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Bericht von Jadwiga Szczęścik-Perucka


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Interwiew mit Jadwiga Szczęścik-Perucka,
geboren am 18.06.1939
durchgeführt
am 08.02.2008 in Warschau
on Stanisław Maliszewski

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Als der Aufstand ausbrach, waren Sie ein Mädchen von 5 Jahren. Wo wohnten Sie damals?

Ich wohnte bei meiner Oma in der Olesińska Strasse 13. Ich war dort mit meiner Schwester [Barbara]; sie war 12. An dem Tag, an dem der Aufstand anfing, gingen meine  Mutter und meine ältere Schwester [Stanisława], die 16 war, in die Królikarnia, Brötchen holen. Und so haben wir den Ausbruch des Warschauer Aufstands erlebt.

Ich war dort mit meinem Opa, meiner Oma und meiner Schwester, Basia. Am
4. August kamen zu uns Deutsche; eigentlich - nach dem Bericht meiner Großeltern -  waren das Ukrainer. Sie hatten solche Overalls an. Sie haben uns alle aus dem Haus Nummer 13 herausgebracht und führten in ein Haus Nummer 5, an der Olesińska Straße. Dort sperrten sie uns in einem Keller ein und warfen dort Handgranaten herein. Manche Leute kamen um, manche überlebten. Ich überlebte, meine Oma, meine Schwester, mein Opa und noch ca. 30 Personen auch. Die Wand, an der wir standen, ist erhalten geblieben. All die Menschen waren sehr erschöpft.

Was haben Sie damals gefühlt? Das muss doch für so ein kleines Kind ein Alptraum gewesen sein?

Ich glaube, ich war mir dessen nicht bewusst, mein Opa hielt mich in den Armen. Ich kann mich nur an einen schrecklichen Rauch  und an Schreie in diesem Keller erinnern. Ich weiß noch, dass danach dort sehr viele Leichen waren. Ich wusste, dass diese Menschen tot waren. Mein Opa hielt mich die ganze Zeit in den Armen.  Ich verlor eine Sandale und war damit beschäftigt: ich hatte einen Schuh und der andere fehlte mir. Mein Opa drückte mich an sich und sagte, ich sollte mir keine Sorgen machen, wir würden die Sandale noch finden. Er sagte, wir sollten jetzt nach Hause gehen, denn unser kleines Haus ist erhalten geblieben. Viele Menschen, die unter der Nummer 13 wohnten, wollten einfach nach Hause zurück. Die Deutschen oder Ukrainer hatten nur die Granaten geworfen und gingen fort. Die Menschen, die überlebten, wollten zurück in ihre Häuser gehen.

Wir gingen durch einen Tor heraus, aber wir wussten nicht, dass die Deutschen das Postgebäude an der Ecke der Dworkowa Straße bereits eingenommen hatten. Als wir dabei waren, durch die Straße in unser Haus zu laufen, haben sie alle aus Maschinengewähren erschossen. Mein Nachbar, meine Schwester und mein Opa, der mich in den Armen hielt, sind umgekommen. Sehr viele Menschen waren umgekommen, aber ich weiß nicht genau, wie viele. [Meine Oma ging nicht direkt neben uns, daher hat sie noch geschafft, zurück zu kehren, als es geschossen wurde].

Das heißt, von dieser Gruppe, die an dem Moment versucht hatte, die Straße zu überqueren, blieben nur Sie am Leben?

Nur ich überlebte und anscheinend noch ein Mann, der verletzt war. Dann habe ich herausgefunden, dass der verletzte Mann es geschafft hatte, von dort heraus zu kriechen und in den Keller unter dem Haus Nummer 5 gegangen war. Dort waren noch Menschen und er sagte ihnen, dass dort noch ein Kind am Leben geblieben war. Und dieses Kind war ich.

Da wir die ganze Zeit unter dem Beschuss waren, konnten mich diese Menschen nicht gleich, am Tage von dort herausholen. Sie hatten Angst davor, dass mich die Deutschen erschießen würden, wenn ich aufstehen würde. Ich weiß noch, eine Frau warf mir Zuckerwürfel, denn es war nahe an dem Haus. Es gab dort einen grünen Tor und sie warf mir diese Zuckerwürfel durch diesen Tor. Sie gab mir Zeichen, dass ich nicht aufstehen sollte. Sie sahen wahrscheinlich, dass die Deutschen schossen. Ich legte mich unter meinen toten Opa, das weiß ich noch.

