatsache, daß unsere Mutter nach Deutschland, nach Celle bei Hannover verschleppt worden war, konnten wir mit unserer Mutter fast täglich korrespondieren. Als die sowjetischen Truppen in das Gebiet von Polen einmarschierten, konnten die Mädchen keine Briefe mehr abschicken, so daß sie uns alle Briefformulare gaben. Dadurch konnten wir der Mutter so oft schreiben, wie wir Lust hatten.
Wie Sie schon sagten, wurden im Gefangenenlager Freundschaften geschlossen.
    
O ja! Natürlich. Es ist mir nicht bekannt, daß es so was in den Konzentrationslagern gegeben hat. In unserem Lager gab es gemeinsame Hauswirtschaften, hauptsächlich zwei- bzw. dreiköpfige. Die Mädchen teilten die Lebensmittel miteinander, aßen gemeinsam diese kärgliche Mahlzeiten, unterstützten sich gegenseitig.
Mit wem schlossen Sie Freundschaft?
    
Es waren zwei Mädchen aus Zoliborz, eine von ihnen spielte schon vor dem Aufstand sehr gut Klavier und ihr fehlten Übungsmöglichkeiten. Nach dem Aufstand hatte ich Warschau mit einem kleinen Köfferchen verlassen, da ich keinen Rucksack besaß. Solche militärischen Dinge standen bei mir, wegen meines Alters, ganz an letzter Stelle. Ich hatte also diesen kleinen, feinen Koffer mit und diese meine Gefährtin Halinka setzte sich auf die Pritsche, legte das Kofferchen auf den Schoß und übte Tonleitern. Sie besaß viele, von den Pfadfinder gepflegten Charaktereigenschaften. Sie wußte nicht, was mit ihrer Mutter und mit ihrem Bruder geschehen war, eigentlich hatte jede von uns viele unterschiedliche Sorgen, es gab schwerere Momente, in denen man schwermütig war, heute würde man sie als depressive Zustände bezeichnen. Eines Winterabends sagte sie: "Wißt ihr was, ich bin in sehr schlechter Stimmung, ich gehe hinaus, laufe ein bißchen in der Kälte herum, und wenn ich friere, komme ich wieder zurück und meine schlechte Stimmung wird vorbei sein." Darauf sagte ich zu ihr, daß sie meine Handschuhe, die dicker als ihre waren, mitnehmen sollte. Das tat sie auch, sie ging nach draußen, beruhigte sich und versuchte nicht, ihre schlechte Laune an den Gefährtinnen auszulassen. Das waren Mädchen, die hinsichtlich ihres Charakters, ihres Verhaltens und des Zusammenlebens die richtige Einstellung hatten. Es war sehr wertvoll. Nach dem Krieg arbeitete sie im Paris in ihrem Beruf. Die zweite Mitgefangene Wanda war auch sehr sympathisch. Und eben sie machte das Abitur in Nazareth oder in Bethlehem - einem der bekanntesten biblischen Orten.
Wie erinnern Sie sich an den Moment der Befreiung des Lagers, es war doch eine große Überraschung für alle Mädchen, daß das Lager von Polen, den Soldaten des Generals Maczek, befreit wurde?
    
Ja, die Artillerieschüsse waren viel früher zu hören. Sie bildeten die Reserven und führten keine militärischen Operationen aus. Wir rechneten damit, daß sie kommen würden. Der Nachrichtendienst wurde organisiert, die Dolmetscherinnen wurden vorbereitet, eine Fahne wurde aus einem Federbett genäht.
     Da die Lebensmittelmagazine in Oberlangen praktisch leer waren - wir erhielten nur ein kleines Stückchen Brot - wurde den Mädchengruppen erlaubt, in das benachbarte Dorf zu gehen, wo sie für die Produkte aus den Paketen, wie Kaffee, irgendwelche Seife bzw. Zigaretten Kartoffeln kauften, damit es wenigstens etwas zu Essen gab. In den letzten Tagen hatten wir fast gar nichts zu Essen gehabt. Diese Mädchen erzählten, daß sie auf eine Patrouille gestoßen seien. Wahrscheinlich war das eine deutsche Patrouille, und wir liefen doch schon teilweise in amerikanischen Uniformen herum, so daß die Deutschen annahmen, die Mädchen seien im aktiven Dienst stehende, aus Westen kommende Soldaten. Ich kann mich entsinnen, daß laute Kommandos gerufen wurden, als der Kampf begann, daß wir uns in den Baracken verbergen sollen. Den ersten, zwischen den Baracken laufenden polnischen Soldaten sah ich aus einem Fenster. Er trug eine Uniform, hatte einen Helm auf und lief fast gebückt durch die Mitte das Lager. Als ich ihn sah, kam die eine ganze Mädchengruppe aus der Baracke. Unheimlich schnell traten wir zum Appell an, was in den Erinnerungen aus dem Lager viel zu wenig betont wird. Die durch die Deutschen aufgezwungenen Appelle erfolgten nach der deutschen Ordnung, d.h. in Fünfergruppen. In den letzten Tagen erlaubten uns die Deutschen, das Lager zu verlassen, um Lebensmittel zu holen, die Disziplin lockerte sich und damals befahl uns unsere Leutnantin, in Vierergruppen zum Appell anzutreten. Wir übten fleißig, damit unsere Appellordnung ordentlich aussah. Ich erinnere mich daran, daß in der fünften Baracke, wo die Mädchen aus Zoliborz mit uns wohnten, unsere 20 Mädchen aus Bergen, so, wie sie mehr Pakete bekamen, irgendwann auch amerikanische Uniformen bekommen hatten, so daß wir an diesem Tage am besten aussahen. Die Gefährtinnen drängten uns in die erste Reihe, so daß ich mehr davon mitbekam, als der Oberst Grodzinski - damals hieß er noch Koszucki - an uns vorbeilief.
Wie haben Sie diesen Augenblick in Erinnerung?
    
