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Bericht von Zbigniew Badowski


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  Der Aufstand 1944 und der Exodus

Schon seit einigen Nächten konnte man im Juli 1944 in Warschau einen von weitem kommenden Widerhall der Kanonade hören. Die Menschen auf dem Hof sagten: „Da kommen die Russen...", aber für mich: einen Jungen, der gerade in die sechste Klasse gehen sollte, hieß es nur, dass ich dieses Jahr in die Ferien nicht fahren würde. Und es war ein sonniger und wunderschöner Sommer. Eines Tages spielte ich wie immer mit anderen Kindern im Hof eines Mietshauses. Am Nachmittag konnte man Schüsse hören, daher erlaubte mir meine Oma nicht, auf die Straße zu gehen.
Plötzlich liefen einige Männer in den Hof hinein, sie schrien: „Der Aufstand! Der Aufstand ist aufgebrochen! Leute! Der Aufstand!" Aus den geöffneten Fenstern lehnten sich die Gesichter der Einwohner aus. Es wurde laut, die Menschen gingen erst in den Hof, dann auf die Straße heraus. Selbstverständlich lief ich auch dahin. Manche weinten, es waren Ausrufe der Freude zu hören. Plötzlich wurden zwei weiß-rote Fahnen gefunden, die über dem Tor von unserem Hausmeister gehängt wurden, der einen grauen Schnürbart wie Piłsudski hatte und immer eine alte typische Männermütze trug. Bald wurde die ganze Sienna Straße mit Fahnen geschmückt und die aufgeregten Menschen gingen schnell vor die Häuser heraus und informierten sich gegenseitig über Neuigkeiten. Durch die Menschenmenge gingen einige Männer, sie hatten Zivilkleidung an und weiß-rote Armbinden auf den Ärmeln. Einer von ihnen trug ein Gewehr. Sie gingen in die Richtung des Kazimierz Wielki Platzes [Platz des Kasimir des Großen]. Die Menschen machten ihnen freundlich Platz, einige jungen Menschen folgten ihnen, eine ältere Frau machte ein Kreuzzeichen. So fing es an.

Während des Aufstands war ich nur mit meiner Mutter: Halina und meiner Oma: Paulina Płocharz, geboren Miklińska. Wir wohnten in der Sienna Straße 82 in der Wohnung Nummer 12. Mein Vater Zygmunt, da er vor dem Krieg eine Ausbildung als Segelflugzeugpilot und Fahrer gemacht hatte, wurde 1939 zum Militärdienst, zur Flugabteilung einberufen. Eine Nacht danach, als Warschau kapituliert hatte, flohen er und sein Kollege mit einem Sportflugzeug RWD-7 nach Rumänien; davon erfuhren wir aber erst danach. Mein Opa Kazimierz Płocharz, war mit einem Orden und dem Kreuz des Hl. Georg für die Verteidigung des Artur Hafens ausgezeichneter Veteran des russisch-japanischen Krieges. Während einer Razzia auf einem Markt in der Polna Straße schlugen ihn die Deutschen - obwohl er damals ein alter, kranker Mann war -  mehrmals mit Gewehrkolben so stark, dass er infolge innerer Verletzungen in dem Przemienienie Pańskie Krankenhaus in Praga in Juni 1944 starb.

Während des Aufstandes wurde das Haus, in dem wir wohnten, nicht zerstört bis zu dem Tag, an dem wir es nach der Kapitulation verließen. Unsere Wohnung lag im Erdgeschoß, die Fenster gingen in den Hof, deswegen übernachteten bei uns Flüchtlinge aus den Häusern, die von den Deutschen schon eingenommen wurden; während zahlreichen nächtlichen Luftangriffen oder starkes Beschusses u.a. durch „die Kühe" kamen auch die Einwohner aus höheren Stockwerken unseres Hauses.

Wir hungerten und hatten die ganze Zeit Angst. Es gab kein Wasser. Als  es noch gefährlicher wurde, brachte mich meine Mutter in den Keller, aber ich  - als 11-jähriger - lief immer in einen Posten der Aufständischen, der sich bei der Barrikade in der Towarowa Straße Ecke Srebrna Straße befand und in die Bormann Fabrik, wo mein Cousin Władysław Barański kämpfte, die sich wiederum in der Towarowa Straße in der Nähe von Pańska Straße befand. Ich ging auch Wasser holen, als die Wasserleitungen nicht mehr funktionierten. In der Sienna Straße in der Nähe des Kazimierz Platzes gab es ein Haus, das bis zum Erdgeschoß zerstört wurde. Im Hof dieses Hauses gab es eine Pumpe eines Tiefbrunnens, zu der immer lange Warteschlangen anstanden. Auf die Menschen mit Wasserbehältern wurde aus den Flugzeugen und Granatwerfern geschossen. Nach der Explosion liefen die Menschen auseinander, es gab Verletzte, sogar Tote - aber die Notwendigkeit, an das unentbehrliche Wasser zu kommen, war wichtiger, und die Warteschlange formte sich wieder... Auf zwei ursprünglich mit Rasen bedeckten kleinen Platzen vor der Markthalle in dem Kazimierz Platz (sie war der Markthalle Mirowska ähnlich), dort, wo heutzutage sich Parkplätze vor „Dom Słowa Polskiego" befinden, wurden bald sehr viele hölzerne Kreuze aufgestellt. Die Markthalle, von den Deutschen bombardiert, brannte zwei Tage und Nächte lang. Von dem Feuer, das die drin stehenden hölzernen Stände verbrannte, stürzten das Eisentragwerk des Daches und einige Wände ein. Erhalten blieb nur die Hallenfassade von der Sienna Straße - mit einem Bildnis Jesu Christi, der mit offenem Herzen und nach unten ausgestreckten Armen so aussah, als ob er all die dort begrabenen Menschen, deren Namen öfters unbekannt blieben, umarmen wollte...

Das größte Erlebnis während des Aufstandes war für mich die Explosion eines großen Artilleriegeschosses, das in die hohe Wand eines Nachbarhauses traf - so stark, dass aus dem Dach eines kleineren Hauses Blech abgerissen wurde. Es fiel von der Höhe des vierten Stock in den Hof hinunter mit riesigem Knall, Ziegelsteine- und Scheibensplittern und der Dunkelheit, die hereinbrach. Wir waren in der Wohnung im Erdgeschoß fast am Ersticken und wir dachten, wir wurden zugeschüttet.

Das zweite Erlebnis, das in meiner Erinnerung blieb, war der Tod eines mir unbekannten AK-Aufständischen in der Barrikade in der Sienna Straße Ecke Żelazna Straße. Die Barrikade war unter anderem aus großen Gehwegplatten gebaut, die von der Straße abgerissen und zu einer ca. ein Meter hohen Mauer gelegt worden waren, die quer über die Żelazna Straße stand. Für so einen Jungen wie mich war es kein Problem, auf die andere Seite zu gehen, aber für einen erwachsenen Mann, der eine Waffe hatte oder etwas trug, bereiteten diese 15 Meter über die Straße viele Schwierigkeiten. Es passierte im September, als die deutsche Offensive von der Richtung der Leszno Straße startete und entlang der Żelazna Straße ging. Es gelang mir, mich aus dem Keller herauszuschleichen; ich sprang auf die Straße hinaus mit der Absicht, einen Schulfreund zu besuchen, der in einem nahe liegenden Haus wohnte. Dann sah ich einige bewaffnete Aufständische, die in die Richtung Barrikade gingen. Ich lief hinter ihnen, um zu sehen, welche Waffen sie hatten. Einer von ihnen, der ein Mauser-Gewehr hatte, fing an, leicht gebeugt entlang dieser Mauer zu gehen. Ich ging hinter ihm... An einem Moment hielt er an und schaute in die Richtung Aleje Jerozolimskie. Ich hörte einen Knall und etwas spritzte in mein Gesicht. Ich fiel auf das Pflaster um und fing an, meine Augen zu reiben. Der Aufständische vor mir lag auf der Seite, aus seinem Kopf rinn Blut. Ich lief zurück, war mit Blut beschmiert. Die Menschen, die auf der Straße standen, hielten mich auf, aber als sie sahen, dass ich nicht verletzt war, liefen sie dahin, um den dort liegenden Aufständischen von der Barrikade weg zu ziehen. Es stellte sich heraus, dass er tot war. Seine Freunde trugen ihn also in die Richtung Kazimierz Platz. Bei der Barrikade blieb seine Mütze. Ohne zu überlegen, holte ich sie. Sie war zerrissen und mit Blut beschmiert. Aber der Adler blieb erhalten. Ich nahm ihn mit. Er war mein größter Schatz, den ich aus Warschau mitgenommen habe.