Waren Sie sich dessen bewusst, was los war?

Tja, ich war es mir dessen schon bewusst, weil sie mir sagten, ich sollte nicht aufstehen, ansonsten hätten mich die Deutschen umgebracht. Ich versteckte mich unter meinem Opa und unter meiner Schwester, weil sie nahe aneinander lagen. Ich weiß noch, dass meine Schwester an der Seite lag und blutbeschmiert war. Aber mein Opa sah aus, als ob er schlafen würde, ich kuschelte mich an ihm an. Ich erinnere mich noch daran, dass es Nacht war. Und der Mond war groß. Ich weiß noch, dass die AK-Männer da waren. Ich sah Menschen mit Gewehren, die weiß-rote Armbinden trugen. Ich wusste damals aber nicht, dass es die Aufständischen waren. Sie haben bemerkt, dass dort ein Kind lag, aber sie wussten nicht, ob ich lebte oder nicht. Sie wollten mich sogar von dort aus mitnehmen, aber die Deutschen haben geschossen. Ich lag dort zwei Tage und zwei Nächte. Erst in der zweiten Nacht nahmen mich die AK-Männer von dort weg.

Lagen Sie dort zwei Tage lang ohne Wasser, Sie hatten nur diese Zuckerwürfel?!

Ja, ich hatte nur diese Zuckerwürfel. Ich weiß noch, ich knabberte an dem Zucker. In der Nacht holten mich die Aufständischen heraus und brachten in einen Nachbarkeller, in dem noch Menschen waren. Das war das Haus Nummer 5. Ich ging dahin und die Nachbarn erkannten mich; sie wussten, dass ich Enkelin von Frau Kowalczyk war. Ich wart dort nämlich bei meiner Oma. Mein Opa lebte nicht mehr, ich war also alleine in diesem Keller. Ich kann mich nur daran erinnern, dass dort eine Frau war, eine Nachbarin, die meine Oma besucht hatte. Ich weiß noch, dass sie mich gewaschen haben, denn ich war sehr schmutzig. Mein Bein war verbrannt, weil dort diese Brandstätte war. Sie konnten um mein Bein irgendwie einen Verband machen. Die zweite Sandale konnte ich nicht mehr finden.

Nach zwei Tagen kam meine Tante [Jadwiga Kowalczyk], also die Tochter meiner Oma, Schwester meiner Mutter. Sie ging aus Żoliborz durch die Kanäle nach Mokotów, zu ihen Eltern. Sie kam an der Olesińska Straße an und sah, dass es das Haus praktisch nicht mehr gab. Es war teilweise zerstört, aber nicht ganz. Sie kam in diesen Keller hinein und sah mich dort. Dann nahm sie mich mit und brachte zu meiner Mutter, in die Królikarnia, wo meine Mutter mit meiner älteren Schwester war. Meine Tante war damals 20 Jahre alt. Sie nahm mich mit und von da an war ich schon bei meiner Mama.

Ich weiß noch: als ich bei meiner Mama angekommen war, fing ich an, schrecklich zu weinen. Es kann sein, dass ich dann zum ersten Mal weinte. Als ich unter diesen Leichen lag, da kam es bei mir nicht an, alle hatten zu mir gesagt, ich sollte ruhig sitzen und nicht aufstehen. Erst bei meiner Mama fing ich an zu weinen.

Denn die Nervenanspannung ließ nach... erst dann haben Sie begriffen, was passiert war.

Ich war schon 5 Jahre alt. Meine Mutter fing an schrecklich zu weinen, weil ihre zwölfjährige Tochter und ihr Vater tot waren. Sie umarmte mich sehr stark um und fing an zu weinen. Dann begriff ich, dass etwas Schreckliches passiert war, dass es meine Schwester und meinen Opa nicht mehr gab. Von dann an kümmerte sich meine Mutter um mich. Meine Schwester und meine Tante waren da. Meine Oma war auch noch da. [Stanisława Kowalczyk kam während des Aufstands in der Królikarnia um.]

Erinnern Sie sich an die späteren Tage des Aufstands? Haben Sie etwas in Erinnerung behalten?