Der Augenblick des Flaggehissens und des Abschreitens unserer Reihen durch Oberst Koszucki war für mich sehr bewegend und blieb so bis heute. Ich stand in der ersten Reihe und er ging in einer Entfernung von 2 m an mir vorbei.
War das damals ein Gefühl der wahren Freiheit oder kam es Ihnen noch nicht voll zum Bewußtsein?
    
Ich denke, es kam nicht voll zum Bewußtsein, obwohl wir anderseits den Tag so erwartet und erträumt hatten. Nachher gab es ein großes Durcheinander. Es kamen die Gäste, die Soldaten an. Der eine bat eine Zigarette an, der andere hatte irgendein Huhn gefangen.
Für die polnischen Soldaten war es sicher auch eine Überraschung, daß dort Mädchen aus dem Warschauer Aufstand als Kriegsgefangene waren?
    
Ja. Natürlich war das ein Schock und eine unheimliche Freude. Eine von den Frauen, mit der ich noch lange in Verbindung stand, hatte in dieser Panzerdivision ihren Mann, öfter noch waren es die Väter. Die vielen Verwandten konnte man gar nicht alle zusammenzählen.
Haben sich Familien oft auf diese Art und Weise wiedergefunden?
     Die Gespräche bezogen sich im höchstem Maße darauf, ob man diesen oder jenen kannte. Die Soldaten aus der Division fragten überwiegend nach ihren Familien in Warschau. Es gab große Freude und große Trauer, denn die Nachrichten waren unterschiedlich.
     Zwei, drei Wochen nach der Befreiung wurden wir in das benachbarte Lager in Niederlangen verlegt, wo es keine mehrstöckigen Pritschen mehr gab und wir viel locker untergebracht waren. In diesem Lager gab es viele Grün, dagegen hatte es in Oberlangen überhaupt kein Grün gegeben, weder im Lager noch außerhalb. Es ging auch darum, daß wir die Umgebung wechseln sollten. In den Baracken wurden wir aufgeteilt in diejenigen, die Unterricht auf dem Niveau einer Mittelschule bekommen sollten und diejenigen, die im Lager verschiedene Dienste ausführen sollten, damit die Schülerinnen bessere Lernbedingungen hatten. Lehrerinnen gab es genug. Dort war u.a. meine Lateinlehrerin.
     Die Soldaten dürften das Lager nicht betreten. In einer der Baracken wurde ein kleines Hotel eingerichtet, man brauchte Passierscheine. Der Grund dafür waren die Ausschweifungen, es gab viele konkrete Liebesverhältnisse, mal hier im Gebüsch, mal dort in der Baracke. Auch die Mädchen wurden unausstehlich und ungehorsam.
     Vor einigen Jahren erhielt ich eine Kopie der Tagesbefehle, die von unserer Frau Oberleutnant nach der Befreiung des Lagers täglich erlassen wurden. Diese Befehle wurden vor der Mädchenfront verlesen. Der letzte Punkt enthielt Mitteilungen darüber, wer im Arrest saß. Wenn jemand für die Nacht nicht ins Lager zurückkehrte, wurde aufgeschrieben und mit einigen Tagen Arrest bestraft.
Das heißt, man konnte für die Liebe mit Arrest bezahlen?
    
