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Bericht von Teresa Różycka


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MEINE VERTREIBUNG AUS WARSCHAU
Tagebuch und Erinnerungen von Teresa Różycka (10Jahre alt)
(der Text aus dem Tagebuch wurde kursiv geschrieben)

Der Aufstand, Zieleniak und Pruszków

Die Besatzungszeit verbrachte ich in Warschau. Wir wohnten damals in der Mochnacki Strasse, in der Nähe des Narutowicz Platzes. Aus den Fenstern konnten wir die St. Jakob Kirche und das Gelände vor dem Kircheneingang sehen.

Als der Aufstand aufbrach, waren meine Mutter, ich und meine Schwester Marycha zu Hause. Mein Vater war nach Mokotów gefahren und schaffte es nicht mehr, zurück zu kehren. Ich war damals zehn Jahre alt. Schon nach einigen Tagen wurde andauernd darüber gesprochen, was auf den Straßen passierte; dass die Frauen vergewaltigt und umgebracht wurden, dass dieses oder jenes Haus in Flammen stand. In unser Haus kamen Flüchtlinge aus der Nachbarschaft, es kam unter anderem eine Ukrainerin mit ihrem Sohn. Sie sprach gut polnisch, er nicht. Die Soldaten von Kamiński (das waren Ukrainer oder Russen in Diensten der Wehrmacht; sie wurden auch Wlassow-Männer genannt) kamen zu uns am 10. August. Die Tür öffnete ihnen meine Mutter - die anderen hatten zu große Angst. Alle wurden in die Nachbarstrassen herausgeführt. Einer der Soldaten hat einen Blick auf meine fast fünfzehnjährige Schwester geworfen. Er fing an, sie zu streicheln und zu ihr zärtlich zu sprechen. Meine Mutter fing an zu weinen und gab ihr einen Rosenkranz: "Mutter Maria, beschütze sie!" Aber ich reagierte heftig: "Mama, das ist ein guter Mensch, er wird ihr nichts antun!" Mein und sein Blick trafen sich. Er wiederholte: "Ein guter Mensch!" Während er mich die ganze Zeit angeguckt hat, ließ er Marycha los und ging fort. So bediente sich die Heilige Maria meiner Person, um meine Schwester zu retten. Wir wurden in den berühmten Zieleniak in die Grójecka Straße geführt. Wir bildeten eine lange Kolonne, umzingelt von Wachmänner; unterwegs lagen viele getötete Frauen. In Zieleniak fing meine Mutter ihre Tarnungshandlungen an: sie verunstaltete alle jungen Nachbarinnen, sie charakterisierte sie so, dass sie wie hässliche alte Frauen aussahen. Immer, wenn einer der ukrainischen Soldaten zu uns kam, rief sie unseren ukrainischen Nachbar und bat: "Sprechen Sie ihn bitte an und bringen ihn weg." Am nächsten Tag kamen wir - von den Deutschen überwacht - nach Pruszków an. Unterwegs lagen am Sterben ältere Frauen, unter anderem die Mutter unseres Nachbars, aber die Deutschen passten auf und es gab nicht mal eine Möglichkeit, ihnen zumindest Wasser zu geben. Pruszków - eine große Halle, Menschen aneinander gequetscht. Dort verbrachten wir auch einen Tag. Meine Mutter wollte nach etwas zum Essen suchen und borgte sich bei einem Bekannten einen Topf - sie versprach ihm, diesen wertvollen Gegenstand so schnell wie möglich zurück zu bringen: sobald sie den Kindern das Essen gab.  Während sie nach einem Suppenkessel suchte, traf sie auf eine Krankenschwester, die uns sofort nach Milanówek transportieren konnte. Meine Mutter lief weg, um den Topf zurück zu bringen, aber als sie wieder kam, war diese Krankenschwester nicht mehr da. Sie hat eine andere Frau mit Kindern genommen. In dieser Situation entschied sich meine Mutter, auf eigene Faust nach einer Möglichkeit zu suchen. Das Lager zu verlassen. Wir gingen entlang den Gleisen. Es wurde gesagt, die Deutschen sollten nachts die Menschen mit den Zügen nach Łódź bringen. Wir fanden einen Güterzug, in dem viele Menschen saßen, die hofften, dass der Zug nach Łódź fahren würde. Wir stiegen ein. Nach einigen Stunden verschlossen die Deutschen die Türe und der Zug startete. Als wir an Łódź vorbei gefahren waren, rissen die Männer aus unserem Wagen Bretter aus der Wand; aber nur wenige von ihnen sprangen.

