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Bericht von Marta Gadomska-Juskowiak


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Das Interview mit Marta Gadomska-Juskowiak,
geb. am 24. Juli 1931,
durchgeführt von Stanisław Maliszewski
Warschau, 26. März 2008

 

Als der Aufstand ausbrach waren Sie ein dreizehnjähriges Mädchen und wohnten im Zentrum Warschaus.
    
Ja, in der Ogrodowa Straße Nummer 4. Ich erinnere mich an den Tag, es war ein wenig neblig, warm, aber von Zeit zu Zeit regnete es ein bisschen. Am Nachmittag stellte sich heraus, dass mein Bruder Fieber hatte, er fühlte sich nicht wohl. Meine Mutter schickte mich in die Apotheke in die Elektoralna Straße, damit ich Aspirin holte. Schon damals waren erste Schüsse zu hören. Wir alle waren schon sehr aufgeregt. Die Schwester meiner Mutter, Zofia Stefańska, die mehrere Jahre als Kustodin in dem Museum der Polnischen Armee arbeitete, fühlte sich in Pflicht, in ihren Arbeitsplatz, d.h. in das Museum der Polnischen Armee zu gehen. Da sie in der Untergrundbewegung tätig war (das erfuhr ich erst später), hatte sie dort bestimmte Aufgaben zu erledigen. Sie hat es nicht geschafft, dahin zu gehen. Entweder am Abend oder am nächsten Tag erfuhren wir, dass sie verletzt wurde. Auf dem Grzybowski Platz wurde sie von einem Scharfschützen aus einem Kirchenturm angeschossen. Sie musste liegen, das war kein gefährlicher Schuss, nur die Muskeln wurden verletzt. Irgendwie fing sie wieder an, gut zu funktionieren.
     Zu Hause waren - außer meiner Mutter mit zwei Kindern - meine Oma, Zofia Stefańska die Ältere und die schon oben genannte Zofia Stafańska die Jüngere und eine alte Frau Józefa Zwierzyńska, die den Haushalt führte; Also ausschließlich Frauen und Kinder. Die Aufregung war riesengroß. In der Nacht fingen wir an, eine Barrikade zu bauen, die die Ogrodowa Straße von der Seite der Solna Straße schließen sollte.
Also fingen alle Menschen an, spontan Barrikaden zu bauen. Haben Sie mitgeholfen?
    
Selbstverständlich. Dort wurden Gehwegplatten herausgenommen, alles andere auch. Das Grundstück Nummer 2, also dieses an der Ecke der Solna Straße, war unbebaut, dort standen irgendwelche Ställe,  lebten Pferde. Die Barrikade stützte sich an der Ecke des Hauses Nummer 4. Und in dieser Ecke befand sich auf dem zweiten Stockwerk unsere Wohnung. Ich weiß nicht mehr, welcher Tag des Aufstandes es war: der zweite, dritte, vierte? Es kam ein Panzer angefahren; hob das Geschützrohr und schoss auf die Barrikade. Ich  - als lebhaftes Kind - wollte unbedingt sehen, wie es aussah, daher legte ich mich auf dem Balkonboden, beide Beine im Zimmer. Dieser Balkonboden, das war eine Metall- oder Gusseisenplatte, auf jeden Fall war es schwierig zu sehen, was draußen passierte. Meine Mutter packte mich an den Beinen und zog in das Zimmer zurück. Danach erinnere ich mich - es muss schon der 4. August gewesen sein, von der Seite des Stadtteils Wola kam ein schrecklicher Feuerschein und Rauch; die Menschen schlichen in Mengen unter den Wänden der Häuser in der Ogrodowa Straße. Sie flohen aus der in Flammen stehenden Wola und gingen in die Altstadt.
Und was behielten Sie am stärksten in Erinnerung von diesen ersten Tagen?
    