Ich kann mich noch an eins erinnern: auf der Seite der Sienna Straße, dort wo die Häuser mit ungeraden Nummern standen, wurde unserem Haus gegenüber in zwei Zimmer, zwischen denen die Wand abgerissen wurde, eine Kapelle aufgerichtet. Jeden Abend kamen dahin die Einwohner der Gegend zum Beten. Meine Mutter und meine Oma waren auch oft dabei. An dem Tag, als der junge Aufständische ums Leben kam, war das Gebet sehr lange und sehr traurig.

Einmal ging ich sogar bis zur Ceglana Straße, wo die Brauerei Haberbusch & Schiele stand. Ich hatte eine Blechdose und bekam ein bisschen Melasse (Malz zum Bierproduzieren) und Gerstenkorn, das ich in meinem Hemd nach Hause brachte. Meine Oma mahl sie in einer Kaffemühle und buk leckere Fladen.

Meine Oma pflegte noch vor dem Krieg, die Reste von Brot und Brötchen zu trocknen. Bis zum Aufstand hatte sie schon einen ganzen Sack davon. Während der Besatzung sammelte sie auch die Reste des Brotes, das wir über Lebensmittelkarten zugeteilt bekamen. Das Brot wurde aus unterschiedlichem Getreide gebacken, mit Spelzen, wir hatten einen Verdacht, dass auch Sägemehl mit drin war. Diese Zwieback, als Suppe „mit etwas" gekocht, wurde zu unserem Hauptessen während des Aufstandes.

An einem Morgen ging ich auf die Sienna Straße hinaus und sah dort ein totes graues Pferd liegen. Die Menschen schnitten mit Messern sein Fleisch vom Rücken und Schenkel heraus. Ich hatte auch ein kleines Taschenmesser und obwohl ich es ekelhaft fand, schnitt ich auch mit Mühe ein Stück Fleisch heraus und brachte mit Stolz zu meiner Oma, die damit unsere Brotsuppe kochte. Am nächsten Tag war das Pferd schon ganz weg...

In der Złota Straße wohnte mein anderer Schulfreund. Als ich ihn besuchen wollte, musste ich durch eine schmale Unterführung unter der

Żelazna Straße neben der Złota Straße gehen. Die Unterführung begann und endete in gegenüber liegenden Toren. Sie wurde von den Ordnungsmännern überwacht, die die Menschen mal in eine mal in die andere Richtung gehen ließen. In der Złota Straße, Ecke Żelazna Straße gab es einen riesigen Bombentrichter, der die ganze Straßenbreite nahm. Als ich vorbei ging, sah ich, dass aus einem zerstörten Geschäft Menschen unterschiedliche Sachen herausbrachten. Ich lief auch dahin. Die Regale waren aber schon leer. Auf dem Boden fand ich noch unter dem Müll einige Verpackungen Kopfschmerztabletten „Mit dem Hahn", eine runde Verpackung Tabletten „Reformackie mit dem Mönch", von denen man sagte, dass sie die Verdauung regeln, ohne dass man dazwischen aufwacht, und... drei Verpackungen „Olla Gum" [Kondome]. Ich brachte alles nach Hause. Leider wurden all diese „Ausgrabungen" von meiner Mutter beschlagnahmt...

Witold, Kasia und Basia Czostakiewicz, die meine Bruder und Schwester väterlicherseits waren, kämpften in der Einheit „Parasol". Krysia war eine Sanitäterin, und Basia eine Meldegängerin. Dank dieser Zuteilung konnte sie uns einige Male besuchen, brachte was zum Essen und brachte mir das Lied „Pałacyk Michla" bei. Unsere Cousine, „Tante" Jadwiga (an ihren Namen kann ich mich nicht mehr erinnern), die während der Besatzung in der „Dzwonkowa" Fabrik in Grochów arbeitete, war Meldegängerin in dem AK-Befehlsstab, der sich in den Kellern von „Adria" befand. Dort, wie wir später erfuhren, wurde nach der drei Tage dauernden Suche ihre Leiche gefunden.

Schon nach dem Krieg erfuhren wir auch, dass Basia während des Aufstands umgekommen war; ihre Leiche wurde nie gefunden. Witold verlor während des Kampfes um Starówka [die Altstadt] den linken Arm und wurde mit dem Krankenhaus außerhalb von Warschau evakuiert. Kasia verließ Warschau mit den Aufständischen zusammen, sie war in einem Lager und nach der Kapitulation fuhr sie in die Schweiz. Sie wurde dort zur Gründerin einer polnischen Pfadfindereinheit. Dann holte sie ihre Mutter und ihren Bruder zu sich in die Schweiz.

In den Septembernächten konnte man über Warschau keine Sterne sehen. Der Himmel wurde vom Rauch und von roten Flammen der rund herum brennenden Häuser bedeckt. Mehrmals am Spätabend und in der Nacht wurde dieser Rauch durch weiße Lichter der starken Scheinwerfer geschnitten, die über den Himmel  fegten und die Nacht wurde laut von heftigen Flugabwehrkanonaden.

An die Luftangriffe waren wir gewöhnt. Jeder nahm das Bündel mit seinen persönlichen Sachen und floh in den Keller, in dem nach stärkeren Bombenexplosionen die Erde bebte und der Putz von dem Dach auf die Köpfe der vor Angst zusammengekauerten Menschen abfiel.

Aber diese Nacht war anders. Anstatt von Bomben blühten über der Stadt bunte Fallschirme auf, die von unten mit Scheinwerfer beleuchtet wurden. Es war ein traumhaftes Bild. Die Menschen liefen trotz starken Beschusses auf die Straße hinaus und riefen „Luftlandung! Die Alliierten sind da!" Aber das waren nur Behälter mit Militärausrüstung. Einer fiel in unseren Hof. Da kamen sofort die Aufständischen aus nahe liegenden Posten angelaufen und sie stritten um die Waffen während der Einteilung. Den schönen Fallschirm schnitten die Einwohner schnell auseinander und nahmen die Stoffstücke mit. Eine Zeitlang blieb auf dem Hof nur der leere Behälter, in dem wir „U-Boot" spielten. Danach verschwand er auch.

Solange noch das Kraftwerk funktionierte, hörten abends meine Mutter und Oma Nachrichten aus London. Das Radio von Philips lag die ganze Besatzungszeit lang im Keller unter der Kohle versteckt und jetzt gruben sie es aus. Für die Sendung kamen zu uns eine Menge Menschen, sie mussten manchmal sogar im Flur stehen. Nach der Sendung und der Hymne „z dymem pożarów..." [Im Rauch der Brandstätten] trösteten sich alle gegenseitig. Später, als wir keinen Strom mehr hatten, blieben uns nur die Flugblätter. Zu meinen Pflichten gehörte dann, vereinzelnte Exemplare von „Biuletyn Informacyjny" [Informationsbulletin] und „Robotnik" [Der Arbeiter] in den Kellern unseres Hauses auszutragen. Die Flugblätter wurden von den Meldegängern mitgebracht und sie wurden eifrig von den Einwohnern geschnappt, die ungeduldig auf jede Nachricht warteten. Manche von ihnen, insbesondere ältere Personen, konnten bei der Beleuchtung von Kerzen oder kleinen qualmenden Öllampen nur schlecht sehen, oder sie hatten keine Brille - sie baten mich dann, ihnen vorzulesen. Also las ich ihnen öfters diese - meistens traurigen, aber auch die Hoffnung weckenden - Nachrichten vor.

In den letzten Septembertagen kam zu uns langsam, der Żelazna Straße entlang, die deutsche Offensive. Immer mehr Flüchtlinge kamen, die sich auf der Flucht vor den Deutschen befanden. Sie saßen schmutzig und hungrig in unserem Keller und in Treppenhäusern - vor allem Frauen mit kleinen Kindern. Meine Oma ließ einige dieser Mütter in unsere Wohnung herein - sie konnten dort kochen und ihre weinenden Kinder hinlegen. Es wurde sehr eng, in der Nacht konnte man nicht mehr auf die Toilette gehen, weil die Menschen dicht auf dem Fußboden lagen und es dunkel war. Am Anfang gab es noch elektrische Beleuchtung, aber später, konnten wir die Räume leider nur mit Kerzenstummeln und Öllampen beleuchten, bis es sie auch nicht mehr gab.