Ich erinnere mich an viele Sachen. Schon damals schlichen wir von einem Haus in das andere. Wir flüchteten in die Dolna Straße, ich weiß von Erzählungen, wo ich war. Wir gingen zu meinem Onkel [Franciszek Kowalczyk], der in der Puławska Straße wohnte. Ich war schon die ganze Zeit mit meiner Mama, Schwester und Tante unterwegs. Ich weiß, dass wir später in dem Keller bei meinem Onkel waren, in der Puławska Straße. In diesem Keller versteckten sich alle Menschen aus diesem Haus. Wir verbrachten dort einige Tage; wir hatten dort weder Wasser noch etwas zum Essen. Wir konnten in dem Keller nicht mehr aushalten. Mein Onkel befestigte ein weißes Bettlaken an einem Stock und führte die Menschen aus dem Keller heraus. Direkt vor die Deutschen. Die Deutschen trieben uns alle nach Pruszków, in ein Lager.

Wovor hatten Sie die meiste Angst, als Sie noch in dem Keller waren?

Ich hatte Angst, dass es dort dunkel und stickig war. Warum gingen wir aus dem Keller heraus? Weil die Menschen dabei waren, zu ersticken. Meine Tante band einen Schal um meinen Mund. Überall gab es Kohlenmonoxid. Anscheinend muss dort ein Geschoss explodiert sein. Wir mussten den Keller verlassen, um nicht zu ersticken. Ich kann mich noch an dieses Durcheinander erinnern. Ich war 5 Jahre alt, also hielt mich meine Mutter oder meine Tante in den Armen. Manchmal auch meine Schwester. Ich weiß noch, ich habe keine Luft gekriegt. Mein Onkel führte uns also aus dem Keller direkt zu den Deutschen.

Danach waren wir in Pruszków. Soweit ich weiß, waren wir dort in Pruszków, zwei Tage lang. Ich kann mich daran aber nicht erinnern, weil ich zu klein war. Ich kann mich auch daran nicht erinnern, dass ich hungrig war. (Meine Mutter und Schwester erzählten, dass Menschen dort unter Hunger litten). Ich weiß noch, dass ich immer irgendwelche Suppe bekommen habe.  Dann, nach zwei Tagen - das habe ich sehr deutlich in Erinnerung - haben uns die Deutschen in solche Viehwagen herein gezwängt, sie waren sehr schmutzig, ohne Dach - normale Wagen für Viehtransport. Wir fuhren, aber wussten nicht, wohin sie uns bringen wollten. Ich weiß noch, dass meine Schwester, damals 15, von einem Deutschen in Pruszków eine sehr kleine Dose Milch für mich bekommen hat. Meine Schwester freute sich sehr darüber und gab die Dose meiner Mutter. Als wir in diese Wagen eingestiegen waren, sahen wir eine Mutter mit einem kleinen Säugling, so um ein halbes Jahr jung. Ich weiß nicht genau, in welchem Alter dieser Säugling war, aber er war sehr klein. Meine Mutter schenkte diese kleine Dose Milch diesem Kind. Ich weiß noch, dass ich damals sehr unzufrieden war, ich wollte nämlich diese Milch bekommen. Meine Mutter aber ging davon aus, dass ich schon 5 Jahre alt war, und das Kind noch ein Säugling; ich habe Brot in die Hand gedrückt bekommen, habe sogar irgendwelche Wurst gegessen, weiß nicht mal, woher wir sie hatten.

Und so haben uns die Deutschen transportiert: einige Stunden, dann einige Tage. Und in einem Moment stellten wir fest, dass der ganze Transport in einem Feld stand. Die Männer stiegen aus und sahen, dass es dort keine Deutschen mehr gab. Sie haben uns so stehen lassen. Wahrscheinlich wollten sie uns nach Auschwitz transportieren. Das war aber fast das Ende des Krieges und Auschwitz nahm keine Menschen auf...

Wir wurden von Bauern abgeholt. Das war in Wolbrom bei Krakau. Diese Bauer kamen mit Pferdewagen und brachten uns in ihre Häuser. Ich war mit meiner Mutter zusammen, meine Schwester war bei einem anderen Bauer. Wir blieben dort bis zum Ende [der Besatzung].

Das heißt, dass Sie mit ihrer Mutter von den Bauern aufgenommen wurden?

Von sehr guten Menschen, zu denen wir noch nach dem Aufstand Kontakt hatten. Meine Mutter besuchte sie auch danach.

Kennen Sie noch den Namen dieser Bauer?

Das war das Dorf Sobiesenki. Und die Frau hieß Bień. Ich kann mich noch daran erinnern, weil meine Mutter immer zu sagen pflegte, dass Frau Bień so eine anständige Frau war. Sie gab uns Milch und Brot und wir konnten uns dort waschen. Wir fühlten uns sehr gut dort. Meine Schwester wohnte bei einem anderen Bauer. Sie haben jeweils zwei - drei Personen zu sich nach Hause genommen.

