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Bericht von Andrzej Gracjan Flaszczyński


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  HISTORISCHES MUSEUM DER HAUPTSTADT WARSCHAU

Bericht von Andrzej Gracjan Flaszczyński,
Betreff: seine Vertreibung aus Warschau und sein Schicksal nach dem Warschauer Aufstand

     Ich heiße Andrzej Gracjan Flaszczyński. Ich bin am 18. Dezember 1930 in Warschau geboren. Ich wohnte an der Ecke der Straßen: Poznańska und Wilcza, meine Adresse war: Poznańska Straße 5/7. Ich wohnte dort mit meiner Mutter, da mein Vater im September 1939 zum Militärdienst einberufen worden war und  wir wussten nicht, was mit ihm passiert war. Danach erfuhr ich, dass er im Jahre 1940 in Katyń starb.
     Während des Warschauer Aufstandes war ich Meldegänger und Briefträger in der Pfadfinderfeldpost in der Wilcza Straße 41.
     Nach dem 19. September blieb ich zu Hause, was die Folge dessen war, dass meine Mutter dagegen heftig eingegriffen war. Während des Waffenstillstandes, als die Kapitulationsverhandlungen aufgenommen wurden, fing ich an, in dem Stadtteil herumzuspazieren und ich habe noch in Erinnerung, dass ich bis zur Krucza Straße ging, die zu einer Einkaufspassage wurde. Es entstand dort ein kleiner Markt, man konnte dort Ware gegen Ware austauschen oder gegen „młynarki" (Besatzungsgeld) Produkte kaufen. Ich weiß noch, dass dort Menschen standen, die frische Eier verkauften - was eine Sensation  war.
     Nach der Kapitulation der Stadt bemühten wir uns, so spät wie möglich die Stadt zu verlassen. Ich ging mit meiner Familie weg, als die Deutschen kamen - es kann sein, dass es am 5. Oktober war. Ich weiß noch, dass sie auf einer Barrikade, die die Poznańska Straße sperrte, ein Maschinengewehr aufstellten, „alle raus!" schrien und uns aus unseren Wohnungen rausschmissen. Wir gingen über den Platz bei der Technischen Hochschule. Die Straßen wurden von den Deutschen umzingelt und wir wurden in die Richtung des Bahnhofs Zachodni (Westbahnhof) geführt. Dort wurde ein Zug bereitgestellt, in den wir gezwängt und nicht nach Pruszków, weil es dort schon voll war, sondern nach Ursus transportiert wurden. Wir kamen dort am Nachmittag an, wurden in einer Fabrikhalle gesperrt und so verbrachten wir die Nacht - ohne Essen, ohne alles.
     In der leeren Fabrikhalle gab es keine Maschinen mehr, es blieben nur noch ihre Fundamente übrig - dort verbrachten wir die Nacht. Die Selektion fing am nächsten Tag Morgen früh an. Der Tor zur Halle wurde geöffnet und wir wurden aufgefordert, herauszugehen. Dort standen ein paar Deutsche, die mit einer Handbewegung „links - rechts" die Menschen aufteilten. Es stellte sich heraus, dass in eine Richtung die Menschen geschickt wurden, die vom Aussehen zur Arbeit in Deutschland taugten und nach links gingen die Älteren, Jugendlichen, die nicht arbeitstauglich waren. Und es war so, dass meine Mutter wurde in die Richtung zu Zwangsarbeit und der Rest der Familie - ältere Tanten und ich in die andere Richtung geschickt wurden. Danach wurden wir in Kohlenwaggone gezwängt - mit hohen Wänden ohne Dach und in eine unbekannte Richtung transportiert. Die, die sich auskannten und die Richtung einschätzen konnten, sagten, dass wir nach Süden gefahren wurden. Wir dachten, dass sie uns nach Auschwitz fuhren. Die Folge dessen war, dass manche Leute flüchten wollten, aber auf der Treppe standen deutsche Wächter. Im Endeffekt kamen wir in einem Bahnhof Charsznica bei Miechów nicht weit weg von Krakau an. Dort stellte sich heraus, dass die deutschen Wachen