Das ganze Öl, Benzin und Petroleum sammelten die Aufständischen. Sie machten daraus Zündflaschen im Hof: an eine gefüllte Flasche wurde am Korken ein Stoffstreifen befestigt. Er brannte, weil er in Benzin getränkt wurde. Als die Flasche zerbrach, ging ihr ganzer Inhalt von dem Docht in Flammen. Mit solchen Flaschen wurde ein „Tygrys" [„der Tiger" - so wurden die deutschen Panzer genannt] in Flammen gesetzt, der über die Barrikade in der Żelazna Straße, Ecke Prosta Straße auf die Straße bei einer Tankstelle hineindrängte, obwohl aus dem Pflaster die dort eingesetzten, geschnittenen Straßenbahnschienen herausragten. Der Panzer fuhr und schoss gleichzeitig, an der Żelazna und Pańska Straße vorbei; er war nicht weit weg von unserem Haus. Es knallte schrecklich, es wurde geschossen und die Menschen flüchteten, so schnell sie konnten.

In unserem Haus, so wie auch überall gab es eine Flugabwehreinheit, die aus älteren Männern bestand, die die Brände nach den Explosionen der Zündbomben löschten - es war lebensgefährlich, denn sie gingen öfters an Dächer und Dachböden. Und eben diese ganz gewöhnlichen Zivilisten - unter ihnen ein älterer Mann mit einer Straßenbahnmütze - konnten den angreifenden Panzer in Flammen setzen, indem sie ihn mit Flaschen aus den Fenstern aus dem ersten und zweiten Stockwerk des Hauses in der Żelazna Straße bewarfen. Zu dem in Flammen stehenden Panzer fuhr ein anderer und mithilfe der Soldaten transportierte er ihn in die Richtung Leszno ab. Der Angriff wurde aber gestoppt. Den Straßenbahnmitarbeiter feierten alle als einen Helden, der uns gerettet hatte.

Das waren die letzten Tage, an denen noch gekämpft wurde...

Bald danach erfuhren wir über die Kapitulation. Die Schusse hörten auf. Es herrschte Stille, die in diesem Ort dermaßen ungewöhnlich war, dass wir uns so fühlten, als ob was fehlte. Nur der Brandgeruch der in Flammen stehenden Häuser und der nächtliche Feuerschein erinnerten uns an die schrecklichen Momente. Die Einwohner unseres Hauses und zufällige Flüchtlinge, die sich dort aufhielten, fingen an - nachdem man die Zwangsevakuierung verkündet wurde - die zerstörte Stadt langsam zu verlassen.

Wir blieben in dem Haus in der Sienna Straße 82 bis zum 8. Oktober, weil meine Mutter und meine Oma Angst hatten, „in Ungewisse" zu gehen.

Am Vormittag dieses Tages liefen in den Hof schwarz gekleidete Wlasow-Soldaten hinein und fingen an zu schreien: ,,Piat' minut, wsie won! Uchadzi! Won! Won!" [„Fünf Minuten, alle raus! Heraus! Raus! Raus!]. Außer uns gab es dort noch einige Personen, die vor der Verbannung ebenfalls Angst hatten. Sie liefen auf den Hof hinaus und baten, die Zeit zu verlängern, sie zeigten auf kleine Kinder usw. Es war aber zwecklos. Die Ukrainer begannen, das Haus in Flammen zu setzen, indem sie auf höhere Stockwerke mit Flammenwerfer schossen. Die vereinzelnten Einwohner verließen den Hof in Panik, sie griffen unterwegs danach, was sie gerade zur Hand hatten.

Meine Oma hatte schon zwei Tage zuvor aus einer Tagesdecke zwei Säcke genäht. Man konnte sie verschließen, in dem man sie oben zusammenschnürte. Die Enden der Schnüre wurden an untere Ecken des Sackes befestigt. Dort packten meine Mutter und meine Oma einige Sachen ein und so, wie wir standen, flohen wir aus dem Haus, das schon in Flammen stand. Ich hatte auch mein „Gepäck": einen kleinen Wachstuchkoffer, in dem ich außer kleinen Tüten mit Graupen, einer kleinen Menge Zucker und Brotkruste, alle meinen Schätze trug: zwei kleine deutsche Soldaten aus irgendwelchem Stoff, kleine Bilder von Staatsfahnen, Stadtwappen und der deutschen Kolonien[1], die ich sammelte. Ich nahm auch Kartenspiel „Schwarzer Peter", Taschenmesser, Kamm, kleinen Spiegel und eine winzig kleine Figur des Hl. Antonius in einem Messingetui, die ich von meiner Oma geschenkt bekommen hatte, damit sie mich schützte. Den kleinen Adler versteckte ich in die Tasche meiner kurzen Hose, die ich anhatte. Ich führte auch einen Welpen - einen kleinen Schäferhund an der Leine, der zu uns nach der Kapitulation zugelaufen war, und den ich dort nicht allein lassen wollte.

In der Menge Vertriebenen gingen wir langsam durch die mit Trümmern zugeschütteten Straßen: Żelazna Straße bis zu Aleje Jerozolimskie in die Richtung Dworzec Zachodni [Westbahnhof]. Dort wurden die Straßen schon sauber gemacht. Auf den Gehwegen standen Menschenreihen und in der Mitte gingen unendlich lange Mengen von Menschen, die entweder mit Bündeln beladen waren oder Kinderwagen vor sich schoben. Plötzlich hörte ich, dass aus der Menschenmenge, die entlang unserer Exodus-Straße stand, jemand meinen Namen rief. Ich drehte mich um. Das war ein Mädchen, Mirka - ein Jahr jünger als ich. Während der letzten Tage des Aufstands übernachtete sie bei uns mit ihrer Mutter ein paar Mal. Sie verließen unser Haus ein Tag vor uns. Ich freute mich, sie zu sehen, wollte zu ihr gehen, aber meine Mutter packte mich am Arm, weil sie Angst hatte, dass wir uns in dieser Menge nicht mehr finden würden. Wir winkten uns gegenseitig zu und ich traf sie nie mehr wieder.

In dem Westbahnhof standen Zugwaggone dritter Klasse, in die wir mit unseren Bündeln von deutschen Soldaten und irgendwelchen Zivilisten hineingezwängt wurden. Alle Wagen und Pakete, die ihrer Meinung nach zu viel Platz nehmen würden, wurden mit Gewalt weg genommen, und wenn jemand zu stark dagegen protestierte, wurde er mit Knüppel oder sogar mit Gewehrkolben geschlagen und er wurde so zum Schweigen gebracht.

In solchem Gedränge, begleitet durch Weinen und Klagen, fuhren wir nach Pruszków. Dort standen vor dem Zug die Gendarmen im Spalier. Wir bekamen Befehle und Schreie zu hören: „Raus!" und „Schnell!", die sich mit Schimpfwörter vermischten. Die Menschen sprangen schnell aus den Wagonen auf den Boden - es gab nämlich keine Bahnsteige, sie halfen sich gegenseitig. Mit Schreien getrieben, gingen wir langsam in die Fabrikhallen, unsere Bündel in der Hand. Später erfuhren wir, dass es „Ursus" Hallen waren. Es gab dort schon jede Menge Leute, die dahin früher transportiert worden waren. Manche Zivilisten riefen, man sollte sich hinsetzen und Platz für die machen, die gerade angekommen sind. Dann hörten wir, dass man dort Getreidekaffee und jeweils ein Stück Brot bekommen konnte.

Auf diese Weise verbrachten wir die Nacht: wir saßen auf unseren Bündel irgendwo auf dem Betonboden unter einer Säule. Im Licht der elektrischen Lampen konnten wir die Menge unruhigen Menschen sehen, die ihr Unglück den anderen anvertrauten und nach den verlorenen Familienmitgliedern suchten. An den Wänden und Säulen wurden kleine Zettel gefestigt - entweder mit Bitten um Kontakt oder mit Appell: „Hat jemand gesehen...?", „Weißt jemand vielleicht...?" - mit Fragen nach den Nächsten. Ich lief selbstverständlich mit dem Hund hin und her in der Halle und wurde mehrmals von den aufgeregten Menschen beschimpft. Im Endeffekt hielt mich ein Zivilist an und nahm den Hund weg, indem er mir erklärte, dass er bei mir sowieso sterben würde, weil ich kein Futter für ihn  hatte. Er überzeugte mich, dass der Hund bei ihm besser leben konnte. Das entsprach auch der Wahrheit, denn der Hund winselte schon traurig. Also ich verließ ihn weinend, mit einem Kuss auf die Schnauze. Danach ging ich zu meiner Mutter und meiner Oma zurück, lehnte mich an einem Bündel zurück und weinte leise, bis ich einschlief.