Ja, so war es. Dann wurden Familien gesucht, alle möglichen Verzeichnisse angefertigt. In den Zeitungen "Dziennik Polski" (Polnisches Tageblatt) und "Dziennik Żołnierza" (Soldatentageblatt) wurden die Namenlisten der Gefangenen aus Oberlangen über mehrere Tage abgedruckt. Die Großmutter meiner Mutter fand unsere Namen auf so einer Liste. Mein Mann dagegen traf vor einer Kirche in Maczkow einen Offizier, mit dessen Sohn er früher Bridge gespielt hatte. Die Fragen der Suche nach Personen, des Erzählens über das Geschehene waren sehr aktuell. Die Soldaten aus der Panzerdivision wollten sehr, daß wir ihnen die Stadtkämpfe, ihren Verlauf genau beschreiben, da ihnen das alles vollkommen unbekannt war.
     Ich selbst war ganz kurz in Niederlangen. Meine Schwester und ihre befreundete Mädchengruppe besorgten sich eine Zuweisung zum 9. Regiment der Flandernschützen dadurch, daß ein Cousin eines der Mädchen dort ein Offizier war und von der Division Mädchen vor allem zur Arbeit in den Klubräumen gesucht wurden. Es bestand praktisch bei jedem Bataillon so ein Klubraum, in dem Mädchen eingesetzt wurden. Später wurden diese Mädchen in dem regulären Frauenbataillon bei der ersten Panzerdivision eingesetzt. Damals kam unsere Mutter per Anhalter in unser Lager. Das war auch eine interessante Geschichte. In dem Gefangenenlager in Dessel befand sich nämlich ein Geistlicher der evangelischen-reformierten Konfession. Das war ein einfallsreicher und tatkräftiger Mensch. Als die Amerikaner dort einmarschierten, begann er mit seinem Adjutanten die einzelnen Lager per Anhalter zu besuchen und sehr oft war er der erste Geistliche, der berechtigt war, einen Gottesdienst abzuhalten. Da er aus dem Briefwechsel schon wußte, daß  sich unsere Mutter dort befand, besuchte er auf seinem Weg das Lager in Dessel und erzählte ein wenig, wie es in unserem Lager war. Im Frauenlager hielt er ein Gottesdienst und meldete sich gleichzeitig beim Chef der Seelsorge der ersten Panzerdivision, bei dem Dekan, Oberst Franciszek Tomaszak. Es war ein sehr ökumenisch eingestellter Mensch. Er half sehr unserem Geistlichen und sagte, wenn irgendwann irgendwelche Hilfe gebraucht würde, so sei er immer bereit sie zu leisten. Als er erfuhr, daß meine Mutter gefunden worden war und daß wir im Lager waren, bat er, gerade dieser Pfarrer und Oberst, als es möglich war, Frauen zur Arbeit in der Panzerdivision anzuwerben, meine Mutter und mich, wir sollten uns zur Arbeit bei der Seelsorge melden. Ich besitze so eine, von ihm ausgestellte Urkunde, daß ich berechtigt bin, die Feldpost, die für die Seelsorge bestimmt war, in Empfang zu nehmen.
Also kamen Sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zur Panzerdivision von General Maczek?
    
Ja, das stimmt. Nicht alle Frauen hatten solches Glück. Zu der Panzerdivision kam man durch Bekanntschaften, z.B. kam mein Mann dorthin, weil er einen Onkel hatte, der ein Oberst in England war.
Mit der Mutter und Schwester machten Sie sich sicher Gedanken, wie es weiter gehen sollte?
    
Ja, natürlich ja, wobei meine Schwester in diesem Regiment der Flandernschützen war, das einige zehn Kilometer nördlich von uns stationiert war. Mein Dienst in der Divisionsführung dauerte nicht lange, denn als der Unterricht in der Schule in Maczkow begann, bat ich um die Genehmigung, zur Schule gehen zu dürfen, bekam sie und wurde dorthin abkommandiert. In Maczkow gab es einen Zug des Frauenbataillons und der Dienst erfolgte im Rahmen dieses Zuges, allerdings gab es dort keine militärischen Aufgaben, wir sollten nur lernen.
In Deutschland wurde eine polnische Stadt, eben jenes Maczkow, organisiert.
    