Diese zwei, drei ersten Tage von solcher Euphorie habe ich nicht so stark in Erinnerung. Ich weiß, dass wir uns sehr freuten, es wurden Fahnen herausgehängt - um die Fahnen zu machen, opferte jeder das, was er hatte: Kissenbezüge, Bettlaken; man konnte Menschen singen hören. Ich habe noch nicht erwähnt, dass die Ogrodowa Straße zu General Kleeberg Straße umbenannt wurde. Ich wollte das bezeugen, denn ich habe noch nie gehört, dass man darüber sprach, dass der Name schon am ersten Tag des Aufstandes geändert wurde.
     Ein weiterer Moment, an den ich mich gut erinnern kann, das waren die Sturzkampfflugzeugangriffe, mit Heulsignal und mit Bombenabwerfen; das ganze Haus wackelte, denn es dauerte so um zwei Stunden lang. Die Menschen gingen dann meistens in den Keller herunter, aber meine Oma sagte, dass wir dahin nicht gehen würden. Sie hatte Angst davor, dass wir zugeschüttet werden könnten oder sogar direkt von den Bomben umgebracht - es war egal. Wir saßen also zusammengekauert in einem fensterlosen Zimmer inmitten der Wohnung und beteten und warteten auf unser Schicksal.
Hatten Sie eine große Angst vor Luftangriffen? Wie empfanden sie es?
    
Dieses Heulsignal von Sturzkampfflugzeugen war dermaßen durchdringend, dass ich es noch heute auf dem Rücken spüren kann. Als der Luftangriff zu Ende gekommen war, liefen die Deutschen in den Hof hinein, Granaten in der Hand. Sie schrien: „Raus! Raus!" und so wie ich es noch in Erinnerung habe, brachten sie alle Einwohner aus diesem Keller heraus. Wahrscheinlich wurden die Einwohner der Häuser 1, 3 und 4 in der Ogrodowa Straße in der Mirowska Halle erschossen.
Am 7. und 8. August, nachdem die Deutschen aus Wola dahin kamen,  fanden auf dem Gelände der Mirowska Hallen Hinrichtungen statt. So steht auch an der Gedenktafel an dieser Stelle geschrieben.
Was passierte mit Ihnen und mit Ihrer Familie? Wie erinnern Sie sich an diesen Moment, als Sie vom Zuhause vertrieben wurden?
    
Alle Menschen wurden aus den Kellern vertrieben und alle Treppenhäuser wurden in Brandt gesetzt. Wir waren auf der zweiten Etage. Die Treppenhäuser waren aus Holz. Wir mussten fliehen. Meine Oma, Tante und Mutter wickelten uns in irgendwelche Decken um und dann gingen wir nach unten in den Keller.
Gingen Sie durch das brennende Treppenhaus?
    
Ja, durch dieses brennende Treppenhaus. Wir kauerten dort und warteten, was das Schicksal bringen würde. Es stellte sich heraus, dass wir in dem Keller nicht allein waren. Dort blieben auch Menschen, die einfach verlassene Wohnungen plünderten; sie trugen volle Koffer in den Keller. Offensichtlich störten wir sie sehr. Sie sagten zu uns, sie würden uns in einen anderen Keller bringen. Sie führten uns durch das Grundstück Nummer 6 bis zu der Nummer 8 - in einen Keller, der sich zwischen dem zweiten und dritten Innenhof befand, er war sehr tief gelegt. Es war dunkel, der Hunger herrschte, keine Ahnung, wie die Zeit verging.
Haben Ihre Mutter und Oma geschafft, etwas zum Essen mitzunehmen?
    
Daran kann ich mich nicht erinnern, aber es kann sein, dass diese Menschen, die die Wohnungen bestielen, uns was gegeben haben. Soweit ich noch weiß, gab es Probleme mit Wasser. Vielleicht gingen meine Mutter und Tante in die Wohnungen hinein, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall wurden die Deutschen auf dieses Verkehr in den Kellern aufmerksam und sie kamen. Das heißt, diese Plünderer kamen plötzlich zu uns angelaufen und sagten, wir sollten fliehen. Sie selbst flüchteten auch. Wir liefen durch den dritten Innenhof bei dem Haus Nummer 8 durch und dann in das Treppenhaus hinein, das sich gegenüber der Türenreihe befand. Direkt hinter ihnen lief Michał, dann ich und die Oma. Der Boden dieses Kellers befand sich auf unterschiedlicher Höhe. Umso mehr, als wir in das Treppenhaus in diesem dritten Innenhof hineinliefen - gab es dort ein Loch, anscheinend den Eingang in einen Keller, vielleicht die Nummer Leszno 45. Der Boden dieses Kellers lag viel tiefer.
     Oben, an der Decke des Kellerflurs lief eine Gasleitung und Kabel. Die anderen wussten, dass es dort ein Hindernis gab und sprangen ohne Probleme darüber. Mein Bruder konnte das sehen und er sprang auch. Ich stolperte an den Kabeln und fiel nach unten hinein, auf diese ausgeschlagenen Ziegelsteine. Auf mich fiel meine Oma, denn sie wälzte sich auch über diese Kabel. Und in diesem Moment schoss ein Deutsche in dieses Loch eine Garbe aus Maschinengewehr, aber wir lagen da unten, also wir überlebten. Glücklicherweise passierte uns nichts. Meine Tante fiel nicht in dieses Loch hinein und sie stand hinter der Tür, die aus dem Hof in das Treppenhaus führte, aber der Deutsche bemerkte sie nicht, obwohl sie nur ein Meter von ihm entfernt war. Meine Mutter schaffte es nicht, in diesen Hof hineinzulaufen, sie blieb also in dem anderen Treppenhaus. Danach, als die Deutschen weg waren, fanden wir uns wieder irgendwie zusammen. Wir hatten Probleme damit, Michał zu finden, denn er war keine Ahnung wohin den anderen hinterhergelaufen, aber im Endeffekt konnten wir ihn auch finden.
Die Familie war also wieder zusammen, bloß Sie wussten nicht, was sie weiter tun sollten?
    