Sie konnten die ganze Familie nicht unterbringen.

Ja, weil sie selbst wenig hatten. Das waren sehr gute Menschen und sie behandelten uns gut. Nach dem Aufstand kehrte ich mit meiner Mutter zurück. Mein Vater hatte in dem Flughafen in Okęcie gearbeitet und wir hatten dort eine Wohnung gehabt. Nach dem Aufstand kehrten wir nach Okęcie zurück.

Und wann sind Sie nach dem Aufstand zurück gekehrt? Nach welcher Zeit?

Ich glaube, im März 1945. Wir waren noch dort, als Warschau schon frei war. Wir hatten dieses Glück... In die Olesińska Straße kehrten wir selbstverständlich nicht mehr zurück, weil dort alles verbrannt war - da, wo meine Oma und Opa gelebt hatten. Meine Großeltern lebten nicht mehr und es gab auch keine Wohnung mehr. Meine Eltern hatten eine Wohnung in Okęcie gehabt und wir kehrten in diese Wohnung zurück. Aus der Wohnung wurde zwar alles gestohlen, aber die Wohnung war da. Mein Vater ging nach Okęcie zur Arbeit und meine Mutter kümmerte sich um mich und meine ältere Schwester. Erst nach dem Aufstand, als ich 5 war, konnte ich das alles chronologisch einordnen: wie es in der Olesińska Straße gewesen war, als ich unter den Leichen gelegen hatte. Ich stand während des Aufstands unter solchem Schock, dass ich nicht mal weinte. Ich war sehr niedergeschlagen.

Sie konnten das erst nach einer längeren Zeit richtig begreifen?

Nach dem Aufstand, als ich 6 - 7 Jahre alt war, war ich so ein Kind, dass mich meine Mutter nicht einmal für fünf Minuten alleine zu Hause lassen konnte, weil ich überall Leichen sah. Als ich in der Wohnung blieb, schien es mit, dass ich überall Leichen sah. Meine Mutter war mit mir mehrmals bei den Ärzten, weil sie fürchtete, dass ich ein Trauma bekommen hätte. Und ich hatte dieses Trauma sehr lange.

Als ich 18 war - da war ich doch eine erwachsene junge Frau - konnte ich abends alleine zu Hause nicht bleiben, ich ging alleine nicht in den Keller, weil ich Angst vor Leichen hatte. Ich hatte Angst vor Dunkelheit und sah die ganze Zeit die Leichen. Auch als erwachsene verheiratete Frau - ich habe ziemlich früh geheiratet - hatte ich diese Angst, ich konnte nicht in die Dunkelheit gehen, weil ich solche Leichen sah, die in dem Keller in der Olesińska Straße gewesen waren. Das waren Menschen mit offenem Mund und weit aufgerissen Augen. Dieser Anblick blieb in mir mein ganzes Leben lang, ich hatte diese Angst die ganze Zeit. Ich erzähle jetzt, wann es aufgehört hat. Ich wurde diese Angst los, als meine Mama starb. Ich war 24, meine Mama war 54. Als sie starb, verschwand diese Angst vor den Leichen. Als ich 24 war, hatte ich keine Angst mehr, ich konnte alleine in den Keller gehen, ich konnte sogar alleine zum Friedhof gehen.

Kehrte diese Angst nie mehr zurück?

Nein. Alle in der Familie sagten, dass ich deswegen diese Angst hatte, weil meine Mutter immer mit mir mitgegangen war. Meine Mutter verstand meine Angst. Zum Beispiel, mein Vater oder meine Schwester fragten: "Hör mal, du bist 20 und du hast  Angst, in den Keller zu gehen?!" Und ich antwortete: "Ja, ich habe  Angst." Meine Mutter sagte dann: "Lasst sie in Ruhe, ich gehe mit ihr.", obwohl ich schon verheiratet war. Ich konnte nicht alleine dahin gehen, ich hatte Angst. Die Angst ist nach dem Tod meiner Mutter verschwunden, die Bilder der Leichen auch. Ich kann es mir nicht erklären.

In der Olesińska Straße befindet es sich an diesem Ort eine den ermordeten Opfern gewidmete Gedächtnistafel.

Ja, unter der Nummer 5.

Sind Sie dahin gegangen?

Ja, ich besuche diesen Ort jedes Jahr.

