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Bericht von Stefan Wojciech Niesłuchowski


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     Vor dem Ausbruch des Aufstandes zogen wir im Jahr 1942 in die Marszałkowska Straße 31a.  Das Gebäude hatte wahrscheinlich vier oder fünf Stockwerke. Wir wohnten  - soweit ich mich erinnern kann - auf dem ersten Stockwerk von der Straßenseite. Das eine Zimmer war charakteristisch, weil es einen Erker hatte, also eine Art bebauten Balkons, das in dem ganzen Strang gebaut war. Das hat eine Bedeutung für später, weil ich mich noch daran erinner kann, dass während des Warschauer Aufstands dieses Zimmer als Kinderzimmer galt. Nebenan befand sich das Schlafzimmer der Eltern. Wir hatten auch ein großes Zimmer - ein Salon, dessen Fenster auf die Marszałkowska Straße herausgingen. Der Balkon wurde, soweit ich noch weiß, im Jugendstil gebaut, so wie es auch das ganze Haus in der Marszałkowska Straße 60 gebaut war. [...] Am 4. oder 5. August entschloss sich mein Vater, dass wir auf die aufständische Seite gehen sollten.  Wir gingen durch die auf unterschiedlicher Tiefe gelegten Keller auf die Mokotowska Straße heraus. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir nach unten gingen, wir gingen auf unterschiedlichen Höhe durch, dort wurden die Durchgänge vorbereitet - die Wände herausgeschlagen und dann hinter Ziegelsteinen versteckt. Dann gingen viele Menschen aus unserer Etage nach unten und so warteten wir bis zur Dämmerung, um auf die andere Seite der Mokotowska Straße zu gehen. An einem Moment kam ein Deutscher und forderte alle auf, zurückzutreten und herauszugehen; seine Ärmel waren hochgekrempelt. Ich kann nichts über die Gedanken meines Vaters sagen. Wir fingen also an, zurückzugehen und so gingen wir bis zu unserem Tor  von der Marszałkowska Straße; die ganze Zeit wurden wir von den Deutschen eskortiert. In dem Tor wurden die Männer von den Frauen getrennt. Mein Vater dachte, es würde ihn retten und er würde die ganze Zeit lang mit uns sein können: er hielt meinen jüngsten Bruder in den Armen. Ein Deutscher befahl aber meinem Vater, meinen Bruder wegzugeben. Die Männer, die auf diese Weise von der ganzen Gruppe getrennt wurden, blieben dort zurück und wir wurden aufgefordert, auf die andere Straßenseite zu gehen, wo sich im Untergeschoß öffentliche Toiletten befanden; und dort mussten wir uns hinlegen. Aus der einzigen polnischen Barrikade begann ein Beschuss;  die Deutschen mit hochgekrempelten Ärmeln versteckten sich hinter kleinen Bäumen, die dort standen.  Einer der Deutschen wurde verletzt und ein Sanitäter legte ihm einen Verband an. Über unseren Köpfen wurde gleichzeitig auf diese Barrikade von der Richtung der Szuch Allee geschossen - dort gab es ein unbebautes Gelände.
     Wir mussten liegen bleiben, ich kann es schwierig einschätzen, wie lange es dauerte.
     Wir lagen mit den Köpfen in die Richtung Barrikade. Die Männer verschwanden. Wahrscheinlich wurden sie in die Richtung des Unia Lubelska Platzes geführt. Eine Zeitlang später wurden wir aufgefordert aufzustehen du wir gingen - eine ganze Kolonne von Zivilisten: Frauen und Kinder. Wir gingen in die Straßen Litewska, Szucha und dann kamen wir in den Platz Na Rozdrożu, wo wir alle gesammelt wurden. Die ganze Zeit lang waren mit uns unser Kindermädchen und eine Tante, eine relativ junge Frau zusammen. Ich weiß nicht, wann sie sich uns anschloss, aber sie war in Armia Krajowa [Polnische Untergrundarmee] tätig. Auf dem Platz Na Rozdrożu wurde ein kleines Podest aufgestellt und von dort aus begann ein Deutscher auf Polnisch zu den polnischen Frauen und Kindern zu sprechen. Er sagte, dass in Kürze Panzer kommen sollten und dass sie mit diesen Panzern gehen würden, die gefangen genommenen Deutschen befreien. Falls diese Aktion der „Befreiung" ihrer Landsleute gelingen würde, sollten sie uns unsere Väter, Brüder und Söhne zurückgeben. Sie finngen damit an, die Frauen zu wählen, weil nicht alle daran teilnehmen wollten. Es ging um diese, die noch jung und körperlich fit waren. Unter ihnen befanden sich auch unser Kindermädchen und unsere Tante. Ich blieb alleine mit vier Geschwistern. Wir warteten auf ihre Rückkehr, es war bekannt, die „Aktion" ist nicht gelungen. Die Deutschen wurden nicht befreit, der Panzer wurde niedergebrannt. Nach alledem wurden wir durch den Hintereingang - in den Heizkeller - des Gestapo-Sitzes in der Szuch Straße