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Bericht von Aleksandra Diermajer-Sękowska


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Das heißt, Sie faßten den Entschluß, gemeinsam mit Ihrer Schwester in ein Kriegsgefangenenlager zu gehen?
    
Ja. Das war in der nördlichen Stadtmitte, d.h., daß wir über Stadt Pruszkow nach Falingbostel, nachher im Dezember nach Bergen-Belsen und schließlich nach Oberlangen gebracht wurden.
Erzählen Sie bitte, wie sah der Transport aus?
    
Wir fuhren in einem Viehwaggon, ich weiß nicht mehr, wie viele wir da waren. Für die Mädchen war es dort sicher bequemer, denn sie waren kleiner als Erwachsene und fast alle konnten sich hinlegen. Es gab kurze Pausen, um auszutreten. In dem Waggon hatten wir ein Loch gemacht, durch das wir den Urin weggossen.
     Niemand wußte, wohin sie uns brachten. Ich persönlich hatte keine bösen Vorahnungen, aber viele Menschen in dem Waggon gaben zu, sie hätten geahnt, es könnte böse enden. Vielleicht war ich mit meinen 15 Jahren einfach naiv?
     Wir kamen in einem Gefangenenlager in Fallingbostel an und wurden durchsucht. Es dauerte lange, sie nahmen uns verschiedene Sachen weg, z.B. Messer oder Scheren. Die Kommandeurin unserer Baracke war Hauptmann "Rakete"; (?Rakieta" Janina Płoska), die in dem Lager die Rangabzeichnen eines Hauptfeldwebels trug. Außer mir gab es in Fallingbostel noch ein vierzehnjähriges Mädchen.
Wieviel Mädchen in Ihrem Alter gab es dort?
    
Es waren dort ein vierzehnjähriges und ein fünfzehnjähriges Mädchen, von den Mädchen, die sechzehn Jahre alt waren, gab es schon ziemlich viele. Dann gab es Mädchen im Alter von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre, ältere nur ausnahmsweise. Die Frau Hauptmann "Rakete" machte uns immer wieder besonders darauf aufmerksam, daß wir keinen Kontakt, auch nicht den geringsten Augenkontakt zu den Deutschen aufnehmen sollten, denn aus unseren Gesichtern war alles abzulesen. Dann gab es da ein Problem mit meinem Geburtsdatum. Man mußte ein falsches Geburtsdatum angeben. Da ich eine zweieinhalb Jahre ältere Schwester hatte, wußten wir nicht, was für ein Geburtsdatum wir angeben sollten. Schließlich machte man aus mir eine Neunzehnjährige, was meinem Äußerem überhaupt nicht entsprach. Sehr aufregend war für mich die Aufnahme der Personaldaten, weil wir fotografiert wercden sollten. Zum Glück passierte nichts. Nach der Ankunft im Lager waren wir überrascht über das aus den Hähnen fließende Wasser und daß wir uns waschen konnten.
     Ich hatte mich ja ähnlich wie die anderen wochenlang nicht waschen können. Ein Soldat, der während des Aufstandes in unser Quartier gekommen war, hatte mich gebeten, ihm einen Ellbogenverband anzulegen. Er war aus dem Spital weggelaufen, und die Mädchen wollten ihm keinen Verband anlegen. Ich war einverstanden, ihm den Ellbogen zu verbinden, ohne zu ahnen, daß aus diesem Ellbogen fast ein halber Liter Eiter fließen würde und daß ich nicht in der Lage würde, diesen Eiter bis zum Übergang in die Gefangenschaft abzuwaschen.
     Schon als ein Kind hatte ich Herzneurose und hier im Lager kamen die vorübergehende Herzrhytmusstörungen wieder und ich mußte einen Arzt aufsuchen. Ein Arzt, der schon im September 1939 in die Gefangenschaft geraten war, sollte die Mädchen untersuchen. Ich stand als zweite in der Reihe der Kranken. Die Gefährtin vor mir hatte eine  offene Armwunde. Ich ging nach ihr hinein und sagte, daß ich ein Herzleiden habe. Der Arzt bat mich, den Oberkörper frei zu machen, was ich tat, und er sagte, daß er zum ersten Mal nach fünf Jahren eine unbekleidete Frau sieht. Sein größter Fehler war meiner Meinung nach, daß er sagte, daß er eine Frau sehe, war ich doch noch ein Kind. Daraufhin nahm ich meine schmutzigen Klamotten in die Hand und ging hinaus. Die Neurose hat sich mit der Zeit beruhigt. Das zeigte, wie sehr diese Menschen von der Welt abgeschnitten waren.
Wie sah das Lagerleben in Fallingbostel aus?
     Es gab dort eine Frau Oberleutnant - Frau Milewska, von Beruf Lehrerin, dann gab es dort auch noch zwei Schwestern Jezewski mit dem Dienstgrad eines Leutnants, so eine Art alte Jungfern, Jahrgang zwanzig, die versuchten dort etwas zu tun. Ihre Aufgaben erfüllten sie mehr als hundertprozentig. Sie waren nicht nur Kommandeurinnen, sie wollten auch unsere Erzieherinnen und Lehrerinnen sein. Deshalb verkündeten sie, daß in den Zeiten von - bis Gesangunterricht, von - bis Sprachunterricht und danach ein irgendein populärer Vortrag stattfinden werden. Natürlich konnten sie nicht verlangen, daß wir uns genau danach richten würden. Nur weinige Mädchen nahmen daran teil. Eine kleine Schule aus dem Lager zu machen, war zweifellos eine  Übertreibung. Das war für Fallingbostel sehr kennzeichnend. Unsere Baracke lag am Waldrand. Das war sehr angenehm, ein bißchen Grün und die sich schon gelb färbenden Blätter. Außer unsere Frauenbaracke gab es nur Männerbaracken. Wir hatten mit den Männern eine gemeinsame Latrine, was viele Probleme hervorrief. Die Kriegsgefangenen vom Septemberfeldzug 1939 kümmerten sich außergewöhnlich um uns, sie gaben an uns ihre Pakete ab, waren sehr freundlich zu uns.
Mit anderen Worten - es gab dort große Hilfe und Herzlichkeit?
    
