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Bericht von Bohdan Stanisław Dąbrowski


  HISTORISCHES MUSEUM DER HAUPTSTADT WARSCHAU

Bericht von Bohdan Stanisław Dąbrowski

Er wurde am 5. März 1935 in Warschau geboren, während der Besatzungszeit wohnte er in der Sękocińska Straße 16, Wohnungsnummer 25 in dem Stadtteil Ochota. Der Bericht von Bohdan Stanisław Dąbrowski wurde vor der Hauptkommission für Untersuchung der Verbrechen gegenüber dem Polnischen Volk erstattet.

 

     Während der Besatzungszeit wohnte ich in Warschau in der Sękocińska Straße 16, Wohnungsnummer 25. Mein Vater arbeitete vor dem Krieg als Topograf in dem Militärinstitut für Geographie. Er war Hauptmann im Militär. Er wurde in die sowjetische Gefangenschaft aus Lemberg genommen. Ein Schwager meines Vaters, Witold Żarski arbeitete in demselben Institut und wurde genauso wie mein Vater in sowjetische Gefangenschaft genommen. Soweit ich weiß, nahmen sie mit anderen Mitarbeitern des Militärinstitutes für Geographie an der Verteidigung von Lemberg teil.
     Nach einiger Zeit, es kann sein, dass es Januar 1940 war, erhielt meine Mutter - die mittlerweile schon verstarb - ein Telegramm von meinem Vater, das er aus dem sowjetischen Lager in Starobielsk verschickte. In dem Telegramm stand: „Besucht unsere Mütter". Es ging darum, dass wir am Anfang des Jahres 1940 auf dem Gebiet von Wileńszczyzna [Region in der Umgebung von Wilna - Anmerk. des Übers.] wohnten, wo wir uns im Sommer 1939 aufgehalten hatten. Offensichtlich wollte uns mein Vater dazu bewegen, schnell Lida zu verlassen und zurück nach Warschau zu ziehen. Wir folgten seinem Rat und im Frühling 1940 verließen wir Lida und kehrten in unsere Wohnung nach Warschau zurück. Mein Vater und Herr Żarski starben zusammen mit anderen Kriegsgefangenen aus Starobielsk in Charków.
     In unserer Wohnung wohnten vor dem Ausbruch des Aufstandes: meine Großmutter Amelia Dąbrowska, ungefähr 80 Jahre alt, ich, meine Schwester Małgorzata, meine Mutter Jadwiga, die Schwestern meines Vaters Maria und Zofia, das Kindermädchen Zofia Orłowska im Alter von ca. 60 Jahren und ein Waisenmädchen, das von Zofia Dąbrowska aufgezogen wurde. Antonina Osińska, 11 Jahre alt, war Tochter von Jadwiga Dąbrowska, der Schwester meines Vaters. Jadwiga Osińska, geb. Dąbrowska war während der Geburt gestorben, und ihr Ehemann Leon starb ein Jahr danach. Es wohnte dort noch ein Untermieter Józef Maks, der ein polnischer Offizier war und bei uns Versteck fand. In einem Haus in der Nähe wohnte seine Frau, deren Vornamen ich nicht mehr weiß, mit zwei Töchtern Hanna und Zofia und mit seiner Schwester, an deren Name ich mich auch nicht mehr erinnern kann. Nach dem Ausbruch des Aufstandes zogen all die oben genannten Familienmitglieder von Maks in unsere Wohnung um. Ich möchte betonen, dass die Wohnung relativ groß war, sie bestand aus drei Zimmern, Maks wohnte in einem separaten Zimmer. Wir blieben in der Wohnung nur ein paar Tage lang, danach - aus Angst vor den Kriegshandlungen, versteckten wir uns in einem Keller desselben Hauses.
     Soweit ich mich erinnern kann, kam meine Mutter verspätet aus der Arbeit zurück, schon nachdem der Aufstand ausgebrochen war, weil sie auf dem Rückweg bei Wanda Żarska vorbeigekommen ist, die in der Grójecka Straße wohnte. Nachdem meine Mutter zurückgekommen war, traf ein Kanonengeschoß aus einem Bahngeschütz in die Front unseres Hauses und stieß durch die Wände von drei Wohnungen durch, aber zum Glück explodierte es nicht - daran kann ich mich noch erinnern.
     Kurz nach diesem Ereignis spielte sich in der Nachbarwohnung von Dąbrowski eine Tragödie ab. In der Wohnung wohnten zwei Frauen namens Dąbrowski, darunter die Ehefrau eines Obersts, der zu dieser Zeit in einem Offizierslager war. In diese Wohnung gingen meine Tante Zofia Dąbrowska und die Schwester von Maks, an deren Vornamen ich mich nicht erinnern kann. Ich war auch dort. Die von mir oben genannten Frauen standen am Fenster. Offensichtlich muss sie ein deutscher Scharfschütze gesichtet haben, denn er schoss auf sie. Dasselbe Geschoß traf die beiden in die Köpfe. Sie starben sofort.
     Ihre Leichen wurden von meiner Mutter und Maks in dem Hof unseres Hauses begraben. Ich möchte erwähnen, dass Maks damals den Nachnamen „Wiśniewski" trug.
