Info über das Projekt  |  Info über Projektteilnehmer  |  Aktuell  |  Sponsoren  |  Kontakt  | 
         

search Suche
 

Bericht von Aleksandra Diermajer-Sękowska


foto

Kamen Sie dann nach Warschau?
    
Ach nein, zu der Tante in Sopot. Hier (in Warschau) gab es keinen Anhaltspunkt für die Rückkehr.
Heißt das, daß Sie zuerst in Sopot wohnten?
    
Ja und nachher wohnten wir zu dritt mit meinem Stiefvater in Mikolowice bei Warschau. Mein Mann kam im Mai zurück. Er arbeitete schon als Busfahrer und begann zu studieren. Wir mußten unsere Abiturzeugnisse nostrifizieren. Im meinem Studienbuch war die Immatrikulation bedingt, denn ich mußte eine Lateinprüfung ablegen. Ich absolvierte eine mathematisch - naturwissenschaftliche Oberschule und wollte an einer Fakultät für Humanwissenschaften studieren. Ich mußte die Fächer Latein und Gegenwart Polens ergänzen und Prüfungen ablegen. Im Ministerium für Volksbildung wurden unsere Angelegenheiten freundlich behandelt. Mein Mann durfte ohne Aufnahmeprüfung studieren, ich legte diese Prüfungen ab.
Und wann war die Hochzeit?
    
Wir heirateten im Jahre 1948, nach meiner Rückkehr nach Polen. Die ersten Studienjahre waren schwer. Nach der Geburt meines Kindes gab ich das Studium auf.
     Wir wohnten in Komorow  und die tagtäglichen Fahrten nach Warschau nahmen viel Zeit in Anspruch. Ich hatte ein kleines Kind und das Lernen machte mir größere Mühe.
Sagen Sie mir bitte noch, wie sich die Erlebnisse im Warschauer Aufstand und nachher in den Lagern auf Ihre Psyche ausgewirkt haben?
    
Die gleiche Frage stellte mir vor kurzem ein Geistlicher aus der Schweiz und noch früher wurde ich danach am 50-sten Jahrestag der Warschauer Aufstandes gefragt, als es in meinem kirchlichen Wirkungskreis eine  lebhafte Diskussion über den Haß auf die Deutschen gab.
     Ich war in der glücklichen Lage, daß ich im Jahre 1964 in der Kirche zu arbeiten begann. Es kamen sehr viele Gäste aus der DDR und aus der BRD, so daß ich mit vielen Deutschen zusammentraf, aber es waren Menschen, die in der Kirche arbeiteten bzw. wirkten. Das waren ehrliche Menschen, die sich bemüht hatte, ihre Kriegsbeteiligung möglich gering zu halten und die wegen ihres Wehrmachtsdienst sehr gelitten hatten.
     Es wurden Freundschaften geschlossen, hier, in dieser Wohnung, wurde sehr viel Alkohol zusammen getrunken. Die Vorurteile wurden schnell über Bord geworfen, aber ich hatte auch günstige Bedingungen dazu. Die Deutschen aus der BRD waren offen und aufrichtig und das gefiel uns hier sehr. Dagegen ist es bei meiner Schwester, die im Westen geblieben war, anders. Es ist bemerkenswert, daß die im Westen gebliebenen  Menschen bis heute an dem selben Punkt ihres Hasses auf die Deutschen verharren. Der Haß blieb unverändert, genauso, wie er nach dem Krieg aussah, und zum Schluß die Ursache ihrer Emigration wurde.
     Die ersten Besuche auf dem Soldatenfriedhof riefen Unbehagen und folgende Gedanken und Gefühle hervor: wenn hier so viele Menschen begraben wurden und ich lebe, bedeutet das vielleicht, daß ich irgendwo meine Kräfte zu sehr gespart hatte oder meine Pflichten nicht erfüllt habe?
Waren es Gewissensbisse?
    
Ja, gewiß ja. Nachher diskutierten wir darüber in den kirchlichen Kreisen und kamen zu dem Schluß, daß die Antwort auf die Frage einfach ist. Man hat deshalb überlebt, um in diesem Leben noch etwas zu vollbringen, dieses zu bezeugen und jenes für andere Menschen zu machen.
Ja und für das Andenken an die Gefallenen sorgen und ein Zeugnis der Geschichte geben.
    