Ja, das war im September, und im Oktober wurden wir in das Offlag Bergen-Belsen versetzt. Dort hatten wir drei Baracken zur Verfügung. Eine Baracke war die Offiziersbaracke für Frauen, die zweite - die Soldatenbaracke und in der dritten befand sich eine Krankenstelle. Hinter doppelten Drahtzäunen lag das Männer-Offlag für die Kriegsgefangenen aus der Aufstandszeit.
     Es gab dort, glaube ich, sogar Ehepaare, die getrennt wurden und sich auf beiden Seiten des Drahtes befanden. Sie verständigten sich durch lautes Rufen oder warfen mit Steine beschwerte Zettel. Von dort wurden wir zu verschiedenen Arbeiten für das Lager geführt und dann sah man Drähte in einer Entfernung, von ein - bis zweihundert Metern. Man sagte, daß dort schon ein Konzentrationslager war.
Zu welchen Arbeiten zwangen die Deutschen?
    
In Bergen wurden wir im Prinzip von den Deutschen zu keinen Arbeiten gezwungen. Es wurde lediglich dies und jenes für die Küche bzw. für die Krankenstelle aus dem Vorratslager gebracht und dabei sah man diese KZ-Drähte. Es gab sogar einige Möglichkeiten, das Lager kurzzeitig zu verlassen. Ich besitze ein kleines Kreuz aus einem Birkenzweig. Man konnte  solche Zweige finden, aus denen dieses Andenken entstand.
     In Bergen sagte mir eine von meinen Kommandeurinnen, daß es eigentlich sicher ist, daß wir zu Zwangsarbeit gebracht werden. Da ich schlank und zierlich gebaut war, könnte diese Arbeit für mich zu schwer sein und deshalb schlug sie mir und mehreren anderen  Mädchen vor, ihre Ordonnanz zu werden. Ich selbst beschloß, wahrscheinlich im Ergebnis meines Aufenthaltes im Falligbostel, daß es mir überhaupt nicht paßte, wie eine Schülerin, die zu erziehen und zu bilden ist, behandelt zu werden. Ich war zwar nicht besonders  rebellisch, aber da kam mein gekränkter Ehrgeiz zum Vorschein. Außerdem hatte ich dort viele Verwandte, die Offiziere waren und ich wußte , was  mit den Offiziersburschen angestellt wurde und war damit überhaupt nicht einverstanden. Es kam sogar zu einem Konflikt, weil die Frau der Meinung war, ich hätte zu gehorchen. Das Schicksal des Offlages und der Mädchen, die als Offiziersburschen eingesetzt wurden, waren wahrscheinlich schwerer als das, was wir in Oberlangen erlebten. Dort gab es die erste Evakuierung und die Frauen waren miteinander stark zerstritten. [...]
Wann erfolgte die Verlegung nach Oberlangen?
    