Wann sind Sie dorthin zum ersten Mal gegangen?

Zum ersten Mal ging ich dahin an dem ersten Jahrestag des Aufstandes, ich ging dorthin mit meiner Mutter. Meine Mutter pflegte dahin zu gehen, weil dort meine Schwester und mein Oma, also der Vater von meiner Mutter, umgekommen waren. Wir gingen dahin jedes Jahr, zündeten Kerzen an, weil wir keine Gräber dafür hatten, wir hatten keine Leichen unserer Nächsten. Das war unser Gedächtnis. Wir gingen dahin, zündeten Lichter an, legten Blumen hin. Bis heute gehe ich dahin mit meiner Schwester und mit meinem Bruder, der erst 1948 geboren wurde, also er kann sich daran nicht erinnern. Wir gehen dahin immer am 4. August, zu jedem Jahrestag. Immer, jedes Jahr.

Als sie dort mit Ihrer Mutter zum ersten Mal waren, kamen alle Erinnerungen zurück, oder haben Sie noch größere Angst bekommen?

Ich weiß es nicht mehr so genau, ich war damals 6 Jahre alt. Ich erinnere mich, dass ich dahin mit meiner Mutter ging, als ich schon ein größeres Mädchen war. Ich war schon in der ersten oder zweiten Klasse. Wir wohnten in Okęcie und jedes Jahr fuhr ich mit meiner Mutter in die Olesińska Straße.

Wollte Ihre Mutter Sie dahin mitnehmen?

Ja, meine Mutter nahm mich mit.

War sie nicht der Meinung, dass Sie als kleines Kind dahin nicht zurückkehren sollten, damit die Erinnerungen von dieser Tragödie nicht zurück kommen? War es nicht so?

Jetzt in diesem Moment weiß ich es nicht mehr so genau. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich kann auf Ihre Frage nicht genau antworten, ob es gleich nach dem Aufstand war. Vielleicht nahm mich meine Mutter nicht direkt danach mit, weil ich so schrecklich beängstigt nach dem Aufstand war. Ich habe schon erwähnt, dass ich im Alter von 6 oder 7 Jahren nicht mehr alleine in der Wohnung bleiben konnte, ich ging mit meiner Mutter überall mit. Ich weiß es noch genau - als meine Mutter am hellen Tage einkaufen ging - ganz zu schweigen von dem Abend, als meine Mutter Wasser holen oder kurz woanders ging, und ließ mich für einen Moment alleine in der Wohnung, schien es mir, dass ich die Leichen sah. Ich erzählte das immer meiner Mutter. Sie ging mit mir sogar zum Arzt. Der Arzt hat meine Mutter gebeten, mich nicht alleine zu lassen. Diese Angst ging weg, als ich 10 - 15 Jahre alt war, aber ich fürchtete mich weiterhin vor der Dunkelheit.

Als ich 20 war, wäre ich niemals dahin gegangen, wo es dunkel war. Am Tage konnte ich schon zu Hause bleiben und ich sah diese Leichen nicht mehr, aber dunkle Räume wollte ich nicht betreten, weil ich dachte, dass ich dort Leichen sah. Aber das war Autosuggestion, weil ich doch dort niemanden sehen konnte. Ich liebte meine Mutter sehr und hing sehr an ihr. Nach ihrem Tod wünschte ich mir, dass sie sich mir gezeigt hätte; manchmal ging ich in den Keller oder nach oben und machte kein Licht an, ich betete zu Gott,  dass ich sie sehen konnte. Aber sie kam nie, ich sah sie nie wieder.

Jedoch, nach dem Tod meiner Mutter ging diese Angst irgendwie weg, ich kann das nicht erklären. Ich glaube, niemand kann das.

Und wie ist Ihr Leben weiter gegangen? Welche Schule besuchten Sie nach dem Krieg?

Nach dem Aufstand ging ich in die Schule in Okęcie, dort wo ich wohnte. Ich habe die Schule dort abgeschlossen. Meine Mutter kümmerte sich sehr gut um mich, sie brachte mich in die Schule, weil ich weiterhin die Angst nach dem Aufstand hatte, ich war so verängstigt. Dann habe ich die Schule abgeschlossen; ich war 14 Jahre alt.

Wo haben Sie ihr Abitur gemacht?

In einer geologischen Technischen Oberschule, in der Grójecka Straße. Ich ging in diese Schule, weil das die erste Technische Oberschule mit dem geologischen Programm war. Sie befand sich hinter der Allgemeinbildenden Oberschule in der Kołłątaj Straße. Dort machte ich mein Abitur.