Ja, es war eine Stadt mit einer ganzen polnischer Verwaltung. Die Seelsorge war sehr nötig. Im Prinzip durften in Maczkow nur Familien wohnen, es ging ja hier um die Zusammenführung von Familien. Die Polen, die zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren, durften ja nicht heiraten, aber es entstanden viele Liebespaare, Kinder wurden geboren. Ganz am Anfang nach der Entstehung von Maczkow, ich glaube es war im Juni, wurden mehrere Dutzend Paare auf einmal getraut. Gerade diese Leute fanden ihre Wohnung in Maczkow. Es ging um den Wiederaufbau der polnischen Familie. Es gab dort eine Kinderkrippe, einen Kindergarten, eine Grundschule, Gymnasium, Lyzeum, Berufsschule, Nähkurse und eine kleine Fabrik, in der Produkte aus Aluminium hergestellt wurden, das durch das Umschmelzen von Behälter bzw. aus den zerstörten, auf den deutschen Flugplätzen stehenden Flugzeugen gewonnen wurde. Dort gab es auch ein Cafe. Das kulturelle Leben war sehr umfangreich.
Heißt das, daß für viele Polen Maczkow eine längere Haltestelle war, bevor sie ihre Entscheidung trafen über eine Rückkehr nach Polen oder im Westen zu bleiben?
    
Ja, natürlich, so war es. Aber dort wurde von zwei Seiten "geschossen", denn einerseits kamen Leute aus England, die uns im wahrsten Sinne des Wortes besichtigen kamen. Es waren die Leute, die den ganzen Krieg in England verbracht hatten - denn auch davon gab es eine Menge. Aus Frankreich kam ein polnisches Theater, es war eine  ziemlich große Theatertruppe. In Maczkow waren auch Kinder - die ehemaligen Kriegsgefangenen - die von einem zu anderem Lager geschickt wurden. Maczkow war immer wieder die Haltestelle. Anderseits kamen sehr viele Polen über die grüne Grenze. Die ganze Ankunft wurde gut organisiert, unter dem Schutz der UNRA - dieser amerikanischen Hilfs- und Wiedergutmachungs-Kommission. Zwei meine Kommandeurinnen aus der Pfadfinderbewegung waren auch durch Maczkow gekommen. Broniewski, Bialous u.a. waren auch dort. Diese Leute waren gegen eine Rückkehr nach Polen. Amtliche Propaganda kam auch vor. Mit einem Kleinlaster kamen Leute von der Regierung in Lublin und von der Warschauer Regierung, aber sie wurden von unseren Kollegen weggejagt.
     Dort gab es Unterricht, der von fast allen von uns sehr ernst genommen wurde, und ein gesellschaftliches Leben. Wir tanzten sehr viel, trieben etwas Sport, gingen auch ins Kino und ins Theater. Die Frage, soll ich zurückkehren oder soll ich im Westen bleiben, ging uns oft durch den Kopf. Jeder hatte einen anderen Standpunkt, jeder hatte eine andere Vergangenheit. Die Vergangenheit aller in Maczkow lebenden Menschen war eine unheimliche Anhäufung von Schicksalen mit allem, was die Leute erlebt hatten. Die Entscheidungen waren deshalb unterschiedlich. Es wurde nicht darüber gesprochen. Jeder wollte seine Entscheidung für sich treffen.
Man lebte in der Gegenwart?
    