In Oberlangen kamen wie am 24. Dezember am Nachmittag an. Wir wurden in einem Vorlager unterbracht. Es stellte sich heraus, daß die maximale Anzahl der Soldaten, die das Lager bewachten - über zehn, nach Hause gelassen worden waren, weil es Heiligabend war. Die dagebliebenen durften uns aber nicht hereinlassen, ohne uns durchsucht zu haben. Deshalb wurde beschlossen, daß es am einfachsten wäre, wenn sie uns in einem Gefängnis einsperren würden - wir würden dann schon irgendwo untergebracht sein, aber wir hätten keinen Kontakt zu dem Lager. Tatsächlich verbrachten wir diese Nacht eingesperrt. Es gab kein Licht, es gab auch kein Essen. Ich war ein bißchen böse auf die älteren Mädchen, daß sie nicht versuchten eine entsprechende Stimmung zu schaffen - es war Heiligabend und wir waren sehr niedergeschlagen. Der erste Weihnachtsfeiertag war ein herrlicher, sonniger Tag. Alle Mädchen aus dem Lager kamen so dicht wie möglich an unseren Arrest heran und sangen Lieder für uns, riefen uns zu und trösteten uns. An diesem ersten Weihnachtsfeiertag waren auch die deutschen Soldaten wieder da. Da wir aber kaum noch etwas zum Wegnehmen hatte, wurden wir entlassen. Zu dieser Zeit gab es vier belegte Baracken. Es wohnten dort vor allem die aus Sandbostel kommenden Mädchen der Gruppe Stadtmitte Süd. In der vierten Baracke wohnten die Mädchen aus der Gruppe Stadtmitte Nord, also diejenige, die aus Fallingbostel kamen und nachher in Bergen wohnten. Wir sollten in die vierte Baracke gehen, aber dort war nicht für alle Platz. 20 von uns wurden in der Baracke Nr. 4 und die anderen 20 in der Baracke der Mädchen aus Zoliborz untergebracht, die auch gerade voll wurde. Ich muß sagen, daß das meiner Meinung nach eine gute Lösung für mich war, denn in Baracke der Zoliborz-Mädchen war der Altersdurchschnitt am niedrigsten. Außerdem war die Pfadfinderorganisation der jüngeren Mädchen in der Konspiration sehr gut organisiert, sie waren u.a. in der Pilsudski-Schule. Da es Pfadfinderinnen waren, hatten sie die Grundsätze der Pfadfinderbewegung auf das Lager übertragen. Das bezog sich nicht nur auf das Singen von Liedern, sondern auch auf die Zusammenarbeit, Kameradschaftlichkeit, Wahrheitsliebe usw. Es gab aber keinen militärischen Drill, der sich oft in den anderen Baracken eingeschlichen hatte.
Wie verlief das Leben in Oberlangen?
    
Oberlangen war von Torfmooren umgeben, die größere Ortschaft Latten lag weit entfernt. Es gab also nichts, wo man hätte arbeiten können. Wir wurden nur bei der Reinigung des Lagers beschäftigt. Dieser Ordnungsdienst fiel alle acht Tage an. Das war vor allem Arbeit in der Küche.
Was gab es zu Essen?
    