Morgen früh wurden wir durch Schreie geweckt, die uns informierten, dass wir die Halle verlassen sollten. Wir nahmen unsere Sachen zusammen und zur Eile getrieben, gingen wir aus der Halle heraus. Aus den vorigen Reihen konnten wir Schreie der Verzweiflung hören. Wir wussten nicht, was da los war. So gingen wir zu einem Durchgang, der mit einem kleinen Metallzaun abgesperrt war. Dahinter standen fast zwanzig Gendarmen und ein Zivilist, die die Menschen in zwei Richtungen gehen ließen. Ein Gendarm zerrte meine Mutter am Arm, damit sie nach rechts ging, meine Oma und ich sollten nach links gehen. Ich fing an zu weinen, hielt meine Mutter fest, aber sie rissen mich von ihr weg. Die trieben uns auf ein mit dem Zaun abgesperrtes Gelände, aber meine Oma rief mir zu, ich sollte zu meiner Mutter laufen, damit sie nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland abtransportiert wurde. Unter dem Arm eines Gendarmes lief ich also in ihre Richtung, aber die Deutschen, die im Spalier standen, ließen mich nicht durch, ich musste zurückkehren, denn ein großer Schäferhund fing an, auf mich zu bellen und er versuchte mich anzugreifen. Ich schloss mich meiner Oma an, die Tränen liefen mir über die Wangen. Meine Mutter verschwand irgendwo unter den Menschen...

Wir: Kinder und ältere Personen wurden in die Richtung stehender Güterwagen getrieben. Sie standen dort in einer langen Reihe. Es gab keinen Bahnsteig; der Fußboden der Waggone befand sich auf der Höhe von einem Meter, es war also schwierig für uns, einzusteigen. Die einen halfen den anderen hoch, zogen sie an den Händen, brachten das Gepäck hinein - und das alles während wir beschimpft und gestoßen wurden. In den Waggon, in dem ich mich befand, zwängten die Deutschen ca. 50 Menschen mit Gepäck. Es herrschte ein schreckliches Gedränge. Manche Menschen saßen auf ihren Bündeln, manche standen an den Wänden.

Unser Waggon hatte kein Dach, früher war dort Kohle transportiert worden: ein schwarzer Staub, der sich von dem Boden erhob und aus den Wänden herunter fiel, verstreute sich auf alles. Der Nieselregen verwandelte bald diesen Staub in eine Schmiere - wir sahen alle wir Bergbauer nach einer Schicht aus. Ich saß auf dem kleinen Koffer meiner Oma, ich war durchnässt und zitterte vor der Kälte - ich hatte nämlich nur ein Hemd, einen dünnen Pullover, kurze Wildlederhose mit Hosenträgern und Sandalen an.

Die Züge starteten gegen Abend. Wir fuhren, aber niemand wusste, wohin. Morgen früh, als wir auf einem Bahnhof anhielten, bekam meine Oma einen halben Becher Schwarzen Kaffee. Sie wollte den Kaffee süß machen, aber verwechselte die Tüten und gab gemahlene Gerste dazu. Die Gerste schwoll an und man konnte es nicht mehr trinken. Wir aßen nur einige Brotkrusten.

Am schlimmsten war es jedoch, die Notdurft zu verrichten. Ein älterer Mann machte in dem Fußboden ein Loch mit dem Messer, da konnten alle Harn lassen. Aber nicht alles floss heraus, die Pfützen bildeten sich. Es stank. Nur einmal täglich hielt der Zug im Freien an, die Waggone wurden geöffnet und die Menschen herausgelassen. Manchmal hielt der Zug auf einem Eisenbanndamm und es war weit weg zum Boden. Man durfte sich aber nur 4 Meter vom Zug entfernen, andererseits wurde auf uns geschossen. Die Männer versuchten trotzdem jedes Mal zu fliehen, manchen ist es gelungen, manche wurden erschossen.

Ich konnte leider diesen Zyklus nicht aushalten und machte in die Hose. Ich saß so stinkend, von der Kälte erstarrt, ich wollte nichts mehr essen und es schien mir, dass ich bald sterben würde. In diesem Zustand ging es mich nicht an, dass die Menschen weinten, weil wir auf einer Rampe in Oświęcim [Auschwitz] standen. In meiner psychischen Verfassung war Auschwitz nur ein leeres Wort.

Nach einer Zeitlang starteten wir wieder. Einmal rückwärts, einmal vorwärts, einen Tag und eine Nacht lang. Aber das kriegte ich nicht mehr mit. Endlich, an einem Morgen früh hielt der Zug an und wir wurden aufgefordert, auszusteigen. Niemand bewegte sich. In den Waggon sprangen also zwei junge Männer hinein und sie trugen die verzweifelten erstarrten und erschöpfte Menschen hinaus und gaben sie den anderen weiter, die auf dem Bahnsteig standen.

Es war ein kühler, bewölkter Tag. Vor dem Bahnhof standen Wehrmachtsoldaten. Ich hielt meine Oma an der Hand und konnte kaum gehen, weil meine Beine erstarrt waren. Ich schaute auf den Boden. Auf die Soldaten - Verursacher meines Unglücks - versuchte ich nicht zu gucken. Plötzlich hörte ich hinter mir deutsche Worte. Aber sie wurden nicht mit Hass ausgesprochen, sondern mit Mitleid. Ich hob den Kopf hoch und sah über mir das Gesicht eines dicken älteren Soldaten, der mich über den Kopf streichelte und steckte eine Scheibe Brot mit Butter in die Hand. Ich erstarrte, aber gleich spürte ich wieder Hunger und ich fing an dieses frische Brot, das ich seit Monaten nicht gesehen habe, zu beißen, oder eher zu verschlucken. So wie es zu sein schein, gab es auch gute Deutsche...

Auf dem Bahnhof wurden Kaffe und dunkles duftendes Brot verteilt. Die Menschen aßen, fingen an zu sprechen, fragten, wo wir waren und wohin sie uns nehmen sollten. Wir erfuhren, dass es die Ortschaft Mszana Dolna war, und wir sollten in den Dörfern in der Gegend einquartiert werden. Bald kamen zum Bahnhof kleine Fuhrwerke, die durch die Pferde gezogen wurden. Junge Menschen halfen einigen Personen, darunter meiner Oma und mir, in einen dieser Pferdewagen einzusteigen, sie legten auch unseren Bündel und Koffer dahin, und so fuhren wir wieder ins Ungewisse. Wir fuhren ziemlich lange und der Fuhrman, der ein Bergmann war, fragte nach Neuigkeiten aus Warschau und versuchte uns zu trösten, so gut, wie er konnte, in dem er erklärte, dass wir nach Niedźwiedź fuhren, und dass wir es dort gut haben werden...

Endlich, nachdem wir an Erdgeschoßhäusern aus Holz vorbeifuhren, kamen wir an dem Markt in Niedźwiedź an. Dort stand schon eine Gruppe von Menschen, die sich rund um unseren Wagen stellten und uns zu sich einluden. Zu mir kam eine schlanke, energische Frau mit dunklen Haaren und sagte, dass sie eine Tochter in meinem Alter hatte, und dass ich auch bei ihr wohnen könnte. Nach dem Essen im Bahnhof hatte ich wieder Lust zu leben, daher sprang ich aus dem Wagen herunter und wollte mit ihr gehen. Meine Oma hielt mich aber an und sagte, dass sie wissen möchte, wo ich wohnen würde. Es stellte sich heraus, dass ich von einem der reichsten Landwirte aufgenommen wurde. Das war die Familie Mitan, die einen Bauernhof, eine Gaststätte und ein Ziegelhaus im Markt hatte. Meine Oma wurde von einem Bergmann, Herrn Balachowicz, nach Hause genommen. Er hatte eine Herde Schafe und wohnte auf der anderen Seite des Flusses, auf einem Hügel, ca. ein Kilometer weit weg von dem Markt.