aufgelöst worden waren und die Vertreter von RGO (Zentraler Hilferat) informierten uns, dass wir frei waren und schickten uns in eine Marmeladefabrik. Das war ein riesengroßes Gelände. Ich bin mit meiner Familie in eine Halle gelangt, wo Holzflocken zur Verpackung der Marmeladenkisten gelagert wurden. Wir verbrachten dort eine bequeme Nacht, die nur einmal durch einen russischen Luftangriff unterbrochen wurde. Am Morgen bekamen wir jeweils ein Stück Brot und Kaffee. Die Vertreter von RGO führten uns auf einen großen Platz hinaus, wo hundert oder auch mehr Pferdewagen standen. Sie sagten zu uns, wir sollten einsteigen. Die Fuhrleute nahmen jeweils zwei, drei oder vier Personen. Es stellte sich heraus, dass diese Bauern einen Befehl bekommen hatten,  Menschen zu nehmen, in Sicherheit zu bringen, ihnen Unterkunft und Verpflegung zu geben. Ich und meine Familie wurden in ein Dorf Cisie im Kreis Książ Wielki in der Nähe von Miechów mitgenommen. Nach der Ankunft fand ein kleiner „Sklavenmarkt" statt. Die Landwirte kamen und wählten sich diese aus, die noch körperlich gut in Form waren und bei der Arbeit helfen konnten. Ich ging zu einer Landwirtin, deren Sohn zu mir sagte: „Komm zu uns, es wird dir bequem sein und du hilfst uns auf dem Bauernhof". Meine Tanten dagegen wohnten in zwei oder drei Orten. Die Landwirte waren höchst unzufrieden, weil sie schon ältere Personen waren, die nicht mehr arbeiten konnten, und vor allem, die nie im Leben mit der Arbeit auf dem Dorf was zu tun hatten. Trotzdem mussten sie sich um sie kümmern, weil während unseres Aufenthaltes einmal oder zweimal „Jędrusie", d.h. die hiesigen Partisanen dahin kamen und fragten, ob wir gut behandelt wurden. Da die Lebensbedingungen für meine älteren Tanten dort nicht besonders freundlich waren, kontaktierte eine von ihnen - die, deren Ehemann aus Podhale stammte, seine Familie per Post und fuhr dahin mit ihrem Sohn und mit mir zusammen. Wir kamen in ein Dorf Witów bei Zakopane an und dort wohnten wir bis zur so genannten „Befreiung", also bis Ende Januar 1945.
     Meine Mutter hingegen, befand sich in dem Moment, als die oben geschlossenen Waggons verriegelt wurden, unter diesen Personen, die die Entscheidung trafen, unbedingt zu fliehen. Da es die Deutschen offensichtlich eilig hatten und sie weder registrierten, noch ihre Kennkarten mitnahmen, entschieden sich diese zwei, drei oder vier Personen, die der Meinung waren, viel Geld zu haben, die Eisenbahner und die deutschen Wächter zu bestechen. Sie stellten auch fest, dass sie das sehr schnell machen mussten, bevor ihnen die Ausweise weggenommen wurden und solange sie noch auf dem Gebiet des General Gouvernements waren. Diese Menschen gaben sehr viel Geld an die Eisenbahner und die Deutschen, rissen ein Brett aus dem Boden heraus und flohen. Andere Häftlinge versuchten am Anfang dagegen zu protestieren, weil sie fürchteten, dafür erschossen zu werden, aber sie wurden überredet und flohen auch mit. Später schafte meine Mutter, nach Kraków zu gelangen. Dort fand sie eine RGO-Informationsstelle,  an der sich alle registrierten. Dort erfuhr sie, dass wir in Podhale wohnten und sie kam zu uns.
     Ich kann mich noch daran erinnern, dass man Zakopane nicht verlassen konnte, weil alle Brücken auf dem Bahnweg nach Chabówka zerstört waren. Wahrscheinlich war das Juni 1945, als uns die Familien mit Pferdewagen zu einer zerstörten Brücke nach Chabówka fuhr. Von dort aus fuhren wir nach Krakau und dann kamen wir nach Warschau zurück.

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