Und danach haben Sie studiert?

Ja, Geologie. Danach ist mein Leben unterschiedlich verlaufen. Ich heiratete sehr früh. Jetzt, als erwachsene, ältere Frau, versuche ich mir den Warschauer Aufstand chronologisch zu ordnen, die Ereignisse der Reihe nach zu platzieren. Ich war in der Familie das kleinste Kind, alle kümmerten sich um mich. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass ich in Pruszków unter Hunger leiden musste. Meine Schwester erzählte mir, dass sie diese Suppe immer für mich aufgehoben hatten. Wenn ich jetzt die Erzählungen meiner Schwester oder meiner Tante höre, weiß ich, dass die Menschen während der Warschauer Aufstands hungerten. Sie mussten Kartoffelschalen essen, sie hatten kein Brot. Ich habe das nicht mitbekommen, denn meine Familie hat immer mitgeholfen, mein Onkel brachte immer Tomaten aus der Królikarnia.

Ja, in Mokotów gab es Kleingartenanlagen.

Ja, daran kann ich mich sogar erinnern. Die Tomaten lagen in solchen großen Schüsseln. Ich, als fünfjähriges Kind, hatte solche Angst, dass ich mich an kaum etwas erinnern kann. Nur Augenblicke, aber das war schon nach dem Aufstand, als ich 7 - 8 Jahre alt war und andauernd diese Leichen sah. Das weiß ich noch, als die Erinnerung an diese Leichen zurück kam, konnte ich nicht mal am Tage in der Wohnung bleiben, weil ich dachte, in einer Ecke einen Menschen gesehen zu haben, und in einer anderen Ecke einen anderen Menschen mit offenem Mund. Das war das, was ich in diesem Keller Nummer 5 [in der Olesińska Straße] gesehen hatte. Ich erinnere mich daran. Ich musste nicht selbst gehen, mein Opa hielt mich in den Armen, aber er musste an den Leichen vorbei gehen, um in den Tor zu kommen. Es gab keinen anderen Ausweg.

Konnten Sie sich nur an Leichen oder auch an die Deutschen erinnern?

Ich erinnere mich an die Deutschen sehr gut - als sie uns durch die Olesińska Straße von der Nummer 13 bis 5 trieben. Denn wir gingen über die Straße. Ich erinnere mich an die Deutschen. Sie waren so furchtbar, in solchen Overalls. Alle sagten danach, es waren Ukrainer gewesen, mit Gewehren. Sie trieben uns dahin, wir durften nicht sprechen, sie führten uns in diesen Keller.

Ich erinnere mich noch an die Deutschen, Helme auf dem Kopf, Gewehre in den Händen - als sie uns nach Pruszków führten. Ich erinnere mich an Pruszków, nach dem Aufstand, dass die Deutschen die ganze Zeit sprachen und ich als kleines Mädchen konnte sie nicht verstehen, weil sie deutsch redeten.

Ich weiß noch, dass wir während des Aufstands immer fliehen mussten: von einem Keller in einen anderen: hier brannte ein Haus, da mussten wir in die Dolna Straße, oder dort, zu den Aufständischen. Es gab dort ein Schulgebäude und drin waren verletzte Aufständische. Ich kann mich an die verletzten Aufständischen erinnern, vielleicht teilweise von der Erzählung (weil mir meine Schwester immer darüber erzählte): es gab dort einen Aufständischen, "Perełka", ein vierzehnjähriger Junge, er war dabei, zu sterben. Ich kann mich teilweise an diese verletzten Aufständischen erinnern, das waren die AK-Männer, die in diesem Keller einfach nacheinander starben.

Daran erinnere ich mich teilweise, teilweise weiß ich es von den Erzählungen meiner Familie, die mit mir da war. Es war meine Schwester, 10 Jahre älter als ich, sie ist heutzutage 77. Ich war damals 5 und sie 15. Meine zwanzigjährige Tante war auch da, das war die Schwester meiner Mutter, sie lebt noch und ist 85. Ich besuche sie oft und sie erzählt weiterhin davon. Sie erinnert sich daran viel besser als ich, deswegen frage ich sie oft, wenn ich etwas nicht mehr weiß. Viele Ereignisse kenne ich, weil sie mir erzählt wurden, und nicht, weil ich mich an meine Erlebnisse erinnern kann.

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