Ja. Außerdem waren wir jung und freuten uns über die gewonnene Freiheit. Ich erinnere mich an eine Geschichte aus der Schule, an der ausgebildete Pädagogen, die gleichzeitig Reserveoffiziere waren und im Jahre 1939 ins Gefangenenlager kamen, unterrichteten. Die Schule war gut organisiert, es wurden Fachlehrer versammelt und im Gymnasium eingesetzt. Meistens waren es Oberleutnants, die in Uniformen herumliefen und mit Herr Oberleutnant angeredet wurden. Sie wiederum siezten alle Mädchen, auch die jüngsten, denn es gab auch dreißigjährige, aus der Panzerdivision oder aus verschiedenen anderen Lagern kommende Schüler, die kein Abitur hatten. Es gab dort auch einen Deutschlehrer, ein Mann von ungewöhnlichen Schönheit und gleichzeitig einen großer Mädchenjäger. Ich muß sagen, daß uns sein Benehmen nicht gefallen hatte. Wir, das heißt, eine kleine Gruppe von  Mädchen aus der Panzerdivision, die im Hotel `Wichers` wohnten, beschlossen ihn zu ärgern. Wir zeichneten so eine Art seiner Todesanzeige, die sehr gemein war, fertigten sie in drei Exemplaren an und hängten sie in der Nacht im Lager aus. Der Offizier meinte, daß seine Offiziersehre verletzt sei und daß dies bestraft werden müsse. Der Schuldirektor raufte sich an die Haare, was sollte er tun. Er schickte uns die Polizei auf den Hals, denn in der Stadt gab es auch Polizei. Die Polizei wurde gerufen, weil zum Schluß klar war, daß diese Todesanzeige von jemanden aus dem Eckhaus gemacht worden war. Wir wurden von dieser Polizei zum Verhör vorgeladen, wo wir sagten, daß wir kein einziges Wort zu diesem Thema sagen würden, da wir Soldaten seien und nur die Gendarmerie für uns zuständig sei. So mußte die Frauengendarmerie gesucht werden. Der Herr Schuldirektor fuhr zum Divisionskommando, zur Führung unseres Frauenbataillons und fragte, wo die Frauengendarmerie zu finden sei, denn es liege eine Verletzung der Offiziersehre vor. Es war eine zu kleine Militäreinheit, um eine eigene Gendarmerie zu haben. Es stellte sich heraus, daß wir uns vor der Frauengendarmerie in England zu verantworten hätten. Da im Grunde genommen die Angelegenheit einerseits lächerlich und klein war und anderseits, wenn wir irgendwo in irgendeinen Verzeichnis eingetragen würden, bestand die Gefahr, daß wir nie mehr im Leben England besuchen dürften. Unter diesen Umständen ging unserer Schuldirektor zum Abteilungschef, der für alle befreiten Lager, für Fragen der Kriegsgefangenen und der Arbeiter zuständig war, um sich Rat zu holen, was er unter diesen Umständen tun sollte. Dieser Offizier hörte sich das alles an und fragte, woher die Schüler kämen, die im Lager sind. Der Schuldirektor beantwortete die Frage, daß sie aus den Konzentrationslagern, aus Offlags, aus Stalags, aus Zwangsarbeit, durch die grüne Grenze, aus der Panzerdivision, kurz gesagt, von allen möglichen Stellen kommen. Das bedeutete, daß das alles Leute mit einer schrecklichen Kriegsvergangenheit waren. Wenn das so ist - sagte der Abteilungschef - und wenn diese Leute noch Sinn für Humor haben und noch immer unternehmungslustig sind, dann sollte man dem Schuldirektor zu einem solchen Team gratulieren und die zukünftige Zusammenarbeit wird sicher gut ablaufen. Als später mein Kommandeur, der Pfarrer und Oberst, davon erfuhr, wurde unser Schuldirektor von ihm so angegriffen, daß er sein Kabinett verlassen mußte.
Damit bewies also der Abteilungschef einen gesunden Menschenverstand.
     Ja, genau. Die Abiturprüfung hatten wir als Externe abzulegen. Das hatte der Schuldirektors so entschieden.
     Sehr wichtig für mich war auch die Pfadfindergruppe. Die Pfadfinderbewegung wurde in sehr hohem Tempo wiederbelebt.
     In Maczkow gab es eine weibliche und eine männliche Pfadfindermannschaft. Die männliche Mannschaft war natürlich zahlreicher und bedeutend aktiver. Es wurden erheblich größere Pfadfinderlager organisiert. Auf den Fotos ist diese Pfadfindertruppe zu sehen, die auf der Hauptstraße des Städtchens marschiert. Eine weibliche Truppe gab es aber auch. Ich leitete so eine Kameradschaft, in der die Mädchen waren, die als kleine Kinder zusammen mit ihren Eltern ins Lager gebracht worden waren. Die Zusammensetzung der Menschen in Maczkow änderte sich andauernd. Die einzelnen Mädchen waren in der Pfadfindergruppe 2 - 3 Monate, dann fuhren sie weiter, bei den anderen war es ähnlich. Dauernd gab es Änderungen hier und dort. Trotzdem wurde versucht, eine Arbeit aufzunehmen. Einige Wochen der Teilnahme an den Pfadfindervergatterungen gaben den Mädchen schon  zu denken. Es gab Arbeitsgemeinschaften, Gesangensembles.
Gab es irgendwelche Fahrten, Pfadfinderlager?
    
Es gab Ausflüge in die Nähe von Maczkow, wo das Pfadfindergelöbnis abgelegt wurde. Ich persönlich war auf einem Flugplatz, wo eine große Pfadfinderzusammenkunft stattfand. In Anbetracht dessen, daß ich an der Pfadfinderbewegung in der Untergrundbewegung beteiligt war, nahm ich an keinem Pfadfinderlager teil. Um aber wiederum einen höherem Dienstgrad in meiner Pfadfinderkarriere zu erhalten, mußte ich eine erfolgreiche Teilnahme am Pfadfinderlager nachweisen. So entstand ein Dilemma. aber in Maczkow war eine Leiterin der Pfadfindermannschaft, die Freundin Mydlarz, Kommandeurin einer Pfadfindertruppe in Norddeutschland, die wußte, daß ich das Gefangenenlager in Oberlangen erlebt hatte. Sie erkundigte sich bei einer der Lagerkommandeurinnen, wie ich mich in diesem Lager, unter schweren Bedingungen, verhalten hatte, wo man sowohl aktiv sein als auch sich im Gruppenleben beweisen mußte. Ich bekam eine positive Beurteilung und erhielt auf dieser Grundlage den Dienstgrad einer Samariterin. Das war aber keine typische Lösung.
Und wann lernten Sie ihren zukünftigen Mann kennen?
    