Der Keller von Leszno 45 stand leer. Er sah so aus - ich weiß es nicht - vielleicht hat dort jemand Juden versteckt; denn er war gut eingerichtet: unterschiedlichen Bettdecken und jede Menge Flöhe. Es wurden dort auch Schweine gezüchtet; wir hatten schon furchtbaren Hunger. Dieser Keller mit Schweinen war mit schweren Haspen abgeschlossen. Es war nicht möglich einzubrechen, das hätte Lärm verursacht. Jedes Mal, als wir die Tür bewegten, quiekten die Schweine und das allarmierte die Deutschen. Und wieder: die Schreie „Raus! Raus!" Wir gingen heraus. Interessant ist, dass das Treppenhaus, aus dem wir herausgingen, erhalten geblieben ist. Das ist dieses kleine zerstörte Haus, das an das Gerichtsgebäude angelehnt ist, zwischen der Post und der Buchhandlung, es gibt dort einen zoologischen Laden...
     Ich merkte das, als ich einmal im Gericht war; Ich schaute nach unten und das war gerade ein Stückchen dieses Innenhofes. Sie führten uns den Straßen Leszno und Wolska entlang.
Die Deutschen brachten Euch also an dieser Stelle heraus und führten zu einer größeren Menschengruppe, oder?
    
Genau. Zu dieser Gruppe kamen immer mehr Menschen hinzu. Am „Karol und Maria" Krankenhaus gingen wir schon nach der Pazifikation vorbei. Meine Oma hob nur ein kleines Kissen vom Boden - klein, rot, mit dem Aufdruck des „Karol und Maria" Krankenhauses. Dieses Kissen blieb bei uns jahrelang als Andenken. Ich weiß nicht, was mit ihm passierte.
     Wir gingen auf die Działdowska Straße heraus, vielleicht war das aber Młynarska Straße. Auf jeden Fall gingen wir entlang der Wolska Straße an dem Kinderkrankenhaus, das in der Działdowska Straße stand. Dort sah ich tote Menschen in der Nische eines Tores liegen. Dieser Tor ging auf die Wolska Straße heraus, wurde also nicht benutzt, denn der Eingang ins Krankenhaus befand sich in der Działdowska Straße. Auf diese Weise kamen wir in die hl. Stanisław Kirche. Dort wartete schon eine Menge Menschen. Es fand eine Selektion statt: es wurden Frauen von Männern getrennt. Mütter und Kinder, so - unsere Haushaltshilfe und wir galten als eine Familie. Die Männer wurden in die untere Kirche gebracht. In der Kirche verbrachten wir die Nacht auf dem steinigen Boden. Wir lagen nebeneinander. Die, die früher angekommen waren, hatten noch einige Bretterteile aus den Bänken.
Als Sie dort in der Kirche waren - was für ein Gefühl hatten Sie: dass die Deutschen Sie doch noch erschießen könnten? Oder dass Sie das Schlimmste schon hinter sich hatten?
    