Einen recht großen, eckigen Brotlaib für 6 Personen, da kamen 2 bzw. 3 Scheiben Brot auf eine Person. Gegen Ende des Lageraufenthaltes wurden die zugeteilten Rationen kleiner. Zu diesem Brot gab es 20 Gramm Margarine, 1 Teelöffel Zucker, manchmal Marmelade aus Steckrüben. Zum Mittagessen gab es Suppe, vor allem aus Steckrüben, Kartoffeln gab es darin kaum. Die Verpflegung war vollkommen unzureichend.
Mußten die Mädchen hungern?
    
Bestimmt. Es ist schwer, das zu sagen, weil wir wissen, daß es in den Konzentrationslagern mit dem Essen noch viel schlimmer war, so daß es sich einerseits nicht gehört, darüber zu klagen, anderseits aber waren das Hungerrationen. Eine gewisse Hilfe waren die Lebensmittelpakete. Sie kamen über das Rote Kreuz von unterschiedlichen Stellen. In Bergen haben unsere Kommandeurinnen auf irgend eine Weise unsere Gruppe verhältnismäßig schnell und wirksam in Genf angemeldet. Möglich, daß gerade der Zug, mit dem die Anmeldung ging, nicht bombardiert worden ist, jedenfalls erhielt die Mädchengruppe aus Bergen relativ mehr Pakete als der übrige Teil des Gefangenenlagers. Nach einem langen Weg kamen die Pakete, die nur an die Mädchengruppe aus Bergen adressiert waren, in Oberlangen an. Andere Mädchengruppen erhielten unvergleichlich weniger Pakete. Monatlich erhielten wir durchschnittlich 1 Paket für 3 - 4 Mädchen. Als ich in der Baracke der Zoliborz-Mädchen wohnte, führte ich die Hauswirtschaft zusammen mit zwei Mädchen, die auch 16 Jahre alt waren. Meine Schwester, die ihre Freundinnen hatte, war nicht dabei. Ich erhielt meinen Teil des Paketes, und meine Freundinnen erhielten keine Produkte. Da unsere Freundschaft und der gemeinsame Haushalt zuerst entstanden und erst später Pakete ankamen, beschlossen wir, daß wir alles gemeinsam essen werden. Keine von uns rauchte und so kaufte ich mir für die Zigaretten, die im Pakete waren, Schuhe, da ich aus dem Aufstand fast ohne Schuhe gekommen war und es war doch schon Winter. Ich lief in Holzschuhen herum, davon ging mein Zehennagel ab. Die Pakete waren eine Abwechslung und - kalorienmäßig - eine konkrete Hilfe.
     Mit den Aussagen meiner Kameradinnen, die in vielen Berichten aus Oberlangen angeben, daß es dort Unterricht auf dem Niveau eines Gymnasiums bzw. eines Lyzeums gegeben haben soll, bin ich nicht einverstanden. Ich suchte sehr nach einer Lernmöglichkeit und fand sie erst zwei bzw. drei Wochen vor der Befreiung des Lagers. Die Aussagen, daß man in Oberlangen das Abitur machen konnte, kann ich nicht verstehen. Es gab keine Lehrbücher, obwohl gelernt wurde. Es gab sehr viele Lehrerinnen.
Wie sah es mit der Korrespondenz aus? Hier ist ein Lagerbrief.
    
Ja, es gab Vorschriften, die die Fragen der Korrespondenz genau festlegten. Ein Kriegsgefangener erhielt zwei Postkarten und einen Briefvordruck pro Monat. Die Korrespondenz war sehr wichtig, es ging vor allem um die Suche nach Familienmitgliedern und Verwandten.
     Hier liegt ein Brief meiner Schwester an Tante Hala, die in Ozarow wohnte. Als wir auf dem Wege in die Gefangenschaft die Kabelfabrik in Ozarow passierten, ließen wir dort heimlich einen Zettel fallen. Dadurch erfuhr die Tante, daß wir in ein Gefangenenlager transportiert wurden und gleichzeitig wußte man, daß sich auch die Verwandten sich dorthin wenden werden.
     Unsere Mutter wurde zur Zwangsarbeit verschleppt und wir fanden den Kontakt mit ihr erst viel später. Durch die Tatsache, daß unsere Mutter nach Deutschland, nach Celle bei Hannover verschleppt worden war, konnten wir mit unserer Mutter fast täglich korrespondieren. Als die sowjetischen Truppen in das Gebiet von Polen einmarschierten, konnten die Mädchen keine Briefe mehr abschicken, so daß sie uns alle Briefformulare gaben. Dadurch konnten wir der Mutter so oft schreiben, wie wir Lust hatten.
Wie Sie schon sagten, wurden im Gefangenenlager Freundschaften geschlossen.
    