In den Konzentrationslagern Buchenwald und Bergen-Belsen

Sonntag, 13. September 1944. Sie haben Alle Männer weg genommen. Das war in dem Konzentrationslager in Buchenwald. Das war ein traumatisches Erlebnis für mich, weil in dem Wagen ein Mann mit seiner dreijährigen Tochter war. Er musste sie an eine fremde Frau fortgeben. Wir standen dort den ganzen Tag lang.
Nach einer Fahrt mit... Viehwagen - kamen wir am 15. September im Konzentrationslager in Bergen-Belsen an. In der Nacht, ungefähr um zwölf, hielt der Zug an. Alle stiegen aus. Es war eine dunkle Nacht, nur die Sterne leuchteten hell. Wir wurden eine Straße entlang geführt, an ihrer beiden Seiten war Wald. Wir gingen durch viele Zäune durch. Endlich führten sie uns in Stoffbarracken und dort, auf dem Stroh sollten wir uns hinlegen. Die erste Nacht schlief ich sogar sehr gut. Die nächsten Nächte waren schwer. Auf den Strohresten war es zu hart und kalt, obwohl es Sommer war. Läuse... eine unzählbare Menge, sehr bissig. Das Kratzen half nicht, ganz im Gegenteil: es reizte die Haut noch mehr. Das alles war ein Alptraum. Morgen früh wurde Kaffee heraus gegeben. Meine Mama gab uns ihn mit Brot. Dort trafen wir Janka, Frau Pieniążek und Frau Białobrzeska (das waren die Nachbarinnen aus unserem Haus, die mit einem Transport kamen; Frau Pieniążek starb im Lager, Janka und Frau Białobrzeska überlebten). Danach, nach ein paar Stunden gingen wir auf der Suche nach einer Waschstelle. Wir wuschen uns gründlich und meine Mama wusch für uns die Unterwäsche. Diese Waschstelle war ein Trog mit laufendem stinkendem Wasser. Das Schlimmste für mich war aber die Toilette, das heißt Jauche, über die horizontal glitschige Holzklotze befestigt waren - auf einem sollte man stehen. Ich war nicht imstande, dahin zu gehen. Am zweiten Tag fingen sie, uns zu zählen und zu selektieren. (Unzählige Appelle fingen an). Sie trennten Frauen, die alleine waren von denen mit Kindern. Dann trennten sie Müttern mit den Kindern unter 10 ab. Es war warm und das Wetter war schön. Am Abend schickten uns die Häftlinge eine Nachricht, dass wir keine Angst haben sollten, weil wir nicht sterben sollten - man konnte uns nicht vergasen, weil die Gaskammer kaputt war. Ich nahm die Nachricht ohne Freude an, ich hatte ein Gefühl, es wäre besser zu sterben, als unter diesen Bedingungen nur einige Stunden zu leben. Nach einigen schrecklichen Tagen wurden Mütter mit Kindern herausgebracht. Die Erwachsenen mussten im Lager bleiben. Glücklicherweise zählten ich und meine Schwester zu den Kindern. Wir wurden wieder zu den Gleisen geführt. Wir sollten um 5 Uhr Nachmittag losfahren - es waren diesmal Personenwagen, aber es stellte sich heraus, dass es auf 6 Uhr am Morgen verschoben wurde. Wir mussten draußen schlafen. Damals sah ich zum ersten Mal eine echte Fledermaus. So starteten wir am 18. September.