So fing mein Aufenthalt in Niedźwiedź an. Nachdem ich gewaschen und umgezogen wurde, bekam ich ein reichliches Abendessen. Danach legte ich mich in der Küche, auf der Hinterseite des Hauses  auf einer Strohmatratze hin und - mit Decken bedeckt - schlief ich nach all diesen schrecklichen Tagen und Nächten ruhig ein.

Mein Leben normalisierte sich langsam. Ich besuchte meine Oma auf dem Hügel, ging in die Grundschule, in der aber nur eine Klasse war. Die Schule befand sich in einer alten, historischen Gaststätte aus Holz, die im Markt stand. Dort waren zwei Stuben und ein Flur dazwischen. In einem Raum lernten jüngere Kinder und in dem anderen lernten wir. Ich saß in der letzten Bank, weil ich die sechste Klasse besuchte, ich war ein guter Schüler, weil ich noch viel aus der Schule in Warschau wusste, in der viel höheres Niveau herrschte. Wir wurden von zwei Frauen unterrichtet - eine von ihnen war die Mutter von Ludmiła Niedbalska, die auch mit den Töchtern aus Warschau vertrieben wurde - und einem jungen Vikar - Priester Walenciak, der für uns sehr gut war und der manchmal Fußball mit uns spielte.

Nach dem Unterricht spielte ich mit dem Hund meiner Gastgeber, einem großen Schäferhund, der mich mochte und mir überall folgte. Er kletterte mit mir sogar auf die Leiter in der Scheune, in der Roggengarben standen. Er konnte aber die Leiter nicht nach unten gehen und sprang von oben auf die Tenne. Dafür kriegte ich aber von Herrn Mitana zu hören, weil er sich dabei Beine brechen konnte. Herr Franciszek sagte mir aber auch, dass ich dahin nicht gehen sollte, weil in diesen Garben Partisanen unterschiedliche Sachen versteckten.

Und tatsächlich: ein paar Mal wachte ich in meiner Küche, die einen separaten Eingang am Hinterhaus hatte, in der Nacht auf und auf meinem Bett lagen Waffen und saßen Partisanen aus den BCH-Einheiten [Bataliony Chłopskie - Bauernbataillone], die in dieser Gegend tätig waren. Ich beeindruckte sie, weil ich mich mit Waffensorten auskannte. Sie fragten mich und ich erzählte ihnen genau - so wie ein Kind es kann - über die Kämpfe der Aufständischen und das tragische Schicksal der Stadt, und einmal sang ich ihnen sogar „Pałacyk Michla" vor, das ich noch im Aufstand von Basia gelernt hatte. Die Partisanen kamen, um den Brandschnaps zu holen, der mein Gastgeber aus dem Roggenmehl machte. Ich half auch dabei: ich gieß ihn aus dem Eimer in die Halbliterflaschen, ich tauschte das Wasser in dem Gefäß mit Spiralen aus und legte Holz in das Feuer unter dem Kessel. Ich kann mich daran erinnern, dass Herr Mitana einmal die gebrauchte Maische in einen Graben im Hof weggeschüttelt hat. Die Schweine, die aus Versehen aus dem Gehege herausgelassen wurden, aßen sie und danach fielen sie nacheinander um, lagen und quiekten. Die Partisanen kamen auch, um Brot zu holen, das sie bei Herrn Kozicki, dem Schwager meines Gastgebers bekamen. Seine Bäckerei stand gleich neben „unserem" Haus. Er buk dort Brot für die Deutschen und die hiesigen Einwohner und in der Nacht - für die Partisanen.

Zwei Söhne von Herrn Kozicki waren meine Freunde. Ich ging mit ihnen in die Schule und spielte am Nachmittag. Sie zeigten mir eine im Gebüsch hinter den Häusern, die am Markt standen ausgegrabene Erdhütte,  in der sich eine Zeitlang Juden versteckt hatten, bevor sie denunziert wurden und von den Deutschen abtransportiert worden waren. Ich fand dort eine Zahnbürste, die ich noch lange behalten habe.

Einmal kam der ältere Bruder zu mir und sagte, ich sollte mit ihm in die Bäckerei gehen, was ich auch selbstverständlich tat. Es stellte sich heraus, dass die Deutschen Weizenmehl brachten, aus dem man Brötchen backen sollte. Weiße Brötchen! Wir saßen zu dritt in einer Ecke, gleich neben dem Ofen und warteten auf diese Leckerbissen. Am Ende bekamen wir von Herrn Kozicki jeweils ein Brötchen: heiß, knusprig, so wie ich sie letztens vor dem Krieg gegessen hatte, als meine Oma aus der Bäckerei „Złoty Róg" gebracht hatte, die sich an der Frontseite der Markthalle in Kazimierz Platz in Warschau befunden hatte...

Eigentlich ging ich in Niedźwiedź herum und konnte - wie die Sängerin Doda Elektroda sagt: „generell" nicht ausschlafen. In der Nacht gab es  Besuch der Partisanen, über die ich mich sehr freute und schon ab 5 Uhr morgens sangen Frau Mitan und eine junge Bergfrau Marysia, die bei ihr arbeitete, wunderschön mit zwei Stimmen das „Godzinki"-Gebet:

           ,,Zacznijcie, wargi nasze, chwalić Pannę Świętą, zacznijcie opowiadać cześć Jej niepojętą...",

müde und schläfrig zog ich die Decken über den Kopf und tat als ob ich noch schlafen würde, aber dann konnte ich wieder hören:

,,...tronie Bogumiły..."

- so sangen die Frauen. Trotz, dass ich zum Religionsunterricht ging, hörte ich dort was weder von Bogumiła noch von ihrem Thron, daher lauschte ich immer interessiert an dem weiteren Text des Gesanges, der mit das erklären könnte. Erst der Vikar erklärte es mir später, dass es zwei Wörter waren, die eigentlich „tronie Bogu miły"[2] lauten sollten.

Eines Tages, als ich im Hof mit meinen Freunden spielte, kam zu mir... mein Opa, der Vater von meinem Papa, der in Zakopane lebte. Ich freute mich „schrecklich", denn ich wer bei ihm mit meiner Mutter im Sommer 1938 gewesen und es waren schon so viele Jahre vergangen, seit wir uns nicht gesehen haben.

Als ich 6 Jahre alt war, war ich mit meinem Opa zum ersten Mal auf Giewont und ich fuhr mit meiner Mutter und mit meinem Opa mit einer Bergbahn auf Kasprowy Wierch und dann gingen wir zu Fuß nach unten über Myślenickie Turnie nach Kuźnice. Dort „fiel" meine Mutter von der Müdigkeit „um" und wir fuhren mit einer Droschke zu dem Opa nach Hause in die Kościeliska Straße zurück. Ich erinnerte mich daran zurück, als ich mit meiner Mutter auf Gubałówka spazierte, als wir uns in Dolina Strążyska sonnten, an „Bären" die mich auf Krupówki jagten, um mir ein Foto zu machen - diese Fotos fand ich in dem Keller unseres Hauses wieder, als ich nach Warschau zurückkehrte.

Ich ging mit meinem Opa, Ludwik Badowski, zu der Oma auf den Hügel. Ich erfuhr, dass sie ihm geschrieben hatte, wo wir waren und nach meiner Mutter gefragt hatte, ob er zufällig nicht wüsste, wo sie war. Es stellte sich heraus, dass er meine Mutter gefunden hatte und dass sie sich in einem Dorf namens Żaby im Kreis Radomsko aufhielt. Es war eine riesige Freude, meine Oma weinte, ich sprang hoch vor Freude und küsste mehrmals meinen Opa. Noch mehr freute ich mich, als ich erfuhr, dass wir zu ihm nach Zakopane fahren und dass wir dort meine Mutter treffen sollten.

So ging der erste Abschnitt meines Aufenthalts in Niedźwiedź zu Ende. Als ich mich von meinen Gastgebern, dem Herrn Mitana und seiner Frau, verabschiedete, bedankte ich mich bei ihnen für den fast zwei Monate langen Aufenthalt  und dafür, dass sie für mich so viel Herz hatten. Ihre Tochter Marysia gab mir als Andenken ein Gruppenfoto von dem Schuljahrende 1944, auf dem sie war. Das Foto wurde vor der Schule auf dem Market gemacht und sie gab es mit, weil sie kein anderes hatte, auf dem sie alleine wäre. Dieses Bild habe ich bis jetzt. Ich verabschiedete mich auch von meinen Freuden und der anderen Marysia, die bei der Familie Mitan unter anderem an der Bar in ihrer Gaststätte arbeitete. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und sprachen sehr viel miteinander. Ich half ihr mehrmals, Bierkrüge abzuspülen oder brachte das Wasser und sie behandelte mich als einen kleinen Bruder oder ein armes Waisenkind, das ich doch damals war. Sie setzte mich auf den Schoß, umarmte und sang verschiedene Lieder, von denen ich mich vor allem an eins erinnern kann:

                                 ,,Siadła mucha na badylu, i strąciła kwiat, czegoś Ty mi, moja Luba, zawiązała świat...".