Nein, nein. Es war doch allgemein bekannt, dass die Deutschen die Männer erschossen. Wir wussten nicht, was mit uns passieren sollte. Ich weiß, dass wir beteten und sangen. Noch in der Kolonne sangen wir, als wir durch die Straßen Leszno und Wolska gingen. Die Deutschen reagierten nicht. Am nächsten Tag fand wieder eine Selektion statt, aber wir gingen zusammen durch. Ich weiß jetzt nicht mehr, welche Straße das war, aber wir gingen zum Dworzec Zachodni [Westbahnhof], zu den Zügen. Das war eine Landstraße, ein Pfad durch Wiesen, es gab keine Häuser dort. Die Deutschen stellten einen Stand auf, in Körben hatten sie geschnittenes Brot - ein Laib Brot jeweils in vier Teile geteilt, hart gekochte Eier. Sie stellten Kameras auf und filmten uns. Jeder nahm ein Stück Brot, die Kinder bekamen jeweils ein Ei. Offensichtlich war das eine Filmchronik.
Das war ein Propagandafilm.
    
Sie zwängten uns in diesen Zug hinein. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, aber es kann sein, dass es diese Bahn war, diese übliche, die die Stracke Westbahnhof - Pruszków befuhr. Sie fuhr bis nach Pruszków, hielt direkt an den Hallen an. Ich weiß noch, dass dort Kanäle waren, alles voll von Schmutz und Gestank, Schlamm und menschlichen Exkrementen. Ich kann mich daran nicht erinnern, wie lange wir dort waren: ein, zwei, drei Tage? An das alles kann ich mich nur verschwommen erinnern.
Erinnern Sie sich noch daran, was Sie in Pruszków gegessen haben?
    
Wir aßen irgendwelche Suppe, die wir von RGO [Zentraler Hilferat - Anmerk. d. Übers] bekommen haben. In Pruszków wurden wir in Viehwagen gezwängt, in denen trockener Dung auf dem Boden lag - gut, dass er nicht frisch war. Es war so eng dort, dass man in der Nacht kaum liegen konnte. Die Reise dauerte einige Tage und Nächte lang. Ich erinnere mich, dass wir am 15. August die deutsch-polnische Grenze passierten. Noch früher, als wir durch Grodzisk und Milanówek fuhren, organisierten meine Oma und Tante kleine Zettel und Steine, damit wir sie mit einer Nachricht werfen konnten, wo wir waren. Das war eine Information für unsere Familie, denn wir hatten Familie sowohl in Grodzisk als auch in Milanówek. Dort wohnten unsere Verwandten und sie fanden schnell heraus, was mit uns passiert war. Die beiden Nachrichten kamen sehr schnell an. Danach war der 15. August; wir passierten die Grenze an dem Tag der Mutter Gottes. Das war ein so wunderschöner Tag, es war sonnig. Wir kamen in Berlin, und genauer gesagt, in Oranienburg an.
Das war eine lange Fahrt. Wie konnte man Notdurft verrichten?
    
Als der Zug irgendwo im Feld anhielt, gingen wir unter den Wagen. Niemand hat Umstände gemacht, wenn man mal musste, dann musste man halt. In Oranienburg wurden auf einer breiten Rampe in Entfernung von ca. 15 Metern Latrinen - solche Kisten aufgestellt. Jeder, der wollte, konnte darauf klettern und sie benutzen. In Oranienburg fand eine weitere Selektion statt. Als sie schon aufgeschrieben hatten, dass wir Kinder unserer Mutter waren, wurden wir doch voneinander getrennt: die Familie war zusammen und Frauen, die alleine waren, also unsere Haushilfe und beide Frauen Stefańska wurden in einen anderen Wagen geschickt. Ich weiß nicht mehr, ob sie uns was zum Essen gaben, ob wir Brot bekamen, ob überhaupt etwas, das weiß ich nicht mehr. Der Zug fuhr irgendwie lange rund um Berlin herum. Berlin war schon richtig zerstört, es gab viele Trümmer, das gab uns Hoffnung. Dieser Wagen, in dem Frauen ohne Familie waren, wurde in Ravensbrück von dem Zug getrennt und dort blieben sie auch. Wir fuhren weiter. Die Fahrt nach Bergen-Belsen dauerte lange.
Wissen Sie noch, was während der Fahrt gesagt dazu wurde, wohin die Deutschen Sie transportierten? Wie war die Vermutung?
    