Meinen Mann lernte ich auf einem Silvesterball kennen. Das war am 31. Dezember 1946 in Maczkow. Er hatte die Abiturprüfung schon hinter sich. Eine kleine Abiturientengruppe, in der er und seine Kollegen waren, besorgte sich das Recht, in Maczkow zu bleiben, so daß sie nicht zu ihrer Stammeinheit zurückkehren mußten. Ich glaube, sie gaben an, daß sie Fremdsprachen lernen. Ein Schulfreund aus meiner Klasse, der auch Soldat war, lud mich zu diesem Ball im Studentenheim der Division ein. Am Vortag des Balles war er aus Brüssel zurückgekommen und fühlte sich nicht wohl. Er richtete mir aus, daß es ihm schlecht gehe und sich hinlegen müsse. Die Ursache dafür war mir unbekannt, vielleicht gab es dort zu viel Wodka. Er sagte auch, daß sich sein Freund auf dem Ball um mich kümmern werde, und dieser Freund wurde später mein Mann.
     Von dem Pfarrer, dem Herrn Oberst, erhielt ich damals aus Schottland mein erstes Zivilkleid, es war ein schönes, blaues Nachmittagskleid. Dieses Kleid, das auf dem Foto zu sehen ist, hatte ich damals an. Als mein Mann und ich abseits Bigos zu essen begannen, hatte er mir diesen Bigos übers Kleid geschüttet. Die Situation war nicht einfach, was sollte man retten, was nicht zu retten war. So fing die Bekanntschaft an. Vier Monate später fuhren wir zusammen nach Brüssel und dort machte er mir am Karfreitag einen Heiratsantrag.
Also fiel die Entscheidung sehr schnell?
    
Ja, die Entscheidung über die Liebeserklärung, aber leider fuhr mein Mann von Brüssel direkt nach Polen, denn sein Schwager, ein Offizier, saß in Wronki im Gefängnis, seine Mutter hatte Tuberkulose und außerdem hatte er eine kleine Nichte, denn seine Schwester hatte ein Kind bekommen, von dem der Gefangene in Wronki nichts wußte.
Er wurde hier gebraucht.
    
Ja. Die Frauen blieben allein. Dagegen versuchte der Priester, der Herr Oberst, mich und meine Mutter zu einer Ausreise nach Kanada zu überreden, wo sein Neffe eine große und reiche Farm hatte. Der Neffe war Junggeselle und ich erhielt den Vorschlag, ihn zu heiraten. Er war doppelt so alt wie ich. Zuerst sollte ich vier Jahre lang eine weiterführende Schule nach dem Abitur für Frauen von Farmern besuchen. Dort wurde alles gelehrt, z.B. wie man mit dem Finger prüft, ob die Hennen Eier legen werden, Rechnungsführung, die Kenntnis von Getreidesamen u.a. Das alles sollte ich in den 4 Jahren lernen und ihn danach heiraten. Ich glaube, das weckte meinen Widerwillen. Ich wußte, daß hier in Polen alles von Null an begann, ich konnte mir überhaupt  nicht vorstellen, wie das alles aussehen werde. Dort wiederum gäbe es eine Trennung von der polnischen Kultur. Nach dem Abitur versuchte ich, Geschichte der polnischen Literatur an einer Fachschule in Schottland zu studieren. Es war klar, daß auf diesem Gebiet kein guter Verdienst zu erwarten war, aber ich interessierte mich dafür. Ich verzichtete darauf und kurz danach verlobten wir uns. Meine Schwester wollte auf keinen Fall nach Polen zurückkehren. Meine Mutter hatte kurz vor dem Aufstand zum zweiten Mal geheiratet und hatte große Lust, zu diesem Mann zurückkehren. Wir entschieden uns, nach Polen zurückzukommen, wobei der endgültige Entschluß erst in England gefaßt wurde. Wir wurden vorschriftsmäßig demobilisiert, und beide hatten die diesbezüglichen Demobilisationpapiere. Wir wohnten  in einem Sammellager in Ontario bei London und nach zwei Monaten Aufenthalt entschlossen wir uns zurückzukehren.
Wann war diese Rückkehr?
    