Sklavenmarkt und Arbeitslager in Holzminden

Freitag, 18. September. Wir stiegen - mit kranker Marysia und unseren Bündel - erst nach Mitternacht aus. Das war die Station Kreisenen. Wir wurden in irgendwelches Kino geführt, dort sollten wir schlafen. Am Morgen bekamen wir ersehnte Milch und Brot. Im Kreisenen wurden wir zum Markt geführt, und mussten uns in Gruppen hinsetzen. Wie Sklaven wählten sich Bauer Frauen, die Kühe melken konnten, kräftig aussahen oder wenige Kinder hatten. Zu uns kam auch einer an und überlegte lange, aber meine Schwester war krank und hatte sehr hohes Fieber (Diphterie!), also er gab auf. Als der Sklavenmarkt zu Ende ging, wurden wir wieder in den Zug geführt. So kamen wir in Holzminden an, wo meine Mutter und Schwester zur Arbeit in der Sperrholzfabrik zugewiesen wurden. Ich blieb in der Baracke mit anderen Kindern. Das erste, was meine Mutter tat, war einige Briefe an die Familie und Freunde zu schreiben.
Ich verbrachte die meiste Zeit im Krankenhaus: zuerst infizierte ich mich von Marysia mit Diphterie, dann hatte ich Magenprobleme. Ich lag lange im Krankenhaus. Eine Zeitlang fühlte ich mich sehr schlecht, aber neben mir lagen Zwillingsmädchen, beide auf Scharlach erkrankt. Es wurde mir verboten, zu ihnen zu gehen, aber ich verstieß gegen den Verbot, weil eine von ihnen immer weinte, Durst hatte, oder man musste ihre Bettwäsche anders legen. Ich dachte, dass ich in einem besseren Zustand war als sie, also sollte ich ihnen helfen. Dass ich mich von ihnen nicht infizierte und dass ich überlebte, halte ich bis jetzt für ein Wunder und Schutz der Mutter Gottes.
Wenn ich nicht im Krankenhaus war, hänselten mich die Kinder, die mit mir wohnten, weil ich ein Tollpatsch und kein Draufgänger war. Aber ich ließ mir eine ausgezeichnete Idee einfallen: mein Trumpf wurden Märchen. Als eins der Kinder was für mich machte, als Belohnung sagte ich: "Ich erzähle dir eine Geschichte über eine Prinzessin, die im Turm geschlossen war". Und als ich anfing zu erzählten, setzten sich alle Kinder nacheinander dazu und hörten mir gerne und aufmerksam zu. Also für jedes Gefallen, jedes Zugeständnis z.B. wenn sie mir auf dem Herd Platz machten, damit ich dort meinen Topf stellen und Suppe kochen konnte, oder wenn sie für mich was Gutes getan haben, erzählte ich die von mir ausgedachten Märchen. Je mehr das Gefallen wert war, desto interessanter war das Märchen: mit einer Hexe, Rittern oder einer Prinzessin.
Meine Mutter erfreute sich eines großen Ansehens in der Baracke, weil sie gemeinsames Brotteilen organisierte. Wir bekamen in der Baracke anderthalb Laib Brot in zwei Teilen. Meine Mutter schlug vor, dass sie das Brot in Stücke schneiden würde; sie würde so viele Portionen machen, wie viele Personen in der Baracke lebten. Alle sollten dann überprüfen, ob alle Stücke gleich oder welche am kleinsten und welche am größten waren. Erst wenn sich alle einig waren, dass es keine Unterschiede gab, zeigte meine Mutter auf ein Brotstück und ein Kind mit geschlossenen Augen sagte, wer es bekommen sollte. Das wurde zu einer großen Zeremonie, alle wollten daran teilnehmen, die Größe bewerten, sogar entscheiden, welches Kind sagen sollte, für wen das Stück Brot sein sollte. Und nur bei uns gab es keinen Streit beim Brotaufteilen.
Nach der Arbeit durften wir in die Stadt gehen. Einmal ging ich mit meiner Mutter und Marycha und gegenüber ging ein deutscher Offizier (jetzt weiß ich, dass solche Uniforme Kampfpiloten trugen), er winkte mir mit dem Finger zu, damit ich zu ihm näher kam. Er rief: "Komm!" Ich erschreckte. Mit großer Angst, ohne was Gutes zu erwarten, kam ich auf ihn zu. Er gab mir eine Monatslebensmittelkarte für Butter und Milch, die deutschen Offizier bekommen haben. Diese Tat rehabilitierte in meinen Augen alle Feinde, denn ich verstand, wie viele von ihnen unter der Grausamkeit des Krieges litten.  Die Lebensmittelkarte nutzte mir nicht viel, denn die Wächterin, eine Tschechin, nahm sie mir weg. Sie sagte, sie würde das Essen kaufen, denn mir würde es niemand verkaufen. Danach brachte sie uns einen Fladen, weil "die gekaufte Milch eine Katze ausgetrunken hätte".  Nichtsdestotrotz erinnere ich mich mit großer Dankbarkeit an die Opferbereitschaft dieses Deutschen.

 

 

 

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