Ich glaube, es herrschte eine allgemeine Lethargie dass wir nicht wussten, was mit uns passieren sollte, niemand wusste etwas. In Bergen-Belsen, nachdem wir aus dem Zug ausgestiegen waren, mussten wir in das eigentliche Lager noch ungefähr 5 Kilometer zu Fuß gehen. Wir gingen durch einen traumhaften Kieferwald, in der heißen, strahlenden Sonne. Ich erinnere mich noch an wunderbare Waldglöckchen - als man auf dem Moos lag, konnte man sich diese Waldglöckchen angucken. Wir konnten kaum gehen. Wir hatten schrecklichen Hunger und waren erschöpft.
     In Bergen-Belsen wurden wir in eine riesige Halle geführt. Auf dem Boden wurden Zonen markiert, in denen man sich aufhalten musste. Ich kann mich noch an Appelle erinnern, an Herausziehen, Zählen, schreckliche Läuse. Sogar mein Bruder, der richtig kurze Haare hatte, hatte Läuse. Soweit ich noch weiß, bekamen wir irgendwelche Suppe. Wenn man Notdurft verrichten wollte, gab es eine Latrine, ca. 100 Meter von dieser Halle entfernt. Es gab dort eine Überdachung, einen Graben und darauf lagen runde Balken. Wenn also jemand das Gleichgewicht nicht halten konnte, konnte ziemlich leicht hineinfallen. Man musste einender helfen, wir hielten uns gegenseitig fest, als wir auf einen freien Platz auf dem Klotz warteten.
Schliefen Sie dort auf einer Pritsche oder auf dem Boden?
    
Nein, nein. Auf bloßem Betonboden. Ich hatte da eine dünne Jacke oder einen kleinen Mantel. Von dort aus wurden wir wieder in einen Zug gezwängt.
Wie lange waren Sie in Bergen-Belsen, sind Sie im Stande das einzuschätzen?
    
Ich habe einen Eindruck, dass wir am 22. August schon in Hannover ankamen - das gehr aus der Korrespondenz meiner Mutter hervor. Der Zug ist auch Umwege gefahren. Von dort aus wurden wir in einen Baderaum geführt. Es wurde uns befohlen, sich nackt auszuziehen und dann mussten wir in dieses Bad hin. Wir wurden in eine Halle hereingelassen, in der Duschen waren. Die Menschen wussten schon, wie sich das in Auschwitz abspielte. Wir waren dabei, sich von dem Leben zu verabschieden. Es stellte sich heraus, es war tatsächlich kaltes Wasser.
Das war also ein Moment der Erleichterung, dass es Wasser war und nicht Gas?
    
Später, nach der Entlausung wurden uns tatsächlich unsere Kleider zurückgegeben. Danach weiß ich nicht mehr, wie wir an unseren Zielort in Hannover, in der Leinaustrasse ankamen. Das steht in der Korrespondenz meiner Mutter.
Teilte Ihnen schon damals jemand mit, dass es das Ende der Reise war?
    
Nein, aber wir wurden schon eingestellt. Die Frauen und Mädchen, die über 14 waren, wurden in die Arbeit geschickt. Ich war noch keine 14, also blieb ich im Lager - ich arbeitete in der Küche als Aushilfe beim Kartoffelschälen.
Und wo arbeitete Ihre Mutter?
    
Meine Mutter arbeitete in der Firma „Tuschke" [das war der Name des Besitzers]. Sie machten dort Sauerkraut. Meine Mutter hobelte jeden Tag 12 Stunden lang Weißkohl mit der Hand. Sie produzierten auch irgendwelche Soßen für die Feldküche.
Ihr Bruder war jünger als Sie. Wurde er auch zur Arbeit engagiert?
    
Nein, sie waren dort am Rumhängen, das war eine ziemlich fragwürdige Gesellschaft. Mein Bruder war dort sehr arm, sie verprügelten ihn mehrmals; die Polen, seine Gleichaltrigen. Das Lager befand sich in Bauten, die früher einer Fabrik gehört hatten, es wurde mit einem Zaun von Schrebergärten abgegrenzt. Ich muss erwähnen, dass diese Deutschen dort sich ganz ordentlich benahmen: sie warfen über diesen Zaun Zwiebeln für uns. Wenn sie nur sahen, dass wir nahe an dem Zaun waren, warfen sie Zwiebeln über.
Es gab auch anständige Deutschen, die zu helfen versuchten, als sie das Unglück anderer Menschen gesehen haben.
    