     Am 10. August 1944 kamen in unsere Straße deutsche und ukrainische Soldaten. Sie vertrieben uns aus den Kellern auf die Straße. Wir waren zuerst in der Sękocińska und danach in der Szczęśliwiecka Straße. Diese Straße und die Grójecka Straße entlang gingen wir bis zu der Opaczewska Straße, in der sich „Zieleniak" befand. In einem späteren Zeitraum, nachdem wir schon aus Deutschland zurückkamen, war unser Haus niedergebrannt, daher kann ich schlussfolgern, dass es absichtlich zerstört wurde. In „Zieleniak" blieben wir einige Stunden lang, dann wurden wir zum Bahnhof Zachodni (Westbahnhof) geführt und mit einer Elektrobahn nach Pruszków transportiert. Dort auf dem Gelände eines Lokschuppens organisierten die Deutschen in einer Halle ein provisorisches Lager. Und wir befanden uns in diesem Lager. Als wir auf unseren Sachenbündeln in dieser Halle saßen, verschwand plötzlich Oma Amelia. Offensichtlich muss sie von uns kurz weggegangen sein und wir wussten nicht, was mit ihr passierte. Auf jeden Fall kam sie zu uns nicht mehr zurück. Wir fragten nach ihr die deutschen Wächter und auch die Schwestern des Roten Kreuzes, die den Häftlingen zu helfen versuchten. Wir bekamen jedoch keine Informationen. In dem Lager in Pruszków verbrachten wir ungefähr zwei Tage. Dann wurden wir in einen Güterzug gezwängt. In unserem Wagen gab es ca. 60 Personen. Während wir aus dem Lager getrieben wurden, fand gleichzeitig eine Selektion statt. Wir wurden von Zofia Orłowska und meiner Tante Maria getrennt. Sie beide waren über 60. Sie gelangten in ein Heim in nakel an der Netze, wo Marian Dąbrowska starb. Zofia Orłowska nahmen wir aus diesem Heim, nachdem wir aus Deutschland zurück waren. Sie starb in Szropy, Kreis Sztum, Wojewodschaft Gdańsk in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts.
    Der Transport, in dem wir aus Pruszków weggeführt wurden, kam in ein Lager in Oranienburg bei Berlin an. Dort wurde eine weitere Selektion durchgeführt - die Männer wurden von den Frauen und Kindern getrennt. Wie viel Zeit wir in diesem Lager verbrachten, weiß ich nicht mehr. Die ganze Zeit lang mussten wir uns auf einem großen Appellplatz aufhalten, auf dem tragbare Klos aufgestellt waren. Dort, auf diesem Platz trafen wir in dem Gedränge der transportierten Menschen meine Tante aus Warschau, Wanda Żarska und ihre Tochter Hanna. Sie kamen mit demselben Transport, aber in einem anderen Wagen an. Ab diesem Zeitpunkt an blieben wir zusammen. Aus Oranienburg wurden wir in ein Lager in Bergen-Belsen transportiert und von dort aus nach Lethe.
    In Bergen-Belsen wurden wir in reisengroßen rechteckigen Zelten einquartiert. Auf dem Boden lag Stroh, das schon zum Häcksel wurde. Wir blieben dort einen oder zwei Monate. Zur Arbeit gingen wir nicht. Aus Bergen-Belsen wurden wir nach Lethe transportiert. Dort bekamen wir Plätze in Barracken. Die beiden Żarska waren mit uns. Wir wurden weiterhin nicht eingestellt. In dem Durchgangslager Lethe blieben wir kurz, höchstens zwei Wochen lang. In Lethe wurden wir in Personenwagen gezwängt und so nach Braunschweig transportiert. Von dort ausfuhren wir mit einem Bus mit Anhänger nach Walbeck.
     Das war ein vorläufiges Lager. Wir wohnten in einem leeren Speicher, in dem Pritschen gestellt wurden. Das eigentliche Lager wurde für uns erst im Wald, ca. 2 km Entfernung von dort gebaut. Hiesige Bauer nutzten uns zu Feld- und anderen Arbeiten. In Walbeck arbeiteten unter anderem meine Mutter und Żarska, sowie wir Kinder. Als wir in das Lager ankamen, wurde meine Mutter und Frau Żarska in die Fabrik geschickt. Meine Mutter bediente acht Drehmaschinen, die Flugzeugteile herstellten. Die Fabrik befand sich in einem Abbau ehemaliger Kaliumsalzgrube auf der Tiefe von ungefähr 400 Meter. Sie musste sich oft auf die Etage begeben, die 800 Meter tief lag. Frau Żarska arbeitete mit ihr, aber da es Schichtenarbeit war, weiß ich nicht, ob sie die ganze Zeit zusammen waren.
     In dem Lager wohnten Ukrainerinnen, Ungarn, Niederländer, Italiener, Franzosen und Polen, oder genauer gesagt polnische Frauen mit Kindern. Die Kinder, und vor allem Jungs, wurden dazu genutzt, Wasser zu bringen, Brennholz aus dem Wald zu tragen oder bei anderen Ordnungsarbeiten.
     Ich weiß jetzt nicht mehr, in welchem Lager Wanda Żarska auf Ruhr erkrankte. Glücklicherweise hatte meine Mutter Pfefferminztropfen und Zuckerwürfel mitgenommen. Sie verabreichte sie an Żarska als das einzige Medikament. Frau Żarska wurde gesund.
     Wir wurden von Amerikanern befreit, aber bei der Besatzungszonenaufteilung wurde diese Ortschaft der englischen Zone zugeteilt.
     Mit Frau Żarska zusammen zogen wir aus dem Lager in die Militärkaserne um, die direkt am deutschen Flughafen lag. Am Anfang wohnten dort Amerikaner in den Zelten, danach zogen die Engländer in die Offiziershäuser ein. Frau Żarska ging mit dem ersten Transport nach Polen im Winter 1945/1946 weg - sie fuhr über Lübeck nach Gdynia (Gdingen).  Wir fuhren durch Warschau nach Białystok.

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