O ja! Natürlich. Es ist mir nicht bekannt, daß es so was in den Konzentrationslagern gegeben hat. In unserem Lager gab es gemeinsame Hauswirtschaften, hauptsächlich zwei- bzw. dreiköpfige. Die Mädchen teilten die Lebensmittel miteinander, aßen gemeinsam diese kärgliche Mahlzeiten, unterstützten sich gegenseitig.
Mit wem schlossen Sie Freundschaft?
    
Es waren zwei Mädchen aus Żoliborz, eine von ihnen spielte schon vor dem Aufstand sehr gut Klavier und ihr fehlten Übungsmöglichkeiten. Nach dem Aufstand hatte ich Warschau mit einem kleinen Köfferchen verlassen, da ich keinen Rucksack besaß. Solche militärischen Dinge standen bei mir, wegen meines Alters, ganz an letzter Stelle. Ich hatte also diesen kleinen, feinen Koffer mit und diese meine Gefährtin Halinka setzte sich auf die Pritsche, legte das Kofferchen auf den Schoß und übte Tonleitern. Sie besaß viele, von den Pfadfinder gepflegten Charaktereigenschaften. Sie wußte nicht, was mit ihrer Mutter und mit ihrem Bruder geschehen war, eigentlich hatte jede von uns viele unterschiedliche Sorgen, es gab schwerere Momente, in denen man schwermütig war, heute würde man sie als depressive Zustände bezeichnen. Eines Winterabends sagte sie: "Wißt ihr was, ich bin in sehr schlechter Stimmung, ich gehe hinaus, laufe ein bißchen in der Kälte herum, und wenn ich friere, komme ich wieder zurück und meine schlechte Stimmung wird vorbei sein." Darauf sagte ich zu ihr, daß sie meine Handschuhe, die dicker als ihre waren, mitnehmen sollte. Das tat sie auch, sie ging nach draußen, beruhigte sich und versuchte nicht, ihre schlechte Laune an den Gefährtinnen auszulassen. Das waren Mädchen, die hinsichtlich ihres Charakters, ihres Verhaltens und des Zusammenlebens die richtige Einstellung hatten. Es war sehr wertvoll. Nach dem Krieg arbeitete sie im Paris in ihrem Beruf. Die zweite Mitgefangene Wanda war auch sehr sympathisch. Und eben sie machte das Abitur in Nazareth oder in Bethlehem - einem der bekanntesten biblischen Orten.
Wie erinnern Sie sich an den Moment der Befreiung des Lagers, es war doch eine große Überraschung für alle Mädchen, daß das Lager von Polen, den Soldaten des Generals Maczek, befreit wurde?
    