Damals fehlte es mir sehr an Gefühl, daher mochte ich sie sehr. Wir weinten alle beide, als wir uns verabschiedeten...

Am 5. Dezember gingen ich und meine Oma nach Mszana Dolna zu Fuß. Dann stiegen wir in Chabówka um und am 6. Dezember kamen wir in Zakopane an. Wir zogen zu meinem Opa, der in einem kleinen Haus hinter dem Geschäft in der Kościeliska Straße neben einer alten Kirche wohnte. Meine Mutter kam zu uns am 13. Dezember. Es war eine sehr große Freude, wir lachten und weinten abwechselnd. Sie erzählte, dass sie nach vier Wochen Aufenthalt in Pruszków dort einen Arzt getroffen hatte, der dort bei den Deutschen eingestellt worden war und stellte Vordiagnosen der Krankheiten auf, die danach von einem deutschen Arzt akzeptiert werden mussten. Dieser polnische Arzt, als er noch Student gewesen war, pflegte in „Belgia" zu essen - es war eine Gaststätte, die von meinen Großeltern, den Eltern meiner Mutter geführt worden war. Er erkannte meine Mutter und schrieb die Diagnose auf einem Formular auf, der zur Freilassen diente. Die Diagnose „angina pectoris" wurde auch akzeptiert und meine Mutter fuhr nicht nach Breslau, wo sie ursprünglich abtransportiert werden sollte, sondern sie wurde mit einem Transport in die Region von Radom geschickt. Dort wurden die Einwohner Warschaus in einzelnen Dörfern einquartiert. Sie gelangte in ein Dorf namens Żaby, Gemeinde Dobryszyce, Kreis Radomsko. Sie wohnte am längsten bei den Familien Stefanek und Mokrzyński. Sie freundete sich mit einer anderen Warschauerin an, Frau Cecylia Kozłowska, einer Sängerin der Warschauer Oper. Die beiden trösteten sich gegenseitig, weil sie beide um das Schicksal ihrer Nächsten fürchteten. Abends sang Frau Kozłowska verschiedene Arien und Liebeslieder vor den Warschauern, die sich bei einem oder anderen Wirt trafen.

Aber in Zakopane war unser Leben auch nicht einfach. Mein Opa verdiente seinen Lebensunterhalt als Handwerker für alle Arbeiten, er reparierte alles: Puppen, Regenschirme, Lampen, Fotokameras, Uhren, er machte auch Mäusefällen. Vor dem Krieg hatte er nämlich die Sportgeräteausleihe, aber die Deutschen in der Besatzungszeit nahmen ihm alles weg. Alle Skier, Schuhe, kleine und große Schlitten, Rücksäcke usw. wurden von den Deutschen für ihren Feldzug nach Osten beschlagnahmt.

In dieser Zeit gab es auch Razzien, die Häuser wurden durchsucht, denn viele Warschauer aus den Transporten geflohen waren und versteckten sich in den Dörfern bei Warschau. Jetzt kamen sie nach Zakopane, weil sie dort damals zu Urlaub zu kommen pflegten und sie dachten, dass sie dort bis zum Ende des Krieges bleiben würden. Meine Mutter hatte Glück. Das Arbeitsamt hat sie zur Arbeit in der Küche eines Offizierskasinos in der Kościuszko Straße zugeteilt, des sog. „Deutschen Heimes". Dank dessen wurde sie zum zweiten Mal vor dem Abtransportieren nach Deutschland zur Zwangsarbeit gerettet. Neben dem geringen Geld konnte sie nach Hause auch ein wenig Essen bringen, die in dieser Zeit für uns die Grundlage der Ernährung war. Vor Weihnachten entschied sich meine Oma, nach Niedźwiedź zu fahren. Mein Opa versorgte sie mit Sachen, die sie gegen Lebensmittel tauschen wollte, denn sie sollte vor Weihnachten zurück kommen. Leider kam sie nicht. Die Frontlinie näherte sich und es gab weder Bahn- noch Briefverkehr mehr. Wir wussten nicht, was mit der Oma passierte und ob sie noch lebte.

Der Heilige Abend war traurig. Ich ging am Abend mit einer Axt auf Gubałówka, um einen Weihnachtsbaum zu holen. In dieser Zeit durfte man nicht in die Berge gehen, die Deutschen schossen ohne Vorwarnung. Glücklicherweise gelang es mit, eine schöne Fichte zu fällen und  - voll von Angst - sie nach Hause zu bringen. Vorher erlebten wir aber ein Unglück. Aus einer Scheune, die mit Pęksowy Brzyzek grenzte, wurde einen großen Schlitten gestohlen, auf dem ich aus dem Berg bei der Jesuitenkirchen nach unten gefahren war; manchmal auch mit jungen deutschen Soldaten, die dort in einem ehemaligen Tuberkulosesanatorium wegen ihren Verletzungen und Frostbeulen behandelt wurden. Sie waren 16-17jährige Jungs, die manchmal für die Kinder, die dort Schlitten fuhren, Kuchen- oder Schokoladestückchen brachten. Einige Male traf ich dort Hans - einen Jungen, der bei Bremen aufgewachsen war. Er fuhr mit mir bergab auf dem Schlitten und zog den Schlitten nach oben, während ich darauf saß. Einmal erwischte mich mein Opa dabei und „schrecklich" beschimpfte. Da ich aber darin nichts Schlimmes sah, war ich sehr enttäuscht. Dieser Schlitten verschwand, und was noch schlimmer war - es wurde auch eine dünne Henne, die mein Opa für irgendwelche Sachen bekommen hatte, und die unser Gelage für Weihnachten sein sollte.

Das verursachte, dass wir vegetarische Weihnachten hatten. Zu Heiligem Abend bereiteten meine Mutter und mein Opa zwei Sorten Suppe, Nudeln mit Marmelade und Kartoffelpuffer vor. Zum Trinken gab es schwarzen Kaffee. Zum Nachtisch bekam ich einen kleinen Teller geriebenen Butterbrötchen, das der Opa für eine „schwarze Stunde" noch aus der Vorkriegszeit irgendwo auf dem Dachgeschoß liegen hatte. An den weiteren Weihnachtstagen wurde unser Menü bedeutend eingeschränkt.

Zu Weihnachten habe ich von meinem Opa „Den jungen Mechaniker" geschenkt bekommen, so einen zusammengeschraubten Bastelkasten. Von meiner Mutter bekam ich eine Geldbörse und 50 Zloty. Danach gingen wir alle auf dem Berg, in die Jesuitenkirche, zur Weihnachtsmesse.

Gleich nach dem Neuen Jahr bekamen wir eine Postkarte von meiner Oma. Es stellte sich heraus, dass sie, als sie schon auf dem Rückweg nach Mszana gewesen war, umgefallen war und sich den Knöchel verrenkt hatte. Ein vorbeifahrender Pferdewagen nahm sie wieder zu Herr Balachowicz zurück. Er war ein Schäfer und konnte ihr den Knöchel wieder einrenken, aber da sie Schienen hatte, sollte sie einige Wochen lang liegen bleiben.

Ende Januar 1945 begannen die Deutschen ihren Rückzug aus Zakopane. An einem Tag hörten wir einen lauten Knall, der uns alle erschreckte. Das waren die Deutschen, die die kleine Steinbrücke aud dem Bach Bystry an der Ecke der Straßen Krupówki und Kościeliska sprengten - nicht weit weg von uns.

In der Stadt herrschte Anarchie. Es gab keine Lieferungen von Brot und Marmelade (gegen Lebensmittelkarten). In Zakopane - überfüllt und von der Welt abgeschnitten - herrschte Hunger. Ein Tag danach marschierten russische Soldaten ein. Sie nahmen die letzten Lebensmittel weg, die noch in den Stadt- und Militärlagern waren.