Das war kein dicht geschlossenes Lager. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir ein wenig Geld hatten (weil es unsere Familie zuschickte), man durfte in die Stadt gehen, aber man musste die aufgenähten Buchstaben P verstecken. Ich weiß noch, dass ich ihn einmal nicht versteckte...
     Es gab eine Deutsche dort, sie verkaufte Salat aus Rotkohl, da waren auch Schnecken: Weinbergschnecken drin. Tja, Geschmacksache; aber zumindest war es zusätzlich ein wenig Eiweiß und Gemüse für die Suppe, die wir einmal täglich in der Kantine bekamen. Wir bekamen entweder einen sehr dünnen schwarzen Kaffee morgen früh oder wir holten abends Deputate ab. Von Zeit zu Zeit hat Michał ein Glas Milch bekommen. Mir stand die Milch nicht mehr zu. Einmal pro Woche wurde uns ein halbes Stück Butter gegeben. Wir haben auch Pakete von der Familie zugeschickt bekommen.
Das heißt, dass die Familie aus Grodzisk und Milanówek Ihnen Pakete schickte?
    
Nein, sie haben der Familie bescheid gegeben, die in Sosnowiec lebte. Aus Milanówek haben wir nichts gekriegt. Ich weiß nicht mehr genau, wie es war.
Auf jeden Fall bekamen Sie aber Pakete von der Familie.
    
Nach einiger Zeit wurden die Lager umgestaltet. Wir wurden in das Gelände von Hanomag - einer Reifenfabrik versetzt. Dort standen schon solche typische Betonbarracken, es gab Stuben und Etagenbetten. Sehr viele Menschen wohnten dort, ich weiß noch, dass in diesen Betonbarracken der Dampf kondensierte und sich solche Stalaktite bildeten- so viele Menschen atmeten dort. Alle schliefen auf den unteren Etagen dicht aneinander gedrückt, denn auf den oberen regnete es.
     Ich habe noch nicht über die Luftangriffe der Alliierten erzählt, die jede Nacht statt fanden, und auch öfters zwei- oder dreimal täglich dazu. Jedes mal, als wir einschliefen, musste man aufstehen und aus den Barracken in einen Luftschutzraum gehen, der sich in dem Kellerraum des Nachbargebäudes befand. Wir waren sehr krank, ich hatte eine Staphylokokkeninfizierung, mein Körper eiterte, es waren unerträgliche Schmerzen, als ich dabei war, gesund zu werden.
Gab es dort irgendwelche medizinische Hilfe? 
     
Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß nur, dass meine Mutter Probleme mit ihren Beinen und mit dem Kreislauf hatte und daher wurde sie von der Arbeit für zwei oder drei Tage befreit. Diese Familie aus Schlesien setzte sich mit einer Bekannten der Bekannten in Hannover in Kontakt, sie kam von Zeit zu Zeit zu uns, brachte Verbände, Salben, Pumpernickel, Eier. Sie brachte uns halt, was sie bringen konnte.
Und was passierte mit ihrer Oma Und Tante?
    
Sie blieben in Ravensbrück. Meine Oma starb im Januar 1945. Meine Tante wurde zur Zwangsarbeit aufs Land genommen, offensichtlich zu irgendeinem Bauer. Unsere Haushaltshilfe stand angeblich schon in der Warteschlange zu einer Gaskammer, als Graf Welnard kam und sie nach Schweden mitnahm. Dort kümmerten sie sich um sie und sie wurde wieder gesund. Im Jahre 1946 kam sie zu uns zurück. Meine Tante gelangte in ein Durchgangslager in Lübeck.
     Hier habe ich übrigens alle Papiere, aber wissen Sie... Zum ersten Mal war ich jetzt motiviert, um mir die Kriegsdokumente anzuschauen. Aber es gibt auch Sachen, die ich nicht sehen kann. Zum Beispiel die Briefe meiner Mutter und meiner Tante aus Ravensbrück. Dort spielten sich dermaßen schreckliche Dinge ab - ich fing an zu lesen, aber ich konnte es nicht weiter. Ich band das alles zu einem Paket zusammen und es liegt hier irgendwo; ich weiß nicht, was ich damit tun soll. Manche sagen, ich soll das alles verbrennen ohne herein zu gucken. Mein Herz hängt an das Behalten der Andenken. Es tut sehr weh, jedoch ich möchte meinen Kindern die Möglichkeit nicht wegnehmen,  es zu lesen. Ich hoffe darauf, dass Sie mir dabei helfen...
Wie lange waren Sie krank im Lager?
    