getrieben. Ich kann mich noch daran erinnern, dass sie in der Szuch Straße am Fenster standen und über unseren Köpfen wieder auf die polnische Barrikade schossen. In dem Heizkeller bekamen wir Kaffee. Am nächsten Tag wurden wir demselben Weg entlang geführt: die Straßen Litewska, Marszałkowska bis zum Zbawiciel Platz neben den Methodisten und dann zu der polnische Barrikade. Wir wurden auf die polnische Seite durchgelassen und durften gehen - in diesem Moment fingen die Deutschen an, aus den Pistolen auf uns zu schießen. Die Menschen rund um mich herum fielen um. Ich habe es gesehen: hier lag eine Leiche, da eine Leiche. Ich schob einen Kinderwagen, in dem mein jüngster Bruder lag, auf dem Wagen lag auch unser ganzes Haben: ein Koffer. Als ich zwischen den Menschen hin und her ging, verlor ich ihn. Ich brachte den Kinderwagen an die Barrikade und ging durch den schmalen Durchgang durch. Ich ging zurück, um den Koffer zu holen, ich kam an, aber meine Geschwister waren nicht da. Sie wurden von den wunderbaren polnischen Menschen mitgenommen. Ich wusste nicht, was ich weiter tun sollte, aber ich erinnerte mich daran, dass in dieser Straße, an der rechten Seite meine Lehrerin namens Dąbrowianka wohnte. Sie wohnte - soweit ich noch weiß - auf der ersten Etage in der Marszałkowska Straße 60 oder 62. Sie gewährte mir Unterkunft. Bei ihr fand ich eine Versammlung - sehr viele Aufständische, alle waren junge Menschen. Sie gab mir in einem Flur zwischen der Küche und anderen Zimmern einen Platz zum Schlafen. Die Besitzerin der Wohnung war eine gut gebildete Frau, sie hatte ein Klavier - und unter dem Klavier schliefen die jungen Menschen. Sie hatte eine Schwester, die Marta hieß und mir gut gefiel. Danach traf ich meine Mutter und sie führte mich von dort aus zu Szare Szeregi [polnische Pfadfinderbewegung] in die Hoża Straße, dann wurde ich in der Pfadfinderfeldpost eingestellt.
     Ich wusste nicht, was mit meinem Vater passiert war, es gab keine Information, nichts. Bis jetzt wurde keiner dieser Männer von damals gefunden. Ich suchte nach ihm, las, ich fand nichts heraus. Meine Mutter suchte bei dem PCK [Polnisches Rotes Kreuz], denn sie wollte ihren Mann und den Vater finden - sie fand auch nichts heraus. Es gab keine Spur. Es gab ein Verdacht, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit in der Mineralwasserabfüllanlage in der Oleandry Straße hingerichtet und verbrannt wurden.
     Als am 2. Oktober 1944 die Kapitulation verkündet wurde, sammelten wir uns alle zusammen - ich kann mich noch an sonniges Wetter erinnern. Ich glaube, es war am Mittag. Über die Śniadeccy Straße kam ich in Politechnika [Technische Hochschule] an und dort sah ich eine Barrikade, die bereits teilweise auseinandergebaut wurde. Man ging nicht durch, sondern über der Barrikade, aber warum? Ich weiß es noch, weil Menschenmenge vor und hinter uns - unterschiedlich: mit oder ohne Bündel ging; und die Aufständischen, die an der Barrikade standen, halfen den Menschen dabei, auf die andere Seite zu gehen. Ich ging mit meiner ganzen Familie - also mit meiner Mutter, meinem Kindermädchen und den Geschwistern. Direkt vor uns ging ein junger Mann - korpulent, beleibt, gut aussehend und er hatte Schwierigkeiten, durchzugehen. Die Aufständischen kommentierten ihn, dass er während des Aufstands sicherlich in einem Keller gesessen und ihn nicht einmal verlassen hatte. Danach, als wir an der Politechnika vorbei gingen, bemerkte ich ein Niemandsland und sah etwas, was mich schockierte: in der 6. Sierpień Straße [die Straße des 6. August] gegenüber der Fakultät für Bauchemie oder einer Nervenklinik stand eine sehr hohe Barrikade, aus Gehwegplatten gebaut - hinter der Barrikade herrschte eine Stille. Die deutschen Autos fuhren auf der Straße, es gab keine Trümmer, alles sah normal aus. Wir gingen in die Richtung Dworzec Zachodni [Westbahnhof]. Es wurden dort an den Bahnsteigen Züge bereit gestellt. Das waren offene Wagen - Kohlenwaggons. Ich sah Eisenbahner, die versuchten, aus den Gruppen von Warschauern manche Flüchtlinge herauszuholen. Sie gingen dann unbemerkt über die Gleise und schlossen sich einer der Gruppen von Eisenbahnern oder Zivilisten an, die auf anderen Bahnsteigen standen. Von dort an fuhren sie mit den Zügen nach Pruszków und Piastów. Damals konnten viele AK-Mitglieder fliehen, u.a. die Mitglieder der AK-Kommandantur.

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