Das stimmt. Und gerade deshalb hielt ich am 50. Jahrestag des Warschauer Aufstandes eine Predigt in der evangelisch - augsburgischen Garnisonskirche. Es gab zwei Predigten, meine und die des Bischofs Dembowski, den ich aus unterschiedlichen ökumenischen Tätigkeiten kannte. Der Priester Dembowski erzählte davon, wie er als junger Mann Holz hackte und wenn er mit der Axt in das Holz haute, so stellte er sich vor, daß er die Deutschen tötete und durch das Holzhacken ließ er seinen Zorn auf die Deutschen aus.
     Gerade so stellte er seine Erinnerungen in der Predigt dar.
     Bis heute arbeite ich über Geschichte meiner Umwelt. Sowohl das, was durch meine evangelisch-augsburgische Kirche herausgegeben wurde wie auch alles das, was außerhalb der Kirche erschienen ist, ist eine Erfüllung der Pflichten gegenüber denjenigen, die dies nicht mehr tun konnten. Die Bedeutung dieser Erlebnisse ist sehr groß.
     Der Eintritt in das Leben der Erwachsenen war für mich sehr schwer, da mir die Periode der Jugendzeit fehlte.
      Ich wuchs ohne Vater auf, dann hatte ich sehr kurz einen Stiefvater.
Unter den Bedingungen des Krieges wurden sie sehr schnell reif.
    
Ja, wenn es um Geschick geht, wenn guter Rat gebraucht wir, wenn Sicherungen mit Draht zu reparieren oder andere ähnliche Dinge zu erledigen sind, dann bitte sehr, stehe ich zur Verfügung. Der Weg zum Erwachsensein verlief eigenartig und gewisse Dinge fehlten mir sehr. Das merke ich sicher bis heute. Ob meine Kinder es merkten, weiß ich nicht. Mein älterer Sohn sagte, daß er zu schnell nach dem Krieg geboren wurde, denn alle unsere Erlebnisse waren noch lebendig in uns, wir erreichten noch keine innere Ruhe.
Hielten solche inneren Unruhen lange an, die mit dem Streß der Nachkriegszeit zusammenhingen?
    
Ja, wir wurden als "die bespuckten Wichte des Rückschrittes" angesehen. Von Anfang an war ich die Sekretärin meines Mannes, als wir über Chemie zu schreiben begannen, und danach arbeitete ich in der Kirche, so daß ich in der Arbeit keine Kontakte mit der Parteiführung hatte. Verhaftungen unter den mir nahe stehenden Personen gab es dagegen die ganze Zeit.
Ging diese Hölle weiter?
    
Ja, und folglich schlossen wir uns der Tätigkeit von KOR (Komitee für Verteidigung der Arbeiter) an. Wir wirkten im zweiten bzw. dritten Umkreis, aber wir hielten diese Arbeit für notwendig und hatten schwerwiegende Konsequenzen zu tragen, besonders mein Mann. In Bezug auf meine Person teilte mir das Amt für Konfessionsfragen, das über meine Tätigkeit sofort informiert war, meinem Bischof mit, daß ich entweder entlassen werden müsse oder der gerade beim Zoll stehende Kopierer nicht herausgegeben wird. Das war das erste Kopiergerät aus dem Westen. Es wurde gesagt, daß die Kirche, die so eine Person beschäftigt, kein Recht hat, so ein Vervielfältigungsgerät zu besitzen. Darauf antwortete mein Bischof "wir wählen Frau Sękowska". Das erfuhr ich erst nach vielen Jahren, denn mein Bischof hielt diesen Vorfall geheim.

 Zurück...


 
Zusätzliche Dokumente
         
 
search Suche
 
   

Copyright © Muzeum Warszawy :: 2007

   
  Das Projekt ist vom Museum der Stadt Warschau in der Zusammenarbeit mit dem Staatsarchiv der Stadt Warschau und der deutschen Stiftung niederschsischen Gedenkstätten realiziert