Ja, die Artillerieschüsse waren viel früher zu hören. Sie bildeten die Reserven und führten keine militärischen Operationen aus. Wir rechneten damit, daß sie kommen würden. Der Nachrichtendienst wurde organisiert, die Dolmetscherinnen wurden vorbereitet, eine Fahne wurde aus einem Federbett genäht.
     Da die Lebensmittelmagazine in Oberlangen praktisch leer waren - wir erhielten nur ein kleines Stückchen Brot - wurde den Mädchengruppen erlaubt, in das benachbarte Dorf zu gehen, wo sie für die Produkte aus den Paketen, wie Kaffee, irgendwelche Seife bzw. Zigaretten Kartoffeln kauften, damit es wenigstens etwas zu Essen gab. In den letzten Tagen hatten wir fast gar nichts zu Essen gehabt. Diese Mädchen erzählten, daß sie auf eine Patrouille gestoßen seien. Wahrscheinlich war das eine deutsche Patrouille, und wir liefen doch schon teilweise in amerikanischen Uniformen herum, so daß die Deutschen annahmen, die Mädchen seien im aktiven Dienst stehende, aus Westen kommende Soldaten. Ich kann mich entsinnen, daß laute Kommandos gerufen wurden, als der Kampf begann, daß wir uns in den Baracken verbergen sollen. Den ersten, zwischen den Baracken laufenden polnischen Soldaten sah ich aus einem Fenster. Er trug eine Uniform, hatte einen Helm auf und lief fast gebückt durch die Mitte das Lager. Als ich ihn sah, kam die eine ganze Mädchengruppe aus der Baracke. Unheimlich schnell traten wir zum Appell an, was in den Erinnerungen aus dem Lager viel zu wenig betont wird. Die durch die Deutschen aufgezwungenen Appelle erfolgten nach der deutschen Ordnung, d.h. in Fünfergruppen. In den letzten Tagen erlaubten uns die Deutschen, das Lager zu verlassen, um Lebensmittel zu holen, die Disziplin lockerte sich und damals befahl uns unsere Leutnantin, in Vierergruppen zum Appell anzutreten. Wir übten fleißig, damit unsere Appellordnung ordentlich aussah. Ich erinnere mich daran, daß in der fünften Baracke, wo die Mädchen aus Zoliborz mit uns wohnten, unsere 20 Mädchen aus Bergen, so, wie sie mehr Pakete bekamen, irgendwann auch amerikanische Uniformen bekommen hatten, so daß wir an diesem Tage am besten aussahen. Die Gefährtinnen drängten uns in die erste Reihe, so daß ich mehr davon mitbekam, als der Oberst Grodzinski - damals hieß er noch Koszucki - an uns vorbeilief.
Wie haben Sie diesen Augenblick in Erinnerung?
    
Der Augenblick des Flaggehissens und des Abschreitens unserer Reihen durch Oberst Koszucki war für mich sehr bewegend und blieb so bis heute. Ich stand in der ersten Reihe und er ging in einer Entfernung von 2 m an mir vorbei.
War das damals ein Gefühl der wahren Freiheit oder kam es Ihnen noch nicht voll zum Bewußtsein?
    
Ich denke, es kam nicht voll zum Bewußtsein, obwohl wir anderseits den Tag so erwartet und erträumt hatten. Nachher gab es ein großes Durcheinander. Es kamen die Gäste, die Soldaten an. Der eine bat eine Zigarette an, der andere hatte irgendein Huhn gefangen.
Für die polnischen Soldaten war es sicher auch eine Überraschung, daß dort Mädchen aus dem Warschauer Aufstand als Kriegsgefangene waren?
    
Ja. Natürlich war das ein Schock und eine unheimliche Freude. Eine von den Frauen, mit der ich noch lange in Verbindung stand, hatte in dieser Panzerdivision ihren Mann, öfter noch waren es die Väter. Die vielen Verwandten konnte man gar nicht alle zusammenzählen.
Haben sich Familien oft auf diese Art und Weise wiedergefunden?
     Die Gespräche bezogen sich im höchstem Maße darauf, ob man diesen oder jenen kannte. Die Soldaten aus der Division fragten überwiegend nach ihren Familien in Warschau. Es gab große Freude und große Trauer, denn die Nachrichten waren unterschiedlich.
     Zwei, drei Wochen nach der Befreiung wurden wir in das benachbarte Lager in Niederlangen verlegt, wo es keine mehrstöckigen Pritschen mehr gab und wir viel locker untergebracht waren. In diesem Lager gab es viele Grün, dagegen hatte es in Oberlangen überhaupt kein Grün gegeben, weder im Lager noch außerhalb. Es ging auch darum, daß wir die Umgebung wechseln sollten. In den Baracken wurden wir aufgeteilt in diejenigen, die Unterricht auf dem Niveau einer Mittelschule bekommen sollten und diejenigen, die im Lager verschiedene Dienste ausführen sollten, damit die Schülerinnen bessere Lernbedingungen hatten. Lehrerinnen gab es genug. Dort war u. a. meine Lateinlehrerin.
     Die Soldaten dürften das Lager nicht betreten. In einer der Baracken wurde ein kleines Hotel eingerichtet, man brauchte Passierscheine. Der Grund dafür waren die Ausschweifungen, es gab viele konkrete Liebesverhältnisse, mal hier im Gebüsch, mal dort in der Baracke. Auch die Mädchen wurden unausstehlich und ungehorsam.
     Vor einigen Jahren erhielt ich eine Kopie der Tagesbefehle, die von unserer Frau Oberleutnant nach der Befreiung des Lagers täglich erlassen wurden. Diese Befehle wurden vor der Mädchenfront verlesen. Der letzte Punkt enthielt Mitteilungen darüber, wer im Arrest saß. Wenn jemand für die Nacht nicht ins Lager zurückkehrte, wurde aufgeschrieben und mit einigen Tagen Arrest bestraft.
Das heißt, man konnte für die Liebe mit Arrest bezahlen?
    