Ende November 1947. Wir gingen durch zwei Durchgangslager in England, wo die Bedingungen immer schwerer waren. Im November wohnten wir in den so genannten ``Tonnen des Lachens`, das waren Blechbaracken, in denen im November klirrende Kälte herrschte. Das Essen, das an einem Lagerweg ausgegeben wurde, holten wir in Essenträgern mit Einsatzschüsseln. Unterwegs wurde es kalt. Das waren schwere Bedingungen und dazu die ständige Unruhe und die Frage, ob wir es richtig machten. Jedes in See stechende Schiff wurde von einem schottischen Orchester verabschiedet, das das Volkslied "Góralu, czy ci nie żal..." (Tut es dir nicht leid, Gorale?....) spielte. Als das Schiff den Hafen in Danzig anlief, standen am Kai Soldaten mit auf das Schiff angelegten Gewehren und in dem Moment sagte der Kapitän des Schiffs, daß wir uns auf dem Hoheitsgebiet von Großbritannien befänden und, falls jemand das Schiff nicht verlassen wolle, er nach England zurückgebracht würde.
Heißt das, daß die Ansicht von Soldaten mit MPi so eine Auswirkung hatte, daß einige Menschen ihre Meinung änderten?
    
Ja, um so mehr, wenn sie vorher hinsichtlich ihrer Entscheidung vielleicht nicht ganz sicher waren. Es war Herbst 1947 und ich verlor dieses Studienjahr.
Kamen Sie dann nach Warschau?
    
Ach nein, zu der Tante in Sopot. Hier (in Warschau) gab es keinen Anhaltspunkt für die Rückkehr.
Heißt das, daß Sie zuerst in Sopot wohnten?
    
Ja und nachher wohnten wir zu dritt mit meinem Stiefvater in Mikolowice bei Warschau. Mein Mann kam im Mai zurück. Er arbeitete schon als Busfahrer und begann zu studieren. Wir mußten unsere Abiturzeugnisse nostrifizieren. Im meinem Studienbuch war die Immatrikulation bedingt, denn ich mußte eine Lateinprüfung ablegen. Ich absolvierte eine mathematisch - naturwissenschaftliche Oberschule und wollte an einer Fakultät für Humanwissenschaften studieren. Ich mußte die Fächer Latein und Gegenwart Polens ergänzen und Prüfungen ablegen. Im Ministerium für Volksbildung wurden unsere Angelegenheiten freundlich behandelt. Mein Mann durfte ohne Aufnahmeprüfung studieren, ich legte diese Prüfungen ab.
Und wann war die Hochzeit?
    
Wir heirateten im Jahre 1948, nach meiner Rückkehr nach Polen. Die ersten Studienjahre waren schwer. Nach der Geburt meines Kindes gab ich das Studium auf.
     Wir wohnten in Komorow und die tagtäglichen Fahrten nach Warschau nahmen viel Zeit in Anspruch. Ich hatte ein kleines Kind und das Lernen machte mir größere Mühe.
Sagen Sie mir bitte noch, wie sich die Erlebnisse im Warschauer Aufstand und nachher in den Lagern auf Ihre Psyche ausgewirkt haben?
    
Die gleiche Frage stellte mir vor kurzem ein Geistlicher aus der Schweiz und noch früher wurde ich danach am 50-sten Jahrestag der Warschauer Aufstandes gefragt, als es in meinem kirchlichen Wirkungskreis eine  lebhafte Diskussion über den Haß auf die Deutschen gab.
     Ich war in der glücklichen Lage, daß ich im Jahre 1964 in der Kirche zu arbeiten begann. Es kamen sehr viele Gäste aus der DDR und aus der BRD, so daß ich mit vielen Deutschen zusammentraf, aber es waren Menschen, die in der Kirche arbeiteten bzw. wirkten. Das waren ehrliche Menschen, die sich bemüht hatte, ihre Kriegsbeteiligung möglich gering zu halten und die wegen ihres Wehrmachtsdienst sehr gelitten hatten.
     Es wurden Freundschaften geschlossen, hier, in dieser Wohnung, wurde sehr viel Alkohol zusammen getrunken. Die Vorurteile wurden schnell über Bord geworfen, aber ich hatte auch günstige Bedingungen dazu. Die Deutschen aus der BRD waren offen und aufrichtig und das gefiel uns hier sehr. Dagegen ist es bei meiner Schwester, die im Westen geblieben war, anders. Es ist bemerkenswert, daß die im Westen gebliebenen  Menschen bis heute an dem selben Punkt ihres Hasses auf die Deutschen verharren. Der Haß blieb unverändert, genauso, wie er nach dem Krieg aussah, und zum Schluß die Ursache ihrer Emigration wurde.
     Die ersten Besuche auf dem Soldatenfriedhof riefen Unbehagen und folgende Gedanken und Gefühle hervor: wenn hier so viele Menschen begraben wurden und ich lebe, bedeutet das vielleicht, daß ich irgendwo meine Kräfte zu sehr gespart hatte oder meine Pflichten nicht erfüllt habe?
Waren es Gewissensbisse?
    
