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Bericht von Marta Gadomska-Juskowiak


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     Danach setzte sich die Familie aus Schlesien dafür ein, dass meine Mutter das Lager verlassen sollte. Irgendwie konnte eine Tante meines Vaters erreichen, dass ein Mann aus Sosnowiec - ich kann mich an seinen Namen nicht mehr erinnern - sie als eine qualifizierte Weberin anstellte. Ich kann mich daran nicht erinnern, aber sicherlich steht es noch in den Papieren. Ich weiß noch, dass er uns am 11. Dezember abholte. Er erledigte alle Formalitäten im Lager und setzte uns in einen Zug. Er sagte, dass es mit uns mitfahren würde, aber wir sollten so tun als ob wir uns nicht kennen würden. Wir sollten also miteinander nicht sprechen. Aus Hannover nach Sosnowiec fuhren wir zwei Tage lang. Das war schon ein normaler Personenzug. Wir fahren durch völlig zerstörtes und in Trümmern liegendes Breslau. Ich weiß nicht, was wir dort aßen, wahrscheinlich Zwieback.
Und dann waren Sie in Sosnowiec bei Ihrer Familie. War das die Familie väterlicherseits?
    
Ja, väterlicherseits. Mein Vater war Oberleutnant in dem 29. Regiment der Kalisz-Infanterie und er zog nach Warschau mit der Armee Poznań zurück. Er wurde erst bei Łomianki verletzt und lag im Ujazdowski Krankenhaus. Danach ist er geflohen, um in ein Offizierslager nicht gehen zu müssen. Den Kindern sagte man nicht, wohin er floh oder wo er sich versteckte. Wir sollten sagen, dass der Vater im Krieg war und vermisst war und dass wir nicht wussten, was passiert war. Als wir Briefe an meinen Vater schrieben - auf gut Glück, dass sie vielleicht ankommen würden, schrieben wir an einen Onkel, nicht an den Vater. Mein Vater versteckte sich bei Rzeszów, den ganzen Krieg lang. Er hat uns erst im Juni 1945 gefunden.
Wie sah das weitere Schicksal Ihrer Familie aus? Ich habe es so verstanden, dass Sie mit Ihrer Mutter und Ihrem Bruder nach Sosnowiec fuhren?
    
Es war weiterhin ein schlimmes Schicksal. Ich war schon fast 14, brauchte also nicht mehr in die Schule zu gehen. Michał musste es aber, weil er erst 10 war. Er sollte also in die vierte Klasse gehen, ohne ein Wort Deutsch zu kennen. Am zweiten Tag wurde er dermaßen dafür misshandelt, dass er kein Deutsch sprach, dass sich die Familie entschied, ihn nicht mehr in die Schule zu schicken - sie stellten fest, sie mussten uns aus der Evidenz löschen.
     Mich nahm eine Tante in eine Ortschaft bei Olkusz mit, um mich dort gesund zu pflegen. Meine Mutter konnte bei einem Cousin meines Vaters in Kazimierz bei Sosnowiec (heutzutage ist das ein Stadtteil von Sosnowiec) wohnen. Wir mussten jedoch auf die Lebensmittelkarten verzichten und im Reich - denn das war doch das Reich konnte man ohne Karten nicht leben; nicht einmal Schnürsenkel konnte man kaufen. Die Familie gab es uns im Frühjahr Zwieback, Möhren und Kartoffelschalen zum Essen.
     In der Kohlgrube Kazimierz-Juliusz arbeitete ein Mann, der auf der Volksliste, oder Reichsliste stand. Er war ein NSDAP-Mitglied, aber bei ihm zu Hause wurde Untergrundschule für polnische Jugendliche organisiert. Er selbst hatte Söhne im Schulalter. Zu ihm gingen wir also zum Unterricht - ich setzte die sechste Klasse fort und Michał - die vierte. Das war das Niveau polnischer Vorkriegsschule, nicht einer deutschen Schule. Diese Menschen verloren sehr viel. Es scheint mir, dass er nach dem Krieg fertig gemacht wurde, seine beiden Söhne erlitten, glaube ich, auch ein schlimmes Ende. Der eine wurde Alkoholiker und der andere ist Dichter - ich glaube, ein psychisch Kranker, er hat Schizophrenie. Ich weiß nicht, entweder nur einer oder die beiden leben in Krakau. Sie heißen Kijanka mit Nachnamen. Danach stellte sich heraus, dass es ein AK-Mitglied [Polnische Untergrundarmee] war. Aber er hatte die [deutsche] Uniform getragen und bezahlte dafür - genauso er als auch seine Familie - nach dem Krieg.
Wie lange hielten Sie sich in Sosnowiec und in der Gegend auf? An einem Moment ging die Front durch. Blieben Sie noch dort?
    
Dann zogen wir zu einer anderen Tante in Sosnowiec um. Ich ging in Emilia-Plater-Gymnasium. Michał ging in noch in die Grundschule, aber er wechselte sofort von der vierten in die sechste Klasse. Im Vergleich mit den Kindern, die eine deutsche Schule besucht hatten, war er ein Genie. Auf diese Weise machte er Abitur, als er noch nicht einmal 16 war.
    Ich möchte noch das Thema der Stiftung „Deutsch-Polnische Aussöhnung" ansprechen. Es war sehr schwierig, die Entschädigung zu bekommen.
Es ist Ihnen aber gelungen, oder doch nicht?
    
Schon, es ist gelungen, dass alles zu erledigen, aber nach langer Qual. Sie haben daran was auszusetzen, dass ich keine Repatriierungspapiere hatte. Uns nahm aber dieser Mann aus Hannover nach Sosnowiec mit, dann ging die Front durch und Sosnowiec war schon eine polnische Stadt. Woher hätte ich mich also repatriieren lassen sollen? Deswegen war es so kompliziert, den Menschen dort das alles zu erklären. Im Endeffekt haben sie es anerkannt.

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