Ja, so war es. Dann wurden Familien gesucht, alle möglichen Verzeichnisse angefertigt. In den Zeitungen "Dziennik Polski" (Polnisches Tageblatt) und "Dziennik Żołnierza" (Soldatentageblatt) wurden die Namenlisten der Gefangenen aus Oberlangen über mehrere Tage abgedruckt. Die Großmutter meiner Mutter fand unsere Namen auf so einer Liste. Mein Mann dagegen traf vor einer Kirche in Maczkow einen Offizier, mit dessen Sohn er früher Bridge gespielt hatte. Die Fragen der Suche nach Personen, des Erzählens über das Geschehene waren sehr aktuell. Die Soldaten aus der Panzerdivision wollten sehr, daß wir ihnen die Stadtkämpfe, ihren Verlauf genau beschreiben, da ihnen das alles vollkommen unbekannt war.
     Ich selbst war ganz kurz in Niederlangen. Meine Schwester und ihre befreundete Mädchengruppe besorgten sich eine Zuweisung zum 9. Regiment der Flandernschützen dadurch, daß ein Cousin eines der Mädchen dort ein Offizier war und von der Division Mädchen vor allem zur Arbeit in den Klubräumen gesucht wurden. Es bestand praktisch bei jedem Bataillon so ein Klubraum, in dem Mädchen eingesetzt wurden. Später wurden diese Mädchen in dem regulären Frauenbataillon bei der ersten Panzerdivision eingesetzt. Damals kam unsere Mutter per Anhalter in unser Lager. Das war auch eine interessante Geschichte. In dem Gefangenenlager in Dessel befand sich nämlich ein Geistlicher der evangelischen-reformierten Konfession. Das war ein einfallsreicher und tatkräftiger Mensch. Als die Amerikaner dort einmarschierten, begann er mit seinem Adjutanten die einzelnen Lager per Anhalter zu besuchen und sehr oft war er der erste Geistliche, der berechtigt war, einen Gottesdienst abzuhalten. Da er aus dem Briefwechsel schon wußte, daß  sich unsere Mutter dort befand, besuchte er auf seinem Weg das Lager in Dessel und erzählte ein wenig, wie es in unserem Lager war. Im Frauenlager hielt er ein Gottesdienst und meldete sich gleichzeitig beim Chef der Seelsorge der ersten Panzerdivision, bei dem Dekan, Oberst Franciszek Tomaszak. Es war ein sehr ökumenisch eingestellter Mensch. Er half sehr unserem Geistlichen und sagte, wenn irgendwann irgendwelche Hilfe gebraucht würde, so sei er immer bereit sie zu leisten. Als er erfuhr, daß meine Mutter gefunden worden war und daß wir im Lager waren, bat er, gerade dieser Pfarrer und Oberst, als es möglich war, Frauen zur Arbeit in der Panzerdivision anzuwerben, meine Mutter und mich, wir sollten uns zur Arbeit bei der Seelsorge melden. Ich besitze so eine, von ihm ausgestellte Urkunde, daß ich berechtigt bin, die Feldpost, die für die Seelsorge bestimmt war, in Empfang zu nehmen.

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