Ja, gewiß ja. Nachher diskutierten wir darüber in den kirchlichen Kreisen und kamen zu dem Schluß, daß die Antwort auf die Frage einfach ist. Man hat deshalb überlebt, um in diesem Leben noch etwas zu vollbringen, dieses zu bezeugen und jenes für andere Menschen zu machen.
Ja und für das Andenken an die Gefallenen sorgen und ein Zeugnis der Geschichte geben.
    
Das stimmt. Und gerade deshalb hielt ich am 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes eine Predigt in der evangelisch - augsburgischen Garnisonskirche. Es gab zwei Predigten, meine und die des Bischofs Dembowski, den ich aus unterschiedlichen ökumenischen Tätigkeiten kannte. Der Priester Dembowski erzählte davon, wie er als junger Mann Holz hackte und wenn er mit der Axt in das Holz haute, so stellte er sich vor, daß er die Deutschen tötete und durch das Holzhacken ließ er seinen Zorn auf die Deutschen aus.
     Gerade so stellte er seine Erinnerungen in der Predigt dar.
     Bis heute arbeite ich über Geschichte meiner Umwelt. Sowohl das, was durch meine evangelisch-augsburgische Kirche herausgegeben wurde wie auch alles das, was außerhalb der Kirche erschienen ist, ist eine Erfüllung der Pflichten gegenüber denjenigen, die dies nicht mehr tun konnten. Die Bedeutung dieser Erlebnisse ist sehr groß.
     Der Eintritt in das Leben der Erwachsenen war für mich sehr schwer, da mir die Periode der Jugendzeit fehlte.
     Ich wuchs ohne Vater auf, dann hatte ich sehr kurz einen Stiefvater.
Unter den Bedingungen des Krieges wurden sie sehr schnell reif.
    
Ja, wenn es um Geschick geht, wenn guter Rat gebraucht wir, wenn Sicherungen mit Draht zu reparieren oder andere ähnliche Dinge zu erledigen sind, dann bitte sehr, stehe ich zur Verfügung. Der Weg zum Erwachsensein verlief eigenartig und gewisse Dinge fehlten mir sehr. Das merke ich sicher bis heute. Ob meine Kinder es merkten, weiß ich nicht. Mein älterer Sohn sagte, daß er zu schnell nach dem Krieg geboren wurde, denn alle unsere Erlebnisse waren noch lebendig in uns, wir erreichten noch keine innere Ruhe.
Hielten solche inneren Unruhen lange an, die mit dem Streß der Nachkriegszeit zusammenhingen?
    
Ja, wir wurden als "die bespuckten Wichte des Rückschrittes" angesehen. Von Anfang an war ich die Sekretärin meines Mannes, als wir über Chemie zu schreiben begannen, und danach arbeitete ich in der Kirche, so daß ich in der Arbeit keine Kontakte mit der Parteiführung hatte. Verhaftungen unter den mir nahe stehenden Personen gab es dagegen die ganze Zeit.
Ging diese Hölle weiter?
    
Ja, und folglich schlossen wir uns der Tätigkeit von KOR (Komitee für Verteidigung der Arbeiter) an. Wir wirkten im zweiten bzw. dritten Umkreis, aber wir hielten diese Arbeit für notwendig und hatten schwerwiegende Konsequenzen zu tragen, besonders mein Mann. In Bezug auf meine Person teilte mir das Amt für Konfessionsfragen, das über meine Tätigkeit sofort informiert war, meinem Bischof mit, daß ich entweder entlassen werden müsse oder der gerade beim Zoll stehende Kopierer nicht herausgegeben wird. Das war das erste Kopiergerät aus dem Westen. Es wurde gesagt, daß die Kirche, die so eine Person beschäftigt, kein Recht hat, so ein Vervielfältigungsgerät zu besitzen. Darauf antwortete mein Bischof "wir wählen Frau Sękowska". Das erfuhr ich erst nach vielen Jahren, denn mein Bischof hielt diesen Vorfall geheim.

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