Das war aber nicht so, dass ich die ganze zeit lang krank lag. Jeder Tag begann damit, dass wir die Zwiebeln auf einem Ziegelstein gebacken haben. In diesem Lager gab es Sauerkrautfässer - aus den Brettern wurde Lagerfeuer gemacht, in dem wir diese Zwiebeln buken. Und dann musste man alle Finger und Zehen mit den Zwiebelschalen verbinden - also 20 Stück, und dazu noch die Eitergeschwüre auf den Beinen und auf den Armen auch. Und ich habe es so getragen. Die Arbeitszeit betrug 12 Stunden - ab 6 Uhr früh bis 6 Uhr nachmittags.
     Danach setzte sich die Familie aus Schlesien dafür ein, dass meine Mutter das Lager verlassen sollte. Irgendwie konnte eine Tante meines Vaters erreichen, dass ein Mann aus Sosnowiec - ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern - sie als eine qualifizierte Weberin anstellte. Ich kann mich daran nicht erinnern, aber sicherlich steht es noch in den Papieren. Ich weiß noch, dass er uns am 11. Dezember abholte. Er erledigte alle Formalitäten im Lager und setzte uns in einen Zug. Er sagte, dass es mit uns mitfahren würde, aber wir sollten so tun als ob wir uns nicht kennen würden. Wir sollten also miteinander nicht sprechen. Aus Hannover nach Sosnowiec fuhren wir zwei Tage lang. Das war schon ein normaler Personenzug. Wir fahren durch völlig zerstörtes und in Trümmern liegendes Breslau. Ich weiß nicht, was wir dort aßen, wahrscheinlich Zwieback.
Und dann waren Sie in Sosnowiec bei Ihrer Familie. War das die Familie väterlicherseits?
    
Ja, väterlicherseits. Mein Vater war Oberleutnant in dem 29. Regiment der Kalisz-Infanterie und er zog nach Warschau mit der Armee Poznań zurück. Er wurde erst bei Łomianki verletzt und lag im Ujazdowski Krankenhaus. Danach ist er geflohen, um in ein Offizierslager nicht gehen zu müssen. Den Kindern sagte man nicht, wohin er floh oder wo er sich versteckte. Wir sollten sagen, dass der Vater im Krieg war und vermisst war und dass wir nicht wussten, was passiert war. Als wir Briefe an meinen Vater schrieben - auf gut Glück, dass sie vielleicht ankommen würden, schrieben wir an einen Onkel, nicht an den Vater. Mein Vater versteckte sich bei Rzeszów, den ganzen Krieg lang. Er hat uns erst im Juni 1945 gefunden.
Wie sah das weitere Schicksal Ihrer Familie aus? Ich habe es so verstanden, dass Sie mit Ihrer Mutter und Ihrem Bruder nach Sosnowiec fuhren?
    
Es war weiterhin ein schlimmes Schicksal. Ich war schon fast 14, brauchte also nicht mehr in die Schule zu gehen. Michał musste es aber, weil er erst 10 war. Er sollte also in die vierte Klasse gehen, ohne ein Wort Deutsch zu kennen. Am zweiten Tag wurde er dermaßen dafür misshandelt, dass er kein Deutsch sprach, dass sich die Familie entschied, ihn nicht mehr in die Schule zu schicken - sie stellten fest, sie mussten uns aus der Evidenz löschen.
     Mich nahm eine Tante in eine Ortschaft bei Olkusz mit, um mich dort gesund zu pflegen. Meine Mutter konnte bei einem Cousin meines Vaters in Kazimierz bei Sosnowiec (heutzutage ist das ein Stadtteil von Sosnowiec) wohnen. Wir mussten jedoch auf die Lebensmittelkarten verzichten und im Reich - denn das war doch das Reich konnte man ohne Karten nicht leben; nicht einmal Schnürsenkel konnte man kaufen. Die Familie gab es uns im Frühjahr Zwieback, Möhren und Kartoffelschalen zum Essen.
     In der Kohlgrube Kazimierz-Juliusz arbeitete ein Mann, der auf der Volksliste, oder Reichsliste stand. Er war ein NSDAP-Mitglied, aber bei ihm zu Hause wurde Untergrundschule für polnische Jugendliche organisiert. Er selbst hatte Söhne im Schulalter. Zu ihm gingen wir also zum Unterricht - ich setzte die sechste Klasse fort und Michał - die vierte. Das war das Niveau polnischer Vorkriegsschule, nicht einer deutschen Schule. Diese Menschen verloren sehr viel. Es scheint mir, dass er nach dem Krieg fertig gemacht wurde, seine beiden Söhne erlitten, glaube ich, auch ein schlimmes Ende. Der eine wurde Alkoholiker und der andere ist Dichter - ich glaube, ein psychisch Kranker, er hat Schizophrenie. Ich weiß nicht, entweder nur einer oder die beiden leben in Krakau. Sie heißen Kijanka mit Nachnamen. Danach stellte sich heraus, dass es ein AK-Mitglied [Polnische Untergrundarmee] war. Aber er hatte die [deutsche] Uniform getragen und bezahlte dafür - genauso er als auch seine Familie - nach dem Krieg.
Wie lange hielten Sie sich in Sosnowiec und in der Gegend auf? An einem Moment ging die Front durch. Blieben Sie noch dort?
    