Auf der anderen Straßenseite, gegenüber von dem Haus meines Opas, gab es eine Bäckerei „U Dańca" (es gibt sie dort bis heute). Abends bildete sich dort eine Warteschlange von Menschen, die hofften, dass sie morgen früh ein Brot kaufen würden. Mein Opa, meine Mutter und ich standen auch einige Nächte lang in dieser Warteschlange; wir wechselten uns alle zwei Stunden ab, denn im Januar waren die Nächte sehr schön, der Mond beleuchtete die Berge hellgrün, die Dächer der Berghäuser waren mit weißem Schnee bedeckt; der Schnee war überall. Es sah aus, wie in einem Märchen. Aber es war frostig. Einige Male gelang es uns einen Laib Brot zu bekommen - wir behandelten ihn wie die Hostie. Danach gab es auch das nicht mehr. Die Bäckerei produzierte nur Zwieback für das Militär. Junge Menschen gingen über die Berge in die Slowakei, um verschiedene Sachen (z.B. Nadel und Faden) gegen Brot und Speck zu tauschen - dort gab es aber auch nicht genug zum Essen.

Wir mussten Zakopane verlassen. In den letzten Tagen aßen wir nur Zwieback, den uns russische Soldaten brachten, denen mein Opa ,,trofiejne czasy" [Kriegsbeuteuhren] reparierte. Es kamen auch andere Zeiten - die der Vergeltung. Manche Mitglieder des „Goralenvolk" und Gendarmen wurden verhaftet und hingerichtet. Ich selbst war ein Zeuge, als ein Russe einen gefangen genommenen deutschen Offizier mit dem Fuß an den Boden drückte und sagte: ,,Choczyłeś mnogo ziemli, to kuszaj, job twoju mać!". [„Du wolltest viel Land haben, da iss es jetzt, du Arschloch!"] Durch Zakopane gingen nach Osten Kolonnen von abgezehrten deutschen Kriegsgefangenen: Ich hatte kein Mitleid mit ihnen, da ich unser Schicksal und Vertreibung in Erinnerung hatte, aber trotzdem tat es mir weh, als ich sie sah, rohe - von den Menschen geworfene - Kartoffeln oder Schmieröl von Wagenachsen essen.

In Zakopane wurde eine Einberufung bekannt gegeben. Polnische Einheiten entstanden. Als ich in der Nowatorska Straße Zigaretten verkaufte, die ich mit dem Opa produzierte, traf ich meinen Cousin, Władysław Barański. Er war ein Aufständischer gewesen, den ich auf seinem Posten besucht hatte. Es war ein Wunder, dass er aus dem Transport fliehen konnte. Dann ist er in die polnische Armee eingetreten. Wir freuten uns über dieses Treffen sehr; nach einem chaotischen Gespräch über das Schicksal der Familienmitglieder schenkte ich ihm alle Zigaretten. Dafür hat mit mir der Opa später geschimpft.

Auf Krupówki wurden Lautsprecher installiert und man konnte Musik, Nachrichten aus der Frontlinie und Verkündungen über das Kriegsende hören. Die Menschen, die sich darunter versammelten, freuten sich laut...

Meine Mutter und ich hielten nicht mehr aus, in Zakopane zu sitzen; wir packten die Sachen zusammen, die uns der Opa als „Ausrüstung" schenkte, luden sie auf einen aus Bretter gemachten Schlitten - den wir mit oben befestigten Rädern zusätzlich ergänzten, die meine Idee waren. So gingen wir zu Fuß zu meiner Oma, nach Niedźwiedź.

Wir nahmen eine Landstraße in Richtung Nowy Targ. Wir gingen und zogen den kleinen Wagen hinter uns. Nach einigen Kilometer trafen wir Russen, die mit einem kleinen Fuhrwerk fuhren, an das kleine zottige Pferde angespannt waren und die einverstanden waren, uns mitzunehmen. In Nowy Targ übernachteten wir auf dem Boden bei guten Menschen, die mit uns das ganze Essen teilten, das sie hatten. Danach war es schlimmer. Wir gingen durch die Nebenstraßen nach Rabka und zogen abwechselnd den Schlitten oder den Wagen, wir mussten unsere Sachen ständig umpacken, denn der Schnee schmolz. Dort wurden wir von den Russen verhaftet und aufs Revier gebracht. Während der Durchsuchung unseres Gepäckes fanden sie ein Tagebuch meiner Mutter und bedrohten uns mit Erschießung, weil sie uns für Spione hielten. Glücklicherweise gab es dort einen älteren Mann, der ein wenig Polnische lesen konnte, und eine Flasche selbst gebrannten Schnaps, die wir im Gepäck hatten. Aber wir erlebten viel Angst. Frei gelassen, machten wir uns wieder auf den Weg.

Es war schwierig, den voll beladenen Schlitten über den schmelzenden Schnee zu ziehen. Zum Schluss, als wir bei der Dämmerung irgendwelches  Dorf erreichten, brach eine Schlittenkufe und legte somit unserer Reise das Ende. Zum Glück wohnte in der ersten Hütte - so wie es eben in Podhale war - ein Zimmermann. Er hatte Mitleid mit uns, bot uns Übernachtung an und einige Stunden lang reparierte er unseren „Schlitten-Wagen" und wunderte sich über ihn. Wir erfuhren, dass das Dorf Rdzawka hieß. Am Morgen, nachdem uns die gastfreundlichen Gastgeber „Brei" zum Essen gaben, machten wir uns wieder auf den Weg. Gut über den Weg informiert, machten wir einen Bogen um Mszana Dolna, um keine russischen Räuber zu treffen und gingen über die Berge, über kleine Sandstraßen und mussten manchmal unser Gepäck durch angeschwollene Bäche tragen.

Ende des dritten Tages unserer Wanderung - und es war Samstag - kamen wir in Niedźwiedź an. Noch mussten wir über einen angeschwollenen Bach durch, dann den Schlitten auf den Berg ziehen und am Abend, tot müde kamen wir in dem Bauernhof an, in dem meine Oma wohnte. Wir lachten uns weinten wieder. Wieder waren wir zusammen. Es stellte sich heraus, dass der Knöchel meiner Oma noch nicht richtig geheilt war, daher konnte sie noch nicht reisen. Sie musste sich noch schonen. Wir hatten keine andere Wahl als in Niedźwiedź zu bleiben, obwohl unsere Herzen sich nach Warschau sehnten.

Im Februar und März wohnten wir bei der Familie Balachowicz, weil wir uns nicht mehr voneinander trennen wollten. Meine Mutter und Oma halfen auf dem Bauernhof. Meine Oma war bei unserer Gastgeberfamilie sehr beliebt, es wurde ihr sogar angeboten, bei ihnen zu bleiben, bis meine Mutter eine Arbeit in Warschau finden würde. Wir schliefen zu dritt auf dem Stroh, das wir für die Nacht hineinbrachten und auf irgendwelchen Planen, anstatt von Decken hatten wir Mäntel. In der Nacht wärmten uns auch kleine Schäfchen, die der Wirt in die Stube nahm, weil draußen sehr großer Frost herrschte. Die Schäfchen waren wunderschön, schneeweiß und „weich wie ein kleines Entchen" - so wie ein Kind in der hervorragenden Werbung für Toilettenpapier sagte. Sie kuschelten sich bei uns an, es war warm und angenehm. Morgen früh brachte der Wirt sie in den Schafstall zu ihren Müttern heraus, damit sie sie stillten. Sie drängten sich um ihn und blökten: „Miiiiich.... Miiiiich...", und Herr Blachowicz antwortete: „Dich, du Nervensäge, dich..." und er brachte sie nacheinander heraus.

Das Essen war schlicht. Dreimal täglich setzten wir alle uns auf die Bänke rund an einem niedrigen Tisch, auf den die Hausherrin eine riesige Tonschüssel stellte, die mit unterschiedlichen Mustern gemalt und lackiert war. Auf den Schüsselwänden war „der Brei" geschmiert - weich gekochtes, grob gemahlenes Mehl. In die Schüssel wurde heiße Milch oder Speck mit Grieben herein gegossen. Es wurde mit Holzlöffeln gegessen, jeder hat seinen eigenen Löffel. Ich wollte für mich einen kleineren machen, denn der große passte in meinen Mund nicht herein. Ich bat um ein kleines Brett und wollte dieses Werk mithilfe meines Taschenmessers, das ich immer bei mir hatte, vollbringen. Es endete blutig. Ich brach die Schneide meines Lieblingstaschenmessers, und der Rest bohrte sich tief in den Ansatz meines linken Daumes. Jetzt waren wir also zu zweit verletzt: meine Oma mit dem kranken Bein und ich mit der kranken Hand.