Dann zogen wir zu einer anderen Tante in Sosnowiec um. Ich ging in Emilia-Plater-Gymnasium. Michał ging in noch in die Grundschule, aber er wechselte sofort von der vierten in die sechste Klasse. Im Vergleich mit den Kindern, die eine deutsche Schule besucht hatten, war er ein Genie. Auf diese Weise machte er Abitur, als er noch nicht einmal 16 war.
     Ich möchte noch das Thema der Stiftung „Deutsch-Polnische Aussöhnung" ansprechen. Es war sehr schwierig, die Entschädigung zu bekommen.
Es ist Ihnen aber gelungen, oder doch nicht?
    
Schon, es ist gelungen, dass alles zu erledigen, aber nach langer Qual. Sie haben daran was auszusetzen, dass ich keine Repatriierungspapiere hatte. Uns nahm aber dieser Mann aus Hannover nach Sosnowiec mit, dann ging die Front durch und Sosnowiec war schon eine polnische Stadt. Woher hätte ich mich also repatriieren lassen sollen? Deswegen war es so kompliziert, den Menschen dort das alles zu erklären. Im Endeffekt haben sie es anerkannt.
Wie sah Ihr weiteres Schicksal aus? Wann kamen Sie nach Warschau zurück? War das direkt nach dem Krieg?
    
Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass mein Vater einen Einreiseverbot hatte und er durfte nach Kalisz nicht zurück. Offensichtlich gefiel er den Hiesigen nicht. Er fuhr also in die widergewonnene Gebiete; er lebte zuerst in Kłodzko, dann in Wałbrzych. Mein Vater war Ingenieur für Wasserbau von Beruf. Er wurde in Zjednoczenie Węglowe [Verband für Kohlenindustrie] in Wałbrzych eingestellt. Dort machte ich mein Abitur.
     Und dann ging alles auf einmal schlecht. Ich ging nach Poznań studieren und als ich das zweite Studienjahr abschloss, wurden wir nach Warschau zurückberufen.
Sie kamen nach Warschau also erst als eine erwachsene Person zurück? Als Sie schon im Studium waren?
    
Ja, ich studierte schon. Das war das Jahr 1953, ich war 22. 1953 starb meine Mutter. Mein Vater ist auch frühzeitig gestorben; der Grund dafür waren Kriegserlebnisse, auch dass er sich verstecken musste...
     Mein Vater - als er 1939 verletzt wurde - wollte die polnisch-rumänische Grenze passieren. Das war eine der letzten Aktionen, diese Grenze illegal zu passieren - sie wurden von den Deutschen angegriffen. Mein Vater wartete in einem Graben ab. Bis er zu seinem Bruder nach Rzeszów ankam, hatte er sich schon eine Lungenentzündung eingefangen. Sie dachten, er würde das nicht mehr überleben. 
     Nach dem Krieg fühlte er sich einsam in Wałbrzych, also er bemühte sich um eine Versetzung. Er wurde nach Zabrze versetzt, aber dort wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert. Er stellte also für sich fest, er sollte Schlesien schnell verlassen. Er ging nach Warschau, weil wir dort lebten. Er hatte keine Wohnung, er wohnte zu Untermiete. Meine Mutter starb, mein Vater starb, wir blieben alleine.
Sie blieben also nur mit Ihrem Bruder zusammen?
    
Ja, mit meinem Bruder. Er ist auch schon tot.
Wo wohnten Sie während des Studiums?
    
In einem Studentenwohnheim. Und als wir mit dem Studium fertig waren, wohnten wir in Iwiczna, in einem Arbeiterhotel. Mein Bruder wohnte in Jelonki. Er bekam eine Assistenzstelle und eine Genossenschaftswohnung. So war es eben.
Das Leben nach dem Krieg war also schwierig?
    
Es war schwierig.

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