Im April, als der Schnee schmolz und es keinen Frost mehr gab, ging ich mit meiner Mutter öfters nach Niedźwiedź. Ich besuchte meine Freunde - denn es gab noch keinen Unterricht in der Schule und meine Mutter versuchte eine Arbeit  zu finden der Hilfe von RGO [Zentraler Hilferat] zu bekommen. Frau Stefania Kozicka, die Mutter meiner Freunde ging mit meiner Mutter zum Priester mit der Frage, ob wir in das Posthaus im Markt einziehen durften. Das Haus stand leer, weil dort davor ein Volksdeutsch wohnte, der der Leiter in der Post war. Es gab dort vorhin auch das Büro von RGO. Priester Baradziej organisierte auch Lebensmittelhilfe für uns.

In unsere neue Wohnung, deren Fenster auf den Markt herausgingen, und  die aus einem Zimmer und einer Küche bestand, zogen wir vor dem Palmensonntag ein. Wir fühlten uns herrlich. Es gab dort ein Couch, ein Bett und einen Spiegel und in der Küche: Besteck und Geschirr. In der Mitte stand ein feierlich geschmückter Weihnachtsbaum, der von dem ehemaligen Hausbewohner stehen gelassen wurde, als es auf der Flucht war, und der wegen Frostes gut erhalten blieb. So erlebten wir also Ostern mit einem wunderschönen Weihnachtsbaum...

Zu der Mittagsmesse am Palmsonntag, die in einer alten hölzernen Kirche unter den Bäumen stattfand, gingen wir alle. In dem Mittelschiff standen die Einwohner von Niedźwiedź, alle in feierliche Trachte gekleidet. Es war auch eine Menge von 3-4 Meter hohen „Palmen" zu sehen, die mit Blumen und langen Schleifen aus Krepppapier geschmückt wurden. Diese Palmen wurden von Jungs gehalten, die an einem Moment sie so schwingen begannen, dass die Blumen und Schleifen durch die ganze Kirche flogen. Der Priester legte diesem Spaß aus der Kanzel Schluss und weiterhin war schon alles sehr feierlich.

Vor Ostern kamen hiesige junge Frauen zu uns, um das während der Prozession getragenes Gemälde mit Papierblumen zu schmücken. An einer Seite war da Jesu Christi und an der anderen die Mutter Gottes aus Tschenstochau zu sehen. Diese Arbeiten „leitete" Zosia Kruszelnicka, die meine Mutter sehr mochte und uns später oft besuchte.

Genauso feierlich war die Resurrektionsmesse am Samstag (am 30. April). Es wurden ,,Boże, coś Polskę..." und andere Kirchenlieder gesungen, unsere Herzen freuten uns darüber. Und vor der Kirche wurde geschossen - aus Freude. Nach der Messe spazierten wir nach Hause und dort gab es ein feierliches Frühstück, fast so wie in alten guten Zeiten. Es gab ein Stück Lendenbraten, Eier, Milch, Brot - nach so vielen Jahren Armut hatten wir endlich königliches Ostern. Am Ostermontag lief ich mit den Jungs im Markt herum. Bewaffnet mit Wasserflaschen lauerten wir Mädchen auf, und wenn sie nicht kamen, gossen wir das Wasser auf uns gegenseitig.

Im Mai erreichte uns die Nachricht über das Kriegsende. Alle freuten sich riesig. Dann entschieden wir uns, nach Warschau zurückzukehren. Wieder beluden wir diesen „Schlittenwagen" mit unseren - diesmal mehreren - Habseligkeiten und nachdem wir uns herzlich von unseren Bekannten verabschiedet hatten, vor allem von Frau Stefania Kozicka, die uns auf den Weg ein halbes Laib Brot mitgegeben hatte, gingen zu Fuß nach Mszana Dolna. Von dort fuhren wir mit einem Güterzug nach Krakau. Während der Fahrt saßen wir in einer Reihe bei einer Zisterne, die Beine nach unten, und hielten unser Gepäck fest. Meine Mutter zog den Wagen und meine Oma und ich trugen auf den Rücken die mit Schnüren zusammengebundenen Säcke. So kamen wir in einem RGO-Büro an. Meine Mutter bekam dort finanzielle Unterstützung und Fahrkarten nach Warschau. Wir übernachteten in einem Bahnhof.

Am Morgen erfuhren wir, dass die Züge nach Warschau von einem anderen Bahnhof fuhren. Und wieder mussten wir mit dem ganzen Gepäck durch das ganze Krakau wandern. Meine Mutter war eine zierliche Frau, außerdem war sie müde und hatte keine Kraft mehr, auf dem Pflaster, diesen schweren, ungeschickten Wagen zu ziehen. An einem hohen Bordstein fiel der Wagen um und nur leicht zusammengebundene Sachen wurden auf die Straße verstreut. Meine Oma, die sich bei Gehen noch auf einem typischen Goralenstock stützen musste, den sie von Herrn Balachowicz geschenkt bekommen hatte, fing an, diesen Stock zu schwingen und mit mir und meiner Mutter zu schimpfen. Dann eine ältere Frau, die am Vorbeigehen war, setzte sich für uns ein, indem sie sagte: „Schlagen Sie doch das Mädchen nicht, sie hat doch eine schwere Last zu ziehen; und sie sollen auch den Jungen nicht schlagen, er trägt doch so einen großen Sack... Und Gott sei mit euch...". Trotz der Müdigkeit und der Aufregung brachen wir ins Gelächter aus.

In Warschau kamen wir spät Nachmittag am 18. Mai. Und sofort gingen wir in die Sienna Straße. Wir gingen von der Richtung Kazimierz Platz und freuten uns, da wir von Weitem die stehende Fassade unseres Hauses sahen. Als wir ankamen, stellte sich heraus, dass unser Haus völlig ausgebrannt war, nur die Mauern standen. In dem zugeschüttetem Erdgeschoß, da wo ich geschlafen hatte, ragten aus den Trümmern Lehen meines Eisenbettes. Ich sprang also in den Keller hinein - es hab keine Treppe - die Luft dort war stickig und es war viel Schlamm. IN unserem Keller, der ich mit Streich hölzern beleuchtete, fand ich aus den Alben herausgerissene, unsere Bilder, die vor dem Krieg gemacht worden waren, einen zerbrochenen Rundfunkempfänger und einige durchfeuchtete Bücher, darunter „Ballady i Romanse" von A. Mickiewicz und ,,Z góry na Mazury" - Märchen, die ich von dem Warschauer (noch polnischen) Magistrat zu Weihnachten 1940 als „Andenken von Deinen Freunden von P.K.S.S. in Warschau" geschenkt bekommen hatte, und die ich während der Besatzung auswendig lernte.

Wir gingen langsam zum Bahnhof in die Towarowa Straße zurück und dort verbrachten wir unsere erste Nacht in Warschau...

 


[1] Ich bekam diese Sachen von Herrn  Jan Wcisło, der Vertreter einigen Fabriken war. Er stammte aus Niepołomice, aber er reiste mit Proben ihrer Ware durch das ganze General Gouvernement. Auf seinen Reisen hielt er sich oft in Warschau auf, also gaben ihm seine Bekannten unsere Adresse und er mietete ein Zimmer für ganze Monate von uns, in dem er nur einmal oder zweimal pro Woche übernachtete. Er hatte einen Ausweis und wir vermuteten, dass er mit den Deutschen Geschäfte machte, weil er deutsche Zigaretten rauchte; manchmal brachte er auch solche Leckerbissen wie eine Schachtel portugiesischer Sardellen oder Schokolade.  Bei seinem jeden Besuch bekam ich von ihm ein kleines Geschenk. Die Bilder aus den deutschen Kolonien waren ursprünglich in einem Album aus  Karton geklebt, aber als ich mich auf die Evakuierung  vorbereitet habe, riss ich sie dort heraus, viele gingen dabei kaputt.

[2] Ein Wortspiel, das sich ins Deutsche nicht übersetzen lässt: „tronie Bogumiły" - „dem Thron von Bogumiła" (Bogumiła ist ein Frauenname), „tronie Bogu miły"  - „Thron, der dem Herr lieb ist". [Anmerkung des Übersetzers]

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